Elsa Osorio: Mein Name ist Luz [Rezension]

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Mein Name ist Luz

– Rezension –


TW: Adoption, Diktatur


Elsa Osorio schreibt auf 425 Seiten die Geschichte einer ganzen Reihe an Menschen auf, die gerade im ‚Westen‘ unbekannt ist. Sie erinnert Leser*innen daran, was vor wenigen Jahrzehnten auf der anderen Seite der Welt passierte und bis heute die Menschen dort beeinflusst.

Für diese Rezension wurde die deutsche Übersetzung des Romans von Christine Barckhausen-Canale gelesen, die im Insel-Verlag 2000 erschien.

Inhalt

In Mein Name ist Luz wird eine Suche beschrieben. Die Protagonistin sucht nach sich selbst, ihren Eltern und der eigenen Identität. Durch einen Erzähler*innenwechsel wird man dabei immer tiefer in das Geschehen hineingezogen.

1976-1983 wurden im Zuge der argentinischen Diktatur die Neugeborenen und jungen Kleinkinder von inhaftierten Regimegegnerinnen genommen und von hohen Militärs ohne Kinder adoptiert. Die Protagonistin des Romans, selbst Opfer dieser Praxis, versucht Jahre später herauszufinden, wo sie eigentlich herkommt und was mit ihren leiblichen Eltern geschehen ist.

Ein unbekannter Krieg

Auch wenn man eine generelle Vorstellung davon hat, was in den 60ern bis 90ern in Südamerika vorfiel, so ist es für uns im ‚Westen‘ eine abstrakte Vorstellung, was damals in Argentinien geschah.

Osorio beschreibt in einem dichten, packenden Schreibstil, was politische Machenschaften mit einer ganzen Bevölkerung machen können. Die psychologischen Folgen der Diktatur stehen im Vordergrund, nebenbei bietet der Roman eine dringend nötige Geschichtslektion an. Es werden, die, die es betrifft, beschrieben – auf beiden Seiten. Auch eine der Frauen, die keine Kinder hat und dringend eines möchte, kommt zu Wort. Zwischen den Zeilen liest man mehr, als nur die Geschichte einer jungen Frau, die ihre Eltern sucht.

Es geht um Identitätsfindung, häusliche Gewalt, Unterdrückung, politische Korruptheit und schieres Elend, alles vor dem Mantel der Machtkämpfe, die bis heute Südamerika verwüsten.

Es ist nicht wirklich ein durchgehender Roman, sondern vielmehr eine Collage aus Berichten, Erinnerungen und Geschichten, die wie in einer Ermittlung zusammengeschoben wurden, um herauszufinden, was damals wirklich geschah.

Fazit

Das heutige Südamerika wird noch immer von Diktaturen und politischen Machtergreifungen unterdrückt. Osorios Roman ist also mehr, als nur ein Blick in die Vergangenheit. Er deckt erschreckend ehrlich auf, was einen ganzen Kontinent beschäftigt und wie weit die Menschen in der Politik gehen, um ihre Ziele zu erreichen.

Das Internet als Ort der männlichen Selbstbestätigung

Männerclubs (SoMe)

Das Internet als Ort der männlichen Selbstbestätigung


Disclaimer: Dieser Artikel wurde im Rahmen eines Blogprojekts erstmals veröffentlicht und ist nun hier zu lesen. Nachdem ich darauf hingewiesen wurde, dass ich hier cis-sexistische Sprache verwende, wurde der Artikel umgeschrieben. Ich bitte Leser*innen auch in Zukunft darum, mir solche Dinge zu sagen, da ich noch immer viel in diesem Bereich zu lernen habe.

In diesem Artikel geht es um cis Männer. Auch cis Frauen legen dieses Verhalten an den Tag, was jedoch teilweise andere Beweggründe hat. Da diese nicht im Text geklärt werden, sondern vielmehr einen eigenen Text benötigen, werden sie hier nicht spezifisch mit aufgezählt. Als Blogbetreiberin ist es mir aber wichtig klar zu machen, dass ich nicht darüber hinwegsehe, dass auch cis Frauen diese Dinge tun.


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Von „Dudebros“ und „Feministen“

Es ist kein Geheimnis, dass unsere Gesellschaft von patriarchalen Strukturen geformt wird. Innerhalb feministischer Kreise, besonders im Internet, hat sich eine Art cis Mann formiert, die halb im Scherz als „Dudebro“ bezeichnet wird. Was dieser Name beschreibt, sind Männer, die sich selbst als Feministen bezeichnen, gegen die Strukturen vorgehen und sich dafür feiern lassen, jedoch hinter der Fassade weiterhin ihre alten Ismen und männliche Bevorzugung betreiben.

Wer diese cis Männer sind, wird oft deutlich, wenn man sich länger mit ihnen beschäftigt. Sie hören von nichtbinären Menschen, trans Männern und Frauen, dass ein cis Mann etwas getan hat und sind weiterhin mit ihm befreundet, weil „es sie ja nichts angeht“. Sie hinterfragen wenig und tolerieren viel, wenn es um die cis Männer in ihrem Freundeskreis und sie selbst geht. Sie nennen sich selbst „woke“ und wollen für jede feministische/politische Kleinigkeit, die sie machen/fördern, gefeiert werden. Und vor allem gehen sie anderen Feminist*innen mächtig auf die Nerven.

Männlichkeit in den Soziale Medien

Wo, wenn nicht in den Sozialen Medien, breitet sich diese Art cis Mann besonders gut aus? Männlichkeit in den SoMes ist ein Thema, über das sich ganze soziologische Dissertationen schreiben ließen. Für diesen Beitrag will ich mich auf Plattformen wie Youtube, Facebook und Twitter beschränken.

Das Problem bei „Dudebros“ ist nicht, dass sie nicht lernwillig wären oder primär antifeministisch denken würden. Es ist eher, dass man ihre Ismen immer vorsichtig umgehen muss, weil man in der Angst lebt, dass sie wütend werden. Dann ist man der/die undankbare Feminist*in, der/die „ein schlechtes Licht auf Feminismus wirft“, „nie zufrieden ist“ und „abschreckt“.

Auch die Kommentare dieser cis Männer, sind anstrengend. Gut gemeinte Kommentare, die tatsächlich aber mehr als banal sind, Punkte ansprechen, die von hunderten Betroffenen bereits erläutert wurden und dafür dann Lob einheimsen wollen. Die fehlende Reflexion über sich selbst ist es, die das Internetverhalten dieser Menschen definiert. Sie sind es auch, die sich als Feministen bezeichnen, bei Bewegungen wie #MeToo, #TimesUp und #MenAreTrash mit verzerrter Mine dasitzen und sich fragen, warum niemand ihnen gerade zuhören will. Sie haben ja so viel dazu zu sagen.

Die Tatsache, dass es eben nicht um sie geht, kommt nicht an. Sie sind es gewöhnt Lob dafür zu bekommen, dass sie sich Feminist zu nennen und Punkte von Betroffenen wiederholen. Zwischen dem, was sie auf Twitter behaupten zu sein und was sie im echten Leben denken liegen Welten. Diese cis Männer denken, Feminismus sei Frauensache. Dass sie helfen, ist eine wohlwollende Geste. Etwas, für das man ihnen doch bitte die Füße küssen soll, weil „schaut mal wie großartig es ist, dass sie sich mit so einem Thema beschäftigen“.

Freunde, so funktioniert das Ganze nicht.

Männer helfen Männern, Frauen auch

Es sind diese Gruppierungen von cis Männern, die das Patriarchat in seiner Gänze für sich nutzen. Sie streichen die Vorteile, cis Mann zu sein, ein und beanspruchen gleichzeitig Lob dafür, dass sie sich Feministen nennen.

