Blogreihe: Volksstück

Tony_Pfoser_Volksstück

Blogreihe: Volksstück


Hallo und herzlich willkommen im Büchnerwald!

Die Volksstück-Reihe ist zurück! Meine kleine, literaturwissenschaftliche Blogreihe zum Thema Volksstück ist wieder verfügbar.


1. Basics: Was ist ein Volksstück und wieso sollte ich das wissen?

2. Grundzüge einer Gattung: Die Freude am Grauen und frühe Zensur.

3. Die (Nach)Kriegszeit: Kritik an Gesellschaft ist Kritik an der Zeit?

4. Revolution und Modernisierung: Die Horváth-Fleißer-Kontroverse.

5. Erbe und Umsetzung nach dem Krieg: Ein Nobelpreis in Provokation?


Die Themen umfassen vor allem Entstehung, Inhalte und Revolution des Volksstückes, aber auch Zensur und Umgang mit kritischen Inhalten im 20. Jahrhundert. Diskutiert werden dabei einzelne Werke und AutorInnen, sowie die grundlegenden Züge der Gattung in ihren Anfängen, in der Weimarer Zeit und nach dem Krieg.

Im Fokus stehen Deutschland und Österreich, wobei besonders um Wien herum die meisten Stücke spielen.

Wieso so eine Reihe?


Originaltext aus der Ankündigung (Sommer 2018)


Ich spiele seit einiger Zeit mit dem Gedanken, etwas über das Volksstück zu schreiben. Denn das Volksstück an sich war Dreh- und Angelpunkt der literarischen Gesellschaftskritik im deutschsprachigen Raum von etwa 1860 bis 1970 (mit der zu erwartenden Pause zwischen 33-45). Wenn man sich das Volksstück ansieht und die Formen, mit denen die AutorInnen kritisiert und reflektiert haben, sieht man Muster, die sich auch in der heutigen Gesellschaft widerspiegeln. Sexismus, Rassismus, gefährlicher Nationalstolz, Kriegsschuld und Gewalt.

Des Weiteren handelt es sich um eine literarische Gattung, die heute oft vergessen wird. Das ist schade, denn ich denke, dass wir davon profitieren könnten.

Im Volksstück geht es vor allem darum, durch gezielte Provokation und Überspitzung auf Probleme der Zeit hinzuweisen. Diese Dinge übernehmen heute satirische Sendungen und JournalistInnen – trotzdem bietet das Volksstück eine eigene Perspektive.

Die Beiträge werden im Essay-Stil gehalten und bieten somit Infos für Leute die neu in der Literaturwissenschaft sind, aber auch Fakten und Quellen für die, die sich damit bereits auskennen.

Ich hoffe das Projekt findet Anklang. In einer Welt, in der Hass und Gewalt wieder Gesellschaftsfähig werden, ist es (denke ich zumindest) wichtig, dass man sich über Kritik, Zensur und Umgang mit Hass in der Vergangenheit informiert und sich damit auseinandersetzt.

Psychiatriestigmen in unserer Gesellschaft

lost-place-1748156_960_720 - Kopie

Psychiatriestigmen in unserer Gesellschaft


TW: Mentale Gesundheit, politisch fragwürdige Wortwahl zur Illustration des Problems


Hallo und herzlich willkommen im Büchnerwald. Heute möchte ich mit euch über ein wichtiges Thema sprechen: den Stigmen gegenüber Psychiatrien, die wir auch im Jahr 2018 noch haben.

Was sind die Stigmen?

Wenn wir heute in Büchern, Serien, Filmen oder im Alltag über Psychiatrien sprechen, dominieren oft Horrorvorstellungen. Leblose Menschen in Stühlen, ‚irres‘ Lachen, Gefahr und Schmutz und kalte Gesundheits- und Krankenpfleger*innen, die die Patient*innen unheimlich finden oder selber böse sind.

Eingewiesene Menschen sind der trockene Witz am Ende. Sie werden entweder als extrem hilfsbedürftig oder als gefährlich betrachtet. Die armen dummen „Irren“, die sich nicht wehren können und die „Gestörten“, von denen man froh ist, dass sie weggesperrt sind.

Woher kommen diese Stigmen?

