Die #MenAreTrash-Kontroverse – Warum die Diskussion in Deutschland so wichtig ist

Die #MenAreTrash-Kontroverse

Die #MenAreTrash-Kontroverse

Warum die Diskussion in Deutschland so wichtig ist


TW: Sexismus, Sexuelle Gewalt


Disclaimer: Dieser Artikel wurde im Rahmen eines Blogprojektes erstmals veröffentlicht und ist nun hier zu lesen.


Die Kontroverse rund um den Twitter-Hashtag #MenAreTrash startete August 2018 in Deutschland. Davor war der Hashtag bereits im englischsprachigen Raum etabliert. Nach einer wochenlangen, hitzigen Diskussion, sind die Stimmen zum Thema mittlerweile weniger geworden. Dabei ist der Anstoßpunkt der Debatte sehr wichtig und darf eigentlich nicht in Vergessenheit geraten.

Schaut man sich deutschsprachige (Online-)Medien an, so kommen der Begriff und alles, was damit verbunden ist, nicht sonderlich gut weg. Eine differenzierte Stimme, die aufklärt, was es damit auf sich hat, fehlt.

Stattdessen nutzen Antifeminist*innen den Hashtag, um Feminismus  niederzumachen und gegen alle Feminist*innen zu hetzen. Ein ironisches Phänomen, aber dazu später mehr.

Dieser Artikel dient nicht dazu, Leser*innen davon zu überzeugen, den Hashtag zu nutzen oder gut zu finden. Ein Problem mit dieser Ausdrucksart des Feminismus zu haben, ist an sich nicht verwerflich. Stattdessen soll aufgeklärt werden, was es mit diesem Hashtag eigentlich auf sich hat und wieso man ihn kritisieren darf, die, die ihn nutzen, jedoch ernst nehmen sollte.

Der Ursprung von #MenAreTrash

Bevor man sich mit der Rezeption im deutschsprachigen Raum auseinandersetzten kann, muss man einen Blick darauf werfen, wo das Ganze startete.
#MenAreTrash stammt aus Südafrika. Dort sind die Zahlen für Femizid, also weiblich Gelesene und Frauen, die von ihrem (oft cis-männlichen) Partner ermordet werden, bedeutend höher, als in Europa oder den USA. Der Hashtag wurde im Frühjahr 2017 genutzt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ein Statement, das in den Medien landen musste und das (gerade von cis Männern) nicht übersehen werden konnte.

Die polemische Natur des Hashtags war von Anfang an Absicht. In einem Land, in dem häusliche Gewalt kaum öffentliche Aufmerksamkeit findet, musste etwas her, was nicht zu ignorieren war. #MenAreTrash schaffte dies – zumindest für eine kurze Zeit.

#MenAreTrash im deutschsprachigen Raum

Nach dem Erfolg, den der Hashtag hatte – die Aktion in Südafrika ging durch das gesamte Internet – begannen auch andere Länder, den Begriff zu nutzen. So wurde er beispielsweise in der Debatte um die #MeToo-Bewegung genutzt.

Sommer 2018 kam er dann nach Deutschland, jedoch nicht in der Art, wie man es zunächst vermuten würde. Nachdem die Journalistin Sibel Schick auf Twitter Männer als Arschlöcher bezeichnete und dafür negative Kommentare erntete, begann der Hashtag zu trenden. Ohne ihr aktives Zutun. Wer genau ihn startete, ist nicht klar. Scrollt man jedoch lange genug, so zeigt sich, dass es vor allem rechte Trolle und Bots
waren, die ihn in die deutschen Trends bugsierten.

Es waren also keine Feminist*innen, die in einem Anflug aus Hass oder „(Gender-)Wahn“ beschlossen hatten, diesen Hashtag zu nutzen.

Durch die Trends kamen immer mehr Kommentare von Nicht-Bots hinzu, die auf Feminismus herumhackten, obwohl dieser gar nichts mit dem Aufstieg von #MenAreTrash in Deutschland zu tun hatte. (Cis) Frauen entschuldigten sich im Namen aller ‚normalen‘ (cis) Frauen für den Begriff; Männer nutzen die Gunst der Stunde, um alles an Beleidigungen herauszulassen, was sie gegen Feminist*innen und weiblich gelesene Enbys/Frauen allgemein so angesammelt hatten.

