Warum wir dringend über Body Positivity sprechen müssen

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Warum wir dringend über Body Positivity sprechen müssen


TW: Essstörung, Bodyshaming, Rassismus.


Disclaimer: Dieser Artikel wurde im Rahmen eines Blogprojektes erstmals veröffentlicht und ist nun hier zu lesen.


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Bevor es mit dem Text losgeht, möchte ich (als Autorin) ein paar Worte sagen. Dieser Text beinhaltet Themen zu Essstörungen und Übergewicht. Sollten euch diese Themen triggern oder missfallen, bitte ich euch diesen Text nicht zu lesen.

Für den Text sind zudem einige Angaben zu mir wichtig. Zunächst einmal das Offensichtliche: Ich bin keine dünne Frau. Ich werde als dicke Frau wahrgenommen, aber als das, was man oft good fatty nennt. Das heißt: Meine Ernährung ist gesund, ich mache Sport und passe in Kleidung, die man in den meisten Mainstream-Läden (das heißt alles außer New Yorker und Pimpkie) findet. Das sind Privilegien, derer ich mir bewusst bin. Ich schreibe diesen Meinungsartikel trotzdem aus der Sicht einer Person, die seit Jahren über ihr Gewicht bestimmt wird. Sowohl von anderen als auch von mir.

Disclaimer: Ich spreche aus meiner Erfahrung und kann deshalb offensichtlich nicht alle Besonderheiten, wie etwa die Rolle von schwangeren Frauen, abdecken. Da dieses Thema polarisierend ist möchte ich außerdem anmerken, dass ich nicht mit Menschen diskutieren werde, die persönlichen Erfahrungen (von mir und anderen Betroffenen) in unserer Gesellschaft infrage stellen oder angreifen.

Woher kommt Body Positivity?

Body Positivity kommt ursprünglich aus dem Fat Acceptance Movement. Ziel war es, öffentlich gegen das „nur dünn kann schön sein“-Ideal für Frauen und weiblich Gelesene vorzugehen. Dies feierte in den letzten Jahren massive Erfolge. Plus-size Model erobern die Laufstege und immer mehr Frauen/weiblich Gelesene in großen Größen trauen sich mit Selbstbewusstsein und Crop Top bewaffnet in die Welt.

Warum das für viele von uns eine emotionale Angelegenheit ist, können sich Außenstehende kaum vorstellen. Aber in den letzten Jahrzehnten, eigentlich das gesamte letzte Jahrhundert hinweg, fehlten wir komplett in der  Medienwelt. Wir wurden nicht gezeigt, weil man uns nicht sehen wollte. Unser Recht auf Existenz in der Öffentlichkeit war nonexistent.

Wir verdanken dieses movement vor allem auch schwarzen Frauen und weiblich Gelesenen, auf deren Kosten diese Unterdrückung lange doppelt ging. Sie waren es, die genug davon hatten zwischen dem Stereotyp „dicke schwarze Frau“ und Ignoranz zu wählen.

Nun erfolgt langsam die Öffnung des movements für alle Menschen. Für die, die andere „Schönheitsmakel“ haben, die von den Medien retuschiert werden. Es spricht nichts dagegen, versteht mich nicht falsch. Ich liebe es, dass Menschen sich selbst zelebrieren. Aber Body Positivity dreht sich nicht um das Feiern von „Fehlern“, sondern um Politik, konstruierter Schande und den Bruch mit Stereotypen.

Aneignung, Kommentare und Gesundheit

Die, die sich dieses movement angeeignet haben, drängen uns dicke Frauen und weiblich Gelesene heraus. Sie feiern sich und ihre eigentlich gesellschaftlich akzeptierter Körper mit kleinen „Makeln“ und wir werden im Regen stehen gelassen. Auch Marken nutzen den von uns etablierten Namen, um sich zu profilieren. Unsere Probleme, die weitaus größer sind als reine Äußerlichkeiten, sondern sich eben um unser Recht auf Existenz drehen, sind plötzlich nicht mehr Teil von Body Positivity. Stattdessen wird Fat Acceptance als ekelhaft und ungesund bezeichnet und Body Positivity gefeiert. Dabei ist es eigentlich doch ein und dieselbe Bewegung!