„Dudebros“ sind es, die fast nur andere cis Männer fördern. Die in einer feministischen Diskussion den einen cis Mann retweeten, der auch was dazu gesagt hat. Auch, weil dieser cis Mann meistens einfach die Punkte von mehreren Betroffenen zusammengefasst hat. Dann hat man was fürs gute Gewissen getan und kann den Freund*innen zeigen, wie „woke“ man doch ist.

Auch in der Forschung, nehmen sie sich selbst und generell cis Männer wichtiger, als alles andere. Sie schreiben Artikel über nichtbinäre Menschen, trans Männer, Frauen und B_PoCs, statt deren Artikel zu fördern. Sie rezipieren keine Forschung von Minderheiten und wenn, dann selten und nur, wenn sie die Personen dahinter persönlich kennen. Auf Youtube schauen sie nur cis-männlich konnotierte Kanäle, weil das ja die Witzigeren sind und überhaupt, „es gibt halt kaum Andere, die sich nicht nur schminken!“

Dass das Blödsinn ist und eine schale Ausrede darstellt, um den eigenen Konsum nicht überdenken zu müssen, ist ihnen meistens selbst klar. Aber diese Ausrede greift, also wird sie eben genutzt. Die Tatsache, dass man nicht-cis-männliche Menschen mehr schauen, lesen und stützen sollte, eben weil es so wenige von ihnen in allen Bereichen gibt, wird ignoriert.

Wenn ein problematisches Outlet diesen cis Männern Aufmerksamkeit schenkt, wird diese angenommen und nicht hinterfragt. Wenn sie mal wieder in einem Sammelband erscheinen, der von cis Männern über cis Männer (oder cis-männliche Forschung) geschrieben wird, ist das trotzdem eine „tolle Gelegenheit, die man halt nicht ausschlagen will“.

Maskulinität und unbequemer Feminismus

Diese Art von Maskulinität und fehlender Selbstreflexion ist es, die „Dudebros“ zu einer der anstrengendsten Gruppe an Menschen macht. Weil man sie braucht. Es sind meistens genau diese cis Männer, die Einfluss haben. Deren Retweet oder Empfehlung richtig viel bringen könnte. Es ist absolut frustrierend, ihnen das Lob geben zu müssen, um das sie buhlen. Weil man weiß, dass sie sich Feminismus nur auf ihre Fahne schreiben, um sich selbst zu bewerben. Nicht, um der Sache willen. Sie verstehen nicht, was Feminismus wirklich ausmacht. Wie er auch ihnen hilft. Wie wichtig dieses Thema ist.

Sie schreiben zehn Hottakes über einen Mann, der mal was Antifeministisches oder Skandalöses gemacht hat, statt ihren Einfluss dafür zu nutzen, Betroffene zu bewerben. Und andere cis Männer finden das gut. Genau wie cis Frauen das oft toll finden, weil „zumindest ist er Feminist“. Unser Maßstab ist mittlerweile so tief angesetzt, dass wir dankbar und froh sind, wenn ein cis Mann mal nicht ein offensichtliches Arschloch ist. Das Internet ist unterteilt in cis Männer, die offen zeigen, dass sie nichts von Feminismus und PC-Kultur halten und denen, die das verstecken. Vielleicht ist ihnen selbst nicht klar, dass sie in ihren „Bemühungen“ trotzdem Schaden anrichten. Vielleicht schon.

Fakt ist, dass Betroffene besser überlegen müssen, wem sie endloses Lob zusprechen und wen sie in ihre Timelines teilen. Cis Männer hingegen müssen sich klar werden, dass es sehr einfach ist, nicht zu reflektieren. Es ist einfacher und bringt ihnen mehr und ist reibungsloser. Aber wenn sie wirklich dem Feminismus helfen wollen, müssen sie darüber hinwegsehen.

Weiblich Gelesene und trans Männer im Internet sind sich bewusst, dass Feminist*in sein negative Auswirkungen hat. Beschimpfungen sind da nur die Spitze des Eisbergs.

Männlich Gelesene können sich hingegen Feminist nennen, ohne nennenswerte Nachteile einzustreichen. Sie müssen aktiv annehmen, dass Feminismus keine schöne Komplimentewelle von Frauen, während man gleichzeitig weiterhin von patriarchalen Strukturen profitiert, bedeutet. Es ist keine Schande zu einem gewissen Grad ein „Dudebro“ zu sein. Es ist aber eine Schande, wenn man(n) diese Realisation nicht dafür nutzt, ein bisschen über sich selbst nachzudenken.

Anleitung, um kein „Dudebro“ zu sein

  1. Nicht nur Tweets und Beiträge liken, sondern auch lesen und teilen!
  2. Vor Kommentaren zu feministischen Themen überlegen, ob der Kommentar wirklich sein muss und ob das nicht vielleicht schon ein*e Betroffene*r geschrieben hat (dann diesen Kommentar teilen).
  3. Mehr von Betroffenen schauen/lesen, empfehlen und ihnen so helfen.
  4. Den eigenen Freundeskreis kritisch betrachten und sich von denen trennen, deren toxisches Verhalten man vorher toleriert hat.
  5. Nicht nach jeder politischen Äußerung Lob verlangen.
  6. Feminist*innen, die ihr toll findet, ab und an mal „Danke“ sagen.
  7. Nicht die Stimmen von Minderheiten nutzen, um Threads/Texte zu schreiben, die euch Aufmerksamkeit bringen. Stattdessen Own-Voice-Texte/Tweets teilen.
  8. Nennt euch nicht selbst „woke“. Wenn ihr denkt, dass ihr „woke“ seid und über alle Issues bescheid wisst, dann seid ihr mit großer Sicherheit nicht „woke“.
  9. Seid euch eurer Privilegien nicht nur bewusst, sondern nutzt sie auch für andere und brecht sie herunter, wenn sie der Grund sind, warum Minderheiten benachteiligt werden.
  10. Seid intersektional oder lasst es. Wenn ihr nur weiße cis Frauen stützt, die euch in den Kram passen, dann seid ihr keine Feministen, sondern Arschlöcher.

Kim Thúy: Ru [Rezension]

ru

Ru

– Rezension –


TW: Vietnamkrieg, sexualisierte Gewalt, Tod, Flucht


Zu Beginn ihres Buchs schreibt Thúy die einleitenden Worte:

En français, ru signifie «petit ruisseau» et, au figuré, «écoulement (de larmes, de sang, d’argent)» (Le Robert historique). En vietnamien, ru signifie « berceuse », « bercer ».

Sie erklärt den Titel des Buches in seinen zwei, für sich wichtigen, Bedeutungen – auf Französisch bedeutet ru ein kleiner Strom, was zu „Fluss“ oder einem generellen „Auslaufen (von Tränen, Blut, Geld)“ übersetzt werden kann. Auf Vietnamesisch bedeutet das Wort ru „Wiegenlied“ und „beruhigen“.

Ähnlich poetisch wie diese ersten Zeilen ist der Rest von Ru. Für diese Rezension wurde die Ausgabe im französischen Original gelesen, die 2009 von Libre Expression in Kanada veröffentlicht wurde. Das Buch wurde 2012 ins Englische, Deutsche und in weitere Sprachen übersetzt.

Inhalt

Auf knapp 215 Seiten erzählt Thúy die Geschichte endlos vieler Menschen, die in den 60ern und frühen 70ern als Konsequenz des Vietnamkriegs aus ihrer Heimat fliehen mussten. Tinh Nguyen, die Protagonistin, wird während der Tet-Offensive 1968 in Saigon geboren. Sie flieht mit ihrer wohlhabenden Familie nach Kanada.

