Wir lesen Frauen – Gedanken und Literaturtipps zur Challenge

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Wir lesen Frauen

Gedanken und Literaturtipps zur Challenge


Der Weltfrauentag steht vor der Tür und mit ihm die Realisation, dass wir auch in Deutschland noch viele Probleme haben, die Gleichberechtigung betreffend. Um die Stimmen von Frauen lauter zu machen und etwas zu schaffen, was eben nicht nur für ein paar Tage im Gedächtnis bleibt, hat meine liebe Kollegin Eva-Maria Obermann eine „Challenge“ geschaffen.

„Challenge“ deshalb in Anführungszeichen, weil es zwar wie eine Lesechallenge aufgebaut ist, aber tatsächlich viel mehr als das ist. Denn unter dem Hashtag #WirLesenFrauen tauschen sich ab März Menschen über ihre Lektüre aus. Ihre weibliche Lektüre. Frauen aus allen Teilen der Welt und allen Epochen. Feste Regeln gibt es nicht, aber einen Leitfaden für jeden Monat.

Weil ich die Idee super finde, aber schon oft gelesen habe, dass Leute nicht so ganz wissen, was sie lesen sollen, dachte ich, ich mache ein paar Literaturtipps. Damit nicht nur die selben 10 Autorinnen gelesen werden. Es ist mir außerdem wichtig, hier auch Kritik anzubringen. Die Aufgabenstellung stellt WoC und nicht-europäische Autorinnen explizit heraus was gut ist, weil das betont werden sollte. Das bedeutet aber nicht, dass die anderen Bücher nicht auch von ihnen kommen können/sollten. Bitte lest nicht nur weiße Europäerinnen!

Aufgabe 1: Lest ein Sachbuch zum Thema Feminismus

Zur Geschichte der weiblichen Sexualität hat die schwedische Autorin Liv Strömquist in „Der Ursprung der Welt“ geschrieben.

Selbstbestimmung ist in Judy Norsigians „Our Bodies, Ourselves“ Thema.

Susan Arndt schreibt in „Feminismus im Widerstreit. Afrikanischer Feminismus in Gesellschaft und Literatur“ über den Feminismus in Afrika. [Achtung, sie ist zwar Expertin, aber keine Own Voice!]

Aufgabe 2: Lest ein Buch aus einer Autorinnenvereinigung

Die deutsche Autorinnenvereinigung existiert offiziell seit 2006, das Netzwerk dahinter ist jedoch bereits in den 90ern entstanden. Diese Aufgabe ist eine tolle Gelegenheit, um sich über andere deutsche Netzwerke für Autorinnen schlau zu machen!

Schrifstellerinnen deren Werke für diese Challenge passen, sind beispielsweise Franziska Gerstenberg, Zdenka Becker und Michèle Minelli.

Aufgabe 3: Lest ein Buch einer WoC (Woman of Color)

„So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“ von Melda Akbaş spricht über die Lebenserfahrungen von Deutsch-Türkinnen.

Maria Stewart lebte im 19. Jahrhundert als freie schwarze Frau in den USA und schrieb über den Rassismus und ihre Erfahrungen als Mehrfachmarginalisierte.

Das Buch „Nervous Conditions“ von Tsitsi Dangarembga ist ein ganz besonderer Buchtipp, denn es war 1988 das erste Buch einer schwarzen Frau aus Zimbabwe, was in der englischen Sprache erschien. Es fokussiert sich auf das post-koloniale „Rhodesia“ und die Auswirkungen von Kolonialisierung auf schwarze Frauen. Da wir in Deutschland kaum Afrikanische Geschichte lernen und rezipieren, sollte jede*r dieses Buch gelesen haben.

Aufgabe 4: Lest den Essayband einer Autorin

Enis Macis „Eiscafé Europa“ ist hier meine absolute Empfehlung!

Wer eher einen Klassiker möchte, der kann auch zu Hannah Arendts „Die verborgene Tradition greifen“.

Hochpolitisch und aktuell ist Olga Flors Sammlung „Politik der Emotion“.

Aufgabe 5: Lest das Buch einer deutschsprachigen Autorin

Ulrike Draesner schreibt in „Eine Frau wird älter“ über die Position von älteren Frauen in unserer Gesellschaft.

„Der geteilte Himmel“  von Christa Wolf ist ein wichtiges Buch über die DDR und ihr Werk „Medea: Stimmen“ dreht sich um mythologische starke Frauenfiguren.

Für Romantiker*innen ist Nina Georges „Das Lavendelzimmer“ eine gute Wahl.

Aufgabe 6: Lest das Buch einer nicht-europäischen und nicht-US-Amerikanischen Autorin

Urmila Chaudhary ist eine indische Aktivistin, die ihre grausamen Erfahrungen mit Menschenhandel in „Sklavenkind“ festgehalten hat.

