Geschichte des Dramas

Die Geschichte des Dramas

Geschichte des Dramas


Licht an, Bühne frei – heute wirds dramatisch.


Aber was ist das eigentlich, ein Drama? Ist das nicht das, was in meiner Lieblingsdokusoap passiert? Mit Drama meine ich natürlich das Theaterstück. Woher das kommt, wie es sich entwickelt hat und was man sonst noch so generell darüber wissen sollte, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Kurze Geschichte des Dramas

Drama ist ein altgriechisches Wort und bedeutet Handlung. Unter Drama fallen generell alle Texte, in denen es verteilte Rollen gibt. Es ist neben Epik und Lyrik eine der Hauptgattungen für Literatur. Heute wird es auch oft Theater genannt, wobei Theater selbst aus dem Altgriechischen stammt und so viel wie ‚Schauplatz‘ bedeutet.

Das antike Griechenland ist der Geburtsort des Dramas. Erste Schriften stammen von Aischylos (525-455 v. Chr.), Sophokles (496-406 v. Chr.), Euripides (480-407 v. Chr.) und Aristophanes (445-385 v. Chr.). Der bekannte Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.) war es, der etwa 350 v. Chr. aus den bisher bekannten Dramen eine Theorie entwickelte. Er setzte den Grundstein für das (noch heute bekannte) Freytagsschema (von Gustav Freytag, 1863) fest, zu dem ich nachher mehr schreiben werde.

Im Spätmittelalter entwickelte sich die Commedia dell‘Arte in Italien. Neben den Jesuitendramen und den barocken Opern bildete diese Commedia die Grundlage der Dramatik bis ins 17./18. Jahrhundert. Dann entwickelte sich eine Wendung zurück zu den Wurzeln, wie sich an den französischen Dramen von Moliere und Voltaire, den Werken von Racine und Shakespeare (der etwas früher dran war, als seine mitteleuropäischen Kollegen) zeigt.

In Deutschland entwickelte sich das Drama etwas langsamer. Ausgehend vom Volksdrama/Schwank (15. Jahrhundert) entwickelten sich vor allem um das Christentum herum dramatische Werke. Die Aufklärung grub die bekannten Gattungen um und schrieb dem Theaterstück vor allem eine erzieherische Funktion zu. Obwohl man sich anfangs bemühte, eine Art ‚Deutsches Nationaldrama‘ zu gründen, wurden das Schuldrama/Jesuitendrama, das Humanistendrama und der Schwank irgendwann nicht mehr weiterentwickelt. Stattdessen bemühte man sich das französische und/oder das englische Drama in Deutschland umzusetzen. Im 18. Jahrhundert erschienen vor allem Lustspiele (Minna von Barnhelm, Lessing), Bürgerliche Trauerspiele (Emilia Galotti, Lessing) und dramatische Gedichte (Nathan der Weise, Lessing). Diese bildeten die Grundlage, für das neue deutsche Theater. Sturm und Drang, Weimarer Klassik und (mehr oder minder auch) die Romantik führten dies fort und brachten das Drama in das 19. Jahrhundert. Insbesondere Goethe, Schiller und Kleist gestalteten das Theaterstück in Deutschland aktiv mit.

Das moderne Drama verdankt seinen Charakter unter anderem Friedrich Hebbel und Georg Büchner, die Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts Stücke schrieben. Eine wirkliche Revolution erlebte das deutsche Drama nochmals, als das Volksstück/Volkstheater neu belebt wurde. Auch Hauptmanns naturalistische Dramen formten die Gattung im 20. Jahrhundert mit.

Verschiedene Formen des Dramas

Etwas anschaulicher wird diese Geschichte, wenn man zentrale Formen heraussucht und anhand von Beispielen ein bisschen erklärt. Im Folgenden schauen wir uns mal das klassische Drama, die Commedia dell‘Arte, das Jesuitendrama, einige Unterarten des Volksdramas, die Theaterarten des 20. Jahrhunderts und das epische Theater an.

Fangen wir mal ganz am Anfang an:

Ursprünglich sollte das Drama im Gegensatz zu der Epik keine feste Geschichten erzählen, sondern das Verhalten von Menschen widerspiegeln (daher auch die direkte Rede) und somit eine Katharsis (Reinigung) beim Zuschauer bewirken. Das ganze wurde von Aristoteles eingeteilt in Komödie und Tragödie.