Eines der Ziele war es, dünnen Menschen klarzumachen, dass niemand die Körper anderer zu kommentieren hat. Unsere Gesundheit, hat euch egal zu sein. Was wir essen, hat niemanden außer uns selbst zu interessieren. Ihr versteckt eure Kommentare hinter „ich will nur helfen“, dabei sind sie nichts anderes als misogyner, fatphober Mist, der uns dazu nötigen/shamen/zwingen soll, eure Lebensideale zu übernehmen. Das zu tun, was ihr möchtet, weil ihr denkt, es sei das Beste für uns. Nun werden wir wieder einmal als ekelhaft bezeichnet, weil wir leben wollen, während ihr euch feiert. Die Bewegung, die wir über Jahre aufgebaut haben, hasst uns. Danke für nichts.

Ihr akzeptiert uns nur, wenn wir good fatties sind. Nicht zu dick, also mit Potenzial zur Besserung, guter Ernährung und Sport. Wenn wir aussehen, wie die etwas dickeren Model, denen ihr auf Instagram folgt.
Wenn wir dick sind, aber nicht dick-dick, sondern angenehm dick.

Gleichsam werden schwarze Frauen und WoCs aus der Bewegung gedrängt, die sie mitbegründet und entscheidend geprägt haben. Body Positivity ist jetzt weiß und dünn und damit effektiv nutzlos.

Wie dünne Frauen und weiblich Gelesene dem Ganzen schaden

Ich will keiner dünnen Person unterstellen, dass sie keine Probleme mit ihrem Körper und auch mit Mobbing haben können. Aber die Ursprünge hinter dem Body Pos-Movement kommen nicht aus dem Selbsthass oder aus Mobbing – sie wurden von Frauen und weiblich Gelesenen geschaffen, die systematisch erniedrigt und geshamed werden. Das ist – bei aller Kulanz – nicht das gleiche, wie böse Kommentare und der eigene Blick auf den Körper.

Diese Erniedrigung zeigt sich auf Comedy-Bühnen, wo Dicken-Witze gemacht werden, in Liedern, Serien, wo die dicke (schwarze) Freundin als Sidekick unterwegs ist und die dünne hübsche Protagonistin stützt oder wo der dicke Mann seine normalgewichtige Frau shamed (wir erinnern uns an die Serie „King of Queens“). Sie ist das Gefühl in einem Film zu sehen, wie Adam Sandler zeigt: Man kann uns lieben, wenn man vorher nur lange genug denkt, dass wir dünn (und damit begehrenswert) sind. Zeitschriften, die uns nicht nur beleidigen, sondern auch 1000 Diättipps bieten und nebenher „dicke Merkmale“ an dünnen Menschen shamen. Wir verdienen im Schnitt aber auch weniger, bekommen seltener Beförderungen und werden nicht ernst genommen, weil dick sein mit unhygienisch und faul
sein gleichgesetzt wird (Quelle).

Vor allem aber sterben wir. Nicht, weil wir ein Stück Kuchen zu viel gegessen haben, sondern weil Ärzt*innen uns nicht ernst nehmen. Dies ist auch als Weight Stigmabekannt.

Ich ging mit einem Knoten in der Brust zu meiner Frauenärztin, die mich zu einer Untersuchung in das Uniklinikum schickte. Dort sagte man mir „das ist schon kein Krebs, das ist Fettgewebe“. Trotz einer familiären (und persönlichen) Geschichte, die meine Angst auf Krebs durchaus stützt. Als ich auf meine Untersuchung bestand, stellte sich heraus, dass es eine Zyste war, die tatsächlich entfernt werden musste. Eine Entschuldigung erhielt ich nie. Auch nicht von dem Arzt, der meine Lungenprobleme auf mein Gewicht schob, statt auf andere Faktoren, obwohl in meiner Krankenakte etwas anderes stand.

Es ist ein Problem. Eines, was dünne Menschen sich seit Ewigkeiten aneignen. Wann immer sie sich „fett“ nennen, nur damit ihnen von allen Seiten versichert wird, dass sie es nicht sind. Wenn sie so tun, als wüssten sie, wie es uns geht. Wenn sie einen negativen Kommentar mit einem ganzen Leben voller Kommentare vergleichen. Voller „solltest du das wirklich essen?“ und „wir haben ihre Größe nicht“ und „sorry, ich date keine dicken Frauen, aber du wirkst nett!“.

