Landschaftsbeschreibungen in Romanen

Landschaftsbeschreibungen in Romanen

Landschaftsbeschreibungen in Romanen


Disclaimer: Dieser Beitrag diskutiert Landschaftsbeschreibungen und stammt ursprünglich aus dem Jahr 2017. Für den Büchnerwald wurde er wiederveröffentlicht. Er ähnelt einer analytische Betrachtung, sollte jedoch nicht spezifisch als literaturwissenschaftlich gelesen werden. Die Beispiele stammen leider alle aus westlicher Literatur. Die Redaktion des Büchnerwalds entschuldigt sich an dieser Stelle ausdrücklich für den Fehler.


Landschaften und Vorstellungskraft

Landschaftsmotive in Medien und speziell in der Literatur sind es, die Leser*innen ein Bild der Umgebung bieten und die Geschichten lebendig wirken lassen. Nicht umsonst werden Filme und Serien immer mehr mit weitgehenden Drohnenaufnahmen von Berglandschaften, weiten Feldern und Gewässern geschmückt.

Worauf kommt es in der Literatur jedoch an und welche Mittel werden genutzt, um diese Bilder bei Leser*innen zu evozieren? Diese Frage soll im Folgenden diskutiert werden. Dazu werden Genre, Zielgruppe, Literaturepoche und Erzählperspektive in mehreren Beispielen untersucht.

Düstere Zeiten und Osteuropa

Bram Stoker, der Autor des Legendären Dracula (1897) lebte im 19. und 20. Jahrhundert in Irland und schrieb gotische Horrorromane. Dementsprechend verhält sich seine Sprache bei der Landschaftsbeschreibung. Er hält sich kurz und erzeugt eine kühle Stimmung, in welche sich Leser*innen sofort hineinversetzen können:

„As the evening fell, it began to get colder, and now I could only see big, black trees in the dark mist outside.“
[Als es Nacht wurde, begann es kälter zu werden. Jetzt konnte ich nur noch große, dunkle Bäume schemenhaft in der Dunkelheit draußen ausmachen.]

Stoker schreibt eine Ich-Erzählperspektive. Das macht es einerseits leichter für Leser*innen alles nachzuempfinden und sich die Landschaften bildlich vorzustellen. Das veraltete Vokabular in Dracula zeichnet Leser*innen ein fast melancholisches, zeitgerechtes Bild, passend zu der düsteren Thematik des Romans. Dabei wird aus Draculas Schloss jedoch ein unrealistisches Gebäude, was wenig mit den tatsächlichen Schlössern in Transsylvanien zu tun hat.


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Schloss Bran, Rumänien


Der irische Autor weicht von der Realität ab und zeichnet ein groteskes Bild, dessen Intention es ist, nur schwer vorstellbar zu sein. Die Dörfer und Landschaften sind die realistische Kulisse für eine schaurige und phantastische Geschichte. Diese Abweichung zugunsten der Dramatik finden sich nur beim Schloss. Die anderen Schauplätze, speziell die in England, werden nicht verzerrt. Vermutlich auch, weil Stokers Leser*innen hier wissen würden, wo er von der Realität abweicht.

„The sun was beginning to set behind the mountain tops, and the shadows of the men grew longer and longer on the white snow.“

[The Sonne begann sich hinter den Bergspitzen zu setzen und die Schatten der Männer erstreckten sich länger und länger auf dem weißen Schnee.]

Unterstützt wird die Stimmung durch einen raschen Wechsel zwischen mehreren Perspektiven und die damit folgende Abwechselung in der Wortwahl.

Fantasy und Weltenbau

Ganz anders funktionieren Landschaftsbeschreibungen im Fantasy-Genre. Hier dominieren nicht szenische Sprache und düstere Umschreibungen, sondern epische Beschreibungen und weitführende, lebendige Vergleiche. Dies zeigt sich besonders gut bei J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe (1954). Ganze Doktorarbeiten und Seminare werden über die Landschaften bei Tolkien verfasst. Die Deutsche Tolkien-Gesellschaft bietet einiges an Material.

 „Von wandernden Schultern und rennenden Bächen im Herrn der Ringe. An so vielen Stellen konnte Alan Turner Beschreibungen von menschlichen Körperteilen und Bewegungen in der Landschaftsbeschreibung bei Tolkien entdecken, dass das reine Aufzählen allein die Zeit gesprengt hätte.“

Tolkiens Epos lebt von der Reisebeschreibung. Reiseliteratur ist auch in Deutschland ein bekanntes Genre – hier wird es jedoch mit einer selbstgebauten, riesigen Welt kombiniert. Die Tatsache, dass man nie alle wissen kann, trägt zum Mythos und zur Stimmung bei. Farbenfroh, menschlich, methaphernreich, pur – der Autor vereint seinen riesigen Wortschatz mit komplexer Geographie. Die unterschiedlichen Szenen und Landschaften unterstützen dies zusätzlich. Vom hügeligen Land der Hobbits, tiefen Wäldern, weiten Wiesen und drohenden Berge wird mehrfach zwischen positiv konnotierten, neutralen und negativen Umfeldern unterschieden. Die Landschaften reflektieren dabei immer die aktuelle Stimmung und tragen zur Spannung bei.


