Respekt zwischen Autor*innen in Sozialen Medien

Respekt zwischen Autor_innen in den Sozialen Medien

Respekt zwischen Autor*innen in Sozialen Medien



Tw: Antifeminismus, Kraftausdrücke


Disclaimer: Dieser Artikel wurde bereits 2017 veröffentlicht, Mitte 2018 auf dem neuen Blog veröffentlicht und nun überarbeitet und erneut veröffentlicht. Mit diesem Artikel sollen keine einzelnen Autor*innen angegriffen werden, es handelt sich um einen reinen Meinungstext zu Onlinekultur und Kritikfähigkeit.



Marketing in den sozialen Medien: Von Autor*innen – Für Autor*innen

Im 21. Jahrhundert ist das Marketing für Autor*innen abhängig von sozialen Medien. Vernetzung findet über Facebook, Blogs und Webseiten wie der Schreibnacht, Wattpad, etc. statt. Dabei nimmt Twitter zunehmend einen zentralen Punkt ein. Denn Twitter ermöglicht es Autor*innen unter anderem mithilfe von Hashtags ihre Fortschritte zu teilen – mit Kolleg*innen, Fans, Leser*innen und komplett Außenstehenden.

Kommunikation ist ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg.

Der Umgang zwischen Autor*innen auf diesen Seiten ist in der Regel freundlich, meistens kollegial und bestenfalls unterstützend. Veröffentlichungen und Gewinnspiele werden geteilt, man tauscht sich über Ideen, verrückte Lektoratsmomente und den Stress des Schreibens neben dem Alltag aus. Respekt und Höflichkeit sollten hier gegeben sein.

Schwarze Schafe

Wie das im Internet nun aber leider üblich ist, gibt es schwarze Schafe. Also Menschen, die den Umgang mit anderen Autor*innen und die Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, nicht wertschätzen können/wollen. Das man es (gerade als Frau) oftmals mit Trollen zu tun hat, darauf stellt man sich ein, wenn man Twitter beitritt. Irgendwie gehört das ja zur gesamten Erfahrung von „Mensch im Internet“ dazu. Wenn die Respektlosigkeit und die Kommentare jedoch aus den eigenen Reihen kommen, dann beginnt man sich als Autor*in seltsam zu fühlen.

Kein Mensch ist perfekt. Jede*r macht mal Fehler, verhält sich falsch und/oder legt sich mit anderen an. Da stelle ich selbst keine Ausnahme da. Doch wenn beide Parteien erwachsen handeln, ihren Konflikt lösen und sich die „schuldige“ Person entschuldigt, um auf eine friedliche Basis zurückzukehren oder man sich fortan einfach aus dem Weg geht, ist das alles ertragbar. Das Problem liegt bei Wiederholungstäter*innen und Menschen, die ihre Fehler nicht einsehen wollen.

Respekt und Community

Ob man nun auf Webseiten respektlos gegen andere Mitglieder der Community vorgeht, beleidigende Blogeinträge über Bücher oder andere Autor*innen verfasst oder auf Twitter seine Kolleg*innen verreißt – man verhält sich falsch. Streits, die man in die sozialen Medien zieht, sagen einiges über die Person aus, die den Schritt in die Öffentlichkeit macht.

Unsicherheit und fehlende Reife zeigen sich durch Beiträge wie: „Schaut her! Diese Person/diese Feministin/diese Bitch hat mich blockiert, haha! Wie lächerlich!“ oder „Schaut her! Ich habe ein privates Gespräch mit dieser Person und teile das mit euch (ohne Zustimmung der Person), um sie ins Lächerliche zu ziehen und Zustimmung von euch zu bekommen!“ – Solches Verhalten irritiert vor allem die Menschen auf der anderen Seite, aber auch andere Kolleg*innen außerhalb.


Damit meine ich keine (!) generellen Callouts, sondern Kolleg*innen, die sich gegenseitig ihrer Bubble zum Fraß vorwerfen. Das passiert oft nach einem Callout und soll diesen nachahmen, was den Menschen jedoch kaum gelingt.


Natürlich kann man je nach Ausmaß rechtlich gegen solche Leute vorgehen, aber es geht um mehr als das. Es geht um Respekt. Um menschlichen Umgang miteinander. Besonders im Öffentlichen.

Was man darf und was man soll

Natürlich darf man die Meinung sagen. Man darf sich auch öffentlich über andere lustig machen oder einfach alle kritischen Stimmen wegblocken. Man darf so einiges.

Aber sollte man das als Autor*in ausnutzen? Die Antwort auf diese Frage kann man sich eigentlich denken. Kaum eine Berufsgruppe ist so auf die eigene Reputation und die Kolleg*innen in den Sozialen Medien angewiesen, wie Autor*innen. Erlaubt man sich deshalb einen Fehler, so ist die Reaktion, wenn man darauf angesprochen wird, entscheidend für die eigene Karriere.

„Alle sind gegen mich und verschwören sich/drohen mir damit, meine Bücher nicht mit zu promoten“ ist eine sehr schwache Reaktion auf die eigenen Fehler. Denn natürlich wird niemand mehr Marketingtweets der Person verbreiten, die sich in der Autor*innenenwelt einen gewissen Ruf erarbeitet hat. Natürlich möchte niemand mehr mit so jemandem zusammenarbeiten.

Man ist auf sich gestellt und erfährt am eigenen Leib, dass es kaum Wichtigeres gibt, als andere Autor*innen, für das Marketing auf Twitter, Facebook und co. Dabei geht es nicht um eine persönliche Vendetta sondern darum, dass niemand mit der Person verknüpft werden will, die Kolleg*innen bloßstellt und respektlos um sich schlägt.

Folgen derer man sich bewusst sein muss

Man kann als Autor*in also Kolleg*innen beleidigen, sich über sie lustig machen, Informationen ohne Zustimmung der Menschen verbreiten und öffentlich gegen Werte eintreten, die von vielen Autor*innen vertreten werden. Man kann versuchen Aufmerksamkeit durch blanke Provokation zu erreichen. Man kann seinen Kolleg*innen permanent aufstoßen und passiv-aggressiv auf alles reagieren.

Will man als Autor*in jedoch jemals eine richtige Plattform in den sozialen Medien aufbauen und von anderen unterstützt und respektiert werden, so sollte man anfangen die Schuld bei sich selbst, statt bei anderen zu suchen. Dazu gehört es auch, sich richtig zu entschuldigen, die kritischen Stimmen zu entblocken und hoffen, dass all die Menschen, die man im Zuge seiner Fehler verletzt und getroffen hat, willig sind, einem eine zweite Chance zu geben.

Vergessene Klassiker – Wo sind all die Frauen hin?

Vergessene Klassiker

Vergessene Klassiker

Wo sind all die Frauen hin?


Disclaimer: Aufgrund von den Problem der fehlenden Recherchemöglichkeiten zum Thema, wird im Hauptteil des Artikels von cis Frauen und cis Männern gesprochen.


Starke Frauenfiguren sind eine Seltenheit, wenn man sich mit Literatur in den letzten Jahrhunderten, nein Jahrtausenden auseinandersetzt. Das Genre der Frau wird ignoriert und zur Nischenliteratur verdammt. Auch bei Klassikern.

Das Frauenbild in der westlichen Literatur

Es wird Zeit, dass wir die ‚Götter‘ der deutschen Literatur als das betrachten, was sie sind: cis Männer.

Ich glaube nicht, dass man Goethe, Schiller, Hölderlin, Heine, Büchner, Brecht, Mann oder Frisch ihren Status als Klassiker aberkennen muss. Im Gegenteil, als Germanistikstudentin bieten diese Autoren sehr viel. Besonders Mann, der in vielen seiner Kurzgeschichten, weibliche Sexualität automatischer Prostitution gleichstellt (Gefallen) oder Goethe, dessen Frauenfiguren oftmals neutral oder sogar oft „feministisch“ gesehen werden (Iphigenie auf Tauris) machen richtig Spaß, wenn man denn frei kritisieren darf.

Kann es ein feministisches Literaturstudium geben?