Und genau da beginnt die Kontroverse, die so wichtig ist, dass sie nicht verebben darf. Denn egal wie der Hashtag nach Deutschland kam – die Rezeption war peinlich.

Die Kontroverse und die Medien

Vielleicht liegt es daran, dass der Hashtag von Anfang an nur durch  Hassbotschaften an den Feminismus trendete – vielleicht ist Deutschland auch weniger offen gegenüber der Diskussion als andere Länder. Aber die Kommentare unter dem Hashtag waren unerträglich.

Einzelne Feminist*innen, die sich durch den Hass-Spam schlugen, um tatsächliche Tweets zum Thema zu verfassen, wurden in hunderten Nachrichten ertränkt. Wie oft standen in den Kommentaren detailliert formulierte Morddrohungen oder Selbstmordwünsche, sowie Sex- und Vergewaltigungsfantasien. Etwas, was man eigentlich nur von der rechten Blase in Deutschland kennt.

Aber diesmal waren die Kommentarschreiber*innen keine rechten Trollaccounts oder Neonazis – sondern ganz normale Twitterer. Cis Männer, die einen Freibrief erhalten hatten, um ihren Hass auszuleben. „Ich bin kein Müll, du untervögeltes Stück Scheiße“ – hieß es hunderte Male. In der Wut darüber, dass sie als Müll bezeichnet wurden, zeigten sie genau diese Seite an sich.

Und kamen damit durch.

Viele (cis) Frauen entschuldigten sich hingegen für den Hashtag, blind für die rohe Gewalt, die von Männern an diesem Tag ausging. „Nicht alle Männer sind Müll!“, hieß es zwischen tausenden Nachrichten, die das Gegenteil zeigten. In dem Versuch (cis) Männer zu verteidigen, outeten sich zahllose (cis) Frauen als Diskursabgewandt. Nicht in der Lage zu begreifen, wen sie da verteidigten – und warum. Um eben nicht als ‚ungebumste Fregatte‘ bezeichnet zu werden, um als ‚cool und gechillt‘ und ‚nicht wie diese anderen Frauen‘ zu gelten. In ihren Bemühungen stützen sie den Hass und warfen, so ganz nebenbei, die, die beschimpft wurden, unter den Bus.

In den Medien sah die Rezeption nicht anders aus. Tagelang erschienen Artikel zum Thema, die meisten davon schlecht recherchiert oder mit Agenda. (Cis) Männer, die die Stimmung nutzen, um endlich mal ihren Hot-Take gegen den bösen Feminismus zu schreiben. Weil er jetzt ja viel zu weit gegangen sei.

Dass es nicht der Feminismus war, der den Hashtag nach Deutschland brachte, wurde kaum angesprochen. Ebenso wenig, wie die zahlreichen Versuche von Feminist*innen, auf den Hass unter dem Hashtag aufmerksam zu machen.

Es entstanden Artikel, die lang und breit alle Feminist*innen generalisierten, weil ein Hashtag, der (cis) Männer generalisierte, ja gar nicht geht.

Kritische Stimmen überwogen. „Das bringt so ja nichts“ und „wie soll man Feminismus jetzt noch ernst nehmen“ standen im Vordergrund. Das, was eigentlich unter dem Hashtag passierte, wurde unter den Teppich gekehrt. Wie soll man Feminismus jetzt noch ernst nehmen, nachdem hundert feministische Tweets zu #MenAreTrash von tausenden Hassnachrichten gegen weiblich Gelesene und Frauen überrannt wurde? Ja, wie nur?

Wie soll man eine Bewegung ernst nehmen, nachdem ein Hashtag alle Punkte, für die diese Bewegung steht, bewiesen hat? Es ist ein Rätsel, welches die Medienlandschaft nicht zu lösen vermochte.

Antifeministische Plattformen, wie das EF-Magazin, sprangen auf den Zug auf, verdammten die „feministisch-genderistische“ Agenda und nutzten dabei rein (cis) männliche Stimmen zum Thema.

Kritisiert den Hashtag, nicht die Nutzer*innen davon

Wie zu Beginn des Artikels bereits geschrieben, muss man den Hashtag nicht mögen. Es gibt viele gute Gründe, um ihn abzulehnen (dazu gleich mehr). Es ist jedoch unmöglich, sich der Debatte über den Hass unter dem Hashtag zu entziehen. Dieser geht, entgegen dem ersten Eindruck, eben nicht gegen (cis) Männer, sondern gegen Feminismus.