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Obschon auch J. K. Rowlings Harry Potter (ab 1997) zum Genre der Fantasy gehört, schlägt sich der Unterschied in der Zielgruppe durch. Im Gegensatz zur Adult-Fantasy, sind die frühen Teile von Harry Potter für Kinder und Jugendliche gedacht. Die Sprache ist einfacher, die Metaphern besser verständlich und die Wortwahl weniger düster und episch. In jedem neuen Teil wird die Sprache dem Alter der Zielgruppe angepasst, was den Erfolg der Buchreihe stützt. In Harry Potter und der Stein der Weisen gibt es einige Beispiele von Landschaftsbeschreibungen, welche besonders Kinder fesseln und begeistern sollen. Deren Aufmerksamkeitsspanne ist verkürzt, sie können also nicht zu lange sein – gleichsam erschafft Rowling jedoch eine Welt, die sie sich vorstellen können und wollen. Angefangen bei dem Vorstadt-Haus der Dursleys, über die stürmische Insel, die steilen Fahrten bei Gringotts und die Winckelgasse, bis hin zur vorbeihuschenden Landschaft bei der Zugfahrt zur Schule und der ständig wechselnden großen Halle. Doch nichts spricht so für die lebhafte Landschaftssprache wie die erste Beschreibung von Hogwarts.

„Der enge Pfad war plötzlich zu Ende und sie standen am Ufer eines großen schwarzes Sees. Drüben auf der anderen Seite, auf der Spitze eines hohen Berges, die Fenster funkelnd im rabenschwarzen Himmel, thronte ein gewaltiges Schloss mit vielen Zinnen und Türmen.“


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Schloss Hogwarts


Für die harte Linie zwischen den Landschaftswahrnehmungen in der Phantastik ist natürlich auch die zeitliche Diskrepanz zwischen Rowling und Tolkien verantwortlich.

Kinderliteratur und Phantasie

Gezielte Literatur für Kinder arbeitet mit ähnlichen Merkmalen wie Rowling, setzt sich jedoch trotzdem davon ab. Mira und der Kreidestrich (2002) ist ein wundervolles Kinderbuch über die Liebe zur Erde. Autorin Christiane Sautter nutzt eine farblich angereicherte, ja fast gesättigte Sprache.

„Unter sich sah sie den Wald liegen. Sie wunderte sich, daß sie gar keine Angst hatte, so tief nach unten zu schauen. (…) In der Ferne erspähte sie den spiegelblanken See, auf dem weiße Schiffe fuhren. Und dann die Berge! Sie blickte über die erste Bergkette hinweg. Dahinter lagen wieder Berge, und weit in der Ferne konnte sie schneebedeckte Gipfel unterscheiden.“

Sautter kombiniert die einfache Wortwahl mit persönlichen Details aus dem Leben der Protagonistin.

Cornelia Funke hingegen weist ein reiches Repertoire an Kinderbüchern mit fantastischen Landschaften auf. Drachenreiter (1997) mit seinem Wechsel an grauen europäischen Städten, mittelalterlichen Burgen, heißen Wüsten, weiten Meeren und dem wundervollen Himalaya – alles vom Rücken eines Drachen aus;


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Himalaya, Nepal 


Lilli und Flosse (1998) mit Schiffwracks, Höhlen und einer vollkommenen Welt unter Wasser; Der Herr der Diebe (2000) mit der absoluten Fantastik und Romantik, aber auch den schmutzigen Seiten Venedigs;


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Glockenturm, Venedig


Igraine Ohnefurcht (1998) mit dem tollen Mittelalter-Setting und der Reise durch längst vergangene Naturstriche und Zeiten.
Keines ihrer Kinderbuch ist jedoch so Beispielhaft für den Sprachreichtum und die unfassbar schönen Beschreibungen wie Emma und der blaue Dschinn (2002).

„Als Emma die Augen wieder aufschlug, hing die Sonne rot über einem sehr, sehr fremd aussehenden Land. Emma sah Palmen und Türme, Kuppeln und weiße Häuser, die wie Waben eines Wespennestes aneinander klebten.“


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Tadrart Acacus, Sahara, Lybien und Marrakesch, Marokko


Egal an welche Altersgruppe sich ihre Bücher auch richten, ihrer Kombination aus kindgerechter, moderner Sprache und bunten, lebhaften, szenischen Landstrichen. Sie führt Eltern und Kinder gleichsam in fremde Länder und Kulturen ein.

