2. Grundzüge einer Gattung: Die Freude am Grauen und frühe Zensur

Grundzüge einer Gattung Die Freude am Grauen und frühe Zensur.

Grundzüge einer Gattung: Die Freude am Grauen und frühe Zensur


TW: Religiosität, Alkoholismus, Gewalt, Sexismus


Hallo und herzlich willkommen zur Blogreihe: Volksstück. Dies ist der zweite Beitrag der Reihe. Einen Überblick über alle Beiträge findet ihr hier.


Wie sich im letzten Beitrag gezeigt hat, lebt das Volksstück im Wesentlichen von drei Dingen: dem Volk als Hauptakteur, Kritik am Adel und Komik. Nestroy und Raimund nehmen sich Inspiration aus bereits existierenden Theaterformen wie dem Zauberstück, dem Bürgerlichen Trauerspiel und der Commedia dell’arte und vereinen sie mit Elementen aus der aktuellen Epoche. Es entsteht etwas Neues, kritisch und doch witzig, was bei der breiten Masse gut ankommt.

Bereits die ersten Stücke wurden von den oberen Schichten (Politik, Adel und gut situierte Bürger*innen) als problematisch gehandelt und in Zeitschriften sowie Rezensionen förmlich zerrissen. Die öffentliche Meinung jeder, die in der literarischen Welt eine Stimme hatten, dämpfte den Erfolg jedoch nicht so stark, als dass es sich nicht mehr lohnte, die Stücke zu schreiben. Dies wurde erst eine Generation später der Fall.

Ludwig Anzengruber

Ludwig Anzengruber, zu seiner Zeit auch bekannt als Ludwig Gruber, lebte Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts und trat, in gewisser Weise, als erster in die Fußstapfen von Nestroy und Raimund. Seine Volksstücke rührten, anders als die frühen Werke, nicht von der Posse (also vom Komischen/Grotesken), sondern vom Melodram aus. Er wurde als Vater des Realistischen Volksstücks bekannt.

Das Realistische Volksstück sonderte sich vom ursprünglichen Volksstück ab, in dem es tiefere Themen behandelte und mehr auf die tatsächlichen sozialen Probleme hinwies, anstatt nur die oberen Schichten lächerlich zu machen. Das Wiener Volksstück entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts weiter und ging in seinen Ausläufern bis zur Operettenform. Die Themen waren abstrahiert und zeigten die oberen Schichten in peinlichen Lagen und das Volks als Held – Anzengruber bot einen ernsthaften Gegenpol zu dieser Entwicklung.

Österreich wird zum Zentrum des Volksstücks

Anzengruber machte das bäuerliche Milieu Österreichs zum Mittelpunkt seiner Stücke und kritisierte auf einer Ebene, die Aufruhr erzeugte. Denn dadurch, dass das Wiener Volksstück immer mehr zu einer bloßen Posse wurde, fürchteten sich Adel und Politiker weniger vor seinem Effekt. Das Volk lachte und war ablenkt. Auf eine absurde Art und Weise ging es den oberen Schichten sogar zur Hand, da es nicht die tatsächlichen Probleme ansprach, sondern eher ein Ventil zum Meckern bot. Anzengruber hingegen wurde gefährlich. In seinen Stücken verstößt er gegen die Ständeklausel, klagt soziale Missstände an und zeigt eine dunkle, brutale Seite am Volk – etwas, was später von Horváth, Fleißer, Brecht und Jelinek, sowie vielen weiteren VertreterInnen der VolksstücksautorInnen, thematisiert wird.

Seine Stücke sind weniger Komödie, als die Wiener Volksstücke, ziehen jedoch trotzdem ein enormes Publikum an. Das Theaterpublikum der Zeit, dass immer mehr aus einfachen Leuten bestand, wurde von der Gewalt und dem Grauen magisch angezogen. Anzengruber bediente eine Seite der Menschen, die seit dem antiken Drama immer wieder im Theater Platz findet: das Vergnügen am Leiden anderer.