Es wird durchgehend aus ihrer Perspektive erzählt, die Handlung spielt sich zum einen in Vietnam und Malaysien ab, wo sie als ‚Bootmensch‘ zusammen mit tausenden anderen Boote nutzt, um aus dem Vietnam zu entkommen. Die andere (größere) Seite des Buchs beschreibt ihr Leben als junge Migrantin in Granby (Quebec). Beschrieben wird die Geschichte der ersten Welle an ‚Bootmenschen‘, die auf diese Weise zwischen 1977 und 1979 flüchteten.

Das Buch ist in 144 Vignetten, also kurze, expressionistische Textstücke, unterteilt. Jede davon lässt sich problemlos außerhalb von Kontext lesen und verstehen. Thúy schreibt ihren Roman mithilfe von Kurzprosa, die sie künstlerisch aneinanderhängt und damit ein Leseereignis schafft, was auf diese Art (zumindest für mich) einzigartig ist.

Keine der Figuren, mit Ausnahme von der Protagonistin und ihrer Mutter, haben Namen, nur Nummern, was für mehr Distanz zwischen der Autorin und ihrer Geschichte sorgt, sie aber auch offen für Interpretation lässt. Gerade in Bezug auf Tinh Nguyen und ihre direkte Familie wird damit auch der Prozess der Namensänderung angesprochen und kommentiert, der die originalen Namen der Geflüchteten mit ‚westlichen‘ Namen ersetzt.

Schreiben über Krieg

Das, was Ru zu einem spektakulären Buch macht, ist nicht nur die Art, wie erzählt wird, sondern auch wie Thúy über Krieg schreibt. Nämlich gar nicht. Sie schreibt dezidiert nicht über den Krieg, sondern über seine Auswirkungen und beleuchtet damit die andere Seite der Kriegshelden-Romantik, die besonders in den USA gerne geschrieben und auf die Leinwand gebracht wird.

Thúy selbst beschreibt ihre Erlebnisse als ideengebend, das Buch beruht jedoch eher lose auf reellen Ereignissen und soll das allgemeine Gefühl, Migrantin mit dieser Geschichte zu sein, transportieren, nicht Thúys Lebensgeschichte. Sie selbst sagt, dass sie viel Glück hatte und ein Boot nutzte, auf dem es keine (sexualisierte) Gewalt und keine Unfalltoten gab. Andere hatten weit weniger Glück. Auch wenn die Zahlen ungenau sind und die Dunkelziffer erschreckend hoch sein dürfte, wird geschätzt, dass etwa 200.000 Menschen mithilfe von Booten flüchteten; viele davon ertranken oder erlagen hygienebedingten Krankheiten, sowie Dehydration und Unterernährung.

Ihr Kommentar zur Tet-Offensive beleuchtet nur die Oberfläche der militärischen Operationen der nordvietnamesischen Armee und des Vietcong, aber das ist auch nicht wichtig. Denn Thúy erinnert in ihrem Roman immer wieder daran, wie viele Leben im Zuge dieses Krieges verloren wurden und wie viele ihr Leben für immer Umsiedeln mussten. Sie stellt die ins Spotlight, die sonst gerne als Kollateralschäden abgetan werden. Gerade die Kinder, die teils von ihrer Familie getrennt wurden oder ohne wirklichen Kontext in ein neues Leben geworfen wurden, fernab von allem Bekannten. Die Problematiken hinter diesen Dingen beschreibt sie aus eigener Erfahrung. Hinzu kommen neue Herausforderungen, wie das Leben mit Rassismus und Sprachbarrieren.

Warum Ru heute wichtig ist

Die Unterhaltung über Geflüchtete, ihr Trauma und die Opfer, die sie bringen, ist heute wichtiger denn je. Als Mensch, der ohne Krieg im eigenen Land aufgewachsen ist, ist es unmöglich sich vorzustellen, was Geflüchtete durchmachen, um sich und ihre Familie in Sicherheit zu bringen.

Thúy gibt einen Anstoß, um nicht nur über unsere Situation heute nachzudenken, sondern auch darüber wie wir Geflüchtete seit jeher behandeln und was der richtige Umgang mit dem Thema ausmachen kann. Sie beschreibt die Feindseligkeit, aber auf Offenheit und was ihr dies im Endeffekt brachte. Ihr Buch ist ein unfassbar schönes und doch grausames Erlebnis, was man immer wieder lesen kann, wenn man zurück auf den Boden der Tatsachen geholt werden muss.

Fazit

Ru ist ein Roman, den jede*r lesen sollte. Er ist Augen öffnend, tiefgründig (ohne kitschig zu sein) und bewegend. Liest man ihn, so liest man nicht nur über Krieg, Tod, Migration, Angst, Hindernisse und Flucht – sondern vorallem über die Menschen, die all dies betrifft und betroffen hat.

Dazu ist Thúy eine own-voice Autorin, die mit meisterlicher Sprache Gefühl und Handlung miteinander verwebt und dabei die Aktualität ihrer Geschichte herausstellt.

Warum wir dringend über Body Positivity sprechen müssen

Bild für Blog

Warum wir dringend über Body Positivity sprechen müssen


TW: Essstörung, Bodyshaming, Rassismus.


Disclaimer: Dieser Artikel wurde im Rahmen eines Blogprojektes erstmals veröffentlicht und ist nun hier zu lesen.


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Bevor es mit dem Text losgeht, möchte ich (als Autorin) ein paar Worte sagen. Dieser Text beinhaltet Themen zu Essstörungen und Übergewicht. Sollten euch diese Themen triggern oder missfallen, bitte ich euch diesen Text nicht zu lesen.

Für den Text sind zudem einige Angaben zu mir wichtig. Zunächst einmal das Offensichtliche: Ich bin keine dünne Frau. Ich werde als dicke Frau wahrgenommen, aber als das, was man oft good fatty nennt. Das heißt: Meine Ernährung ist gesund, ich mache Sport und passe in Kleidung, die man in den meisten Mainstream-Läden (das heißt alles außer New Yorker und Pimpkie) findet. Das sind Privilegien, derer ich mir bewusst bin. Ich schreibe diesen Meinungsartikel trotzdem aus der Sicht einer Person, die seit Jahren über ihr Gewicht bestimmt wird. Sowohl von anderen als auch von mir.

Disclaimer: Ich spreche aus meiner Erfahrung und kann deshalb offensichtlich nicht alle Besonderheiten, wie etwa die Rolle von schwangeren Frauen, abdecken. Da dieses Thema polarisierend ist möchte ich außerdem anmerken, dass ich nicht mit Menschen diskutieren werde, die persönlichen Erfahrungen (von mir und anderen Betroffenen) in unserer Gesellschaft infrage stellen oder angreifen.

Woher kommt Body Positivity?

Body Positivity kommt ursprünglich aus dem Fat Acceptance Movement. Ziel war es, öffentlich gegen das „nur dünn kann schön sein“-Ideal für Frauen und weiblich Gelesene vorzugehen. Dies feierte in den letzten Jahren massive Erfolge. Plus-size Model erobern die Laufstege und immer mehr Frauen/weiblich Gelesene in großen Größen trauen sich mit Selbstbewusstsein und Crop Top bewaffnet in die Welt.

Warum das für viele von uns eine emotionale Angelegenheit ist, können sich Außenstehende kaum vorstellen. Aber in den letzten Jahrzehnten, eigentlich das gesamte letzte Jahrhundert hinweg, fehlten wir komplett in der  Medienwelt. Wir wurden nicht gezeigt, weil man uns nicht sehen wollte. Unser Recht auf Existenz in der Öffentlichkeit war nonexistent.

Wir verdanken dieses movement vor allem auch schwarzen Frauen und weiblich Gelesenen, auf deren Kosten diese Unterdrückung lange doppelt ging. Sie waren es, die genug davon hatten zwischen dem Stereotyp „dicke schwarze Frau“ und Ignoranz zu wählen.

