Als Autor*in darf ich alles – Stimmt das?

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Als Autor*in darf ich alles – Stimmt das?


Tw: Zahreiche Minderheiten, Umgang mit Sexualitäten, politisch fragwürdige Sprache zur Darstellung des Problems


Disclaimer: In diesem Text wird über Minderheiten im Generellen, also auch den Umgang mit diversen Kulturen, Hautfarben, Behinderungen, Sexualitäten und Identitäten gesprochen. Ich selbst habe europäische Features, bin cis und weitestgehend ablebodied. Sollte also trotz meiner Recherche ein Fehler im Umgang mit einer Minderheit, von der ich nicht betroffen bin, auftauchen, bitte ich um Korrektur.


In diesem Beitrag soll es um Minderheiten in der Literatur gehen. Besser gesagt über Own-Voice-Literatur versus keine Own-Voice-Literatur und die Gründe, warum man darüber überhaupt so stark diskutieren kann.

Was darf man als Autor*in?

Allein von der Formulierung ausgehend, ist klar, dass man theoretisch alles darf. Klar, wer will einen schon aufhalten? Die Frage ist also eher, wie man als Autor*in mit gewissen Themen umgehen sollte.

Ein Teil dieser Kontroverse ist der Umgang mit Minderheiten. Wie sollte man als Autor*in mit Minderheiten in den eigenen Büchern umgehen, wenn man selber kein Teil dieser Minderheiten ist? Ein Buch, in dem alle weiß, jugendlich, gesund, cis hetero und im Extremfall männlich sind, wird früher oder später Kritik dafür ernten, dass es nicht inklusiv ist.

Man darf das natürlich trotzdem schreiben (und viele tun es auch), aber es ist klar, dass Leute sich die Frage stellen, wieso man keine Minderheiten einbaut.

Was ist nun aber mit Autor*innen, die aus der Sicht einer Minderheit schreiben, der sie selbst nicht angehören und dann von besagter Minderheit kritisiert wird? Widerspricht sich das nicht, mit der Bitte nach Inklusion?

Die zwei Lager

Die einen sagen, dass Phantastik, bzw. Literatur allgemein, nicht realistisch sein muss. Die kreative Freiheit erlaubt es einem, Dinge zu erfinden und drehen wie man möchte. Gerade Bücher über männlich-homosexuelle Romanzen verkaufen sich extrem gut. Es ergibt also Sinn, dass Autor*innen das schreiben.


Wer mehr über die Probleme von Gayromance und überhaupt Gay als Genre lesen möchte, kann dies in diesem Beitrag tun: Wenn Heteros über Homos schreiben.


Hinzu kommt, dass ein Verbot, nicht nur lächerlich ist, sondern für manche auch Zensur gleichkommt. Ein erwachsener Mensch kann Bücher schreiben und veröffentlichen, wie er/sie/nb möchte.

Das ist auch alles richtig. Es gibt jedoch ein Problem mit der Sichtweise, dass man uneingeschränkt einfach über alles und jeden so schreiben darf, wie man möchte.

Denn was viele vergessen ist, dass die Minderheit, über die man schreibt, real existiert und das Geschriebene lesen kann. Es ist für diese Menschen offensichtlich verwirrend, wenn sie ein Buch über ihre Kultur oder Sexualität lesen und dann feststellen, dass absolut nichts davon stimmt.

Sex im Dunkeln und ein roter Hut

Stellt euch vor, man schreibt ein Buch über Deutsche und sagt darin, dass Deutsche nur Sex im Dunkeln haben und Samstags rote Hüte tragen. Da würden sich alle deutschen Leser fragen, woher das kommt. Wenn sie das dann kritisieren kommt die Antwort „ich darf schreiben, was ich will.“

Damit kommt man irgendwann klar und vergisst es nach einiger Zeit. Jetzt stellt ihr aber fest, dass der/die/nb Autor*in aus einem Land kommt, in dem 90 % der Bücher über Deutsche diese Informationen beinhalten.

Das geht so weit, dass ihr nicht mehr reisen könnt, ohne auf euren roten Hut angesprochen zu werden. Leute kommen auf euch zu und machen Witze, über den Sex, den ihr habt. Ohne euch wirklich zu kennen. Denn die Informationen, die in den Büchern vermittelt werden, sind so normalisiert, dass es als okay angesehen wird, jeden Deutschen auf private Details anzusprechen.

Was zunächst noch unwichtig und irgendwie witzig war, wird jetzt nervig und immer mehr zu einem Problem.

Generalisierung und Grenzen

So geht es Minderheiten. Manche ‚Fakten‘ werden generalisiert. Es haben sicher viele Deutsche nur Sex im Dunkeln, aber lange nicht alle. Zumal nicht nur Deutsche Sex im Dunkeln haben. Manche ‚Fakten‘ sind kompletter Blödsinn, wie das mit dem roten Hut.

