„Es gibt keine Kavaliere mehr“ – Warum Ritterlichkeit aussterben muss

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„Es gibt keine Kavaliere mehr“

Warum Ritterlichkeit aussterben muss


TW: Stalking


Disclaimer: Im folgenden Text ist von Männern und Frauen die Rede. Dabei handelt es sich vor allem um cis Männer und cis Frauen oder Personen, die vor allem als männlich/weiblich gelesen werden. Das Problem ist selbstverständlich auch auf die LGBTQA+ Community beziehbar (genau, wie auch Frauen die Täterinnen sein können), im Fokus liegt jedoch die heteronormative und cisnormative Art, wie Medien und Menschen mit Stalking umgehen, da dort die meisten Probleme entstehen und diese Art von Stalking am häufigsten romantisiert wird.


Dank eines Tweets vor wenigen Tagen kam in den Sozialen Medien ein Thema hoch, das immer mal wieder diskutiert wird: ist es problematisch, wenn ein Mann eine fremde Frau nach einem flüchtigen Treffen mit zahlreichen Mitteln ausfindig macht?

Ich möchte mich ein bisschen mit dieser Frage auseinandersetzen und die Ebenen, die hinter ihr stehen, untersuchen. Dafür habe ich am Sonntag (den 13.01.2019) eine  grobe Umfrage auf Twitter gestartet. Zu den Ergebnissen komme ich später.


Der Auslöser der Diskussion

Grund, warum zum wiederholten Male über das Ganze gesprochen wird, ist ein Tweet, den ich hier anonymisiert per Screenshot eingefügt habe.

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Ich möchte an dieser Stelle nicht diesen Tweet auseinandernehmen, sondern ihn viel mehr als aktuellen Vertreter eines uralten Problems handhaben. Die Romantisierung von übergriffigem Verhalten ist etwas, was wirklich nicht neu ist. Weder auf Twitter, noch abseits von Sozialen Medien.

Es ist noch nicht lange her, dass ein bekannter Twitterer über eine Frau berichtete, die er immer wieder in der Straßenbahn sah. Er schaute auf ihr Handy und bemerkte nach einigen Malen, dass sie eine gewisse Band mochte, zu deren Konzert er dann Karten erstand, um sie einzuladen. Diese Geschichte ist frei erfunden, erreichte jedoch auch tausende Menschen, die ganz gerührt in die Kommentare schrieben: „ein richtiger Romantiker!“ und „ich dachte immer, es gibt keine Kavaliere mehr!!“.

Auch bei dem neueren Tweet sammelte sich diese Art von Kommentaren, die das Ganze als romantische Heldentat einstuften. Warum ist das nun problematisch? Es ist ja nichts dabei, eine Frau, von der man weiß, dass sie zu einer gewissen Zeit an einem gewissen Ort ist, anzusprechen – oder? Und sie zu suchen, wenn sie beispielsweise den Arbeitsplatz gewechselt hat, das ist doch romantisch!

Ist es das wirklich?

Betreffende Twitterin, wurde mehrfach gefragt, ob sie die Frau denn nun gefunden hätten und ob sie das nicht schwierig findet. Letzteres beantwortete sie damit, dass sie ja schauen würde, dass nichts passiert und auf die erste Frage kam diese (mittlerweile gelöschte) Antwort:

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Aus dem ersten Suchen wurde eine handfeste Stalkingbedrohung. Alles diskutabel, mögen jetzt einige sagen. Ich möchte in den nächsten Abschnitten zeigen, was alles falsch an dieser „romantischen“ Vorstellung ist, wieso Männer auch mal aufgeben müssen und was es mit dem Begriff „Gentleman“ im 21. Jahrhundert auf sich hat.

Von der Unsicherheit, eine Frau zu sein

Das erste Problem dieser ganzen Sache ist, das generell vermutet wird: es wird schon alles gut ausgehen. Der Mann ist sicher nett und die Frau sieht damit sicher kein Problem. Oft wird damit argumentiert, dass man selbst das ja nicht schlimm finden würde.