Die Geschichte des Dramas können Interessierte übrigens hier nachlesen.


Anzengruber begann damit eine wichtige Tradition des Volksstückes, in dem er dem Volk den Spiegel vorhielt. Menschen gingen in seine Stücke um Grauen zu erleben. Grauen, welches, so erwarteten sie, von den oberen Schichten ausgeht und das Volk trifft. Man sah sich das Stück in der Erwartung an, am Ende lamentieren zu können wie schlimm die Unterdrückung ja sei. Stattdessen spiegelte Anzengruber genau diese Lust am Elend in den Dramen und vereint die Gewalt von Oben mit der zunehmenden Verrohung des Volkes. Niemand kommt gut weg, in seinen Stücken, außer die, die wahre Humanität und Frömmigkeit verkörpern und selbst die bekommen kein Happy End. Anzengruber übte in den Stücken enorm wirksame Gesellschaftskritik.

Aufgrund dieser Wirksamkeit musste er früh mit den immer schärferen Zensurklauseln kämpfen und kam nach seinem größten Erfolg, dem Drama Das vierte Gebot (1878), für das er sogar den Schillerpreis erhielt, finanziell nicht mehr mit dem (kreativen) Schreiben aus. Seine Stücke wurden zu Grunde zensiert. Dank schlechter Kritiken und Sanktionen für Theater, die seine Stücke spielten, verdiente er fast nichts mehr mit den eigentlich beliebten Stücken. Anzengruber musste in andere Bereiche ausfächern, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen und das obwohl er schon zu Lebzeiten einer der beliebtesten Schriftsteller und Dramatiker im deutschsprachigen Raum war. Wirkliche Anerkennung in der literarischen Welt bekam er erst, als man ihm im Rahmen des Naturalismus neu betrachtete.

Das vierte Gebot

In Ludwig Anzengrubers Das vierte Gebot geht es um drei Familien und ihre Verbindung zueinander. Die Kinder, welche unter den Entscheidungen ihrer Eltern leiden, stehen im Mittelpunkt.

Im ersten Akt werden die drei Familien (Schön, Hutterer und Schalanter), sowie die Herren August Stolzenthaler und Robert Frey vorgestellt. Hedwig, die Tochter von Anton und Sidonie Hutterer soll August heiraten, ist jedoch verliebt in ihren Klavierlehrer Robert. August ist selbst schon mit einer jungen Frau zusammen, Josepha (kurz Pepi) Schalanter. Er hat der Ehe mit Hedwig jedoch nichts entgegenzusetzen. Johann Dunker, ein Lehrling bei der Familie Schalanter, ist in Pepi verliebt, diese jedoch nicht in ihn. Ihre Mutter Barbara findet ihn hingegen anziehend, was er nicht erwidert. Der Sohn von Hutterers Gärtnern Jakob und Anna Schön, Eduard, ist Geistlicher und soll Hedwig und August trauen. Neben all dem tritt Herwig, die Großmutter von Pepi und ihrem Bruder Martin auf, welche die beiden davor warnt, immer nur den Vorstellungen ihrer Eltern zu folgen.

Die Verbindung zwischen den Leuten und unerwiderte Gefühle setzten den Kanon für ein sehr verwirrendes Stück, welches sich jedoch zu Lesen lohnt.


An dieser Stelle eine ganz klare Leseempfehlung von meiner Seite – es ist auch für moderne Standards lesbar und wirklich spannend.


Der zweite Akt spielt etwa ein Jahr nach dem ersten. Martin Schalanter ist nun im Militär und auf Besuch zu Hause. Robert Frey, der aus Trauer um die zerbrochene Beziehung mit Hedwig zurück zum Militär ist, ist sein Feldwebel. Schalanters Geschäft ist bankrott, Johann der Lehrling ist entlassen und Pepi hält die Familie durch einen schlechten Beruf über Wasser. Hedwig und August verheiratet und haben ein sehr krankes Kind.