Direkte Beispiele hierfür ist Scissoring. Irgendwie aus der Porno-Szene übernommen, nehmen viele Menschen an, dass nicht-heterosexuelle Frauen das machen. Was aber nicht der Fall ist.

Ich wurde mal von einer wildfremden Frau gefragt, wie ich trotz langer Fingernägel mit meiner damaligen Partnerin Sex habe. Sie hat irgendwo gelesen, dass alle Frauen in einer nicht-heterosexuellen Partnerschaft kurze Nägel haben müssen und war neugierig. Es schien normal für sie, mich über ein extrem privates Detail zu befragen, weil sie mich nicht als Person, sondern als Vertreter meiner Minderheit gesehen hat.


Ich nutze an dieser Stelle nur Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung, weil ich mich nicht wohlfühlen würde, über Stereotypen anderer Minderheiten zu schreiben. Etwas, was eine gute Freundin von mir, die aus Südafrika ist, furchtbar findet, ist der ‚alle schwarzen Frauen haben dieselbe Art von Haarstruktur‘-Stereotyp. Sie hat mir dann die Tabelle gezeigt, die von 1 zu 4C reichte und ich verstand, was sie meinte. (Link zum Verständnis


Die Aussage „ich darf alles, was ich möchte“ kommt mit den Privilegien, die man als Autor*in, der/die keiner Minderheit angehört, hat. Man darf über Minderheiten schreiben, wie man möchte, weil man von den Folgen nicht betroffen ist. Es kann einem egal sein, wenn Falschinformationen und Stereotypen die Runde machen.

Dann lieber gar keine Minderheiten?

Wie baut man also Minderheiten ein? Denn wie oben schon angesprochen, geht es auch nicht ohne. Schreibt man aus deren Sicht oder lässt man sie als Randfiguren stehen?

Wenn man sie als Nebenfiguren schreibt, gibt es oft die Gefahr, dass man sie als ewigen Sidekick oder Lückenfüller einsetzt. Ein guter Trick um sich davor zu schützen ist: gebt ihnen Charakter. Denn oft wird sich über Minderheiten-Sidekicks beschwert, die austauschbar sind.

Wenn ihr unbedingt aus der Sicht einer Minderheit schreiben wollt, ist eine Möglichkeit, das Hauptthema nicht um ein typisches Problem der Minderheit aufzubauen. Schreibt über eine lesbische Frau, wie ihr über eine heterosexuelle Frau schreiben würdet. Recherchiert, aber fokussiert euch nicht nur auf das Outing oder den Hass.

Recherche ist alles

Sprecht mit Leuten. Sucht euch Testleser, die euch auf Fehler hinweisen. Recherchiert und baut eure Figuren realistisch auf, auch wenn ihr phantastisch schreibt. Kämpft mit ihnen in epischen Schlachten, mietet eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Frankfurt (ein Kampf für sich) oder beschreibt ihren Tag im Finanzamt. Sprecht ihre Herkunft/Sexualität/etc an, macht sie aber nicht zum Zentrum eurer Geschichte.

Einen Drachen kann man sich komplett neu erfinden, weil es keine Drachen gibt. Ein schwuler Mann ist kein Drache. Die gibt es wirklich.

So gut ihr auch recherchiert und schreibt, ihr werdet den Problemen nicht gerecht. Einfach, weil ihr es nicht lebt. Ein gutes Beispiel ist Simon vs the homosapiens agenda. Die Autorin hat sehr gut recherchiert und trotzdem Blödsinn zum Outing geschrieben.

Own-Voice-Büchern nicht die Bühne stehlen

Dazu kommt, dass man über ein Thema schreibt, über welches tatsächlich Betroffene bereits geschrieben haben.

Own-Voice-Literatur, also Bücher von Minderheiten über sich selbst, werden auf dem Buchmarkt oft ignoriert, weil viele Autor*innen Bücher über das Thema schreiben, ohne betroffen zu sein. Sie gehen unter.

Von Außenstehenden geschriebene Bücher sind außerdem angenehmer zu lesen, da man sich in seinen Stereotypen bestätigt fühlt und als Leser*in nicht in Gefahr läuft, durch Own-Voice auf eigene Fehler hingewiesen zu werden.

Zurück zu Simon vs the homosapiens agenda – Leute lesen dieses Buch über ein Outing lieber, als ein realistisches Buch, in dem tatsächlich beschrieben wird, was passiert. Indem der Protagonist trotzdem Angst hat. Obwohl seine Familie ja eigentlich liberal ist. Und sich immer und immer wieder outen muss, statt einmal. Und sich regelmäßig in den Schlaf weint, weil er genau weiß, dass die eigene Großmutter einen hassen wird und der Junge, auf den er steht, ihn niemals lieben wird, weil er eine Freundin hat. Denn so ist das. Nicht witzig, nicht ‚eigentlich egal, ob es rauskommt‘ und – leider – oft ohne das Happy End.