Nun erfolgt langsam die Öffnung des movements für alle Menschen. Für die, die andere „Schönheitsmakel“ haben, die von den Medien retuschiert werden. Es spricht nichts dagegen, versteht mich nicht falsch. Ich liebe es, dass Menschen sich selbst zelebrieren. Aber Body Positivity dreht sich nicht um das Feiern von „Fehlern“, sondern um Politik, konstruierter Schande und den Bruch mit Stereotypen.

Aneignung, Kommentare und Gesundheit

Die, die sich dieses movement angeeignet haben, drängen uns dicke Frauen und weiblich Gelesene heraus. Sie feiern sich und ihre eigentlich gesellschaftlich akzeptierter Körper mit kleinen „Makeln“ und wir werden im Regen stehen gelassen. Auch Marken nutzen den von uns etablierten Namen, um sich zu profilieren. Unsere Probleme, die weitaus größer sind als reine Äußerlichkeiten, sondern sich eben um unser Recht auf Existenz drehen, sind plötzlich nicht mehr Teil von Body Positivity. Stattdessen wird Fat Acceptance als ekelhaft und ungesund bezeichnet und Body Positivity gefeiert. Dabei ist es eigentlich doch ein und dieselbe Bewegung!

Eines der Ziele war es, dünnen Menschen klarzumachen, dass niemand die Körper anderer zu kommentieren hat. Unsere Gesundheit, hat euch egal zu sein. Was wir essen, hat niemanden außer uns selbst zu interessieren. Ihr versteckt eure Kommentare hinter „ich will nur helfen“, dabei sind sie nichts anderes als misogyner, fatphober Mist, der uns dazu nötigen/shamen/zwingen soll, eure Lebensideale zu übernehmen. Das zu tun, was ihr möchtet, weil ihr denkt, es sei das Beste für uns. Nun werden wir wieder einmal als ekelhaft bezeichnet, weil wir leben wollen, während ihr euch feiert. Die Bewegung, die wir über Jahre aufgebaut haben, hasst uns. Danke für nichts.

Ihr akzeptiert uns nur, wenn wir good fatties sind. Nicht zu dick, also mit Potenzial zur Besserung, guter Ernährung und Sport. Wenn wir aussehen, wie die etwas dickeren Model, denen ihr auf Instagram folgt.
Wenn wir dick sind, aber nicht dick-dick, sondern angenehm dick.

Gleichsam werden schwarze Frauen und WoCs aus der Bewegung gedrängt, die sie mitbegründet und entscheidend geprägt haben. Body Positivity ist jetzt weiß und dünn und damit effektiv nutzlos.

Wie dünne Frauen und weiblich Gelesene dem Ganzen schaden

Ich will keiner dünnen Person unterstellen, dass sie keine Probleme mit ihrem Körper und auch mit Mobbing haben können. Aber die Ursprünge hinter dem Body Pos-Movement kommen nicht aus dem Selbsthass oder aus Mobbing – sie wurden von Frauen und weiblich Gelesenen geschaffen, die systematisch erniedrigt und geshamed werden. Das ist – bei aller Kulanz – nicht das gleiche, wie böse Kommentare und der eigene Blick auf den Körper.

Diese Erniedrigung zeigt sich auf Comedy-Bühnen, wo Dicken-Witze gemacht werden, in Liedern, Serien, wo die dicke (schwarze) Freundin als Sidekick unterwegs ist und die dünne hübsche Protagonistin stützt oder wo der dicke Mann seine normalgewichtige Frau shamed (wir erinnern uns an die Serie „King of Queens“). Sie ist das Gefühl in einem Film zu sehen, wie Adam Sandler zeigt: Man kann uns lieben, wenn man vorher nur lange genug denkt, dass wir dünn (und damit begehrenswert) sind. Zeitschriften, die uns nicht nur beleidigen, sondern auch 1000 Diättipps bieten und nebenher „dicke Merkmale“ an dünnen Menschen shamen. Wir verdienen im Schnitt aber auch weniger, bekommen seltener Beförderungen und werden nicht ernst genommen, weil dick sein mit unhygienisch und faul
sein gleichgesetzt wird (Quelle).

Vor allem aber sterben wir. Nicht, weil wir ein Stück Kuchen zu viel gegessen haben, sondern weil Ärzt*innen uns nicht ernst nehmen. Dies ist auch als Weight Stigmabekannt.

Ich ging mit einem Knoten in der Brust zu meiner Frauenärztin, die mich zu einer Untersuchung in das Uniklinikum schickte. Dort sagte man mir „das ist schon kein Krebs, das ist Fettgewebe“. Trotz einer familiären (und persönlichen) Geschichte, die meine Angst auf Krebs durchaus stützt. Als ich auf meine Untersuchung bestand, stellte sich heraus, dass es eine Zyste war, die tatsächlich entfernt werden musste. Eine Entschuldigung erhielt ich nie. Auch nicht von dem Arzt, der meine Lungenprobleme auf mein Gewicht schob, statt auf andere Faktoren, obwohl in meiner Krankenakte etwas anderes stand.

Es ist ein Problem. Eines, was dünne Menschen sich seit Ewigkeiten aneignen. Wann immer sie sich „fett“ nennen, nur damit ihnen von allen Seiten versichert wird, dass sie es nicht sind. Wenn sie so tun, als wüssten sie, wie es uns geht. Wenn sie einen negativen Kommentar mit einem ganzen Leben voller Kommentare vergleichen. Voller „solltest du das wirklich essen?“ und „wir haben ihre Größe nicht“ und „sorry, ich date keine dicken Frauen, aber du wirkst nett!“.

Männer und die Body Positivity

An dieser Stelle fällt euch vielleicht auf, dass ich Männer und männlich Gelesene ausschließe. Das hat den einfachen Grund, dass sie in der Popkultur besser wegkommen als wir. Wie viele Serien, in der ein dicker Mann eine dünne Frau hat, könnt ihr nennen? Wie viele, in denen es umgekehrt ist. Dicken Männern wird gesagt, dass ihr Humor oder ihre Persönlichkeit oder sogar nur ihr Geld reicht, um sie liebenswert zu machen. Uns wird eingetrichtert, dass niemand uns jemals lieben wird, wenn wir nicht dünn werden. Dass wir, wenn wir nicht auf Diät sind und alles tun, um unsere Körper für andere liebenswert und begehrenswert zu gestalten, keinen Wert haben.

In der Arbeitswelt und im privaten Umfeld tut sich für sie weniger. Um es vereinfacht und auf cis Personen fokussiert zu sagen, sind auf heteronormativen Datingseiten dicke Männer kuschelig; dicke Frauen sind fetisch. In der LGBTQA+ Community ist es teilweise noch schlimmer.

Das bedeutet nicht, dass Body Positivity nicht auch für Männer und männlich Gelesene sein kann. Im Gegenteil, es gibt innerhalb der Bewegungen auch von ihnen plus-size Model, die zelebriert werden. Weil in Filmen und der Modewelt trainierte und dünne Männer/männlich Gelesene zum Ideal erhoben werden.

Gender spielt also eine Rolle, aber sie gleicht es nicht ganz aus. Auch unter Männern und männlich Gelesenen gibt es das Problem, dass Ärzt*innen sie nicht ernst nehmen und auch sie sterben früher.

Essstörungen, Gesundheit und Instagram

Nun zu einem Argument, was von vielen dünnen Frauen und weiblich Gelesenen gerne genutzt wird: Ich kenne das Problem, ich habe/hatte eine Essstörung oder wurde für Magersüchtig gehalten. Hier erstmal die Anmerkung das Essstörungen furchtbar sind und es für die Leidenden sehr schwer ist, ihren Körper zu lieben. Aber das hat nichts mit Body Positivity zu tun.

Warum?