Oft wurden Figuren entweder für ihr plumpes Verhalten lächerlich gemacht/bestraft oder für richtiges, moralisches Verhalten gelobt. Ersteres dominierte, da man der Meinung war, dass Menschen aus Negativbeispielen mehr mitnahmen. Das Ganze wurde im 19. Jahrhundert von Gustav Freytag eingeteilt in das heute bekannte Freytagsschema.

Demnach spiegeln die typischen fünf Akte folgende Handlungspunkte:

1. Exposition (Einführung)

2. erregendes Moment (Steigerung/Beginn der aktiven Handlung)

3. Höhepunkt/Peripetie (Wendepunkt)

4. retardierendes Moment (fallende Handlung)

5. Katastrophe/Resolution (Auflösung die entweder positiv oder negativ ausfällt)

All dies wird hinterlegt von einem Chor, welcher wie ein Kommentator musikalisch über das Geschehende philosophiert. Die Einheit der Zeit (2 Stunden Handlung = 2 Stunden Theater) und die abgeschlossene Haupthandlung (Anfang, Mittelteil, Ende) gehören ebenfalls zu den Anforderungen des klassischen Dramas. Ein Beispiel hierfür ist Iphigenie in Aulis von Euripides.


Exkurs: Diese Art des Theaterstücks nennt man geschlossenes Drama. Offene Dramen beinhalten Szenen, die nicht logisch aufeinander aufbauen, sowie Zeitsprünge und für die Handlung unwichtige Charaktere. Im Gegensatz zum geschlossenen bildet nicht eine Szene/ein Akt den Höhepunkt (Peripetie). Alle Szenen sind gleichgestellt.


Die Commedia dell‘Arte stammt aus dem Spätmittelalter (im Mittelalter an sich gab es vor allem religiöse Dramen ohne wirklichen Bezug zum klassischen Drama. Das Theaterstück war jedoch auch nicht sonderlich beliebt und wurde erst ab dem 14. Jahrhundert wieder bekannter) und ist eine Mischung aus festen Formen und vollkommener Freiheit. Die Charaktere der Commedia sind immer gleich, ihre Masken, Kostüme und Schauspieler wechseln nicht. Die Geschichten sind jedoch improvisiert und weisen viel Akrobatik auf. Es gibt keine Skripte und damit auch keine heute untersuchbaren Aufführungen. Alleinig die Charaktere und ihre Rollen sind uns bekannt.

Im Barock entwickelten sich Dramen zunehmend wieder in kirchliche Richtung. Theaterstücke von Lehrern, für ihre Schüler (Schuldramen) wurden immer populärer. Dieser Prozess fand vor allem an jesuitischen Schulen statt, woraus sich das Jesuitendrama als eigene Gattung entwickelte. Es wurde in der Gegenreformation geboren und sollte Zweifler von der Überlegenheit der katholischen Kirche überzeugen.

Typisch für den Barock finden sich zahlreiche derbe Thematiken in den Stücken. Im Gegensatz zum (zeitgleich aufkommenden) Schwank, wurden diese Dramen jedoch ausschließlich auf Latein aufgeführt. Für die Zuschauer gab es Periochen (Programmhefte mit deutscher Übersetzungshilfe). Kirchengeschichte, Märtyrer, Missionare und Heiligenlegenden bildeten den Stoff für über 7.500 Dramen im (erweiterten) 16. Jahrhundert.

Ab dem 18. Jahrhundert entwickelten sich zahlreiche Dramenformen (Lustspiel, Schauspiel, Tragikkommödie, Bürgerliches Trauerspiel), welche sich fast alle auch in der Tradition des Volksdrama finden. Dieses entwickelte sich aus der Commedia dell‘Arte und bildete eine deutsche Version davon. Feste Charaktere gab es zumindest teilweise (Hans Wurst, Herr und Knecht) und auch das Script war gemischt zwischen Improvisation und festem Dialog. Oft gab es lose Angaben für Hans Wurst (dessen einzige Aufgabe es war, witzig zu sein) und festgesetzte Angaben für alle anderen. Volksstücke handeln vom Volk. Das ist der entscheidende Unterschied zu den bisherigen Dramen. Sie unterteilen sich theoretisch in Unterkategorien wie Lokalposse, Zauberspiel oder Besserungsstück. Allerdings überlappen sich diese Kategorien bei fast allen Stücken. Oft waren die Schriftsteller selber Schauspieler, welche ihre eigenen Stücke mit umsetzten. Ein schönes, bekanntes Beispiel bietet Das vierte Gebot von Ludwig Anzengruber.