Was damit anderen Frauen abgesprochen wird, ist ihr Recht auf Anonymität und Sicherheit. Sich als Frau in der Welt zu bewegen ist zu gewissen Zeiten riskant, das wissen alle Frauen. Einkaufen gehen, in der Bahn stehen, Arbeiten – das alles sind Momente, die man nicht so einstufen würde. Durch die Romantisierung dieser Liebesmissionen (sprich: Mann weiß, dass eine ihm fremde Frau zu einem Zeitpunkt irgendwo sein wird, Mann nutzt dies aus, um sie aufzusuchen und anzusprechen) nimmt man diesen Situationen ihre Sicherheit.

Ich will mich erklären: natürlich kann es sein, dass ein Mann eine Frau hübsch findet und weiß, dass sie gerne samstags in die Bibliothek geht oder jeden Freitag mit derselben Bahn fährt. Dann spricht auf den ersten Blick nichts dagegen, sie anzusprechen. Das Problem entsteht, wenn Arbeitszeiten ausgenutzt werden (sprich, wenn die Frau nicht ausweichen und/oder ablehnen kann), man diese wiederkehrenden Momente nutzt, um Informationen über die betreffende Frau zu sammeln oder man sie eben nicht anspricht, sondern stattdessen aus der Ferne weiter beobachtet. Dann wird aus einer „süßen Aktion“ ein gruseliger Moment, der der Frau ihre Sicherheit im Alltag nimmt.

Auch die Suche auf Sozialen Medien oder über den Freundes- und Kolleg*innenkreis überschreitet eine Grenze. Oft wurde in den Kommentaren geschrieben, dass es ja wohl gerechtfertigt sei, eine Frau über Facebook, Instagram oder Twitter zu finden. Immerhin stellt sie ihr Leben ja online. Genauso können Freund*innen und Kolleg*innen ruhig Informationen rausrücken. Ist ja alles ganz harmlos.

Wem man als Frau traut, wo man öffentlich twittert oder auch nur den eigenen Namen zu laut sagt – das alles sollte keine Frage von „ist hier vielleicht jemand, der das hört/sieht/erfragen kann und mich danach findet?“ sein.

Es ist noch nicht lange her, dass eine Twitterin eine DM öffentlich machte, in der ein Mann zugab, dass er hinter ihr beim Einkaufen stand. Er fand sie süß, schaute über ihre Schulter, fand ihren Twitternamen und nutze dies aus. Das ist nicht okay. Und es gibt keine Rechtfertigung dafür, einer Frau ihre Sicherheit in diesen Dingen zu nehmen. Es schamlos auszunutzen, dass sie einmal ihre vermutlich eh schon dauerhaft hochgefahrenen Schutzschilde kurz nicht aktiviert hatte.

Stalkingexpert*innen und die große Liebe

Das nächste Problem ist, dass solches Verhalten immer von irgendjemandem verteidigt wird. Ob man es nun auf die Biologie des Mannes schiebt (entweder „er war halt schüchtern“ oder „Männer jagen eben gerne“), jede/r plötzlich ein/e Expert*in für Stalking ist („das ist kein Stalking, dafür muss die Situation *noch* übergriffiger sein, finde ich!!“) oder man einfach alles auf die große Liebe schiebt („das kenne ich aus dem Film X! Da war das soooo süß!“) – es gibt zu viele Menschen, die das entschuldigen.

Teilweise eben auch, weil die Chance, dass der Mann seine große Liebe findet, über die Chance, dass sich die Frau unwohl fühlt, gestellt wird.

Männern wird in zahlreichen Filmen, Büchern und anderen Medien gezeigt, dass man niemals aufgeben sollte. Auch wenn die Frau weg ist, mit dem besten Freund verheiratet ist oder deutlich nein gesagt hat. Richtige Männer (TM) geben niemals auf und richtige Frauen (TM) lassen sich ein bisschen jagen. Sonst macht das ja gar keinen Spaß. Richtig? Falsch.

Es wird immer damit argumentiert, dass es ja die eine große Liebe sein könnte, man(n) weiß ja nie. Aber wenn man die Sicherheit einer Frau aufs Spiel stellt, damit ein Mann sich wie ein Jäger fühlen kann, dann läuft etwas falsch. Auch die Behauptung, „er wäre halt verliebt“ ist grausig, wenn man darüber nachdenkt. Er ist nicht verliebt, wenn er noch nie mit ihr gesprochen hat. Alles was diese Aussage ist, ist eine romantisierende Ausrede, die Stalking relativiert, weil es ja um Liebe geht und da ist alles erlaubt.