Gerade wenn man sich die Popkultur ansieht, wird der Appeal of Horror deutlich. Wir wollen abstoßende Geschichten über kranke Personen, wir schauen uns Filme wie Gothika und Serien wie American Horror Story an. Und wir adaptieren die Darstellungen für uns.

Dabei sind diese Vorstellungen schon so in unserem Kopf und werden durch diese Medien bestärkt. Einer flog übers Kuckucksnest, American Psycho, Supernatural, Alice im Wunderland, Psycho, The Shining, Lucius – egal ob Bücher, Musik, Theater, Spiel oder Film/Serie. Unsere Vorstellung von psychischen Krankheiten und Psychiatrien ist – um ehrlich zu sein – extrem verzerrt.

Immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich selbst Stereotypen über diese Dinge in der Popkultur konsumiere, ohne sie zu kritisieren. Eben weil Menschen es interessant finden, mit Horror konfrontiert zu werden. Und was ist schon aufregender, abstoßender und interessanter als Horrorgeschichten über Anstalten?

Zumal nicht alle Medien es so schlecht machen. Klar perpetuiert American Horror Story gewisse Stereotypen, es gibt jedoch ein gutes Bild über den Status unseres Gesundheitssystems in den 50er/60ern ab. Wir haben eine ekelhafte Geschichte, wenn es darum geht Menschen wegzusperren.

Homosexualität, körperliche/mentale Einschränkung, die falsche Religion, Hautfarbe, Abstammung oder Einstellung – auch nach dem Nationalsozialismus haben wir nicht aufgehört, Menschen zu Unrecht einzuweisen und sie dann zu ignorieren. Machtausübung der Heime und allgemeines Desinteresse der Öffentlichkeit resultierten in furchtbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Aber wir befinden uns nicht mehr in den 60ern. Unsere dauerhaft rückblickende Sichtweise auf diese Thematik stört uns, die Dinge so zu sehen wie sie heute sind. Menschen, die sich Hilfe suchen brauchen die Unterstützung der Gesellschaft.

Wem schaden die Stigmen?

Und da sind wir schon beim wichtigsten Punkt: Wem schadet das eigentlich? Die Antwort ist einfach und kompliziert zu gleich, denn diese Stereotypen schaden uns allen.

Sich selbst einzugestehen, dass man Hilfe benötigt und die Realisation, dass Therapie etwas Gutes ist, sind wichtige Schritte für viele Menschen. Es gibt noch immer so viel Ableismus und Ageismus in der alltäglichen Sprache. So viele Stigmen, so viel Hass und Unverständnis. Erst wenn wir all das hinter uns lassen erhalten wir eine Gesellschaft, in der man sich nicht dafür schämt, Hilfe zu benötigen. Mobbing und Vorurteile bei Jobinterviews sind alltägliche Vorkommnisse für manche. Aktionen, in denen sich über Kliniken lustig gemacht wird, bestärken das.

Sie verharmlosen aber auch das Leider derer, die früher wirklich gelitten haben. Wenn man heutige Institutionen für mentale Gesundheit mit Anstalten aus den 60ern gleichsetzt, was sagt das dann über die Menschen aus, die früher tatsächlich gegen ihren Willen eingesperrt wurden? Und was sagt man damit über moderne Einrichtungen, die sich darauf konzentrieren Menschen zu helfen? Und über diejenigen, die einen sehr harten Job bewältigen, um anderen zu ermöglichen, ein besseres Leben zu leben.

Haha! Lass dich für eine Nacht in eine Anstalt sperren und gewinne ein Buch lol! Richtig unterhaltsam!

Sebastian Fitzek machte 2018 Schlagzeilen mit seiner Werbung für sein Buch „Der Insasse“. Es gab ein Preisausschreiben, in dem eine Nacht in einer Anstalt verlost wurde. Dieser Umgang mit dem Thema illustriert genau das Problem, was ich in diesem Artikel anspreche. Sein Buch weist zudem mehrere Recherchefehler auf. Wenn man als Autor schon Horror in einer psychiatrischen Einrichtung umsetzen möchte, dann doch bitte in der richtigen Zeit und korrekt recherchiert. Bilder von Lobotomien und Zwangsbädern bei viel zu hohen Temperaturen haben nichts im 21. Jahrhundert zu suchen.