Nun, zum einen bedeutet dick sein keine automatische Essstörung. Dicke Menschen sind nicht alle krank. Viele können nichts für ihr Gewicht, aber viele schon und das ist okay. Niemand ist weniger wert, weil er/sie/nb sich die Pfunde selbst zu verdanken hat. Dieses Denken impliziert, dass dick sein wirklich die Epidemie ist, die die Medien gerne aus ihr machen. Nein. Dicke Menschen können gesund oder krank sein – mit einer Essstörung hat es nicht zwingend etwas zu tun.

Zweitens können auch dicke Menschen Magersucht haben. Oft wird ihnen gratuliert, dass sie so viel abgenommen haben (ein Grund niemals jemandem hierfür zu gratulieren, ohne das nötige Hintergrundwissen zu haben). Niemand kommt darauf, dass sie krank sein könnten, weil wir darauf trainiert sind, dass Abnehmen inhärent etwas Gutes sein muss. Dabei belastet schneller Gewichtsverlust und besonders Anorexie extrem die Organe einer Person. Der Herzmuskel wird schwach und die Person, der man gestern noch für ihre Krankheit gratuliert hat, ist tot.

Der dritte Punkt ist das Leidensnarrativ dünner Menschen. Ja, eine Krankheit ist zerrend und Kommentare zum eigenen Körper tun weh – das ist absolut korrekt und ich spreche das niemandem ab! Aber es ist einfach nicht das gleiche, wie die Lebensrealität dicker Menschen. Es ist schlimm, aber nicht das Gleiche. Alles was dieser Vergleich macht, ist eine Opferrolle zu konstruieren, die dicken Personen ihre Erfahrungen und Diskriminierung abspricht.

Wenn ich sehe, wie sich auf Instagram (zum Beispiel als der Film „Dumplin“ herauskam) dünne Frauen und weiblich Gelesene verbiegen, um irgendwie Rollen zu erzeugen, die sie fotografieren, um sich im Internet für ihren Mut feiern zu lassen, während sie nebenher ihre Privilegien als dünne Person genießen, wird mir ehrlich schlecht. Ich kann meine Rollen nicht nach dem Foto wieder einklappen. Ich lebe damit, dass jede Person, die mich sieht, automatisch „fett“ und „ungesund“ und „faul“ im Kopf hat. Ein Stigma, was ich durch harte Arbeit und persönlichen Kontakt ausgleichen muss.

Ich möchte euch anhand eines Tweets zeigen, was ich meine.

Warum wir dringend über Body Positivity sprechen müssen

Egal wie viele Kommentare dünne Menschen bekommen und wer euch mal gesagt hat, dass „richtige Frauen ja Kurven haben“ – ihr werdet niemals diese Frau sein. Ihr werdet es nie verstehen, wie es ist zu wissen, dass ihr für die meisten Menschen automatisch aussortiert werdet, wie ein Stück Müll. Ihr fühlt euch unwohl, wenn ihr euer Oberteil vor einem Hook-Up auszieht – wir werden teilweise aktiv ausgelacht. Ich wurde es schon. Und ich bin – wie bereits gesagt – noch privilegiert. Weil ich weiß bin und Bildung genießen darf, die mich über den Stereotypen der „dummen Dicken“ erhebt. Weil ich noch in Kleidung passe, die sich in regulären Geschäften, zu regulären Preisen und in schönen Mustern finden lässt.

Ich bin trotz aller dieser Privilegien die Person, die nicht gut genug für die meisten ist. Weil sie sich etwas Besseres erhoffen, ergo, jemand dünneres. Ich bin trotzdem die, deren Partner*innen grundsätzlich gefragt werden, ob sie einen Fetisch haben oder ob ich in der Beziehung dick geworden bin. Der versucht wird ihr*e Partner*in auszuspannen, weil alle annehmen, dass er/sie/nb definitiv etwas „Besseres“ will als mich. Deswegen muss das ja machbar sein.

Alle Privilegien zeigen mir, dass es da draußen Menschen gibt, die das, was ich an meinem Leben seit Jahren hasse, noch viel intensiver erleben. Die zusätzlich noch schlimmer behandelt werden. Tut mir leid, wenn ich kein Mitleid habe, wenn mir jemand erzählt, dass es genauso schlimm ist, Skinny Shaming zu erleben. (Nochmal: Das ist auch schlimm und nicht akzeptabel, aber nicht das Gleiche!)

Fazit: Liebt euch!- Aber lasst uns unseren Aktivismus!

Ich will, dass jede Person sich mag. Sich liebt. Ihren Körper toll findet und ihn gerne zeigt. Wirklich. Aber Body Positivity ist mehr als das. Es ist ein Movement von dicken Personen für dicke Personen und ganz egal wie viele Instagram-Likes ein Bild von euch bringt, auf dem ihr so tut, als würdet ihr unsere Probleme verstehen – ihr tut es nicht.

Sprecht dicken Personen nicht ab, dass sie diskriminiert werden. Hört ihnen zu, lasst ihnen Platz in den Medien, beschwert euch über Witze auf ihre Kosten. So helft ihr uns. Kommentare und Verbote austeilen, weil ihr „helfen“ wollt, sorgen für hohe Suizidraten und noch mehr Frustesserei. Schreibt und lest Bücher mit dicken Protagonist*innen, die einfach dick sind. Die tollen Sex haben und ein erfülltes Leben ganz ohne Diät. (Und ja, das geht. Egal was ihr denkt, ich lebe das.) Die rausgehen und Spaß im Leben haben. Schaut Filme, in denen es dicke Personen gibt, die nicht nur hässlicher Sidekick sind. Gebt uns eine Stimme, statt sie uns wegzunehmen.

Feiert eure Körper, aber nehmt uns nicht unsere politische Bewegung weg, weil ihr den Hashtag schön findet.

Weitere Links

Diese Links sind auf Englisch, da der Großteil dieser Debatte im englischsprachigen Raum und im Internet stattfindet.

Skinny Shaming Is Not the Same as Fat Phobia
Diet advice and tiny seats: how to avoid 10 forms of fatphobia
Fatphobia: A Guide for the Disbeliever
51 Ways to Make the World Less Hostile to Fat People
Fatphobia101: Six Tools To Dismantle Weight Stigma

Yannic Han Biao Federer: Und alles wie aus Pappmaché [Rezension]

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Und alles wie aus Pappmaché

– Rezension –


TW: Sexualität, Terrorismus, Prostitution


Ich las Und alles wie aus Pappmaché das erste mal im Zug auf dem Weg zu einer Buchmesse und dachte bis dahin, dass es ein Coming of age Roman sein würde, wie er bereits hunderte Male geschrieben wurde. Tatsächlich aber überrascht das Buch auf mehreren Ebenen durch Sprache, Witz, Erzählton und vor allem durch die Sichtweisen.

Für die Rezension wurde die 2019 bei Suhrkamp erschienene Fassung gelesen.

Inhalt

Erzählt wird aus der Perspektive von mehreren jungen Menschen, die Jahre nach dem Ende ihrer Schulzeit versuchen, ihr Leben zu leben und dabei immer wieder von der Vergangenheit unterbrochen werden. Im Fokus steht Jian, der 16 ist und in Stauffen zur Schule geht, als 2001 das World Trade Center einstürzt. Viel wichtiger für ihn damals ist das Beziehungsdreieck zwischen ihm, Anna und Sarah. Alle treffen sich 15 Jahre später in ihrer alten Heimat zu einer Beerdigung.

Coming of age und Jugendkultur

Coming of age und Jugendkultur zu schreiben ist nie wirklich leicht, wenn man nicht in dieselben Muster fallen will, wie hunderte vor einem. Federer schafft das aber, in dem er einiges anders macht, als man es erwartet. Generell ernst, aber mit humorvollen Untertönen, beschreibt er eine Jugend, die für alle heute 20- bis 35-Jährigen nachvollziehbar und irgendwie auch immer noch real ist. Jians Leben seit dem Ereignis 2001 wird in neun Kapitel aufgedeckt, wobei der Fokus immer wieder auf ehemalige Freund*innen von ihm fällt.

