Yannic Han Biao Federer: Und alles wie aus Pappmaché [Rezension]

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Und alles wie aus Pappmaché

– Rezension –


TW: Sexualität, Terrorismus, Prostitution


Ich las Und alles wie aus Pappmaché das erste mal im Zug auf dem Weg zu einer Buchmesse und dachte bis dahin, dass es ein Coming of age Roman sein würde, wie er bereits hunderte Male geschrieben wurde. Tatsächlich aber überrascht das Buch auf mehreren Ebenen durch Sprache, Witz, Erzählton und vor allem durch die Sichtweisen.

Für die Rezension wurde die 2019 bei Suhrkamp erschienene Fassung gelesen.

Inhalt

Erzählt wird aus der Perspektive von mehreren jungen Menschen, die Jahre nach dem Ende ihrer Schulzeit versuchen, ihr Leben zu leben und dabei immer wieder von der Vergangenheit unterbrochen werden. Im Fokus steht Jian, der 16 ist und in Stauffen zur Schule geht, als 2001 das World Trade Center einstürzt. Viel wichtiger für ihn damals ist das Beziehungsdreieck zwischen ihm, Anna und Sarah. Alle treffen sich 15 Jahre später in ihrer alten Heimat zu einer Beerdigung.

Coming of age und Jugendkultur

Coming of age und Jugendkultur zu schreiben ist nie wirklich leicht, wenn man nicht in dieselben Muster fallen will, wie hunderte vor einem. Federer schafft das aber, in dem er einiges anders macht, als man es erwartet. Generell ernst, aber mit humorvollen Untertönen, beschreibt er eine Jugend, die für alle heute 20- bis 35-Jährigen nachvollziehbar und irgendwie auch immer noch real ist. Jians Leben seit dem Ereignis 2001 wird in neun Kapitel aufgedeckt, wobei der Fokus immer wieder auf ehemalige Freund*innen von ihm fällt.

Yannic Han Biao Federer schafft es ein zeitgenössisches, zutreffendes Porträt einer ganzen Generation zu zeichnen, dass auf die unterliegenden Prozesse seit den späten 90ern hinweist. Digitalisierung, Globalisierung, Terrorismus, Fremdenfeindlichkeit und ein neues Verständnis von Sexualität und Umgang mit dem eigenen Körper werden thematisiert und fassen damit erschreckend genau zusammen, wie eine Jugend in Deutschland zu dieser Zeit ablief und was aus der Zeit im Gedächtnis bleibt. Das alles schafft er, ohne die oft kitschigen Stereotypen anzunehmen, mit denen dieses lakonische Lebensgefühl sonst ausgedrückt wird.

Stilistisch wird die Stimmung in Endlossätzen mit zahllosen Kommata transportiert. Fast hat man das Gefühl beim Lesen, atemlos zu werden. Dabei wird man so konsequent in die Handlung gezogen, dass man nach drei Stunden aufschaut und bemerkt, dass man es durchgelesen hat. Der Grundgedanke von aktueller Popkultur – Eskapismus und Identifikation – wird sowohl im Inhalt, als auch im Stil kommuniziert und umgesetzt. Dazu kommen unnötig lange Komposita und indirekte Rede, um das Buch genau so kompliziert zu lesen zu machen, dass es einem im Gedächtnis bleibt.

Der Schreibstil muss einem Gefallen, damit man das Buch lesen kann. Aber wenn dem so ist, so kann man sich auf eine kleine Reise gefasst machen, die einen quer durch die Realität der Jugend führt: Rechte Familienmitglieder, Trennung, Streit, Tränen, Sex, pseudolinke Bekanntschaften, Entdeckung der eigenen sexuellen Orientierung, Gewalt, Übergriffe, Selbstfindung und das Bereisen zahlreicher Länder.

Entfremdung und Queerness

Ein großer Teil davon, warum das Buch es schafft authentisch über Themen zu schreiben, die sonst bestenfalls für mittelgute Romane mit viel Fremdscham-Potential reichen, ist die Stimme des Protagonisten.

Jian wird vom allwissenden Erzähler, von allem um sich herum und sogar von sich selbst Jan genannt, weil das einfacher scheint. Mit diesem Randkommentar, der sich durch den ganzen Roman zieht, wird immer wieder darauf hingewiesen, in was für einer Gesellschaft Jian sozialisiert wird und lebt. Die Ignoranz, die hinter dem ‚Eindeutschen‘ von Namen steht, lässt einen als Leser*in nie ganz los und entlarvt die Umgebung, die sich gerne als weltoffen und tolerant sehen möchte.

Die Entfremdung findet nicht nur in der Heimat statt, sondern auch da, wo Jians Mutter herkommt. Er besucht sie, irgendwann gegen Ende des Romans, um festzustellen, dass er dort noch weniger ins Bild passt, als in Stauffen. Der Besuch hat trotzdem etwas Bestätigendes, auch wenn Jian sich sehr verloren vorkommt, wie mithilfe von Sprachausschnitten gezeigt wird, die auch für Leser*innen nicht übersetzt werden. Wir fühlen uns ebenfalls verloren und erleben die Entfremdung und die Heimatlosigkeit aus der ersten Reihe mit.

Zusätzlich zu diesem Umgang mit Heimat, die das Buch um einiges angenehmer zu lesen macht, als andere Romane dieser Richtung, wird das angesprochen, was die Generation Y offener und deutlicher als alle Generationen vor ihr erlebt: die Entdeckung der eigenen Sexualität. Jetzt, wo es einfacher ist, sich offen auszuprobieren, werden die Probleme dahinter in der Literatur sichtbar gemacht und Federer spricht genau das an. Er schreibt über Queerness und die tausend Fragen und Ängste, die man hat, wenn man entdeckt, dass man nicht hetero ist, aber auch über toxische Beziehungen und das Prinzip dahinter. Jede Sexszene im Buch hat tiefergehende Bedeutung (etwas worüber ich sehr dankbar bin) und auch die kurzen Erwähnungen von Prostitution zeigen auf, was für ein offenes, breites Bild von Sexualität sich in den letzten 20 Jahren in der Jugendkultur festigte.

Fazit

Und alles wie aus Pappmaché ist ein Roman, der vieles richtig macht. Er beschreibt eine diverse Generation, die in einer Gesellschaft eingebettet ist, die noch nicht weit genug ist, um diese Diversität zu schätzen. Trotzdem wird im Verlauf der Geschichte gezeigt, dass jede*r eine eigene Geschichte hat, die es wert ist, erzählt zu werden. Die von Jian wird erzählt und damit einhergehend auch irgendwie die, einer ganzen Generation.

Autor: Michelle Janßen

Michelle Janßen ist eine süddeutsche Bloggerin, Journalistin und Autorin. Sie studiert deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte. Auf Büchnerwald bloggt sie medienkritisch über Politik, Geschichte und (online) Medien.

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