Die Realität

Warum ist mir das so wichtig, dass ich alles stehen und liegen lasse, um direkt einen Artikel darüber zu schreiben? Weil die Realität anders aussieht, als das, was sich die meisten Menschen darunter vorstellen. Menschen weisen sich in der Regel selbst ein, der Aufenthalt ist zeitlich beschränkt (es gibt natürlich Ausnahmen, aber 2-3 Monate sind ein guter Grundwert) und das Wichtigste: Kliniken sind in erster Linie ein sicherer Ort, an dem Menschen loslassen können, um wirklich in Kontakt mit ihrer Krankheit zu kommen und Techniken zu lernen, im Alltag mit ihr klarzukommen. Eine Klinik ist keine Endlösung oder ein Ort, an den man einfach abgeschoben werden kann.

Ich selbst war als Kind (genauer, als ich 12 war) in einer psychiatrischen Klinik. Die Umstände, wie ich dazu gekommen bin, sind hier unwichtig. Die Erfahrung an sich ist so viel mehr, als nur gut oder nur schlecht.

Als Kind hat man keine Kontrolle darüber, ob man dort sein möchte oder nicht. Deswegen kam ich mir am Anfang furchtbar alleine vor. Besuchszeiten tun weh, weil man gerade als junger Mensch mehr Kontakt mit der Familie braucht, als 2-3h die Woche. Die Bettzeiten und starken Beschränkungen (man muss sich Privilegien wie Spielzeiten im Garten oder Besuche in nahegelegenen Supermärkten verdienen) sind ebenfalls gewöhnungsbedürftig.

Für mich war es allerdings eine wichtige Erfahrung. Mit anderen Menschen zusammen zu sein, die ebenfalls Depressionen und soziale Ängste haben, tut so gut. Man wird von niemandem verurteilt. Es gibt reguläre Therapiestunden mit einer Psychologin, Gruppentherapie, die alles sein kann (von im Kreis sitzen und miteinander sprechen zu einem Besuch in der Kletterhalle), Kunsttherapie, Massagetherapie und Musiktherapie.

Mir wurde außerdem ermöglicht zu schreiben. Talente fördern, Selbstbewusstsein aufbauen, lernen das man nicht seltsam ist, sondern einfach man selbst. Lernen, wie man damit umgeht, dass es einem manchmal nicht gut geht und das es okay ist, anderen Menschen die eignen Grenzen mitzuteilen.

Ich war für 2 ½ Monate dort und habe so viel mitgenommen, was ich noch heute in mir sehe. Die Erfahrung hat mir so geholfen und trotzdem musste ich mir von Klassenkameraden Sprüche anhören. Sehr schlimme Sprüche. Ich war der „Psycho“ und „Weirdo“ und alles, was ich mir in der Zeit in der Klinik erarbeitet habe, ging wieder kaputt. Weil diese Kinder lernen, dass „Irrenhäuser“, „Klapsen“ und „Klapsmühlen“ gruselige Orte sind für Menschen, die gefährlich und seltsam sind und keinen Platz in der Gesellschaft haben.

Das kann so nicht weitergehen

Wann sind wir endlich an einem Punkt angekommen, an dem psychische Krankheiten in unserer Gesellschaft nicht entweder nonexistent oder extrem negativ besetzt sind? Wann kommt der Punkt, an dem Menschen sich nicht mehr dafür schämen müssen, Hilfe zu brauchen, um mit sich selbst klar zu kommen?

Wir müssen zu diesem Punkt kommen, und zwar schnell. Denn jeder Tag, der vergeht, an dem ein Kind für die Therapie gemobbt wird oder an dem sich jemand gegen einen Klinikaufenthalt entscheidet, weil die Person Angst vor dem Backlash hat, ist einer zu viel.

Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der sich Hilfe suchen etwas Gutes ist und in der sich nicht darüber lustig gemacht wird, in dem man so tut, als wären Kliniken der selber Horror, der sie vor 80 Jahren waren.

Hanover’s Blind – Minderheiten im Spotlight. Ein Gespräch mit der Autorin Kia Kahawa.