Yannic Han Biao Federer schafft es ein zeitgenössisches, zutreffendes Porträt einer ganzen Generation zu zeichnen, dass auf die unterliegenden Prozesse seit den späten 90ern hinweist. Digitalisierung, Globalisierung, Terrorismus, Fremdenfeindlichkeit und ein neues Verständnis von Sexualität und Umgang mit dem eigenen Körper werden thematisiert und fassen damit erschreckend genau zusammen, wie eine Jugend in Deutschland zu dieser Zeit ablief und was aus der Zeit im Gedächtnis bleibt. Das alles schafft er, ohne die oft kitschigen Stereotypen anzunehmen, mit denen dieses lakonische Lebensgefühl sonst ausgedrückt wird.

Stilistisch wird die Stimmung in Endlossätzen mit zahllosen Kommata transportiert. Fast hat man das Gefühl beim Lesen, atemlos zu werden. Dabei wird man so konsequent in die Handlung gezogen, dass man nach drei Stunden aufschaut und bemerkt, dass man es durchgelesen hat. Der Grundgedanke von aktueller Popkultur – Eskapismus und Identifikation – wird sowohl im Inhalt, als auch im Stil kommuniziert und umgesetzt. Dazu kommen unnötig lange Komposita und indirekte Rede, um das Buch genau so kompliziert zu lesen zu machen, dass es einem im Gedächtnis bleibt.

Der Schreibstil muss einem Gefallen, damit man das Buch lesen kann. Aber wenn dem so ist, so kann man sich auf eine kleine Reise gefasst machen, die einen quer durch die Realität der Jugend führt: Rechte Familienmitglieder, Trennung, Streit, Tränen, Sex, pseudolinke Bekanntschaften, Entdeckung der eigenen sexuellen Orientierung, Gewalt, Übergriffe, Selbstfindung und das Bereisen zahlreicher Länder.

Entfremdung und Queerness

Ein großer Teil davon, warum das Buch es schafft authentisch über Themen zu schreiben, die sonst bestenfalls für mittelgute Romane mit viel Fremdscham-Potential reichen, ist die Stimme des Protagonisten.

Jian wird vom allwissenden Erzähler, von allem um sich herum und sogar von sich selbst Jan genannt, weil das einfacher scheint. Mit diesem Randkommentar, der sich durch den ganzen Roman zieht, wird immer wieder darauf hingewiesen, in was für einer Gesellschaft Jian sozialisiert wird und lebt. Die Ignoranz, die hinter dem ‚Eindeutschen‘ von Namen steht, lässt einen als Leser*in nie ganz los und entlarvt die Umgebung, die sich gerne als weltoffen und tolerant sehen möchte.

Die Entfremdung findet nicht nur in der Heimat statt, sondern auch da, wo Jians Mutter herkommt. Er besucht sie, irgendwann gegen Ende des Romans, um festzustellen, dass er dort noch weniger ins Bild passt, als in Stauffen. Der Besuch hat trotzdem etwas Bestätigendes, auch wenn Jian sich sehr verloren vorkommt, wie mithilfe von Sprachausschnitten gezeigt wird, die auch für Leser*innen nicht übersetzt werden. Wir fühlen uns ebenfalls verloren und erleben die Entfremdung und die Heimatlosigkeit aus der ersten Reihe mit.

Zusätzlich zu diesem Umgang mit Heimat, die das Buch um einiges angenehmer zu lesen macht, als andere Romane dieser Richtung, wird das angesprochen, was die Generation Y offener und deutlicher als alle Generationen vor ihr erlebt: die Entdeckung der eigenen Sexualität. Jetzt, wo es einfacher ist, sich offen auszuprobieren, werden die Probleme dahinter in der Literatur sichtbar gemacht und Federer spricht genau das an. Er schreibt über Queerness und die tausend Fragen und Ängste, die man hat, wenn man entdeckt, dass man nicht hetero ist, aber auch über toxische Beziehungen und das Prinzip dahinter. Jede Sexszene im Buch hat tiefergehende Bedeutung (etwas worüber ich sehr dankbar bin) und auch die kurzen Erwähnungen von Prostitution zeigen auf, was für ein offenes, breites Bild von Sexualität sich in den letzten 20 Jahren in der Jugendkultur festigte.

Fazit

Und alles wie aus Pappmaché ist ein Roman, der vieles richtig macht. Er beschreibt eine diverse Generation, die in einer Gesellschaft eingebettet ist, die noch nicht weit genug ist, um diese Diversität zu schätzen. Trotzdem wird im Verlauf der Geschichte gezeigt, dass jede*r eine eigene Geschichte hat, die es wert ist, erzählt zu werden. Die von Jian wird erzählt und damit einhergehend auch irgendwie die, einer ganzen Generation.

Die Rettung des Popfeminismus

Beitragsbild für SoMe

Die Rettung des Popfeminismus


Disclaimer: Dieser Artikel wurde im Rahmen eines Blogprojektes erstmals veröffentlicht und ist nun hier zu lesen.


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Was ist Popfeminismus?

Feminismus gibt es in vielen verschiedenen Arten, wie etwa radikaler Feminismus, intersektionaler Feminismus und queerer Feminismus. Popfeminismus ist eine Art davon. Genau wie beim weißen Feminismus (oder white feminism) schließt der Popfeminismus Menschen aus dem Feminismus aus. Allerdings profitiert er von der Tatsache, dass die Unterarten des Feminismus oft Überlappen. Popfeminismus kann also weißer Popfeminismus sein oder intersektionaler Popfeminismus, etc.

Popfeminismus an sich zeichnet sich dadurch aus, dass die Medien einen wichtigen Teil spielen. Online Aktivismus und oberflächliche Behandlung in Film und Fernsehen oder in Zeitschriften. Auch Blogs sind oft vom Popfeminismus betroffen. Das wichtigste Merkmal hierbei ist: Aufmerksamkeit steht über Gleichberechtigung.

Das bedeutet, dass die Popfeminist*innen, nur deshalb über feministischen Themen schreiben, um sich selbst zu profilieren und ihre eigene Karriere anzutreiben. Sehr oft ist das, was sie schreiben dann uninformiert und oberflächlich. Ein Beispiel hierfür ist Sophie Passmann, die ein Buch zum Feminismus schreibt, in dem sie vor allem (weiße cis) Männer zu wichtigen Themen befragt. Sie weiß, dass sie dafür gefeiert wird, ohne wirklich progressive Arbeit gemacht zu haben. Die könnte ja ihrer Karriere schaden und das geht nicht, denn Popfeminist*innen sind vor allem eines: gemütlich.

Ihre Arbeit schafft es in die Medien, weil es angenehmer Feminismus ist. In dem vorrangig gemäßigte weiße cis Frauen und cis Männer, dafür aber kaum B-PoC und/oder LGBTQA+ Stimmen zu Wort kommen.

Warum Popfeminismus schadet, aber trotzdem wichtig ist

Popfeminismus kann anstrengend sein. Wie bereits geschrieben ist er vorrangig weiß und medienorientiert, was intersektionale Feminist*innen wütend macht. Das ist auch gut so. Popfeminismus darf niemals unkommentiert im Raum stehen.

Trotzdem ist er wichtig. Auch wenn es nervt, dass Kuschelfeminismus von Weißen, für Weiße die Runden macht und Menschen wie Sophie Passmann oder auch Jan Böhmermann davon profitieren, ohne wirklich hinter der Sache zu stehen – Popfeminismus erreicht viele Menschen. Vor allem eben auch cis Männer und junge Leute.