Oftmals wird einem dann jedoch gesagt, dass man sich ein ‚richtiges‘ Thema suchen soll. Frauen und ihre Rechte zählen da ja nicht. Ein Dozent von mir meinte einmal, dass ich sowohl meckern würde, wenn Frauen schlecht dargestellt werden, als auch wenn sie gar nicht vorkommen – man könne es mir nicht recht machen. Die Vorstellung einer weiblichen Rolle ohne Abwertung schien in seinem Kopf unmöglich.

Aber darum geht es den feministischen Germanist*innen auch gar nicht. Die Anerkennung von Missständen in klassischen Werken ist, worauf wir hinaus wollen. Iphigenie ist keine Feministin, weil sie die Macht über das Schicksal der Männer hat. Sie hat trotzdem keine originellen Gedanken und handelt nach den geforderten Frauenvorstellungen der Zeit: Nett, Streit-schlichtend und absolut unoriginell. Oh und sie muss natürlich fabelhaft und wunderschön sein, sonst ist das ja gar keine richtige Frau.

Ähnlich verhält es sich in der Geschichte. Die Göttinnen der Antike sind zwar machtvoll, müssen aber wunderschön sein und stehen tadelnd daneben, während ihre Männer Affairen haben. Wo ist die Aufarbeitung davon? Und der beständigen Vergewaltigungen? Zeus nimmt sich die Frauen wie er will und seine Frau bestraft dann die Opfer. Und das soll man als Literaturstudent*in/Geschichtsstudent*in dann einfach so hinnehmen, weil es halt so niedergeschrieben wurde.

Mythen und Klassiker feministisch zu untersuchen und kritisieren lohnt sich, wird jedoch nicht entlohnt. Arbeiten zu den Themen werden kritisch begutachtet und auf ihre Relevanz geprüft. Was bleibt ist der Mythos und die Werke – ihre Aufarbeitung aus feministischer Sicht verwischt und muss immer wieder von Forme begonnen werden. Die Personen hinter der Kritik müssen ertragen, dass ihre Arbeiten für unwichtig gehalten werden. Denn was soll es schon, wenn Brecht Fleißers Leben quasi zerstörte? Er hat halt gut geschrieben. Das Frauen große Teile seiner Arbeiten verfassten und er viel von (britischen) Autor*innen stahl ist für die Literaturwissenschaft irrelevant. Sie mögen ihn trotzdem.

Gleichzeitig kommen Verlage immer wieder damit durch, Fachliteratur und Literaturgeschichten, in denen eine Frau vorkommt (wenn überhaupt) zu verlegen und bewerben. Wie kann das ernstzunehmende Literaturwissenschaft sein, wenn ein komplettes Geschlecht herausradiert wird?

Wie soll sich das ändern, wenn wir nur Männer lesen?

Die Art, wie wir Frauenbilder und feministische Literaturwissenschaft sehen, leitet sich direkt davon ab, wen wir lesen und rezipieren. Männer wie Brecht und Mann und Goethe erscheinen weniger schlimm, wenn man sich sagen kann, dass es damals halt nur Menschen wie sie gab. Nur Autoren. Nur diese Art der Literatur.

Wieso lesen wir eigentlich nur Männer? Weil es keine Autorinnen gab, denkt man sich jetzt vielleicht. Aber das stimmt nicht. Natürlich gab es Autorinnen in jeder dieser Zeitabschnitte. Wenige zwar, aber sie waren da. Sollte das nicht Grund sein, diese wenigen Frauen richtig zu betrachten, statt sie zu ignorieren? Sollte das nicht mehr wert sein als ein Seminar namens „Frauen von der Antike zur Moderne“ in der 11 Werke kurz angeschnitten werden?

An dieser Stelle ein Literaturtipp: Therese von Artner (1772-1892) brachte sich selbst Italienisch bei, las in ihrer Freizeit Klopstock und Voltaire und übernahm nach dem Tod ihrer Mutter mit 24 Jahren den kompletten Haushalt, die Erziehung ihrer drei jüngeren Schwestern, die Pflege des Vaters und alle finanziellen Angelegenheiten. Sie veröffentlichte mit einer Freundin unter einem geschlechtsneutralen Pseudonym erste Gedichte in Jena, reiste mit 31 nach Freiburg, lies sich von Friedrich Jacobi (einem sehr einflussreichen Schriftsteller und Juristen) sponsern und nutze ihre Freundschaften zu anderen Frauen um zu reisen. Sie heiratete nie. Ihr wird Homosexualität nachgesagt, da ihre Freundinnen ihr immer wichtiger waren, als Männer (wenn Frauen Männer nicht heiraten, muss natürlich etwas dahinter stecken).

Diese Frau lebte zur Zeit der Weimarer Klassik und Romantik. Sie veröffentlichte dauerhaft mit einem der einflussreichsten Schriftsteller der Zeit zusammen in einer der Hochburgen der Weimarer Klassik und der Hochburg der Frühromantik: Jena. Was lernt man über sie? Nichts. Wie sollen Kinder in der Schule lernen, dass Frauen ebenfals geschrieben haben und für sich existierten, wenn ihnen solche Vorbilder vorenthalten werden?

Lest Frauen nicht nur, macht sie zum Kanon

Aufrufe mehr Frauen zu lesen wären unnötig, wenn wir alle von Anfang mehr über Frauen in der Literatur gelernt hätten. Frauen können es nämlich nicht genau so gut wie Männer, sie können es besser, weil sie zusätzlich zum Schreiben noch dem dauerhaften Sexismus trotzen müssen. 

Es ist Zeit, nicht mehr nur Frauen (auch trans Frauen) zu lesen, sondern sie zum aktiven Kanon zu machen. Auch nichtbinäre Autor*innen sollen endlich eine Stimme bekommen. Wie sonst lassen sich endlich die Stigmen brechen, dass Frauen nicht auch geschrieben haben? In Schulen und Universitäten muss es mehr Angebote zum weiblichen Schreiben geben, mehr Information, mehr Kanonisierung, mehr Literaturgeschichten mit Frauen in ihnen. Nicht mehr nur Einzelbeispiele, Sonderstunden und Seminare, die alle Schriftstellerinnen seit der Antike auf einmal bewältigen.

Von der Aufklärung zur Moderne – Eine kleine Literaturgeschichte I

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Von der Aufklärung zur Moderne – Eine kleine Literaturgeschichte I

1720 – 1790


Einleitung – Die Bedeutung eines neuen Zeitalters

Um sich der literarischen Strömungen der letzten Jahrhunderte bewusst zu werden, muss man über das rein literaturwissenschaftliche hinausschauen. Das 18. Jahrhundert bietet einen Ausgangspunkt, um den Übergang zwischen der Frühen Neuzeit und der Moderne festzumachen. Ein Knick in der Art, wie Menschen die Welt sehen und dies in der Literatur niederschreiben.

Grundsätzlich wird die Zäsur zwischen Früher Neuzeit und Moderne bei der Französischen Revolution, also gegen Ende des 18. Jahrhunderts, gesetzt. Die zehn langen, teils grausamen Jahre zwischen 1789 und 1799 formten Literatur und Zeitgeist maßgeblich. Zu Beginn des 18. Jahrhundert, in der sich anbahnenden Endphase des Absolutismus, begann etwas. Es führte nicht nur zu diesem Bruch – knappe 100 Jahre später –  sondern beeinflusst unser Denken und Handeln bis heute.

Die Rede ist von der Aufklärung.

Generell zwischen 1700/1720 und 1780/1800 angesiedelt, umfasst die historische Epoche der Aufklärung etwa 100 Jahre. In dieser Zeit geschah der Wandel von einer mittlerweile eher angestaubten Denkweise, hin zu etwas komplett Neuem. Vernunft wurde erforscht und gefordert, Stilarten entwickelten sich, literarische Gattungen erblühten und die alten Werte verschwanden, um Platz für neue Traditionen und moderne Sichtweisen und Studien zu machen. Die Psychologie als Studienfach entwickelte sich und übte große Einfluss auf das Schreiben und Leben der Menschen aus. Ebenso wie die Kritik an der Kirche, der zunehmende Individualismus und die Fokusverlegung von einem Leben nach dem Tod, zu einem Leben im hier und jetzt.

