Kim Thúy: Ru [Rezension]

ru

Ru

– Rezension –


TW: Vietnamkrieg, sexualisierte Gewalt, Tod, Flucht


Zu Beginn ihres Buchs schreibt Thúy die einleitenden Worte:

En français, ru signifie «petit ruisseau» et, au figuré, «écoulement (de larmes, de sang, d’argent)» (Le Robert historique). En vietnamien, ru signifie « berceuse », « bercer ».

Sie erklärt den Titel des Buches in seinen zwei, für sich wichtigen, Bedeutungen – auf Französisch bedeutet ru ein kleiner Strom, was zu „Fluss“ oder einem generellen „Auslaufen (von Tränen, Blut, Geld)“ übersetzt werden kann. Auf Vietnamesisch bedeutet das Wort ru „Wiegenlied“ und „beruhigen“.

Ähnlich poetisch wie diese ersten Zeilen ist der Rest von Ru. Für diese Rezension wurde die Ausgabe im französischen Original gelesen, die 2009 von Libre Expression in Kanada veröffentlicht wurde. Das Buch wurde 2012 ins Englische, Deutsche und in weitere Sprachen übersetzt.

Inhalt

Auf knapp 215 Seiten erzählt Thúy die Geschichte endlos vieler Menschen, die in den 60ern und frühen 70ern als Konsequenz des Vietnamkriegs aus ihrer Heimat fliehen mussten. Tinh Nguyen, die Protagonistin, wird während der Tet-Offensive 1968 in Saigon geboren. Sie flieht mit ihrer wohlhabenden Familie nach Kanada.

Es wird durchgehend aus ihrer Perspektive erzählt, die Handlung spielt sich zum einen in Vietnam und Malaysien ab, wo sie als ‚Bootmensch‘ zusammen mit tausenden anderen Boote nutzt, um aus dem Vietnam zu entkommen. Die andere (größere) Seite des Buchs beschreibt ihr Leben als junge Migrantin in Granby (Quebec). Beschrieben wird die Geschichte der ersten Welle an ‚Bootmenschen‘, die auf diese Weise zwischen 1977 und 1979 flüchteten.

Das Buch ist in 144 Vignetten, also kurze, expressionistische Textstücke, unterteilt. Jede davon lässt sich problemlos außerhalb von Kontext lesen und verstehen. Thúy schreibt ihren Roman mithilfe von Kurzprosa, die sie künstlerisch aneinanderhängt und damit ein Leseereignis schafft, was auf diese Art (zumindest für mich) einzigartig ist.

Keine der Figuren, mit Ausnahme von der Protagonistin und ihrer Mutter, haben Namen, nur Nummern, was für mehr Distanz zwischen der Autorin und ihrer Geschichte sorgt, sie aber auch offen für Interpretation lässt. Gerade in Bezug auf Tinh Nguyen und ihre direkte Familie wird damit auch der Prozess der Namensänderung angesprochen und kommentiert, der die originalen Namen der Geflüchteten mit ‚westlichen‘ Namen ersetzt.

Schreiben über Krieg

Das, was Ru zu einem spektakulären Buch macht, ist nicht nur die Art, wie erzählt wird, sondern auch wie Thúy über Krieg schreibt. Nämlich gar nicht. Sie schreibt dezidiert nicht über den Krieg, sondern über seine Auswirkungen und beleuchtet damit die andere Seite der Kriegshelden-Romantik, die besonders in den USA gerne geschrieben und auf die Leinwand gebracht wird.

Thúy selbst beschreibt ihre Erlebnisse als ideengebend, das Buch beruht jedoch eher lose auf reellen Ereignissen und soll das allgemeine Gefühl, Migrantin mit dieser Geschichte zu sein, transportieren, nicht Thúys Lebensgeschichte. Sie selbst sagt, dass sie viel Glück hatte und ein Boot nutzte, auf dem es keine (sexualisierte) Gewalt und keine Unfalltoten gab. Andere hatten weit weniger Glück. Auch wenn die Zahlen ungenau sind und die Dunkelziffer erschreckend hoch sein dürfte, wird geschätzt, dass etwa 200.000 Menschen mithilfe von Booten flüchteten; viele davon ertranken oder erlagen hygienebedingten Krankheiten, sowie Dehydration und Unterernährung.

Ihr Kommentar zur Tet-Offensive beleuchtet nur die Oberfläche der militärischen Operationen der nordvietnamesischen Armee und des Vietcong, aber das ist auch nicht wichtig. Denn Thúy erinnert in ihrem Roman immer wieder daran, wie viele Leben im Zuge dieses Krieges verloren wurden und wie viele ihr Leben für immer Umsiedeln mussten. Sie stellt die ins Spotlight, die sonst gerne als Kollateralschäden abgetan werden. Gerade die Kinder, die teils von ihrer Familie getrennt wurden oder ohne wirklichen Kontext in ein neues Leben geworfen wurden, fernab von allem Bekannten. Die Problematiken hinter diesen Dingen beschreibt sie aus eigener Erfahrung. Hinzu kommen neue Herausforderungen, wie das Leben mit Rassismus und Sprachbarrieren.

Warum Ru heute wichtig ist

Die Unterhaltung über Geflüchtete, ihr Trauma und die Opfer, die sie bringen, ist heute wichtiger denn je. Als Mensch, der ohne Krieg im eigenen Land aufgewachsen ist, ist es unmöglich sich vorzustellen, was Geflüchtete durchmachen, um sich und ihre Familie in Sicherheit zu bringen.

Thúy gibt einen Anstoß, um nicht nur über unsere Situation heute nachzudenken, sondern auch darüber wie wir Geflüchtete seit jeher behandeln und was der richtige Umgang mit dem Thema ausmachen kann. Sie beschreibt die Feindseligkeit, aber auf Offenheit und was ihr dies im Endeffekt brachte. Ihr Buch ist ein unfassbar schönes und doch grausames Erlebnis, was man immer wieder lesen kann, wenn man zurück auf den Boden der Tatsachen geholt werden muss.

Fazit

Ru ist ein Roman, den jede*r lesen sollte. Er ist Augen öffnend, tiefgründig (ohne kitschig zu sein) und bewegend. Liest man ihn, so liest man nicht nur über Krieg, Tod, Migration, Angst, Hindernisse und Flucht – sondern vorallem über die Menschen, die all dies betrifft und betroffen hat.

Dazu ist Thúy eine own-voice Autorin, die mit meisterlicher Sprache Gefühl und Handlung miteinander verwebt und dabei die Aktualität ihrer Geschichte herausstellt.

Autor: Michelle Janßen

Michelle Janßen ist eine süddeutsche Bloggerin, Journalistin und Autorin. Sie studiert deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte. Auf Büchnerwald bloggt sie medienkritisch über Politik, Geschichte und (online) Medien.

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