Ältere Zielgruppen und nüchterne Landschaften

Jugend- und Erwachsenenromane bedienen sich einer anderen, komplexeren Ausdrucksweise. Zunächst zu Odysseus. Homers Erzählung stammt aus der Antike und nutzt Beschreibungen der Landschaft nur spärlich und unterstützend zur Handlung. Trotzdem untermalt seine Naturbeschreibung die Lebhaftigkeit der Erzählung.


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Athen, Griechenland


Auch hier ist die Sprache einfach gehalten, jedoch auf eine ganz andere Art und Weise, als in der Kinderliteratur. Kinderbücher sind reich an Metaphern und Vergleichen, Erwachsenenliteratur hingegen stützt sich auf Adjektive.

Max Frisch und Franz Kafka sind beide sehr nüchtern in ihrem Wortschatz. In Homo Faber (1957) soll dies den Charakter des Protagonisten ausdrücken. Die Sprache verrutscht im Laufe des Romans in Relation zu seinen Erfahrungen.

„Als der Mond aufging (…) zwischen schwarzen Agaven am Horizont, hätte man noch immer Schach spielen können, so hell war es, aber plötzlich zu halt; wir waren hinausgestapft, um eine Zigarette zu rauchen, hinaus in den Sand, wo ich gestand, daß ich mir aus Landschaften nichts mache, geschweige denn aus einer Wüste.“

Frischs Charakter ist ein ernster, wortkarger Mann, der zu jeder Zeit vollkommen rational handelt und spricht. Zumindest beschreibt er sich selbst so. Die Welt aus seiner Sichtweise zu protokollieren, führt Frisch zu einem rohen, fast brutalen Sprachbild, was sich vereinzelnd im Ekel verliert. Dies ändert sich erst, als der Protagonist gebrochen und emotional wird.

Kafka schreibt in Amerika (1927) auf eine ähnliche Art und Weise. Bei ihm ist es jedoch auf seinen eigenen Charakter und die Epoche zurück zu führen. Landschaftsstriche sind rar und knapp gezeichnet, die Fantasie fehlt. Vieles ist grau, riecht abstoßend und liest sich repetitiv, wobei dies den Leser nicht langweilt, sondern fasziniert. Kafka meistert es, Leser*innen mit Eintönigkeit anzulocken, statt abzustoßen, da es seinen speziellen Schreibstil stützt. Denn trotz allem sind seine Beschreibungen zielführend. Obwohl er  bewusst keine blumige Sprache nutzt, die den Leser*innen die Welt vormalt, so werden seine Landschaften den Rezipient*innen doch akribisch vorgezeichnet.

„Große Schiffe kreuzten gegenseitig ihre Wege und gaben dem Wellengang nur so weit nach, als es ihre Schwere erlaubte. Wenn man die Augen klein machte, schienen diese Schiffe vor lauter Schwere zu schwanken. Auf ihren Masten trugen sie schmale, aber lange Flaggen, die zwar durch die Fahrt gestrafft wurden, trotzdem aber noch hin und her zappelten.“


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Lincoln Victory, Kalifornien


Er schreibt nicht ausschweifend und fantasievoll genug, um es Leser*innen zu erlauben, sich in die Figuren zu versetzen, aber detailliert und technisch genug, um zu zeigen, dass man sich gar nicht in die Hauptfigur hineinversetzen muss. Es reicht vollkommen, die Reise von Karl Roßmann von Außen und doch durch ihn hindurch zu betrachten/erleben.

Fazit

Bei guten Landschaftsbeziehungen ist es wichtig mit Vergleichen zu arbeiten, die den Leser*innen genug Raum für die eigene Vorstellung lassen. Gleichzeitig müssen komplexe Landstriche gut genug vorgezeichnet werden, um zu ermöglichen, die Gedanken und Vorstellungen der Autor*innen nachvollziehen zu können. Dabei ist Zielgruppe und Genre das A und O. Wie man an den Beispielen sieht, gibt es tausende Formen und Arten Landschaften zu umschreiben. Gewaltige, epische Sprache, einfache, bunte Ausdrücke oder kühle, distanzierte Beschreibungen.

Jede*r Autor*in muss sich des eigenen Stils für Landstriche und Naturbeschreibungen bewusst werden. Wortwahl, Metaphern und Adjektive entscheiden dabei über Anschaulichkeit und Lesevergnügen. Ob man sich also auf Pinterest Bilder heraussucht für die eigene Fantasie, zu Orten reist, welche einen inspirieren oder sich alles einfach ausdenkt – nichts verleiht Romanen so viel Leben wie die Darstellung der Orte und Landschaften.

Autor: Michelle Janßen

Michelle Janßen ist eine süddeutsche Bloggerin, Journalistin und Autorin. Sie studiert deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte. Auf Büchnerwald bloggt sie medienkritisch über Politik, Geschichte und (online) Medien.

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