100 Jahre im Detail – der Anfang der Aufklärung

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren die Dichter*innen und Denker*innen rund um Deutschland herum schon lange dabei, sich nach der Aufklärung auszurichten. In England florierte die Idee eines Umbruchs, aber es war Frankreich, welches Deutschland über die nächsten 100 Jahre hinweg konsequent beeinflussen sollte. Aufklärerische Schriften und Tendenzen kamen über die Ländergrenze und nahmen Halt von den bis dahin noch nachhinkenden deutschen Literat*innen.

Die Aufklärung ist mehr, als nur eine literaturhistorische Epoche. Das steht außer Frage. Es ändert jedoch nichts daran, dass die Literatur schnell auf den Zug aufsprang und sich als modern, frisch und vor allem vernünftig profilierte.

Dies liegt daran, dass fast alle deutschen Vordenker der Aufklärung LiteratInnen waren. Als die Aufklärung in Begleitung der Empfindsamkeit (1740-1790) nach Deutschland schwappte, erweiterte sich das übliche Lesepublikum enorm. Denn die Empfindsamkeit brachte immer mehr Frauen zum Lesen und Schreiben. Das bislang verpönte ‚überschwängliche Gefühl‘ wurde in der Empfindsamkeit Sittlich und Ideal. Autor*innen wie Friedrich Gottlieb Klopstock und Sophie von La Roche, die Autorin des ersten deutschsprachigen Briefromans, prägten die Literaturlandschaft so wirksam, dass sich ihre Sichtweisen noch im Sturm und Drang zeigten.

Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelten sich Theorien und Schriften zum Thema wurden ausformuliert. Immanuel Kant formte mit seinen Schriften zur (reinen) Vernunft und dem Erhabenen nicht nur die Psychologie, sondern auch die Art, wie Literatur und Kunst wahrgenommen wurden. Ästhetik und Empfinden wurden als Gesprächsthema populär, was nicht zuletzt auch am Einfluss der Ästhetik des Rokoko lag.

Es formten sich mehrere Stränge, die bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Epochen und Literaturströmungen auffindbar sind. Die eine Seite entwickelte sich zum Moralischen hin. Der vermutlich meistgelesene Autor seiner Zeit, Christian Fürchtegott Gellert war es, der die Fabel und ihre Fähigkeit, eine Lehre einfach aber effektiv zu vermitteln, popularisierte. Dichter wie Gotthold Ephraim Lessing und Johann Christoph Gottsched hingegen orientierten sich am französischen Vorbild und formten die Literatur neu. Zumindest versuchten sie es. Dramentheorien wurden aufgestellt, die sich zu dem frischen Ästhetikverständnis ausrichteten. Prosawerke erlangten bislang ungekannte Aufmerksamkeit und reihenweise französische Schriften wurden übersetzt und ergänzt. Etwas, an dem sich auch Friedrich Schiller beteiligte (Übersetzung von Boileaus Theoretischen Gedanken) oder Johann Wolfgang von Goethe, spät im Jahrhundert, mit seinen Interpretationen von Voltaires Schriften.

Nicht alles hatte immer die gewünschte Auswirkung. Gottsched trieb die Aufklärung stark an, scheiterte jedoch darin, sein Werk Der sterbende Cato (1732) zu einem Regeldrama zu machen. Dafür kann die Aufklärung einen großen Sieg für sich verbuchen: die deutsche Sprache. Es war Gottsched, natürlich in Begleitung anderer, der sich von Anfang an für eine Normierung des Deutschen einsetzte. Er und seine Zeitgenossen setzten den Grundstein für die ersten Wörterbücher, wie sie die Brüder Grimm Mitte des 19. Jahrhunderts herausgaben. Ohne das Engagement der Aufklärer, hätte dieser Schritt in Richtung einer einheitlichen, modernen Sprache sich wohl noch mehr in die Länge gezogen.

Die andere Seite des 18. Jahrhunderts – der Sturm und Drang und andere Rebellen

Neben den moralisierten Literaturvorstellungen Gellerts und den Ideen zur Weiterentwicklung deutscher Literatur, wie man sie bei Lessing findet, gab es noch eine dritte Seite. Bevor es aber um die Rebellen gehen soll, muss man einen Autor ansprechen, der Mitte des 18. Jahrhunderts zwischen all den Umbrüchen etwas anderes fand. Johann Joachim Winckelmann war ein Archäologe und Kunsthistoriker, der in der Masse der übersetzten französischen Schriften eine aktuelle Debatte fand.

Der Absolutismus schien für Zeitgenossen Winckelmanns, obschon es aus heutiger Sicht klar ist, dass er dem Untergang geweiht war, nach außen hin funktional. Unter dem Sonnenkönig Ludwig XIV. wurden vigoroso Steuern eingetrieben, um die zahlreichen Kriege, aber auch die Künstlerstipendien und die teure (Barock)Architektur des späten 17. Jahrhunderts zu finanzieren. Ein System, welches Frankreich immer weiter an den Rand des Kollapses trieb, den es ein halbes Jahrhundert nach dem Tod des Sonnenkönigs erreichte.

Trotz dieser, für uns deutlichen, Zeichen, wurde die zeitgenössische Literatur Frankreichs unter dem Absolutismus als modern und fortschrittlich betrachtet. AutorInnen wie Madeleine de Scudéry profitierten von der Salonkultur in der Literaturhauptstadt Paris und reflektierten über Tradition, Architektur, den König und die eigene Geschichte in einer leichten, frischen Art. Sie beriefen sich zu Teilen noch auf antike Vorbilder, folgten ihnen aber nicht mehr. Die Freiheiten, die französische AutorInnen ab dem späten 17. Jahrhundert hatte, machten es möglich, sich immer mehr von diesen Regelungen zu entfernen und sie durch neue Leitlinien zu ersetzen.

Aus dieser Entwicklung entsprang die Querelle des Anciens et des Modernes. 1687 begannen sich Literat*innen zu fragen, inwiefern die Antike noch als Vorbild dienen sollte/durfte. Moderne Literatur stand dem jahrhundertelang gepflegtem Erbe der Antike entgegen. Winckelmann brachte diese Diskussion 1756 nach Deutschland. In seinem Werk Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst sprach er sich für die Antike als Vorbild aus und gründete damit den deutschen Klassizismus.

Fast zeitgleich, 1765 um genau zu sein, entwickelten eine Handvoll rebellischer, männlicher Autoren in ihren 20ern, aus den Grundsätzen der Empfindsamkeit und einem antiautoritärem Geist, den Sturm und Drang. Johann Gottfried Herder, Jakob Michael Reinhold Lenz, Friedrich Maxim Klinger und Friedrich Schiller, um nur einige zu nennen, waren Stellvertreter für eine neue Generation. Die Autoren des Sturm und Drang waren (bis auf 2-3 Ausnahmen) in den späten 1740ern oder frühen 1750ern geboren. Sie wuchsen auf mit dem Ideal der Aufklärung, die Literatur als etwas definierte, was moralisch bildend und erhellend sein sollte.

Mitte des Jahrhunderts war die Aufklärung in Deutschland voll angekommen und begünstigte Schriftformen, mit denen sich vornehmlich Lehren verbreiten ließen. Eine geregelte Literatur, mit gebändigter Sprache wurde von aufstrebenden Literat*innen gefordert.

Empfindsamkeitsvertreter*innen wie La Roche und Klopstock kritisierten früh, dass diese Art der Regelpoetik zu eng gefasst war. Die junge Generation sprang auf diesen Zug auf und rückte statt der ratio, die emotio in den Fokus der Literatur. Für 10-15 Jahre schrieben die meisten aus der Gruppe Dramen und Lyrik, beeinflusst von der Empfindsamkeit und einem freieren Verständnis von Literatur. Ausläufer des Sturm und Drang finden sich bis 1790, auch wenn die meisten der Jungautoren aus dem ‚inneren Kreis‘ des Sturm und Drang dann schon lange weitergezogen waren.