Hanovers-Blind-Thumbnail-Youtube

Hanover’s Blind – Minderheiten im Spotlight. Ein Gespräch mit der Autorin Kia Kahawa.


TW: Sexualität, körperliche Einschränkung


Hallo und herzlich willkommen im Büchnerwald!

Heute gibt es einen etwas anderen Beitrag als sonst. Es geht um ein Thema, welches hier auf dem Blog schon häufiger Beachtung gefunden hat: den Umgang mit nicht-heterosexuellen Beziehungen im Schreiben. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich mich in diesem Rahmen mit meiner lieben Kollegin Kia Kahawa unterhalten konnte. Das Resultat ist ein unverfängliches Gespräch über das Thema und Kias Umgang damit in ihrer Novelle Hanover’s Blind, die derzeit mittels Crowdfunding finanziert werden soll.


hanovers-blind-cover-1000

[Foto © Kia Kahawa, Coverdesign: Esther/LaKirana]


Kia Kahawa

Wer Kia noch nicht kennt: Sie ist eine Autorin, die sowohl bei Verlagen, als auch durch Selfpublishing veröffentlicht, engagiert sich beim Bundesverband junger Autorinnen und Autoren und formt durch Projekte wie den Autorenstammtisch Hannover oder ihre Steuertipps (Autoren an die Steuer) die Autor*innen-Community mit.

Hanovers-Blind-Kia

[Foto © Lily Wildfire]


Das Gespräch

Erstmal hallo an dich Kia, und danke, dass du dich darüber mit mir austauschen möchtest. Wie du sicher weißt, bin ich starke Advokatin dafür, dass man mehr gut recherchierte Geschichten über Minderheiten benötigt. Daher die wichtigste Frage zuerst: Wie kommt es, dass du dich mit der Thematik in deinem neuen Roman auseinandergesetzt hast? Hast du vorher schon mal mit dem Gedanken gespielt, über diese Dinge zu schreiben?

Hi Michelle! Danke, dass wir dieses Gespräch führen können. Ich glaube, das wird sehr spannend. Gerade wegen deiner Prämisse, dass wir mehr gut recherchierte Geschichten über Minderheiten brauchen und deiner Frage, die folgende Antwort von mir bekommt: Nein, ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, über Nicht-Heterosexualität zu schreiben. Minderheiten schon; denn ich schreibe im Bereich der Entwicklungsromane über Menschen, die sich wegen einer psychischen oder physischen Krankheit selbst im Weg stehen. In Hanover’s Blind geht es um Adam, einen Sehbehinderten, der ein Leben auf eigenen Beinen aufbauen will und sich nicht mit dem geringsten Übel abfinden möchte. Dass Adam im Laufe von Hanover’s Blind eine schwule Beziehung eingeht, ist tatsächlich einfach so passiert.

Ich mag das Setup! Es werden leider kaum Minderheiten miteinander kombiniert. Man liest oft von Homosexualität/Bisexualität oder Behinderung. Dabei gibt es da natürlich viele Überschneidungen. Woher kam das? Dieser Impuls, über solch eine Thematik zu schreiben?

Die Idee zu Hanover’s Blind hatte ich, als ich im Tanzkurs Probleme hatte, da ich als dominante Frau mit zehn Jahren Tanzerfahrung meinen Partner geführt habe. Aber der Mann führt. Ich habe also gegen seine Intentionen geführt und so waren wir ein furchtbar schlechtes Tanzpaar. In einer Privatstunde wollten wir das Problem lösen und die Tanzlehrerin hat mich dazu gebracht, blind zu tanzen. Plötzlich hat alles funktioniert. Ich habe nichts gesehen und war gezwungen, meinem Partner voll zu vertrauen. Das endete zwar manchmal in einem kleinen Unfall, weil wir im normalen Tanzkurs viele Paare auf engem Raum sind und mein Partner schnell überfordert war, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls stand für mich zu diesem Zeitpunkt Folgendes fest:

  • Adam ist mein Protagonist
  • Er soll blind tanzen und dadurch einen Vorteil seiner Behinderung herausfinden
  • Das Ding soll Hanover’s Blind heißen.