Volksdramen wurden von Marieluise Fleißer und Ödön von Horváth im 21. Jahrhundert neu belebt und erfüllen bis heute das gleiche Ziel. Sie sollen dem Volk einen Spiegel vorhalten. Negatives Verhalten steht im Zentrum, sowohl von den oberen, als auch den unteren Schichten. Ein modernes Beispiel findet sich bei Marie-Luise Fleißers Fegefeuer in Ingolstadt.


Wer sich mehr über das Volksstück informieren möchte, kann sich auch diese Blogreihe ansehen.



Im 20. Jahrhundert dominierten Formen des sozialen und analytischen Dramas. Neue Medien nahmen einen entscheidenden Platz in Theateraufführungen ein und politische Themen wurden mehr und mehr zum Zentrum. Kritik an der Zensur in der Weimarer Republik, der aufsteigende Nationalsozialismus, sowie sozialpolitische Themen wie Abtreibung, Verlust der Religion und Selbstmord wurden bis in die 1930er auf den Bühnen (und teilweise im Geheimen) aufgeführt. Bereits in den 20ern wurden zahlreiche Politiker*innen, Aktivist*innen und Schriftsteller*innen festgenommen und schrieben im Gefängnis weiter (wie beispielsweise Ernst Toller und seine sozialkritischen Werke Masse-Mensch oder Hoppla wir leben). Dann gab es eine scharfen Zäsur und die Dramenproduktion stoppt fast komplett (aus bekannten Gründen) bis in die 50er. Ebenfalls einschneidend sind die zahlreiche Suizide von Schriftstellern in den 40ern und 50ern, die nach ihrer Flucht aus Deutschland ihr Leben beendeten (hier bietet ebenfalls Ernst Toller ein trauriges Beispiel).



Das epische Theater wurde von Bertolt Brecht erfunden und revolutionierte das Drama im 20. Jahrhundert. Es ist eine offene Dramenform, die zusätzlich einen Erzähler hat. Dieser ermöglicht es dem Drama ohne tragische Heldenfiguren auszukommen. Das Geschehen wird objektiv dargestellt, Missstände sind besser erkennbar. Der Fokus wird vom Wiedergeben menschlichen Verhaltens zu der Darstellung der Gesellschaft gelegt. Zeit, Raum, Handlung und Komposition werden außer Kraft gesetzt. Wichtiger Bestandteil ist der sogenannte V-Effekt oder auch Verfremdungseffekt. Dieser ist ein Stilmittel, welches durch Unterbrechen der Handlung mit Kommentaren/Einschüben des Erzählers die Illusion einer richtigen Handlung zerstört und daran erinnert, das große Bild zu sehen. Das epische Theater bildete einen grundlegenden Gegenpol im Nationalsozialismus, da es offen und hart gegen die Diktatur und die Mittel der Zeit kritisierte. Wer ein Beispiel möchte, kann sich Bertolt Brechts und Elisabeth Hauptmanns Dreigroschenoper ansehen.



Wir sind zu nahe am aktuellen Geschehen, um Muster zu erkennen und das Drama im 21. Jahrhundert wirklich zu kategorisieren. Bisher spricht man vor allem vom postdramatischen Theater, also einer Strömung, welche sich durch Ein-Mann-Stücke, abstrakte Theaterformen und Performance statt Handlung auszeichnet. Gesellschaftskritik und politische Themen, wie auch Naturschutz und Reflexion der Menschheit an sich sind häufige Themen.


So und wenn ihr jetzt angefixt seid, und wissen wollt, wie man so was denn heutzutage schreibt, dann schaut doch mal beim Sven Hensel rein: Wie man ein Theaterstück schreibt.