Der Sturm und Drang war eine kurze, emotional aufgeladene Phase, die schnell ausbrannte, aber als Befreiungsstoß gegen Tradition und Autoritäten wirkte. Aus dieser Miniatur-Epoche heraus entwickelten sich neue Literaturkonzepte, die den Funken der Aufklärung zu einem Feuer machten. Das Feuer, aus dem sich der Umbruch in die Moderne entwickeln solle. Sie formte zudem die, die später in anderen Epochen, besonders in der Weimarer Klassik und Frühromantik, Erfolg haben würden.

Ausblick – Winckelmanns Einfluss, die Weimarer Klassik und der endgültige Umbruch zur Moderne

Im zweiten Teil der kleinen Literaturgeschichte, wird es um all das gehen, was die Aufklärung und das 18. Jahrhundert auslöste. Ende des Jahrhunderts entwickelte sich eine eigene kleine Epoche aus den Untersuchungen Winckelmanns, bevor die Romantik das Ruder an sich riss und Literatur eine ganz neue (und durchaus problematische) Richtung gab.

Die Französische Revolution, Napoleon, die Julirevolution, die Novemberrevolution, das Hambacher Fest und der drohende Pauperismus formten die Stränge in der Literatur, die sich schon im 18. Jahrhundert gebildet hatte, weiter aus: Moral und Tradition – Neue Ordnung – Rebellion. In diesem Chaos finden sich Autor*innen, die zwischen den Stühlen stehen und nicht wissen, zu welcher Richtung sie gehören und wo sie sich selbst einordnen sollen.


Teil II: Umbrüche, neue Identitäten und Revolutionen – Eine kleine Literaturgeschichte II

Wir lesen Frauen – Gedanken und Literaturtipps zur Challenge

Frauen leseN

Wir lesen Frauen

Gedanken und Literaturtipps zur Challenge


Der Weltfrauentag steht vor der Tür und mit ihm die Realisation, dass wir auch in Deutschland noch viele Probleme haben, die Gleichberechtigung betreffend. Um die Stimmen von Frauen lauter zu machen und etwas zu schaffen, was eben nicht nur für ein paar Tage im Gedächtnis bleibt, hat meine liebe Kollegin Eva-Maria Obermann eine „Challenge“ geschaffen.

„Challenge“ deshalb in Anführungszeichen, weil es zwar wie eine Lesechallenge aufgebaut ist, aber tatsächlich viel mehr als das ist. Denn unter dem Hashtag #WirLesenFrauen tauschen sich ab März Menschen über ihre Lektüre aus. Ihre weibliche Lektüre. Frauen aus allen Teilen der Welt und allen Epochen. Feste Regeln gibt es nicht, aber einen Leitfaden für jeden Monat.

Weil ich die Idee super finde, aber schon oft gelesen habe, dass Leute nicht so ganz wissen, was sie lesen sollen, dachte ich, ich mache ein paar Literaturtipps. Damit nicht nur die selben 10 Autorinnen gelesen werden. Es ist mir außerdem wichtig, hier auch Kritik anzubringen. Die Aufgabenstellung stellt WoC und nicht-europäische Autorinnen explizit heraus was gut ist, weil das betont werden sollte. Das bedeutet aber nicht, dass die anderen Bücher nicht auch von ihnen kommen können/sollten. Bitte lest nicht nur weiße Europäerinnen!

Aufgabe 1: Lest ein Sachbuch zum Thema Feminismus

Zur Geschichte der weiblichen Sexualität hat die schwedische Autorin Liv Strömquist in „Der Ursprung der Welt“ geschrieben.

Selbstbestimmung ist in Judy Norsigians „Our Bodies, Ourselves“ Thema.

Susan Arndt schreibt in „Feminismus im Widerstreit. Afrikanischer Feminismus in Gesellschaft und Literatur“ über den Feminismus in Afrika. [Achtung, sie ist zwar Expertin, aber keine Own Voice!]

Aufgabe 2: Lest ein Buch aus einer Autorinnenvereinigung

Die deutsche Autorinnenvereinigung existiert offiziell seit 2006, das Netzwerk dahinter ist jedoch bereits in den 90ern entstanden. Diese Aufgabe ist eine tolle Gelegenheit, um sich über andere deutsche Netzwerke für Autorinnen schlau zu machen!

Schrifstellerinnen deren Werke für diese Challenge passen, sind beispielsweise Franziska Gerstenberg, Zdenka Becker und Michèle Minelli.

Aufgabe 3: Lest ein Buch einer WoC (Woman of Color)

„So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“ von Melda Akbaş spricht über die Lebenserfahrungen von Deutsch-Türkinnen.

Maria Stewart lebte im 19. Jahrhundert als freie schwarze Frau in den USA und schrieb über den Rassismus und ihre Erfahrungen als Mehrfachmarginalisierte.

Das Buch „Nervous Conditions“ von Tsitsi Dangarembga ist ein ganz besonderer Buchtipp, denn es war 1988 das erste Buch einer schwarzen Frau aus Zimbabwe, was in der englischen Sprache erschien. Es fokussiert sich auf das post-koloniale „Rhodesia“ und die Auswirkungen von Kolonialisierung auf schwarze Frauen. Da wir in Deutschland kaum Afrikanische Geschichte lernen und rezipieren, sollte jede*r dieses Buch gelesen haben.

Aufgabe 4: Lest den Essayband einer Autorin

Enis Macis „Eiscafé Europa“ ist hier meine absolute Empfehlung!

Wer eher einen Klassiker möchte, der kann auch zu Hannah Arendts „Die verborgene Tradition greifen“.

Hochpolitisch und aktuell ist Olga Flors Sammlung „Politik der Emotion“.

Aufgabe 5: Lest das Buch einer deutschsprachigen Autorin

Ulrike Draesner schreibt in „Eine Frau wird älter“ über die Position von älteren Frauen in unserer Gesellschaft.

„Der geteilte Himmel“  von Christa Wolf ist ein wichtiges Buch über die DDR und ihr Werk „Medea: Stimmen“ dreht sich um mythologische starke Frauenfiguren.

Für Romantiker*innen ist Nina Georges „Das Lavendelzimmer“ eine gute Wahl.

Aufgabe 6: Lest das Buch einer nicht-europäischen und nicht-US-Amerikanischen Autorin

Urmila Chaudhary ist eine indische Aktivistin, die ihre grausamen Erfahrungen mit Menschenhandel in „Sklavenkind“ festgehalten hat.

Der Roman „Paula“ von der chilenischen Autorin Isabel Allende ist ebenfalls autobiografisch und diskutiert den Umgang mit einer tödlichen Krankheit. Gleichzeitig wird die Geschichte von Chile erzählt.

„Black Widow Society“ von der Südafrikanischen Autorin Makholwa Angela ist ein Augen-öffnendes Buch über sexuelle Gewalt, das Leben als Frau in Südafrika und die Idee von afrikanischer Freiheit.

Aufgabe 7: Lest das Sachbuch einer Autorin

Hier kommt es immer auf das Fachgebiet an.

Bei Interesse in Astrophysik empfehle ich das neuste Paper von Burçin Mutlu-Pakdil.

Zum Thema (historische) Genderforschung schreibt Claudia Opitz-Belakhal.

Ägyptische Geschichte findet ihr bei Joyce Tyldesley.

Einen Grundriss zum Jahr 1919 hat Birte Förster geschrieben.

Für feministische Theorien empfehle ich Hélène Cixous.

[Empfehlt Bücher aus eurem Fachbereich an Leute aus anderen Bereichen für mehr Austausch, das fände ich sehr toll!]

Aufgabe 8: Lest das preisgekrönte Buch einer Autorin

Kim Thúys „Ru“ ist absolut großartig und ergreifend!

„The Vegetarian“ von Han Kang ist schnell gelesen und ein Meisterwerk.

Ebenfalls sehr verdient preisgekrönt ist „Prawda. Eine amerikanische Reise“ von Felicitas Hoppe.