Ja. So geschah es, dass mein Protagonist sich in einen Mann verliebt. Das ist einfacher, als Adam im Nachhinein weiblich zu machen oder den Tanzlehrer in eine Tanzlehrerin zu verwandeln, die dann aus welchen Gründen auch immer führt – das wäre beides nicht mehr die Geschichte gewesen, die einfach raus wollte. Und das unterstreicht auch schon meine Meinung zu Homo-, Bi-, Trans- oder Asexualität: Sie sollte scheißegal sein. Ich möchte, dass Sexualität eine Nebensache ist.

Hast du bei all dem manchmal Angst, etwas falsch darzustellen? Ich stelle es mir sehr kompliziert vor, über einen blinden, bisexuellen Mann zu schreiben, wenn man nicht alle Kriterien selber erfüllt. Wie hast du da recherchiert?

Ich hatte extreme Angst, etwas falsch zu machen. In der Belletristik darf natürlich manches erfunden sein, aber ich stelle Hannover detailgetreu dar und zeige alles aus Adams Sicht. Da habe ich auch einige Fehler eingebaut. Zum Beispiel hat Adam im ersten Kapitel eine korpulente Frau angesprochen. Woher soll er wissen, dass sie korpulent ist, wenn er sie nicht berührt?

Die Recherchen habe ich dann schließlich im echten Leben gemacht. Über seine Erkrankung und die Art, wie er die Welt wahrnimmt, habe ich zunächst mit bekannten Sehbehinderten gesprochen. Dann ist da noch Carolin Summer zu erwähnen. Sie ist eine Autorenkollegin von mir und hat die gleiche Krankheit wie mein Protagonist. Daher hat sie als Alphaleserin das gesamte Buch auf Herz und Nieren geprüft.

Das finde ich absolut großartig! Ich finde es sehr wichtig, dass man das eigene Schreiben kritisch reflektiert und bei Fehlern nicht abblockt, sondern offen ist und versucht es besser umzusetzen. Ist Adam eigentlich von Geburt an blind?

Hui, danke für die Blumen! Kritik ist unendlich wichtig für mich, da ich auch in meinem allgemeinen Autorenleben außerhalb dieses einen Projekts gerade auf Kritik angewiesen bin.

Und nein. Adam ist gar nicht blind. Er hat Optikusatrophie. Als Kind hat sich das herausgestellt. Sein Sehnerv bildet sich zurück und er verliert immer mehr Sehkraft. Als blind bezeichnet man einen Sehbehinderten erst, wenn er nur noch 2 % oder weniger Restsehschärfe hat. Adam ist bei ca. 10 %, nimmt also noch verschwommen Lichtverhältnisse wahr. Das erklärt er in Hanover’s Blind recht charmant damit, dass es ihm nicht egal ist, ob in einem Raum das Licht an oder aus ist. Ausgesucht habe ich mir diese Krankheit, damit die Geschichte realistisch bleibt. Er hat eine Vorstellung von Längen und Abständen, von Räumen und Richtungen. Das ist unter anderem auf eine Vergangenheit mit funktionierenden Augen zurückzuführen.

In der Grundschule musste Adam schon mit einem Tafellesegerät arbeiten. Zum zehnten Geburtstag kam dann der Blindenstock. Ab da war er nicht mehr der Coole mit der Tafelkamera, sondern der Behinderte mit dem Stock. Gerade im Kindesalter ist so eine Erkrankung natürlich prägend, was Adams Motivation, seine Sehbehinderung zu verstecken, erst ins Rollen bringt. Denn in der Novelle will Adam nicht wie ein Behinderter behandelt werden. Leider ist er der Meinung, dass er zu behindert ist, um geliebt zu werden.

Zu behindert, um geliebt zu werden“, ist eine Aussage die ich beides, poetisch und furchtbar finde. Eine Erkrankung im Kindesalter kann sich, meiner Meinung und Erfahrung nach, aber auch positiv auswirken. Ich kenne einige Menschen, die schon früh beeinträchtigt waren und damit besser klarkommen, als die, die erst im Erwachsenenalter damit konfrontiert wurden.