Das Wahlveranstaltungs-Wochen-Erlebnis

Das Wahlveranstaltungs-Wochen-Erlebnis

Das Wahlveranstaltungs-Wochen-Erlebnis


Diclaimer: Dieser Artikel wurde eine Woche vor der Bundestagswahl 2017 veröffentlicht. Einzelne Aussagen und Inhalte sind dementsprechend nicht mehr aktuell.


Der Sinn dieses Artikels ist es in erster Linie über die Stimmung bei einer Schulz- und Merkelrede zu berichten. Ich möchte festhalten, wie unterschiedlich Wahlveranstaltungen aufgezogen werden, wer die Menschen dort waren und wie man sich in einer politischen Masse fühlt, der man nicht zwingend zugehörig ist.


Martin Schulz und der SPDler-Habitus

„Gehst du morgen zum mardddiiiiin?“

Mein Handy piepst und ich runzle überrascht die Stirn.

„zu wem?“

„Schulzibooooy“

Ein amüsierter Laut entfährt mir.

„Ach der Mardin! Haste Bock?“

„Wenn das Wetter nicht ganz so scheiße ist“

Und damit war es beschlossen. Keine 24 Stunden später stehen wir – das sind ich und eine gute Freundin – auf dem erstaunlich trockenen Platz der alten Synagoge. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem erfreulich leeren AfD-Stand vorbei. Der dazugehörigen Protest, samt Plakat der Linken, versorgte uns mit Flyern und dem neusten Tratsch über die Freiburger Rechte.

Der Platz ist voll, überall stehen Polizisten und ich warte eigentlich nur auf das beginnende Pfeifen-Konzert der AfDler. Doch das bleibt aus. Stattdessen stellt sich Schulz – ein wirklich kleiner Mann – statt auf die Bühne, auf ein kleines Podest davor, sodass man ihn auch ja nicht sehen kann und beginnt zu reden.

Oder naja… zu schreien.

Wie ein Youtubevideo der 60-Jahre-Kommunisten leiert er in guter Marktschreier-Manier seine sozialen Tiraden herunter. Mit Herz und Seele und ganz viel Spucke.

Vor ihm wird eine Kommunismusflagge geweht, rechts im Publikum macht jemand Werbung für eine Demo am Donnerstag. „Der ist halt auf Augenhöhe mit seiner Wählerschaft“, scherzt meine Begleitung und lacht, als jemand „naja oder mit den wichtigen Leuten die vorne nen Sitzplatz bekommen haben“ hinzufügt. Es sind so ziemlich alle Alters-, Berufs- und sozialen Klassen vorhanden.

Um uns herum haben eigentlich fast alle Leute ihre Kinder dabei, Altenpfleger, Dozenten, Studenten, Azubis und Arbeiter bilden die Reihen und man fühlt sich sehr wohl. Keiner von denen rempelt um sich oder schnauzt herum, weil ein Baby weint.

Die Rede deckt alles ab – außer Umwelt. Aber ansonsten kann man wirklich nicht meckern. Es macht Spaß zuzuhören, man traut sich mitzuklatschen, weil die Punkte gut formuliert sind und manchmal vergisst man fast, dass er ja eigentlich wütend sein sollte. Er vergisst das vor allem. Das ist tatsächlich ein Kritikpunkt, der mich wirklich nervt und die Leute um mich herum wohl auch. „Das ist so gespielt“ meint ein Mädchen vor mir, ihre Freundin verdreht die Augen und meint „aaaaaalter ja“. Ich fühle mich bestätigt. Denn wer sich verspricht, lacht, sich entschuldigt und kurz menschlich wirkt, nur um dann auf einmal in voller Lautstärke gegen Merkel zu wettern – dem kaufe ich das Ganze einfach nicht ab. Die Wut wäre schön, wenn sie denn echt wäre.

Ich glaube von ganzem Herzen, dass Martin Schulz wütend war/ist.

Weil er das Duell in den Sand gesetzt hat, weil seine Chancen schwinden, obwohl er – sorry, ich bin halt links-grün-versifft – die bessere Partei hinter sich hat, weil er wütend sein darf. Das ist der Vorteil, wenn man Neukandidat ist und nicht dauerhaft den Schlichter-Kurs fahren muss.