Nun zurück zu der Umfrage, die ich gestartet habe. Meine Fragestellung war bewusst gewählt zwischen „das ist romantisch“ und „das ist gruselig“. Ich muss zugeben, dass ich eigentlich gar nicht wissen wollte, wie die Menschen auf Twitter abstimmen. Tatsächlich wollte ich eine Theorie testen, die sich (leider) bestätigt hat: Menschen gehen weite Wege, um ihre toxischen Denkweisen zu erklären und zu verteidigen.

Es dauerte wenige Minuten, bis sich unter dem absichtlich polarisierenden Tweet die Kommentare sammelten: „kann man so pauschal ja nicht sagen“, „kommt immer auf die Umstände an“, etc. Etwas, was ich unfassbar problematisch finde. Nur eine Person meinte, dass die Frau, die im Zweifelsfall betroffen ist, das zu entscheiden hat. Ebenfalls nur ein/e Nutzer*in fand, dass „romantisch“ ein schwieriges Wort an dieser Stelle ist. Einige wenige fanden es komplett bedenklich, die Mehrheit hatte mindestens eine Situation, in denen sie das Ganze „romantisch“ finden würden. „Geht ja alles, wenn er es so oder so macht“ – nein. Es geht nicht. Es ist absolut nichts romantisch daran, jemanden so zu verunsichern.

Ich will niemanden angreifen, der das auf den ersten Blick romantisch findet. Vielmehr möchte ich an dieser Stelle dazu aufrufen, dass sich die Personen hinterfragen. Wieso finde ich das romantisch? Woher kommt das? Denke ich jetzt vielleicht anders darüber und wieso?


Das große Problem hinter den Wörtern „Kavalier“ und „Gentleman“

Natürlich geht dieser Umgang mit Stalking und dem Anrecht, auf eine Frau/Informationen über sie, weiter, als die Kommentare unter einem Tweet. Deshalb möchte ich jetzt noch ein bisschen über etwas schreiben, was oft bei solchen Geschichten genannt wird.

Wenn wir die Worte „Kavalier“ oder „Gentleman“ sehen, denken wir an die typisch-stilisierten Männer des Mittelalters und des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Romantisierter Sexismus inklusive, sind diese Wörter nichts, mit dem man(n) sich identifizieren sollte.


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Gentlemen, Ju Ming (Chicago)


Der Trop, dass Männer sich wie „Gentlemen“ benehmen, wenn sie locker flockig die Zigarette ihrer Loveinterest anzünden, ihren langen Mantel im schwarz-weißen Flackern des Films schwingen und dabei mit tiefer, verrauchter Stimme „hey babe, everything’s gonna be alright, as long as I’m with you“ flüstern, ist genau das: ein Trop. Das Anrecht auf die Frau kommt in dieser Männerrolle immer wieder durch. Klar bekommt der „Gentleman“ die Frau am Ende! Wie könnte sie auch jemals nein sagen? Er war schließlich kurz mal irgendwie nett zu ihr.

Männer die wir als „Gentlemen“ und „Kavaliere“ bezeichnen, sehen Frauen historisch betrachtet immer als schwächer. Sie halten nur Frauen die Türen auf, greifen ihrer  sexy Sekretärin verspielt an den Hintern und lachen über die „starke Frau“ die eine von ihnen sein will. Ekelhafte Überbleibsel dieser Männlichkeitsauffassung und der Anrechtsdenkweise können wir noch heute in Burschenschaften und Gentlemens Clubs beobachten.

Aber auch im Internet (beispielsweise auf der Plattform „Reddit“) kann man dies sehen. Dort sind zahlreiche Männer der Ansicht, dass Frauen ihnen etwas schulden, weil sie nett zu ihnen waren. Ein bekanntes Phänomen dieser Subkultur ist das Wort „Friendzone“, worüber man jedoch einen eigenen Artikel schreiben müsste. Kurz erklärt ist die „Friendzone“ ein Ort, an den Frauen Männer verbannen, die zu nett zu ihnen sind. Frei nach dem Motto: Frauen wollen Arschlöcher, ich bin nett zu Frauen und sie wollen immer nur mit ihr befreundet sein.