Hier treffen Hedwig, ihr Kindermädchen Resi und das Neugeborene durch Zufall auf Hedwigs ehemaligen Geliebten Robert. Dieser fühlt sich sichtlich unwohl in der Begegnung. Sie tauschen sich darüber aus, wie es ihnen in dem letzten Jahr ergangen ist. Dann geht Resi mitsamt dem Kind ins Haus.


Hedwig: Sie haben es gesehen, das kleine, arme Ding! Man sagte mir, sein Vater habe zu viel gelebt, als daß für das Kind etwas überbliebe; es wird hinsiechen, wochen-, vielleicht monatelang, aber es wird nicht fortkommen. (Sie drückt ihr Taschentuch an die Augen.) O, Sie sehen, ich bin recht glücklich! – – Ihnen muß es zur Genugtuung gereichen, daß Sie mich in solcher Lage finden.

Frey (schmerzlich): O gnädige Frau.

Hedwig: Sie haben es mir ja vorher gesagt.

Frey: Lassen Sie das Vergangene vergangen sein.

Zweiter Akt, fünfte Szene


Hedwig gesteht Robert, dass es ihr elendig ergeht, da ihr Kind sterbenskrank und ihre Ehe mit August kaputt ist. Sie bereut es, nicht vor ihrer Zwangsheirat mit ihm davon gelaufen zu sein. Robert beschwichtigt sie und will, dass sie nach vorne blickt. Der Umgang der beiden ist liebevoll und ehrlich, sowohl Robert, als auch Hedwig können offen ihr Leiden eingestehen. Etwas, was ihm als Feldwebel und ihr in ihrer unglücklichen Ehe wohl nicht allzu oft möglich sein dürfte.

Auch sprechen beide hochdeutsch. Sie setzten sich somit, mit Ausnahme von Eduard, vom Rest der Charaktere und deren Wiener Mundart ab. Sie passen nicht zum Rest. Weder ihre Beziehung, noch ihre Handlungen, noch ihre Sprache sind mit dem Rest des Dramas kohärent.

Die beiden kommen auf die Briefe zu sprechen, die sie sich schrieben, als sie noch ein heimliches Paar waren. Robert hatte sie am Ende der gemeinsamen Zeit gebeten, diese zu vernichten, da August sonst wütend würde. Doch Hedwig konnte dies nicht und bittet Robert nun ihre Briefe an sich zu nehmen und zu seinen zu tun. Sie verabreden sich gegen Abend an einem Wirtshaus die Straße hinauf.


(Hedwig bleibt in der Gartentüre stehen, Frey an der Kulisse links, um einander nachzusehen, dabei begegnen sich ihre Blicke, sie stehen einen Augenblick in gegenseitiges Anschauen versunken, dann zieht Hedwig leise das Gitter hinter sich zu, und Frey entfernt sich; sobald beide nicht mehr sichtbar sind, treten Schalanter und Martin aus dem Busch.)

Zweiter Akt, fünfte Szene


Sie haben offensichtlich noch Gefühle für einander und leiden jeden Tag, den sie getrennt sind. Mitten in diese intime Szene platzen Schalanter und Martin, welche sich zuvor vor dem Vorgesetzten Martins, Robert, im Gebüsch versteckten.

Die beiden haben unfreiwillig das Gespräch belauscht. In den folgenden Szenen wird dies zum Schlüsselmoment des Dramas. Schalanter, der alkoholkrank ist und bereits vor dem Niedergang seines Drechselgeschäftes in Geldnot war, sieht eine Gelegenheit, aus dem Leid der jungen Liebenden Profit zu schlagen. Er erzählt es Hedwigs Mann, dieser erfährt, dass seine Frau ihn nur aus Zwang heiraten musste und möchte sich scheiden lassen. Hedwig rennt fort und entdeckt auf ihrem Weg einen Zug aus Menschen, welche Robert in ein Spital bringen. Dieser wurde von Martin angeschossen, als sich die beiden über dessen fehlende Manieren stritten. Robert stirbt kurz darauf, ebenso wie Hedwigs Kind. Diese ist ein Schatten ihrer selbst. Martin wird hingerichtet, seine Schwester leidet darunter, ebenso wie seine Eltern und die Großmutter. Auch zwischen Pepi und Johann gibt es kein glückliches Ende.