Er spricht von gleichem Lohn für Männer und Frauen, von sozialer Gerechtigkeit und der Gleichstellung vom ‚gemeinen Arbeiter‘ mit dem ‚Akademiker‘. Die Studenten heben die Augenbrauen, nicken es dann aber ab, weil er ja das richtige meint. Er meint den Respekt, den Menschen erhalten und nicht der Grad der Ausbildung – auch wenn das ein bisschen happig formuliert war, da er kurz vorher noch die Wichtigkeit von Bildung und Fachkräften betonte. Auch redet er sich manchmal in Rage, nur um dann abrupt das Thema zu wechseln und sich wegen eines anderen Themas in Rage zu reden, welches er dann halbherzig mit dem davor verknüpft und dann passt das nicht so richtig –  „ja tut mir leid, da hab ich eben den Faden verloren…“ und weiter geht die Rede.

Dann kommt er zu einem Punkt, an dem er mehr Applaus erfährt als bei der gesamten Rede zuvor. Und das ist der Punkt, an dem man merken konnte wie alle ihm zustimmen: Thema AfD.

Er bezeichnet Höcke und Gauland als Nazis, nennt das Ganze beim Namen und ich kann einfach nicht anders, als mich umzudrehen und zu flüstern „endlich! Ein Politiker einer großen Partei, der das anspricht!“ Ich erhalte abwesende Zustimmung, denn genau in diesem Moment sagt Schulz auf seinem kleinen Podest „das ist keine Alternative für Deutschland, das ist eine Schande für Deutschland!“ Das Publikum applaudiert lauter denn je und uns allen ist klar, dass wir gerade auf dem Platz der alten Synagoge stehen und uns von einem Politiker im Jahr 2017 anhören, dass wir bitte keine Nazis in den Bundestag wählen sollen. Eine bittere Pille.

Nach einem Exkurs über die ‚Helden der SPD‘, welche sich den Nazis entgegenstellten, kommt er langsam zurück zur Normalpolitik und endet schließlich genau in dem Moment, als es zu regnen beginnt.

Langsam machen wir uns auf, immer noch hin- und hergerissen zwischen gute Rede und warum schreit der eigentlich die ganze Zeit so?. Wir beschließen zu Merkel zwei Tage später ebenfalls zu gehen – so als Kontrastwert – und machen uns auf den Weg nach Hause.

Angela Merkel ist müde

Merkels Rede zwei Tage später überrascht uns in mehrerer Hinsicht. Zunächst startet sie eine ganze Stunde früher, als wir dachten, weswegen wir – die selbe Gruppe wie bei Schulz, nur dass uns jetzt ein weiterer Freund begleitet – relativ unvorbereitet im Kuschelpulli und mit leicht verkatertem Blick (besagte Freundin hatte am Vortag Geburtstag) auf den Platz kommen – und in der Menschenflut ertrinken. Des Weiteren erfuhren wir, dass noch am selben Abend Cem Özdemir in Freiburg sein würde. An diesem Punkt musste man dann durchziehen und da dann halt auch noch hin.

Merkel beginnt gerade zu reden; wir bahnen uns einen Weg durch die Menschen und sehen belustigt zu den Sicherheitsmännern hinauf, die auf den Balkonen des Freiburger Münsters stehen und grimmig in die Menge starren. „Die sehen aus, als ob sie gleich kleine Kinder fressen würden“, meint meine Freundin und verzieht das Gesicht. Als wir endlich einigermaßen etwas sehen stehen wir halb im Außenbereich eines lokalen Cafés und werden von einem wütenden Kellner begrüßt, dem der ganze Trubel wirklich gar nicht zusagt.

„Mir sin hier weil ma en Kaffee trinke welle, ned weil ma‘d Muddi höre welle.“ Sagt ein älteres Pärchen schräg vor uns im badischen Charme, erhebt sich und geht. Wir lachen. Keine 10 Minuten später wünschte ich, wir wären auch gegangen.

0815 ist absolut keine Beschreibung dafür, wie unfassbar repetitiv und langweilig Merkels Rede war. Geld, Geld, Geld, oh Bildung für alle, Geld, Geld, Geld – „sag ma sin ma hier bei ner FDP-Veranstaltung?“ Höre ich jemanden hinter mir murmeln.