Own-Voice ist wichtig

Dabei ist es wichtig, dass wir solche Bücher populär machen. Damit Leute sehen, was sie Menschen mit ihren ‚harmlosen‘ Kommentaren antun und verstehen, wieso so viele Jugendliche sich umbringen. Aber wir hypen lieber das unrealistische Buch einer Außenstehenden, um der unangenehmen Wahrheit aus dem Weg zu gehen.

Ich möchte, dass Autor*innen verstehen, dass sie eine Industrie nutzen, in der eine Minderheit auf ein Cover geklatscht wird, um Geld zu machen. Man wird ausgenutzt und dann auch noch durch den Inhalt verletzt. Jemand macht Geld, weil es einen Markt für homosexuelle Literatur gibt, in der sich viele nicht wirklich um Homosexualität scheren. Sie geilen sich nur dran auf, dass da zwei Kerle auf dem Cover sind. Während reale Homosexuelle jeden Tag mit diesen Stereotypen konfrontiert werden und ihr Leben lang darunter leiden.

Die Zielgruppe spielt hier dementsprechend ebenfalls mit rein. Leute, die leichte Literatur zum Thema wollen, die gerne unrealistische Gayromance lesen, weil sie das anturnt, oder die über die Schokoladenkommentare der schwarzen Protagonistin lachen wollen. Für diese Leute ist dieser Beitrag ebenso, wie für die Autor*innen. Ihr dürft lesen, was ihr wollt. Aber hinterfragt doch bitte mal, was ihr damit fördert. Und wem ihr damit, für eure Freude, wehtut.

Fazit

Am Ende des Tages (bzw. des Artikels) kann man niemandem den Mund verbieten. Man kann jedoch eine Bitte aussprechen. Dafür, dass jeder/jede Autor*in einen Moment innehält und sich frage, wie er/sie/nb sich fühlen würde, wenn man über sie so schreiben würde. Wenn er/sie/nb etwas kritisieren würde, was einfach nicht stimmt und dafür angegriffen werden würde.

Generell ist es wichtig, dass Minderheiten in Büchern Platz finden und ihre Geschichten auch von nicht-betroffenen Menschen erzählt werden. Own-Voice ist wichtig, davon gibt es aber nicht genug, um richtige Repräsentation der Gruppierungen zu gewährleisten.

Schreibt also über Menschen, die einer Minderheit angehören. Aber schreibt informiert, für ein diverses Publikum und aus einer Sicht, die weder exotisierend noch fetischisierend ist.

Links zum Thema

Rezension auf Stürmische Seiten zu Laura Kneidls „Someone New“ 

Autor: Michelle Janßen

Michelle Janßen ist eine süddeutsche Bloggerin, Journalistin und Autorin. Sie studiert deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte. Auf Büchnerwald bloggt sie medienkritisch über Politik, Geschichte und (online) Medien.

3 Kommentare zu „Als Autor*in darf ich alles – Stimmt das?“

  1. Hmmm. Das ist ein Thema, an dem ich mich auch gern und viel reibe, inklusive der Tatsache, dass ich ungern „Gay Fantasy“ auf mein Zeugs pappe, wenn nur ein Kerl drin vorkommt, der sich sich tatsächlich als schwul bezeichnen würde, wenn er denn das Wort kennen würde.
    Insgesamt weiteres Nachdenkfutter über die Verantwortung von Schreibenden. Einerseits, ja, wir sollten Diversität repräsentieren, denn wenn wir es nicht tun, dann vermitteln wir den Eindruck, dass die Geschichten von geanderten Personen nicht erzählenswert sind.
    Gleichzeitig geht vielen Schreibenden das Gefühl des Geandert-Seins ab. Oder sie sind nicht in der Lage, derlei Mechanismen, denen sie sebst vielleicht ausgesetzt sind, auf andere Gruppen zu übertragen. Dabei ist es durchaus möglich, von eigenen Verletzungen auf fremde zu schließen, und sich zu fragen, ob das Klischee, das eins da (re)produziert hat, in diesem oder jenem Kontext immer noch so süß/sexy/unterhaltsam wäre.
    Andererseits gibt es zuhauf Frauen, die Stereotype über Frauen reproduzieren, und sich für aufgeklärt halten. Meineine eingeschlossen. Was ich mal gemacht habe, rollt mir heute teilweise die Fußnägel auf, mit Sachen von heute geht’s mir hoffentlich in zehn Jahren ähnlich. Es bleibt die Aufforderung, kritisch zu denken und zahlreichen Stimmen zu lauschen, nicht nur der eigenen Blase.

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