Aufgabe 9: Lest das Buch einer Selfpublishing-Autorin

Hier finden sich die wahren Schätze in den Nischenkategorien der jeweiligen Genres. Hier möchte ich keine Empfehlungen aussprechen, da ich selbst SP-Autorin bin und nicht aus einer Liste meiner Kolleginnen auswählen möchte.

Aufgabe 10: Lest den Literaturklassiker einer Autorin

Vicky Baum schuf mit „Menschen im Hotel“ einen wahren Klassiker, den jede*r mal gelesen haben sollte.

Für vintage Horror-Gothik Fans ist Daphne du Mauriers „Rebecca“ die ideale Wahl.

Die USA war zur Wende ins 20. Jahrhundert der Zielort vieler Immigrant*innen aus Europa. Eine mitreißende Geschichte dieser Art erzählt Betty Smith in „A Tree grows in Brooklyn“.

Aufgabe 11: Lest den Gegenwartsroman einer Autorin

Leonie Ossowski schreibt in „Die schöne Gegenwart“ von Trennungen und Neuanfängen aus der Sicht einer älteren Frau, die einen lange gestorbenen Traum umsetzen kann.

Wer eher im Genre stöbern möchte, schaut sich am besten mal bei Judith Hermanns Werken um.

Umweltbewusste Gegenwartsliteratur und Wendeliteratur gibt es bei Kathrin Aehnlich.

Aufgabe 12: Lest das Buch einer (trans) Frau über trans Frauen.

Ganz oben auf der Liste ist „Trans. Frau. Sein.“ von Felicia Ewert.

Die Bücher von Andrea James und Julia Serano sind offen Own Voice und spannend. Sie kann man Lesen, wenn man sich aktiv mit Problemen innerhalb der LGBT-Community auseinandersetzen möchte.

Ein Fachliteratur-Tipp ist Céline Grünhagens „Transgender in Thailand. Die religiöse und gesellschaftspolitische Bewertung der Kathoeys“. [Grünhagen schreibt (soweit ich weiß) nicht Own Voice, ist jedoch eine der wenigen Expertinnen für trans Personen in Religionen.]


 

Mehr zu der Aktion findet ihr auf Eva-Marias Blog.

Triggerwarnungen in Büchern

triggerwarnungen in büchern

Triggerwarnungen in Büchern


TW: Gängige Trigger-Nennungen (nur per Name, keine tatsächlich triggernden Inhalte)


Disclaimer: Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Artikel, der im Dezember 2017 erstmals veröffentlicht wurde. Der Text wurde umgeschrieben, um aktuellen Themen besser zu entsprechen.

Ich bin eine Person die Triggerwarnungen benötigt und sich generell für sie ausspricht. Meine Meinung wird diesen Artikel dementsprechend beeinflussen.


Dieser Beitrag sollte nie eine Anklage sein. Ich hoffe, das es Leser*innen dieses Blogs mittlerweile bewusst ist, dass ich niemanden direkt angreifen möchte. Ziel dieses Artikels ist es nicht, ein Streitgespräch anzufeuern, sondern vielmehr Argumente zu bringen, die man annehmen kann oder nicht.

Generell kann nämlich jede*r Autor*in für sich selbst entscheiden, ob er/sie/nb vor Triggern warnen möchte oder nicht. Persönlich denke ich, dass die Personen, die Trigger nicht benennen wollen, gewisse Stereotype und Ängste haben. Auf einige davon will ich versuchen, eine Antwort zu finden.

Die Basics: Was ist ein Trigger?

Generell gesprochen ist ein Trigger etwas, was eine starke Emotion oder Erinnerung in Menschen hervorrufen kann. Dies kann kontrolliert geschehen (etwa, wenn sich die Person dem mit Absicht entgegenstellt) oder unkontrolliert (wenn die Person ohne Vorwarnung damit konfrontiert wird). Trigger können Geräusche, Gerüche, Personen, Themen, Dinge, Wörter und noch viel mehr sein. Es gibt keine feste Vorlage, was ein Trigger sein muss. Sie können beispielsweise auch positiv sein. Wenn man in einer Menschenmasse auf einmal ein Parfüm riecht, das einen an die Kindheit oder jemanden aus der Vergangenheit erinnert. Das kann schön sein.

Das Problem ist, wenn es nicht schön ist. Solche Trigger tauchen bei Personen auf, die Traumatisches erlebt haben. Sexuelle Gewalt, Tierquälerei, Mobbing (zum Beispiel Fatshaming oder Homophobie) und mentale Krankheiten (wie Essstörungen, Phobien oder problematische Therapien) sind häufige Gründe für negative Trigger.

Erstes Vorurteil: Alles kann ein Trigger sein

Als Argument gegen Triggerwarnungen wird oft gesagt, dass ja alles ein Trigger sein kann. Das ist generell korrekt. Wie oben bereits beschrieben gibt es jedoch Abstufungen von Triggern. Das bedeutet nicht, dass man deshalb keine setzen soll. Denn auch wenn es faktisch unmöglich ist, jeden existierenden Trigger zu benennen, so sind die größten bekannt. Gibt man diese an, so sorgt man dafür, dass der Großteil der eignen Leser*innen sicher vor Triggern ist. Das ist ein ziemlich gutes Ergebnis, finde ich.

Sollte man später in einer Unterhaltung mitbekommen, dass Menschen, mit denen man  häufiger in Austausch tritt, besondere Trigger haben, dann gibt man diese an. Weil man eben weiß, worauf man zu achten hat.

Zweites Vorurteil: Trigger haben nur ‚Sensibelchen‘

Abgesehen davon, dass nichts falsch daran ist, ein sensibler Mensch zu sein, ist dieses Vorurteil komplett falsch. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder Mensch Trigger hat. Positive und negative.

Ob das nun Alzheimer ist, weil jemand aus der Familie betroffen ist oder ein eigentlich unschuldiges Thema, womit man schlechte, persönliche Erinnerungen knüpft – sie sind da. Es kann sein, dass man sich selbst antrainiert hat, auf so was nicht zu reagieren. Das liegt oft daran, dass man nicht schwach erscheinen will oder nicht versteht, wieso einen dieses Thema stört.

Wie man mit den eigenen Triggern umgeht, ist grundsätzlich Sache der eigenen Grenzen. Nur weil Person A auf Trigger nicht (aktiv) reagiert und keine Warnungen (mehr) benötigt, darf man das nicht von Person B erwarten. Menschen verarbeiten Trauma und negative Gefühle immer unterschiedlich. Daran ist nichts verwerflich.


Exkurs: Es gibt Trigger, die als ’schlimmer‘ betrachtet werden, als andere. Entweder weil mehr Menschen betroffen sind oder weil sie von Außenstehenden ohne Trauma (!) so eingestuft werden. Wer sich über andere Traumatisierte stellt oder versucht innerhalb dieser Menschengruppen eine Hierarchie zu erstellen, der hat das Prinzip nicht verstanden. Trauma ist Trauma. Respektiert bitte alle Trigger, sofern ihr von ihnen wisst.


Drittes Vorurteil: Wenn ich das mache, spoilere ich

Gerade bei Autor*innen kommt dieser Spruch immer wieder. Dabei ist es eigentlich sehr einfach, nicht zu spoilern und trotzdem zu warnen. Ich spreche vor jedem meiner Artikel eine TW aus und bin mir ziemlich sicher, dass man davon nicht ableiten kann, was genau ich schreibe. Leute lesen die Artikel trotzdem. Warum sollte das bei Büchern anders sein?

Menschen die Triggerwarnungen benötigen werden euer Buch übrigens trotzdem lesen. Vielleicht sogar eher, als wenn ihr keine gemacht hättet. Weil man sich dann sicher sein kann, dass die eigenen Trigger nicht vorkommen oder weil man dann vorbereitet ist. Trigger haben die Macht, die sie haben, weil sie oft ohne Warnung kommen. Weiß man, worauf man sich einstellen muss, dann geht man gefestigt in die Leseerfahrung.