Nutzer*innen des Hashtags befürworten ihn, da er eben genau dieses Problem deutlich machte. Feminismus in Form einer netten Bitte um gleiche Rechte hat noch nie funktioniert, was den Hashtag an sich weiter bestätigt. Warum sollte man nett sein, wenn man auf Probleme wie Femizid oder Sexismus hinweist? Warum dürfen alle Gruppen generalisiert werden, außer die des (weißen cis) Mannes? Zumal (cis) Männer durch Ausreden wie „boys will be boys“ und „das ist halt Locker Room Talk“ ; ja selbst darauf hinweisen, dass sie von Natur aus ‚Trash‘ sind.

Man kann von dem Hashtag halten, was man möchte. Ob man ihn nun zu hart findet oder nicht, ist jeder*jedem selbst überlassen. Die Entscheidung darüber, warum man ihn schlecht findet, sollte jedoch nicht allein aus dem Bauch heraus getroffen werden.

Warum ich #MenAreTrash nicht mag, ihn aber trotzdem anerkenne

Feminismus setzt sich zusammen aus verschiedenen Meinungen und Auffassungen. Einige von uns mögen den Hashtag, andere eher nicht. Ich gehöre zu der zweiten Gruppe.

Als #MenAreTrash in Deutschland startete, war ich schockiert von den Reaktionen, die der Hashtag hervorrief. Gleichzeitig tat es auch gut zu sehen, wie schlimm die Lage wirklich ist. Denn zwischen all den „Ich bin Feminist, aber“-(cis)-Männern und den „Ich bin Feministin, aber“-(cis)-Frauen, verliert man schnell den Überblick, wem man wirklich trauen kann und wer trotzdem weiblich Gelesene/Frauen hasst, nur eben heimlich, still und leise.

Ich lehne den Hashtag also nicht ab, weil ich mit der Nachricht dahinter nicht konform gehe. Im Gegenteil. Mein Problem ist eher die Motivation des Ganzen.

Ein Hashtag der Aufmerksamkeit erregt und zeigt, was eigentlich alles falsch läuft, ist wichtig. #MenAreTrash wurde jedoch nicht von Feminist*innen gestartet. Er wurde in Deutschland nie intrinsisch dafür genutzt, um auf toxische Maskulinität, internalisierten Sexismus und andere Probleme hinzuweisen. Seine erste Aufgabe war es, Hass gegen Feminismus zu schüren.

Zudem erfährt der Hashtag eine ähnliche Behandlung, wie #MeToo und #MeTwo. Das, was spezifisch für eine Gruppe Marginalisierter entwickelt wurde, wird für fremde Zwecke genutzt. #MenAreTrash wandelte sich von einem Hashtag aus Südafrika gegen häusliche Gewalt, zu einem Machtspiel zwischen Feminismus und Antifeminismus. Die eigentlichen Gründe für die Polemik und den Hashtag an sich geraten in Vergessenheit. Und Südafrika kämpft weiterhin allein gegen die steigenden Femizidzahlen.

Doch egal, was ich gegen den Hashtag zu sagen habe, die Feminist*innen, die unter ihm über ihre Erfahrungen schreiben, muss man von dem Hashtag loslösen. Nicht sie sind das Problem, auch wenn man #MenAreTrash nicht mag.

(Cis) Man(n) kann gerne beleidigt sein, weil (cis) man(n) nach Jahrhunderten an Unterdrückung auch mal generalisiert wird. Das stelle ich mir ziemlich hart vor. Aber es ist keine Ausrede, um den Hass zu ignorieren, der Feminismus bis heute unter dem Hashtag entgegengebracht wird. Ebenso wie (cis) Frauen, die sich von dem ganzen absondern wollen, weil es ihnen zu heftig ist, das dürfen. Aber dann doch bitte nicht auf Kosten des Feminismus.

Weitere Artikel zum Thema

Die Diskussion in der TAZ

#MenAreTrash und toxische Maskulinität (engl.)

#MenAreTrash im englischsprachigen Raum

Autor: Michelle Janßen

Michelle Janßen ist eine süddeutsche Bloggerin, Journalistin und Autorin. Sie studiert deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte. Auf Büchnerwald bloggt sie medienkritisch über Politik, Geschichte und (online) Medien.

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