Männer und die Body Positivity

An dieser Stelle fällt euch vielleicht auf, dass ich Männer und männlich Gelesene ausschließe. Das hat den einfachen Grund, dass sie in der Popkultur besser wegkommen als wir. Wie viele Serien, in der ein dicker Mann eine dünne Frau hat, könnt ihr nennen? Wie viele, in denen es umgekehrt ist. Dicken Männern wird gesagt, dass ihr Humor oder ihre Persönlichkeit oder sogar nur ihr Geld reicht, um sie liebenswert zu machen. Uns wird eingetrichtert, dass niemand uns jemals lieben wird, wenn wir nicht dünn werden. Dass wir, wenn wir nicht auf Diät sind und alles tun, um unsere Körper für andere liebenswert und begehrenswert zu gestalten, keinen Wert haben.

In der Arbeitswelt und im privaten Umfeld tut sich für sie weniger. Um es vereinfacht und auf cis Personen fokussiert zu sagen, sind auf heteronormativen Datingseiten dicke Männer kuschelig; dicke Frauen sind fetisch. In der LGBTQA+ Community ist es teilweise noch schlimmer.

Das bedeutet nicht, dass Body Positivity nicht auch für Männer und männlich Gelesene sein kann. Im Gegenteil, es gibt innerhalb der Bewegungen auch von ihnen plus-size Model, die zelebriert werden. Weil in Filmen und der Modewelt trainierte und dünne Männer/männlich Gelesene zum Ideal erhoben werden.

Gender spielt also eine Rolle, aber sie gleicht es nicht ganz aus. Auch unter Männern und männlich Gelesenen gibt es das Problem, dass Ärzt*innen sie nicht ernst nehmen und auch sie sterben früher.

Essstörungen, Gesundheit und Instagram

Nun zu einem Argument, was von vielen dünnen Frauen und weiblich Gelesenen gerne genutzt wird: Ich kenne das Problem, ich habe/hatte eine Essstörung oder wurde für Magersüchtig gehalten. Hier erstmal die Anmerkung das Essstörungen furchtbar sind und es für die Leidenden sehr schwer ist, ihren Körper zu lieben. Aber das hat nichts mit Body Positivity zu tun.

Warum?

Nun, zum einen bedeutet dick sein keine automatische Essstörung. Dicke Menschen sind nicht alle krank. Viele können nichts für ihr Gewicht, aber viele schon und das ist okay. Niemand ist weniger wert, weil er/sie/nb sich die Pfunde selbst zu verdanken hat. Dieses Denken impliziert, dass dick sein wirklich die Epidemie ist, die die Medien gerne aus ihr machen. Nein. Dicke Menschen können gesund oder krank sein – mit einer Essstörung hat es nicht zwingend etwas zu tun.

Zweitens können auch dicke Menschen Magersucht haben. Oft wird ihnen gratuliert, dass sie so viel abgenommen haben (ein Grund niemals jemandem hierfür zu gratulieren, ohne das nötige Hintergrundwissen zu haben). Niemand kommt darauf, dass sie krank sein könnten, weil wir darauf trainiert sind, dass Abnehmen inhärent etwas Gutes sein muss. Dabei belastet schneller Gewichtsverlust und besonders Anorexie extrem die Organe einer Person. Der Herzmuskel wird schwach und die Person, der man gestern noch für ihre Krankheit gratuliert hat, ist tot.

Der dritte Punkt ist das Leidensnarrativ dünner Menschen. Ja, eine Krankheit ist zerrend und Kommentare zum eigenen Körper tun weh – das ist absolut korrekt und ich spreche das niemandem ab! Aber es ist einfach nicht das gleiche, wie die Lebensrealität dicker Menschen. Es ist schlimm, aber nicht das Gleiche. Alles was dieser Vergleich macht, ist eine Opferrolle zu konstruieren, die dicken Personen ihre Erfahrungen und Diskriminierung abspricht.

Wenn ich sehe, wie sich auf Instagram (zum Beispiel als der Film „Dumplin“ herauskam) dünne Frauen und weiblich Gelesene verbiegen, um irgendwie Rollen zu erzeugen, die sie fotografieren, um sich im Internet für ihren Mut feiern zu lassen, während sie nebenher ihre Privilegien als dünne Person genießen, wird mir ehrlich schlecht. Ich kann meine Rollen nicht nach dem Foto wieder einklappen. Ich lebe damit, dass jede Person, die mich sieht, automatisch „fett“ und „ungesund“ und „faul“ im Kopf hat. Ein Stigma, was ich durch harte Arbeit und persönlichen Kontakt ausgleichen muss.