Zudem kaufen Leser*innen doch nicht nur Bücher, um das betreffende Thema anzulesen. Sie stützen euch, mögen euren Schreibstil und folgen den Figuren. Ein Buch ist mehr als nur seine problematischen Teile. Falls ihr mit etwas wie einer Vergewaltigung ’schocken‘ wollt, dann packt die TW ans Ende des Buchs und gebt vorne einen Hinweis, wo sie zu finden ist. (Ganz davon abgesehen, dass Trauma als Schockeffekt immer problematisch ist und nicht in dieser Art genutzt werden sollte.)

Viertes Vorurteil: Triggerwarnungen sind Zensur

Bei diesem ‚Argument‘ verdreht sich mir alles. Denn Menschen, die das sagen, schreiben und/oder denken, wissen einfach nicht, was Zensur ist. Bei problematischen Inhalten unterscheidet man zwischen Zensur, Indizierung und der Möglichkeit zur Selbstkontrolle (wie etwa USK bei Spielen und FSK bei Filmen).

Zensur ist, wenn Inhalte verändert werden. Dies geschieht entweder durch eine übergeordnete Machtposition (wie der Staat oder das Medium, in dem man etwas veröffentlichen möchte) oder durch einen selbst (z. B. aufgrund von negativem Backlash (Selbstzensur)). Zensur kann unterschiedliche Gründe haben. Anstößige Inhalte (wie explizite Sexualität, problematische Sprache und Gewalt) werden oft zensiert, um Menschen zu schützen. Dabei wird von einer dritten Instanz entschieden, was angemessen ist und was nicht. Zensur kann aber auch staatlich erfolgen, um Aktivist*innen ihre Stimme/Plattform zu nehmen oder die Freiheit von Menschen einzuengen. Daher ist Zensur auch immer angreifbar und das ist auch gut so.

Indizierung ist ein Schritt über der Zensur. Hier werden Dinge aktiv verboten, aus dem Handel genommen, nicht ausgestrahlt oder (im Falle von Internetseiten) nicht erreichbar gemacht. Auch hier kann man Kritik üben, da Indizierung nicht nur bei Videospielen, die als zu brutal eingestuft wurden passiert, sondern auch politisch eingesetzt wird.

Beides, Zensur und Indizierung, verhindern, dass Menschen etwas lesen, sehen, nutzen oder anderweitig konsumieren, weil eine dritte Instanz für Menschen entschieden hat, dass sie es nicht dürfen oder es nicht angemessen ist.

Mittel zur Selbstkontrolle sind nicht das. Sie sind ein freiwilliges (!) Angebot, zum Schutz von Menschengruppen wie Minderjährigen oder eben Personen die Trigger benötigen. Sie zeigen an, wenn eine Serie explizite Sexszenen beinhaltet, ein Spiel Gewalt verherrlicht oder in einem Film über Inhalte wie die NS-Zeit oder Tierquälerei gesprochen wird. Genau das sind Triggerwarnungen. Eine Angabe zur freiwilligen Selbstkontrolle.

Fazit

Das Leben ist voller Triggerwarnungen. Sie sind überall. Vor Filmen, Videospielen und in der Beschreibung von Netflixserien. Auch bei Fanfiktions ist es absolut normal, dass man Triggerwarnungen angibt. Andere Medien entdecken Triggerwarnungen für sich, wieso also nicht auch Bücher und Blogs? Wie man sie platziert (ob als Pop-Up, Warnung vor dem Text, hinten im Buch oder auf einer gesonderten Webseite) ist dabei nicht wichtig. Sie sollten nur eben für alle aufzufinden sein.

Solltet ihr euch für Triggerwarnungen entscheiden, dann schadet ihr damit niemandem. Alle, die es nicht betrifft, scrolle drüber oder blättern weiter. Ihr zeigt damit aber Respekt vor Menschen, die von gängigen Traumata betroffen sind. Das ist sehr viel wert, finde ich.

Ein Artikel zum Thema von meiner Kollegin Nora Bendzko

Warum sich im Spielejournalismus gewaltig etwas ändern muss

Warum sich im

Warum sich im Spielejournalismus gewaltig etwas ändern muss


TW: Sexismus, Rassismus


Disclaimer: Dies ist ein reiner Meinungsartikel und sollte auch als solcher gelesen werden.


Die letzten Tage und Wochen kochte in meiner Bubble ein Thema auf, das ich seit 2014 glücklicherweise vermeiden konnte. Dies ist jetzt nicht mehr der Fall. Die Rede ist von Spielejournalismus und den vielen, vielen Problemen, die er mit sich bringt. In diesem Artikel werde ich das Ganze mal ein bisschen herunterbrechen und die aktuellen Probleme aus der weiblichen Perspektive erläutern.

Was ist das Problem?

Wieso ich diesen Artikel schreibe, ist gar nicht so einfach zu sagen. Sehr simpel gesagt geht es um den Umgang mit gewissen Themen im Spielejournalismus. Dahinter steht jedoch viel mehr, als „nur“ Sexismus oder „nur“ Homophobie.

Menschen, die in der Spiele-Bubble unterwegs sind, wird aufgefallen sein, dass es bei jeder neuen Veröffentlichung die gleiche Diskussion gibt: Social Justice Warriors machen ‚unsere Spiele‘ kaputt. Immer mehr Spielefirmen geben Frauen und anderen Minderheiten mehr Raum in ihren Veröffentlichungen. Dafür ernten sie Hass und das ist schade, wenn auch zu einem gewissen Grad normal. Es wird erst problematisch, sobald Magazine, die Spielejournalismus betreiben sollten, diesen Menschen einen sicheren Raum geben, um ihren 0815-Anfeindungen gegen Minderheiten zu verbreiten. In gewisser Weise sind diese ‚journalistischen‘ Online-Magazine sogar an der Entstehung dieser Menschengruppe schuld. Aber fangen wir weiter vorne an.

Spielejournalismus an sich ist gut und wichtig. Wo sonst erfahren wir, wann der Onlinemodus unseres aktuellen Favoriten herauskommt oder wer demnächst einen Überraschungstitel raushaut? Schaut man sich jedoch an, was Spielemagazine wie die GameStar oder auch Giga über die Jahre publiziert haben, fällt einem auf, dass es eben nicht nur um diese Themen geht.

Seitdem Spielemagazine im Internet wie Pilze aus dem Boden geschossen kamen (Ende der 1990er) wurden Klicks vor allem durch Brüste auf Bildern, die absolut nichts mit dem Spiel zu tun haben, oder der Möglichkeit, das Aussehen zweier weiblicher Figuren aus Spielefranchises gegeneinander zu bewerten generiert. Inhalte? Fehlanzeige.

Diese Babe-Ratings, Gallerien von sexy Messebabes etc. wurden seit 2013 zunehmend kritisiert und schließlich wurde der Zugang von der Webseite genommen. Der Content war noch da und generierte den Webseiten durch Klicks Geld, aber immerhin wurden die sexistischen Inhalte nicht mehr auf der Startseite gefeatured.

Wieso ist das 2018 relevant?

Klar haben viele Magazine früher solche Inhalte gebracht – aber das ist Jahre her. Wieso also die Debatte heute wieder aufrollen?

Ganz einfach. Wie bereits gesagt sind die Inhalte großflächig noch auffindbar, wenn man weiß wo. Die Gamestar entschuldigte sich in dieser Woche öffentlich auf Twitter und versprach die Listen und Inhalte endgültig zu entfernen. Nach Jahren der Kritik wurden Anfang der Woche endlich alle Spuren der Seiten gelöscht. Damit ist es nur leider nicht getan. Denn was den Magazinen nicht aufzufallen scheint ist, dass sie sich durch Jahre des Sexismus ein Publikum erarbeitet haben. Und das hält sich bis heute.

Unter jedem Beitrag finden sich Kommentare, die mir Magenschmerzen bereiten. Sanktionen auf sexistische (und verfassungsfeindliche) Inhalte werden als Zensur bezeichnet, es wird nach mehr Nacktheit bei Spielen wie Tomb Raider verlangt, Frauen werden nieder gemacht, bewertet und unter den Videos von einem weiblichen Mitglied des Teams oder den Beiträgen, die (warum auch immer) weibliche Figuren in promiskuitiven Posen zeigt, sammelt sich alles von sexuellen Kommentaren zu ekelhaften Drohungen.