Beziehungen im Fokus

In den ersten Szenen werden die bekannten Figuren und ihre Geschichten wieder aufgegriffen, dann erst geht es mit der Geschichte an sich weiter. Man erfährt bis zu dieser fünften Szene, wie es den Charakteren ergangen ist, seit dem Ende des letzten Aktes. Offene Fragen werden geklärt: Welche Familienverhältnisse haben sich verändert, wie haben sich alle weiterentwickelt und was wurde aus all den angedeuteten Ereignissen? Diese Szene ist also Ausgangspunkt für die weitere Geschichte, da ab hier die Handlung aktiv weitergeht. Alles zuvor ist Vorgeschichte, alles danach die direkte Auswirkung dieser Szene. Ohne sie würde die gesamte Handlung in sich zusammenbrechen. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt.

Der rote Faden im Drama ist die Beziehung zwischen Kindern und ihren Eltern, daher auch der Titel: Das vierte Gebot (in Anlehnung an die zehn Gebote). Es wird angezweifelt, ob es wirklich immer so ratsam ist, nur auf das Wort der Eltern zu hören. Hedwig leidet enorm unter der Entscheidung ihrer Eltern, sie zu verheiraten. Martin wird hingerichtet, seine Schwester hat nie wirklich etwas erreicht, auch ihre Erziehung war fehlerhaft. Nur der Sohn von den Gärtnern, Eduard Schön, welcher seinen eigenen Weg gegangen ist, hat wirklich etwas erreicht. Doch die Trauung zwischen Hedwig und August, welche er auf Wunsch seiner Eltern ohne weitere Bedenken vollzog, war ein Fehler. Alle Fäden werden im Schluss zusammengezogen und deuten auf die Worte der Großmutter hin, welche im ersten Akt vor genau diesem Handeln warnte.

Hedwig nimmt eine Sonderrolle ein, da ihr Ungehorsam das Ganze auslöste und späterer Gehorsam ihr Schicksal besiegelte. Keine ihrer Entscheidungen war im Endeffekt die Richtige. Ihr Ungehorsam gegenüber ihrem Mann, ausgehend von der Begegnung mit Robert in der Schlüsselszene im zweiten Akt, löste zudem weitere Komplikationen aus, welche die Charaktere noch schlechter stellten. Sie diskreditiert alleinig die Grundaussage des Dramas. Dies wird an mehreren Szenen, insbesondere jedoch an der hier untersuchten, deutlich.

Somit ist diese letzte Szene nicht nur Wendepunkt der Handlung, sondern auch Anzeichen dafür, dass die gesamte Aussage des Stückes angezweifelt werden kann und sollte.

Anzengrubers Aussage

Anzengruber baut sich aus familiären Geschichten ein Konstrukt, in dem er sowohl die oberen Schichten, als auch die falsche Frömmigkeit/ überbordende Religiosität und Naivität des Volkes kritisch betrachten kann. Die drei Familien repräsentieren verschiedene Unterkategorien des Volkes und zeigen, wie schnell Situationen aus dem Ruder laufen können. Zudem wird auf übermäßigen Alkoholkonsum und wirtschaftliche Schwierigkeiten, sowie die Rollen der (jungen) Frauen als leidende zwangsverheiratete Mutter oder Alleinverdienerin (zwei durchaus realistische Schicksale um 1850) hingewiesen.

Er wagt einen Rundumschlag auf alle sozialen Probleme seiner Zeit und wird mit harten Zensur und Armut gestraft.

Autor: Michelle Janßen

Michelle Janßen ist eine süddeutsche Bloggerin, Journalistin und Autorin. Sie studiert deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte. Auf Büchnerwald bloggt sie medienkritisch über Politik, Geschichte und (online) Medien.

2 Kommentare zu „2. Grundzüge einer Gattung: Die Freude am Grauen und frühe Zensur“

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