Ich möchte euch anhand eines Tweets zeigen, was ich meine.

Warum wir dringend über Body Positivity sprechen müssen

Egal wie viele Kommentare dünne Menschen bekommen und wer euch mal gesagt hat, dass „richtige Frauen ja Kurven haben“ – ihr werdet niemals diese Frau sein. Ihr werdet es nie verstehen, wie es ist zu wissen, dass ihr für die meisten Menschen automatisch aussortiert werdet, wie ein Stück Müll. Ihr fühlt euch unwohl, wenn ihr euer Oberteil vor einem Hook-Up auszieht – wir werden teilweise aktiv ausgelacht. Ich wurde es schon. Und ich bin – wie bereits gesagt – noch privilegiert. Weil ich weiß bin und Bildung genießen darf, die mich über den Stereotypen der „dummen Dicken“ erhebt. Weil ich noch in Kleidung passe, die sich in regulären Geschäften, zu regulären Preisen und in schönen Mustern finden lässt.

Ich bin trotz aller dieser Privilegien die Person, die nicht gut genug für die meisten ist. Weil sie sich etwas Besseres erhoffen, ergo, jemand dünneres. Ich bin trotzdem die, deren Partner*innen grundsätzlich gefragt werden, ob sie einen Fetisch haben oder ob ich in der Beziehung dick geworden bin. Der versucht wird ihr*e Partner*in auszuspannen, weil alle annehmen, dass er/sie/nb definitiv etwas „Besseres“ will als mich. Deswegen muss das ja machbar sein.

Alle Privilegien zeigen mir, dass es da draußen Menschen gibt, die das, was ich an meinem Leben seit Jahren hasse, noch viel intensiver erleben. Die zusätzlich noch schlimmer behandelt werden. Tut mir leid, wenn ich kein Mitleid habe, wenn mir jemand erzählt, dass es genauso schlimm ist, Skinny Shaming zu erleben. (Nochmal: Das ist auch schlimm und nicht akzeptabel, aber nicht das Gleiche!)

Fazit: Liebt euch!- Aber lasst uns unseren Aktivismus!

Ich will, dass jede Person sich mag. Sich liebt. Ihren Körper toll findet und ihn gerne zeigt. Wirklich. Aber Body Positivity ist mehr als das. Es ist ein Movement von dicken Personen für dicke Personen und ganz egal wie viele Instagram-Likes ein Bild von euch bringt, auf dem ihr so tut, als würdet ihr unsere Probleme verstehen – ihr tut es nicht.

Sprecht dicken Personen nicht ab, dass sie diskriminiert werden. Hört ihnen zu, lasst ihnen Platz in den Medien, beschwert euch über Witze auf ihre Kosten. So helft ihr uns. Kommentare und Verbote austeilen, weil ihr „helfen“ wollt, sorgen für hohe Suizidraten und noch mehr Frustesserei. Schreibt und lest Bücher mit dicken Protagonist*innen, die einfach dick sind. Die tollen Sex haben und ein erfülltes Leben ganz ohne Diät. (Und ja, das geht. Egal was ihr denkt, ich lebe das.) Die rausgehen und Spaß im Leben haben. Schaut Filme, in denen es dicke Personen gibt, die nicht nur hässlicher Sidekick sind. Gebt uns eine Stimme, statt sie uns wegzunehmen.

Feiert eure Körper, aber nehmt uns nicht unsere politische Bewegung weg, weil ihr den Hashtag schön findet.

Weitere Links

Diese Links sind auf Englisch, da der Großteil dieser Debatte im englischsprachigen Raum und im Internet stattfindet.

Skinny Shaming Is Not the Same as Fat Phobia
Diet advice and tiny seats: how to avoid 10 forms of fatphobia
Fatphobia: A Guide for the Disbeliever
51 Ways to Make the World Less Hostile to Fat People
Fatphobia101: Six Tools To Dismantle Weight Stigma

Autor: Michelle Janßen

Michelle Janßen ist eine süddeutsche Bloggerin, Journalistin und Autorin. Sie studiert deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte. Auf Büchnerwald bloggt sie medienkritisch über Politik, Geschichte und (online) Medien.

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