Generell ist der Ton in den Kommentaren (egal ob auf der Webseite, Twitter oder anderen Plattformen) furchtbar. Leute beleidigen sich, es gibt viele Trolle und viel Hass. Und die Redaktion macht nichts dagegen. Denn das sind die Leute, die ihre Seite am Leben halten. Ohne diese Menschen verliert die Magazine massive Zugriffe. Und davor haben Zeitschriften wie die GameStar Angst.

Also moderieren sie die Kommentare nicht, lassen die Belästigungen und Beleidigungen zu und füttern die Trolle und Mitglieder des sogenannten Gamergates zusätzlich mit sexuellen Bildern zu Beiträgen und weiteren kleinen Zugeständnissen. Öffentlich ist man nicht mehr dasselbe Team, intern erträgt man den Hass, weil er Kohle und Traffic generiert.


Informationen zum ‚Gamergate‘: Das sogenannte Gamergate formierte sich über das Internet, als eine weibliche Spieleentwicklerin Mittelpunkt eines Skandals wurde und brüstet sich seitdem damit, Spiele und die Welt rum um Spiele herum ‚zurückzugewinnen‘. Mitglieder umfassen alles vom harten Kernkreis mit rund 200 Mitgliedern (so wird es zumindest auf der Plattform Reddit kommuniziert), der teilweise kriminell gegen Frauen in der Branche, die es wagen, ihre Spiele zu kritisieren, vorgehen, zu einem weiten Außenkreis an Unterstützern und Leuten, die eigentlich gar nicht wissen, was sie da unterstützen. Es wäre falsch zu sagen, alle, die sich damit identifizieren, seien schlechte Menschen, aber es mangelt einem Großteil zumindest an Selbstreflexion über das, was durch das Gamergate bisher erreicht wurde. Für mehr Informationen würde ich raten, Zoe Quinn oder Anita Sarkeesian zu googeln.


Moderation = Zensur?

Das ist das Masterargument. Wir wollen nicht zensieren, sagen die Magazine. Wir wollen nicht zensiert werden, sagen die Trolle und Sexisten. Und aus genau diesem Grund tut sich seit Jahren nichts, unter den Kommentarspalten der großen deutschen Spielemagazine. Man will denen, die dort Hass verbreiten nicht den Mund verbieten. Vielleicht spielt auch Angst davor, angefeindet zu werden mit. Oder der Blick auf Klickzahlen. Oder es ist den Redakteur*innen egal. Ganz gleich der Grund, das offizielle Argument, mit dem Kritiker*innen mundtot gemacht werden lautet Zensur.

Nur handelt es sich nicht um Zensur und das ist sehr klar. Unter den Fotos, Videos und Berichten tummeln sich bekannte und unbekannte Gesichter einer ungeheuer gefährlichen Vereinigung. Sie sind der Grund, warum man es sich als Frau oder Minderheit zweimal überlegt, ein Spiel oder das Magazin für fragwürdige Inhalte zu kritisieren. Tut man es doch lässt der Backlash nicht lange auf sich warten.

Frauen haben in der Nerd- und Geekkultur nichts zu suchen – das liest man oft. Wer sich dagegen sperrt, dass weibliche Rüstung mal wieder nur ein Bh und Höschen sein soll wird mit absoluten Todschlagargumenten wie „du bist hässlich“ oder „der männliche Nebencharakter x zieht sich auch mal aus“ zurückgewiesen.

In den Kommentaren sammeln sich die, die einer Meinung sind und polarisieren sich gegen Andersdenkende – Menschen die von dem Gamergate fertiggemacht werden. Hass in Kommentaren kann dazu führen, dass die Situation eskaliert und auf einmal geht eine Adresse rum und der/die KritikerIn wird systematisch zerstört.

Die Zeitschriften und Online-Magazine, die sich noch wenige Jahre zuvor ein toxisches Publikum herangezüchtet haben, stehen nun vor vollendeter Tatsache und schweigen. Sie wissen, wer sich unter ihren Posts unterhält, sehen die Neonazis und offenen Sexisten – sie entscheiden sich, untätig zu sein. Und genau da ist das Problem. Spielejournalismus im Jahr 2018 und unter jedem zweiten Post wird gehasst. Ab und an streut die Redaktion einen ‚kontroversen‘ Post ein – etwas feministisches, um die Aufmerksamkeit der Hassenden zu wecken, etwas Sexistisches, um die Gehassten unter den Post zu locken. Ein ewiger Kreislauf, der von Mal zu Mal schlimmer wird und dafür sorgt, dass man sich als Frau/Minderheit nicht an Spielejournalismus erfreuen kann.

Das konnte man noch nie so wirklich. Seit den 80ern finden sich sexistische und rassistische, sowie homophobe Inhalte in den Spielen, Spielemagazinen und der Kommentarspalte. Aber jetzt sind wir an einem Punkt angekommen, an dem die Redaktionen etwas sagen können. Es reicht nicht, sich von den alten Inhalten zu distanzieren, es ist an der Zeit, dass sie sich auch von dem alten Publikum lossagen.

Nur so erreicht man, dass sich die, die nicht so denken wieder in die Kommentare trauen. Denn ganz ehrlich – der Großteil der Leserschaft ist nicht böse und sexistisch, sondern einfach müde. Müde davon, auf die Kommentare zu klicken, weil sie etwas beitragen wollen, und dann nur Hass zu sehen. Wir sind die stille Mehrheit und ich verspreche an dieser Stelle allen Spielemagazinen, dass sie nicht weniger Klicks und Kommentare bekommen, wenn sie ihre Ekelfollower loswerden, sondern mehr.


Aurelia von Geekgeflüster und ich haben uns zusammengetan, um das Problem anzusprechen. Ihren Beitrag findet ihr hier: Sexismus und Gaming: Über Bevormundung und Profilierung.

 

 

Suizid in den Medien – ein Blick auf den Umgang mit Suizid in der (Pop)Kultur

 

Suizid in den Medien – ein Blick auf den Umgang mit Suizid in der (Pop)Kultur

Suizid in den Medien – ein Blick auf den Umgang mit Suizid in der (Pop)Kultur


TW: Suizid


Kann man durch eine Serie oder ein Buch die Jugend hinreichend zum Thema Suizid sensibilisieren? Das ist die Frage, die den Produzierenden der Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ gestellt wurde. Und tatsächlich ist es fragwürdig, inwiefern die Serie das umsetzt, was sie sich selbst zuschreibt. Statt auf die Folgen von Mobbing hinzuweisen, wird man als Zuschauer*innen mit grausigen Bildern ohne jegliche Warnung (in der ersten Staffel) konfrontiert.


Hallo und herzlich willkommen im Büchnerwald!

Heute möchte ich mit euch über ein wichtiges Thema sprechen: Suizid. Denn heute am 10.09 ist der Welttag der Suizidprävention. Im Rahmen einer größeren Aktion, angestoßen von der lieben Babsi von BlueSiren, haben ich und einige weitere Blogger*innen uns zusammengeschlossen, um euch heute und in den nächsten Tagen passende Beiträge zu liefern.

Mein Artikel dreht sich um den Umgang von Medien mit dem Thema Suizid am Beispiel der/dem problematischen Serie/Buch Tote Mädchen lügen nicht.

Ein Buch für Jugendliche – oder nicht?

2007, als ich im Teenageralter war, kam das Buch heraus, auf dem die Serie basiert. Ich erinnere mich daran, wie ich beim Lesen hin- und hergerissen war. Einerseits verstand ich die Protagonistin zu gut. Auch ich wurde gemobbt und war als Jugendliche lange in psychologischer Behandlung. Wäre dem nicht so gewesen, wäre ich jetzt vermutlich nicht mehr hier. Denn wirkliche Rückendeckung in der Familie fehlte mir und auch Freund*innen hatte ich keine.