Der Roman „Paula“ von der chilenischen Autorin Isabel Allende ist ebenfalls autobiografisch und diskutiert den Umgang mit einer tödlichen Krankheit. Gleichzeitig wird die Geschichte von Chile erzählt.

„Black Widow Society“ von der Südafrikanischen Autorin Makholwa Angela ist ein Augen-öffnendes Buch über sexuelle Gewalt, das Leben als Frau in Südafrika und die Idee von afrikanischer Freiheit.

Aufgabe 7: Lest das Sachbuch einer Autorin

Hier kommt es immer auf das Fachgebiet an.

Bei Interesse in Astrophysik empfehle ich das neuste Paper von Burçin Mutlu-Pakdil.

Zum Thema (historische) Genderforschung schreibt Claudia Opitz-Belakhal.

Ägyptische Geschichte findet ihr bei Joyce Tyldesley.

Einen Grundriss zum Jahr 1919 hat Birte Förster geschrieben.

Für feministische Theorien empfehle ich Hélène Cixous.

[Empfehlt Bücher aus eurem Fachbereich an Leute aus anderen Bereichen für mehr Austausch, das fände ich sehr toll!]

Aufgabe 8: Lest das preisgekrönte Buch einer Autorin

Kim Thúys „Ru“ ist absolut großartig und ergreifend!

„The Vegetarian“ von Han Kang ist schnell gelesen und ein Meisterwerk.

Ebenfalls sehr verdient preisgekrönt ist „Prawda. Eine amerikanische Reise“ von Felicitas Hoppe.

Aufgabe 9: Lest das Buch einer Selfpublishing-Autorin

Hier finden sich die wahren Schätze in den Nischenkategorien der jeweiligen Genres. Hier möchte ich keine Empfehlungen aussprechen, da ich selbst SP-Autorin bin und nicht aus einer Liste meiner Kolleginnen auswählen möchte.

Aufgabe 10: Lest den Literaturklassiker einer Autorin

Vicky Baum schuf mit „Menschen im Hotel“ einen wahren Klassiker, den jede*r mal gelesen haben sollte.

Für vintage Horror-Gothik Fans ist Daphne du Mauriers „Rebecca“ die ideale Wahl.

Die USA war zur Wende ins 20. Jahrhundert der Zielort vieler Immigrant*innen aus Europa. Eine mitreißende Geschichte dieser Art erzählt Betty Smith in „A Tree grows in Brooklyn“.

Aufgabe 11: Lest den Gegenwartsroman einer Autorin

Leonie Ossowski schreibt in „Die schöne Gegenwart“ von Trennungen und Neuanfängen aus der Sicht einer älteren Frau, die einen lange gestorbenen Traum umsetzen kann.

Wer eher im Genre stöbern möchte, schaut sich am besten mal bei Judith Hermanns Werken um.

Umweltbewusste Gegenwartsliteratur und Wendeliteratur gibt es bei Kathrin Aehnlich.

Aufgabe 12: Lest das Buch einer (trans) Frau über trans Frauen.

Ganz oben auf der Liste ist „Trans. Frau. Sein.“ von Felicia Ewert.

Die Bücher von Andrea James und Julia Serano sind offen Own Voice und spannend. Sie kann man Lesen, wenn man sich aktiv mit Problemen innerhalb der LGBT-Community auseinandersetzen möchte.

Ein Fachliteratur-Tipp ist Céline Grünhagens „Transgender in Thailand. Die religiöse und gesellschaftspolitische Bewertung der Kathoeys“. [Grünhagen schreibt (soweit ich weiß) nicht Own Voice, ist jedoch eine der wenigen Expertinnen für trans Personen in Religionen.]


 

Mehr zu der Aktion findet ihr auf Eva-Marias Blog.

Autor: Michelle Janßen

Michelle Janßen ist eine süddeutsche Bloggerin, Journalistin und Autorin. Sie studiert deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte. Auf Büchnerwald bloggt sie medienkritisch über Politik, Geschichte und (online) Medien.

6 Kommentare zu „Wir lesen Frauen – Gedanken und Literaturtipps zur Challenge“

  1. Danke liebe Michelle für die wundervollen Buchtipps. Du hast absolut recht! Nur weiße, europäische Autoren bei den restlichen Aufgaben zu lesen, ist nicht Sinn der Sache. Besonders Danke für die Tipps zur letzten Aufgabe, da habe ich bisher nur die Sammlung, die ich auf dem Blog erwähnt habe.

    LG
    Eva

  2. Ganz herzlichen Dank für diese wunderschöne Liste – ich habe mir gleich einige Bücher notiert und meine Wunschliste mal wieder vergrössert 😀
    Liebe Grüsse
    Ariana

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