Vor uns steht ein junger Mann auf einem Stuhl, klatscht begeistert alles mit und schreit „Jawoll!“ in die Menge. Der Kellner drängelt sich an uns vorbei, um ihn vom Stuhl zu jagen.

Die Trillerpfeifen der AfDler werden lauter, von links stimmen ein paar SPDler Buh-Rufe an. Man hat das Gefühl, dass niemand unter 60 auf diesem Platz steht, der Merkel tatsächlich mag. Alle jungen Leute, von dem etwas übermotivierten Herrn vor uns mal abgesehen, runzeln die Stirn, klatschen vereinzelt mal bei einem Punkt. Verhalten, weil man ja eigentlich doch nicht klatschen will. Mir geht es ähnlich. Ich fühle mich nicht wohl dabei in einer Sekunde zu klatschen, weil sie den Dieselskandal erwähnt und in der nächsten den Kopf zu schütteln, weil sie den Tod einer jungen Frau für Wahlkampf nutzt.

Als es vorbei ist drängen wir uns durch die Massen. Hinter uns ertönt die deutsche Nationalhymne und ich frage mich, ob die AfDler ganz vorne jetzt eigentlich buhen oder mitsingen müssen.

Die Grünen-Promo-Show

Als letzte Station steht jetzt noch die Veranstaltung der Grünen auf dem Plan. Die sind ein paar Stunden nach Merkel in der Wodan-Halle und direkt zu Beginn fällt auf, wie anders das Ganze hier aufgezogen wird. Klar, ist ja auch eine Podiumsdiskussion und nicht nur eine Rede. Özdemir sitzt oben, die 600 Plätze der Halle sind gefüllt (ich musste stehen und war recht früh dran) die Stimmung ist entspannt und die Fragerunde beginnt.

Es werden keine Fragen gestellt, die man noch nie gehört hat und keine Antworten gegeben, die man nicht auch schon kennt. Das Ganze hat so ein bisschen den Charakter von einer Grünen-Promo-Show ohne wirkliche Hintergründe oder neue Erkenntnisse.

Trotzdem fühlt es sich schön an nicht angeschrien oder gelangweilt zu werden. Vielleicht ist es ja unmöglich nach einem langen Wahlkampf noch erfrischende Inhalte zu bringen, vielleicht ist den Grünen auch klar, dass sie und die Linke in Freiburg ihre Stammwählerschaft haben. So oder so gibt es über diesen Abend kaum etwas zu sagen als: War okay. Musste jetzt nicht sein, aber war okay. Da ich alleine dort war, bin ich früher gegangen – wenn ich das Wahlprogramm und die üblichen Fragen hören möchte, dann kann ich mir auch einen FAQ der Grünen anschauen. Das ist einfacher und tut nicht so an den Füßen weh.

 

Recap

Keine der Veranstaltungen hat mich dazu bewogen von meinem Wahlplan abzuweichen. Aber es war trotzdem gut, diese Politiker mal zu sehen. Schulz, weil ich so mehr Probleme mit ihm als Kanzler sehe; Merkel, da ich sie als Mensch immer bewundert habe, mir ihr stumpfes Parteinachplappern jedoch unfassbar auf den Senkel ging und ich zumindest nicht mehr ganz so traurig sein werde, sollte sie in einer Woche keine Kanzlerin mehr sein; Özdemir, einfach weil er ein ziemlich normaler Typ ist, der viele meiner Meinungen vertritt und die Leute ganz nett unterhalten hat. Wer auch immer diese Wahl gewinnt – keiner der ‚Spitzenkandidaten‘ hat mich überzeugt. Die Stimmung war bei der SPD jedoch am aktivsten, bei den Grünen am friedlichsten und bei Merkel am unhöflichsten und rausten.

Wie ich bereits am Anfang geschrieben hatte, ist dies kein Artikel, der Leute umstimmen soll das zu wählen, was sie wollen. Am Ende des Tages wählt man (zumindest hoffe ich das) ja auch die Partei und nicht den einen Politiker/die eine Politikerin, die gerade auf Tour ist.