Es ist beängstigend zu überlegen, dass die Männer, die das denken, überall um einen herum sein könnten. Daterape und „ich schlage diese Frau zusammen, weil sie nein gesagt hat“ oder die neuste Ausführung dieser Sichtweise: „ich schlage eine Frau zusammen, weil ich mich nicht getraut habe sie anzusprechen“, sind die (nicht so selten auftretend, wie man jetzt vielleicht annimmt) Ausgeburten dieser Denkart.

Wenn jemand sagt, dass es keine richtigen „Kavaliere“ mehr gibt, dann ist das gut. Wird jemand als Überbleibsel dieser „guten alten Zeit“ bezeichnet, so ist das nichts anderes als eine Beleidigung.


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Gentlemen On The Bench (Łańcut)


Wenn also Frauen in den Kommentaren zu diesen Begebenheiten (auf Twitter und in anderen Sozialen Medien) schreiben, dass es schön sei zu sehen, dass es noch richtige „Kavaliere“ und Romantiker gibt, dann ist das kein gutes Zeichen für die betreffenden Männer.


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Portrait of two gentlemen (1817), James Warren Childe


Männer die sich höflich benehmen, verdienen keine Goldmedaille und auch keine Auszeichnung als „richtiger Mann“ oder „Kavalier“. Es sollte normal sein, dass man sich als Mensch höflich und respektvoll gibt. Die verstaubten Definitionen von Männlichkeit und „Gentlemen“ gehören in den Geschichtsunterricht und alte Schwarz-Weiß-Filme.

Gleichsam sind Männer, die das Risiko eingehen, einer Frau ihre Sicherheit in alltäglichen Situationen zu nehmen, um mehr über sie herauszufinden, nicht „Kavaliere“, wie wir sie uns gerne vorstellen. Sondern übergriffig und davon überzeugt, dass sie ein Anrecht auf die Frau haben.

Fazit

Wie kann man diese Frauen sonst ansprechen, fragt ihr euch jetzt vielleicht? In dem Moment, in dem man sie sieht. An der Kasse beim Rewe, in der Bahn, an der Uni. Nicht Wochen später, nicht auf ihrer Arbeit, nicht mithilfe einer Information, die ihr durch gruseliges Verhalten herausgefunden habt. Gebt der Frau die Möglichkeit, nein zu sagen. Erbeutet euch keine schwammige Antwort, in dem ihr sie in einer Situation ansprecht, in der sie nicht nein sagen kann, weil sie arbeitet oder ihr sie mit etwas überrascht, was sie in eine Schuld-Situation bringt (wie das, mit den Konzertkarten).

Wenn ihr das nicht schafft, dann lasst es bleiben. Sie ist nicht die eine große Liebe, sondern eine fremde Person, deren Sicherheit ihr aufs Spiel setzt, weil Männern beigebracht wird, dass sie ein Anrecht auf sie haben.

Dieses Verhalten ist niemals gerechtfertigt und niemals romantisch, ganz egal was moderne Medien und alte Filme mit ihren „Gentlemen“ uns gerne erzählen. Männer haben nicht das Gott gegebene Recht darauf, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um den Namen einer Frau zu erfahren, auf die sie scharf sind. Es ist nicht romantisch, jemanden zu verfolgen, zu beobachten oder durch Dritte aufzusuchen.

Frauen haben ein Recht darauf, offen ihren Namen zu sagen, ohne das die Chance besteht, danach von jemandem über Facebook kontaktiert zu werden, der sich „halt nicht getraut hat“ sie anzusprechen. Sie haben ein Recht darauf, regelmäßig dieselben Orte zu besuchen, ohne von einem „schüchternen“ Bewunderer aus der Ferne gestalked zu werden. Vor allem aber sind „Gentlemen“ etwas, was auch früher schon grenzwertig war. Heute mehr als jemals zuvor ist es nichts Besonderes, einfach nett zu einer Frau zu sein. Männer verdienen sich damit nichts, Frauen schulden ihnen nichts.

Unsere Vorstellung von dieser grenzwertigen Romantik und genereller Ritterlichkeit ist etwas, was dringend aussterben muss.


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Autor: Michelle Janßen

Michelle Janßen ist eine süddeutsche Bloggerin, Journalistin und Autorin. Sie studiert deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte. Auf Büchnerwald bloggt sie medienkritisch über Politik, Geschichte und (online) Medien.

3 Kommentare zu „„Es gibt keine Kavaliere mehr“ – Warum Ritterlichkeit aussterben muss“

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