Natürlich wäre es ideal, wenn intersektionaler Feminismus so stark rezipiert werden würde, wie Popfeminismus. Aber so funktioniert die deutsche (bzw. westliche) Medienlandschaft einfach nicht. Stattdessen fungiert der Popfeminismus als eine Art Einstiegsdroge. Ein erster Kontakt mit dem Feminismus, der nicht abschreckt, sondern einlädt. Von da aus kann die Reise zu den eigenen Privilegien beginnen, die im Bestfall beim intersektionalen Feminismus endet.

Ist es schade, dass so etwas wie Popfeminismus existieren muss, um weiße Menschen (insbesondere cis Männer) zum Feminismus zu locken? Ja, definitiv. Funktioniert es? Ja! Und das ist der gute Teil, denn Popfeminismus leistet etwas wirklich Großartiges: Er bringt Menschen dazu, nachzudenken.

Ich selbst habe durch Popfeminismus angefangen, mich mit den Themen zu beschäftigen. Hätte mir damals jemand gesagt, wie privilegiert ich bin und was alles zu Feminismus gehört – ich wäre nicht nur überfordert gewesen, sondern hätte mich angegriffen gefühlt und abgeblockt. Das ist mir heute peinlich, weil ich selbst einen sehr Ins-Gesicht-Feminismus betreibe. Aber realistisch betrachtet brauchen wir den Popfeminismus. So nervig und gefährlich er auch ist.

Wie man Popfeminismus richtig konsumiert

Es spricht per se nichts dagegen, Popfeminismus zu konsumieren. Die Tatsache, dass er oft weiß und dementsprechend auch homophob/rassistisch/ableistisch/transfeindlich ist, darf man aber nicht vergessen. Deshalb ist es wichtig, das eigene Konsumverhalten konstant zu hinterfragen.

Feminist*innen, die einfach auf Trends aufspringen und dabei große Gruppen der Menschheit unter den sprichwörtlichen Bus zu werfen, sollten nicht einfach so gefeiert werden, weil sie ja grob in die richtige Richtung denken. Auch sie muss man darauf aufmerksam machen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Das ist bei der Transfeindlichkeit der Rapperin Cardi B und Sängerin Taylor Swifts Ignoranz gegenüber der Aneignung anderer Kulturen (cultural appropriation) genauso, wie bei Sophie Passmanns Ausblendung von Frauen in ihrem Buch und Jan Böhmermanns Ziegenwitzen.

Gut gemeint ist nicht genug. Macht euch bewusst, dass diese Menschen das oft absichtlich machen, um eben medienkonform zu bleiben und sich die Bestätigung von einer größtmöglichen Menge an Personen zu sichern – nicht, um dem Feminismus zu helfen.


Anmerkung: Transexklusiver Feminismus, wie er beim Popfeminismus oft auftaucht, ist und bleibt tödlich und sollte niemals gefeiert werden. Wie auch bei anderen Formen des Feminismus gibt es bei Popfeminismus Abstufungen von denen manche besser zu ertragen (bzw. weniger gefährlich) sind als andere. Dies ist kein Aufruf um alle Arten des Popfeminismus unreflektiert zu feiern!

Die #MenAreTrash-Kontroverse – Warum die Diskussion in Deutschland so wichtig ist

Die #MenAreTrash-Kontroverse

Die #MenAreTrash-Kontroverse

Warum die Diskussion in Deutschland so wichtig ist


TW: Sexismus, Sexuelle Gewalt


Disclaimer: Dieser Artikel wurde im Rahmen eines Blogprojektes erstmals veröffentlicht und ist nun hier zu lesen.


Die Kontroverse rund um den Twitter-Hashtag #MenAreTrash startete August 2018 in Deutschland. Davor war der Hashtag bereits im englischsprachigen Raum etabliert. Nach einer wochenlangen, hitzigen Diskussion, sind die Stimmen zum Thema mittlerweile weniger geworden. Dabei ist der Anstoßpunkt der Debatte sehr wichtig und darf eigentlich nicht in Vergessenheit geraten.

Schaut man sich deutschsprachige (Online-)Medien an, so kommen der Begriff und alles, was damit verbunden ist, nicht sonderlich gut weg. Eine differenzierte Stimme, die aufklärt, was es damit auf sich hat, fehlt.

Stattdessen nutzen Antifeminist*innen den Hashtag, um Feminismus  niederzumachen und gegen alle Feminist*innen zu hetzen. Ein ironisches Phänomen, aber dazu später mehr.

Dieser Artikel dient nicht dazu, Leser*innen davon zu überzeugen, den Hashtag zu nutzen oder gut zu finden. Ein Problem mit dieser Ausdrucksart des Feminismus zu haben, ist an sich nicht verwerflich. Stattdessen soll aufgeklärt werden, was es mit diesem Hashtag eigentlich auf sich hat und wieso man ihn kritisieren darf, die, die ihn nutzen, jedoch ernst nehmen sollte.

Der Ursprung von #MenAreTrash

Bevor man sich mit der Rezeption im deutschsprachigen Raum auseinandersetzten kann, muss man einen Blick darauf werfen, wo das Ganze startete.
#MenAreTrash stammt aus Südafrika. Dort sind die Zahlen für Femizid, also weiblich Gelesene und Frauen, die von ihrem (oft cis-männlichen) Partner ermordet werden, bedeutend höher, als in Europa oder den USA. Der Hashtag wurde im Frühjahr 2017 genutzt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ein Statement, das in den Medien landen musste und das (gerade von cis Männern) nicht übersehen werden konnte.

Die polemische Natur des Hashtags war von Anfang an Absicht. In einem Land, in dem häusliche Gewalt kaum öffentliche Aufmerksamkeit findet, musste etwas her, was nicht zu ignorieren war. #MenAreTrash schaffte dies – zumindest für eine kurze Zeit.

#MenAreTrash im deutschsprachigen Raum

Nach dem Erfolg, den der Hashtag hatte – die Aktion in Südafrika ging durch das gesamte Internet – begannen auch andere Länder, den Begriff zu nutzen. So wurde er beispielsweise in der Debatte um die #MeToo-Bewegung genutzt.

Sommer 2018 kam er dann nach Deutschland, jedoch nicht in der Art, wie man es zunächst vermuten würde. Nachdem die Journalistin Sibel Schick auf Twitter Männer als Arschlöcher bezeichnete und dafür negative Kommentare erntete, begann der Hashtag zu trenden. Ohne ihr aktives Zutun. Wer genau ihn startete, ist nicht klar. Scrollt man jedoch lange genug, so zeigt sich, dass es vor allem rechte Trolle und Bots
waren, die ihn in die deutschen Trends bugsierten.

Es waren also keine Feminist*innen, die in einem Anflug aus Hass oder „(Gender-)Wahn“ beschlossen hatten, diesen Hashtag zu nutzen.

Durch die Trends kamen immer mehr Kommentare von Nicht-Bots hinzu, die auf Feminismus herumhackten, obwohl dieser gar nichts mit dem Aufstieg von #MenAreTrash in Deutschland zu tun hatte. (Cis) Frauen entschuldigten sich im Namen aller ‚normalen‘ (cis) Frauen für den Begriff; Männer nutzen die Gunst der Stunde, um alles an Beleidigungen herauszulassen, was sie gegen Feminist*innen und weiblich gelesene Enbys/Frauen allgemein so angesammelt hatten.

Und genau da beginnt die Kontroverse, die so wichtig ist, dass sie nicht verebben darf. Denn egal wie der Hashtag nach Deutschland kam – die Rezeption war peinlich.

Die Kontroverse und die Medien

Vielleicht liegt es daran, dass der Hashtag von Anfang an nur durch  Hassbotschaften an den Feminismus trendete – vielleicht ist Deutschland auch weniger offen gegenüber der Diskussion als andere Länder. Aber die Kommentare unter dem Hashtag waren unerträglich.