Ich erinnere mich gut, wie ich als junges Mädchen dasaß und mir überlegte, wen ich wohl auf meine „13 Gründe warum“-Liste schreiben würde. Dann wurde mir klar, dass man so etwas nicht machen kann. Dass es nicht die Schuld jener wäre, die heute mal nicht nett zu mir waren oder mich einfach nicht mögen. Ebenso wenig, wie es die Schuld meines Vaters wäre, der 10 Stunden am Tag arbeitet, um mir und meinen Geschwistern ein gutes Leben zu ermöglichen.

Aber ich hatte Hilfe. Ich hatte meine Psychologin, die mit einer Engelsgeduld vor mir saß und sich damit abgefunden hatte, dass ich mich an manchen Tagen eine volle Stunde lang über meine Mitschüler*innen echauffierte und an anderen Tagen nicht ein Wort herausbrachte. Hannah, die Protagonistin des Buches und der Serie hat dies nicht. Und ich frage mich bis heute, wieso das als Hauptproblem nicht beim Namen genannt wurde.

Hannah steht nicht komplett alleine da. Sie hat Freund*innen und eine Familie, die ihr Hilfe besorgen könnte. Trotzdem tun Buch und Serie so, als wäre ihr einziger Ausweg der Suizid. Ich kann verstehen, wieso ein Teenager so denken würde. Aber die Erwachsenen hinter dem Ganzen müssen einen weiteren Blick haben und sehen, was sie für eine Nachricht senden. Suizid als notwendiges Übel und danach die Menschen, die die „Schuld“ tragen ankreiden und ihr Leben ruinieren, weil sie ja das eigene ruiniert haben. So funktioniert die Welt nicht. Es graust mir davor, dass Jugendliche abends auf ihrem Bett wütend eine Liste erstellen mit „Schuldigen“ und sich danach großartig fühlen, weil sie es den Betreffenden ja so richtig schön zeigen werden.

Die Serie sagt von sich, dass sie jungen Menschen helfen soll. Aber sie verbreitet ein ekelhaftes Bild von Opfern, statt auf vorbeugende Maßnahmen zu verweisen und zu zeigen, dass Suizid erstens keine Lösung ist und zweitens nur die Schuld der Person, die sich umbringt. Schon in den Anfängen der Serie wird Hannah von einer Jugendlichen, die keinen Ausweg wusste, zur Antagonistin, die die Schuld allen anderen zuschiebt. Und das, obwohl sie eigentlich wirklich Opfer war.

Online wird die Serie als „Teenie Drama“ abgestempelt. Doch dies passt schon lange nicht mehr. Dass das Buch für Jugendliche ist, ist keine Frage. Die Serie jedoch greift weiter um sich und zieht auch Erwachsene in den Bann. Im Internet wird darüber diskutiert, ob sie denn nun hilfreich und wichtig, oder toxisch und gefährlich sei. Besonders Betroffene sprechen sich gegen diese Darstellung von psychischer Krankheit und Suizid aus. Caro von timeandtea hat eine tolle Liste, der Probleme erstellt, Marit Blossey hat für das Online-Magazin Mit Vergnügen einen Artikel über die Gefahren der Serie geschrieben und sogar der Spiegel sieht die dramaturgische und romantisierte Darstellung von Suizid kritisch, so schrieb Marc Pitzke Anfang des Jahres.

Trotzdem wird die Serie angeschaut und erreicht jeden Tag mehr Popularität. Aber warum ist das so? Wieso interessieren wir uns so dafür, einem jungen Mädchen faktisch dabei zuzuschauen, wie ihr Leben zerstört wird?

Die Antwort findet sich in unserer Psyche. Es ist bekannt, dass viele Menschen sich von Grauen angezogen fühlen. Schon im antiken Griechenland wurde Grauen auf der Bühne dargestellt, um den Zuschauer*innen so Erleichterung über ihre ‚niederen‘ Gefühle zu verschaffen. Eine Praxis, die von Schiller 2000 Jahre später noch immer angewendet und verfeinert wurde. Wieso ist es in diesem Fall problematisch, wenn Darstellungen von Grauen und Leid schon seit tausenden von Jahren in der Literaturwelt auftreten und durchaus eine Daseinsberechtigung haben?

Das Problem, das ich auch oben schon angerissen habe, ist, dass auf solche populären und romantisierten Darstellungen der sogenannte Werther-Effekt folgt. Junge Menschen sehen, wie sich ein Mädchen aufgrund von Mobbing umbringt. Ihr Leben wird tragisch und doch vorbildhaft präsentiert, ihr Leiden ausgeschlachtet. Sie verfolgen ihre Reise mit, sehen sich in ihr und ahmen nach. So wie ich auch mal dasaß und mir überlegte, wie meine Liste wohl aussehen würde. In der Serie sucht sich Hannah nie wirklich professionelle Hilfe und so wird dies auch keine Option derer, die zuschauen. Ihre Hilflosigkeit wird zur Hilflosigkeit der Zuschauer*innen.

Ähnliches ließ sich beim Namensgeber, dem Werther aus Goethes Die Leides des jungen Werther (1774), aber auch bei jüngeren Todesfällen wie dem von Kurt Cobain (1994) beobachten.

Dabei muss die Darstellung von Suizid nicht toxisch sein und auch aus einem realen Todesfall, kann mehr als nur Tragödie und Drang zur Nachahmung werden. Das beste Beispiel hierfür bietet Chester Bennington. Der Sänger der Band Linkin Park beging Ende Juli 2017 Suizid. Was folgte, war eine Welle aus Trauer – und Positivität. Fans, Teile seiner Band und andere Bands sowie Leute, die sich nie wirklich für die Musik interessierten, aber dennoch helfen wollten, schlossen sich zusammen gegen Suizid und für Hilfe. Sein Tod wurde nicht romantisiert als Liebesakt, Verzweiflungstat oder krasses Ende einer stressigen Musikkarriere.

Bennington wurde zum Symbol für das Hilfesuchen und offen über Probleme sprechen. So wie es eigentlich sein sollte. Gerade heute, kann man sich dank Internet schnell und anonym jederzeit über Hilfe informieren und in ganz dringenden Fällen auf Seiten wie 7CupsOfTea mit Menschen sprechen. Unter dem Hashtag #MakeChesterProud wird auf Twitter auch heute noch, über ein Jahr nach seinem Tod, für das Hilfesuchen plädiert.

Unser Umgang mit Suizid in den Medien sollte mehr so sein, wie der der Linkin Park Fans. Wir sollten für das Hilfesuchen Werbung machen, statt die verzweifelte Tat einer Jugendlichen unreflektiert auf die Welt loszulassen und uns dafür auf die Schulter zu klopfen.

Heute ist Welttag der Suizidprävention (World Suicide Prevention Day #WSPD). Ich und einige andere Blogger*innen haben uns zusammengeschlossen, um euch heute und in den nächsten Tagen Beiträge zum Thema zu liefern. Organisiert hat das die liebe Babsi von BlueSiren. Eine Sammlung zu allen Beiträgen findet ihr unter diesem Beitrag, ebenso wie auf Babsis Blog.

Bevor ich euch die anderen Links zusammenfasse hier eine Liste mit Hilfestellen. Falls du oder jemand aus deinem Umfeld darüber nachdenkt sich umzubringen, bitte wende dich an eine dieser Hilfestellen. Suizid ist keine Lösung, es gibt Hilfe für jede Lebenslage.

Telefon-Hotline (kostenfrei, 24 h), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste:

0800 – 111 0 111

0800 – 111 0 333 (für Kinder / Jugendliche)

Deutsche Gesellschaft für Suizid-Prävention

Weißer Ring – Für Kriminalitätsopfer:

116 006 (kostenfrei, anonym und bundesweit erreichbar)


Andere Beiträge zum Thema findet ihr bei diesen BloggerInnen:

Babsi von BlueSiren

Laura von skepsiswerke

Nadine/Caytoh von Buchstabenmagie

Vivka von A Winter Story

Helen auf ihrem Youtubekanal Helen Fischer

Jenny von colored cube

Anna von Ravenclaw Library