Einzelne Feminist*innen, die sich durch den Hass-Spam schlugen, um tatsächliche Tweets zum Thema zu verfassen, wurden in hunderten Nachrichten ertränkt. Wie oft standen in den Kommentaren detailliert formulierte Morddrohungen oder Selbstmordwünsche, sowie Sex- und Vergewaltigungsfantasien. Etwas, was man eigentlich nur von der rechten Blase in Deutschland kennt.

Aber diesmal waren die Kommentarschreiber*innen keine rechten Trollaccounts oder Neonazis – sondern ganz normale Twitterer. Cis Männer, die einen Freibrief erhalten hatten, um ihren Hass auszuleben. „Ich bin kein Müll, du untervögeltes Stück Scheiße“ – hieß es hunderte Male. In der Wut darüber, dass sie als Müll bezeichnet wurden, zeigten sie genau diese Seite an sich.

Und kamen damit durch.

Viele (cis) Frauen entschuldigten sich hingegen für den Hashtag, blind für die rohe Gewalt, die von Männern an diesem Tag ausging. „Nicht alle Männer sind Müll!“, hieß es zwischen tausenden Nachrichten, die das Gegenteil zeigten. In dem Versuch (cis) Männer zu verteidigen, outeten sich zahllose (cis) Frauen als Diskursabgewandt. Nicht in der Lage zu begreifen, wen sie da verteidigten – und warum. Um eben nicht als ‚ungebumste Fregatte‘ bezeichnet zu werden, um als ‚cool und gechillt‘ und ‚nicht wie diese anderen Frauen‘ zu gelten. In ihren Bemühungen stützen sie den Hass und warfen, so ganz nebenbei, die, die beschimpft wurden, unter den Bus.

In den Medien sah die Rezeption nicht anders aus. Tagelang erschienen Artikel zum Thema, die meisten davon schlecht recherchiert oder mit Agenda. (Cis) Männer, die die Stimmung nutzen, um endlich mal ihren Hot-Take gegen den bösen Feminismus zu schreiben. Weil er jetzt ja viel zu weit gegangen sei.

Dass es nicht der Feminismus war, der den Hashtag nach Deutschland brachte, wurde kaum angesprochen. Ebenso wenig, wie die zahlreichen Versuche von Feminist*innen, auf den Hass unter dem Hashtag aufmerksam zu machen.

Es entstanden Artikel, die lang und breit alle Feminist*innen generalisierten, weil ein Hashtag, der (cis) Männer generalisierte, ja gar nicht geht.

Kritische Stimmen überwogen. „Das bringt so ja nichts“ und „wie soll man Feminismus jetzt noch ernst nehmen“ standen im Vordergrund. Das, was eigentlich unter dem Hashtag passierte, wurde unter den Teppich gekehrt. Wie soll man Feminismus jetzt noch ernst nehmen, nachdem hundert feministische Tweets zu #MenAreTrash von tausenden Hassnachrichten gegen weiblich Gelesene und Frauen überrannt wurde? Ja, wie nur?

Wie soll man eine Bewegung ernst nehmen, nachdem ein Hashtag alle Punkte, für die diese Bewegung steht, bewiesen hat? Es ist ein Rätsel, welches die Medienlandschaft nicht zu lösen vermochte.

Antifeministische Plattformen, wie das EF-Magazin, sprangen auf den Zug auf, verdammten die „feministisch-genderistische“ Agenda und nutzten dabei rein (cis) männliche Stimmen zum Thema.

Kritisiert den Hashtag, nicht die Nutzer*innen davon

Wie zu Beginn des Artikels bereits geschrieben, muss man den Hashtag nicht mögen. Es gibt viele gute Gründe, um ihn abzulehnen (dazu gleich mehr). Es ist jedoch unmöglich, sich der Debatte über den Hass unter dem Hashtag zu entziehen. Dieser geht, entgegen dem ersten Eindruck, eben nicht gegen (cis) Männer, sondern gegen Feminismus.

Nutzer*innen des Hashtags befürworten ihn, da er eben genau dieses Problem deutlich machte. Feminismus in Form einer netten Bitte um gleiche Rechte hat noch nie funktioniert, was den Hashtag an sich weiter bestätigt. Warum sollte man nett sein, wenn man auf Probleme wie Femizid oder Sexismus hinweist? Warum dürfen alle Gruppen generalisiert werden, außer die des (weißen cis) Mannes? Zumal (cis) Männer durch Ausreden wie „boys will be boys“ und „das ist halt Locker Room Talk“ ; ja selbst darauf hinweisen, dass sie von Natur aus ‚Trash‘ sind.

Man kann von dem Hashtag halten, was man möchte. Ob man ihn nun zu hart findet oder nicht, ist jeder*jedem selbst überlassen. Die Entscheidung darüber, warum man ihn schlecht findet, sollte jedoch nicht allein aus dem Bauch heraus getroffen werden.

Warum ich #MenAreTrash nicht mag, ihn aber trotzdem anerkenne

Feminismus setzt sich zusammen aus verschiedenen Meinungen und Auffassungen. Einige von uns mögen den Hashtag, andere eher nicht. Ich gehöre zu der zweiten Gruppe.

Als #MenAreTrash in Deutschland startete, war ich schockiert von den Reaktionen, die der Hashtag hervorrief. Gleichzeitig tat es auch gut zu sehen, wie schlimm die Lage wirklich ist. Denn zwischen all den „Ich bin Feminist, aber“-(cis)-Männern und den „Ich bin Feministin, aber“-(cis)-Frauen, verliert man schnell den Überblick, wem man wirklich trauen kann und wer trotzdem weiblich Gelesene/Frauen hasst, nur eben heimlich, still und leise.

Ich lehne den Hashtag also nicht ab, weil ich mit der Nachricht dahinter nicht konform gehe. Im Gegenteil. Mein Problem ist eher die Motivation des Ganzen.

Ein Hashtag der Aufmerksamkeit erregt und zeigt, was eigentlich alles falsch läuft, ist wichtig. #MenAreTrash wurde jedoch nicht von Feminist*innen gestartet. Er wurde in Deutschland nie intrinsisch dafür genutzt, um auf toxische Maskulinität, internalisierten Sexismus und andere Probleme hinzuweisen. Seine erste Aufgabe war es, Hass gegen Feminismus zu schüren.

Zudem erfährt der Hashtag eine ähnliche Behandlung, wie #MeToo und #MeTwo. Das, was spezifisch für eine Gruppe Marginalisierter entwickelt wurde, wird für fremde Zwecke genutzt. #MenAreTrash wandelte sich von einem Hashtag aus Südafrika gegen häusliche Gewalt, zu einem Machtspiel zwischen Feminismus und Antifeminismus. Die eigentlichen Gründe für die Polemik und den Hashtag an sich geraten in Vergessenheit. Und Südafrika kämpft weiterhin allein gegen die steigenden Femizidzahlen.

Doch egal, was ich gegen den Hashtag zu sagen habe, die Feminist*innen, die unter ihm über ihre Erfahrungen schreiben, muss man von dem Hashtag loslösen. Nicht sie sind das Problem, auch wenn man #MenAreTrash nicht mag.

(Cis) Man(n) kann gerne beleidigt sein, weil (cis) man(n) nach Jahrhunderten an Unterdrückung auch mal generalisiert wird. Das stelle ich mir ziemlich hart vor. Aber es ist keine Ausrede, um den Hass zu ignorieren, der Feminismus bis heute unter dem Hashtag entgegengebracht wird. Ebenso wie (cis) Frauen, die sich von dem ganzen absondern wollen, weil es ihnen zu heftig ist, das dürfen. Aber dann doch bitte nicht auf Kosten des Feminismus.

Weitere Artikel zum Thema

Die Diskussion in der TAZ

#MenAreTrash und toxische Maskulinität (engl.)

#MenAreTrash im englischsprachigen Raum