Wie ich es beobachtet habe, stammt das daher, da Kinder noch nicht dieses Ich-bin-besser-als-du-weil-X-Gefühl haben, bzw. weniger Stereotypen und Ängste bezüglich Behinderungen haben. Ich bin Dank meinem Vater, der in der Krankenmedizin tätig war, mit Behinderungen um mich groß geworden und habe dementsprechend heute viel weniger Vorbehalte als Leute die ‚behütet‘ aufwuchsen.

Trotzdem erwische ich mich manchmal dabei, dass ich unsensible Dinge denke oder sogar sage. Passiert dir das auch? Wie gehst du damit um?

Tatsächlich habe ich auch das Problem. Ein Autorenkollege von mir hat sich mal derart die Beine gebrochen, dass er temporär im Rollstuhl saß. Er wurde teils behandelt, als käme er nicht alleine zurecht. Das finde ich furchtbar und absurd. So behandele ich keine anderen Menschen und ich bin immer auch gedanklich ‚auf Augenhöhe‘. Aber gerade bei Sehbehinderten habe ich oft Angst, sie kennenzulernen. Ich habe ein gewisses Hemmnis, das mir sagt, diese Leute wollen nicht angesprochen werden. Als würde jeder, der nicht der Norm entspricht, am liebsten unsichtbar sein. Da schließe ich vielleicht von mir auf andere. Insofern war Hanover’s Blind vielleicht auch ein Stück weit Selbsttherapie, ein Schritt in die richtige Richtung. Das rührt meiner Meinung nach hauptsächlich daher, dass ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Wann Leute offen sind, wann sie mit etwas humorvoll umgehen und wann man sie verletzen kann. Aber generell unsensible Dinge – die denke ich entweder nie oder immer. Ich schätze, da fehlt mir noch das feinfühlige Bewusstsein für meine Gedanken.

Was würdest du dir wünschen, wenn man dich nach einer ‚perfekten Zukunft‘ fragt, in der der Umgang mit Minderheiten ideal wäre?

Ich fände es toll, wenn es keine Minderheiten mehr gäbe, wenn es ein großes Ganzes gäbe. Aber das halte ich für utopisch. Es wird immer unsichtbare Grenzen geben, Scheu vor dem, was man nicht kennt und mehr oder weniger unfreiwillige Unsensibilität anderen gegenüber. Ich halte das so wie mit Ernährung, Müllvermeidung oder Solidarität: Jeder sollte irgendwo die Welt ein Stück weit besser machen. In keiner Kategorie bin ich perfekt oder maximal optimiert, wie man es auch nennen mag. Aber ich bin allen Menschen gegenüber offen und bemühe mich um ein waches Auge im Alltag. In einer realistischen perfekten Zukunft hat jeder wenigstens Rücksicht für seine Mitmenschen. Das würde ich mir wünschen und versuche, es durch meine eigene Lebensgestaltung umzusetzen.

Ich glaube ja auch nicht daran, dass man einfach davon ausgehen kann, dass wir alle gleich zu behandeln sind. Unsere Gesellschaft profitiert von Vielfalt und es wäre großartig, wenn Menschen dies so wahrnehmen würden. Dennoch sind Minderheiten noch immer Minderheiten und der Umgang sollte dem entsprechen. Wir haben eine furchtbare Vergangenheit im Umgang mit Sexualitäten (die nicht hetero sind), Behinderungen, Geschlechtern (die nicht männlich sind) und Hautfarben (die nicht weiß sind). Das darf man nicht einfach so ignorieren.

Ich würde mir wünschen, dass man alle Menschen als Menschen behandelt, diese Hintergründe jedoch nicht verdrängt. Es wäre, meiner Meinung nach, schlichtweg respektlos, einfach so zu tun, als hätten wir sie die letzten Jahrhunderte nicht so behandelt, wie wir es nun einmal getan haben.

Das wäre schön, ja. Aber da muss man unbedingt auf die Mittel und Wege achten. Ich halte beispielsweise nichts von reinen Frauenvereinigungen. Du siehst das anders, ich weiß, aber mir liegt es am Herzen, dass das Wort ‚Minderheit‘ irgendwann verschwindet. Ich würde gerne wissen, wie ich mit einem Behinderten umgehen soll. Aber den gibt es nicht – den Sprecher für alle Behinderten. So wie es auch keine Sprecherin aller Frauen oder Feministinnen gibt. Jeder hat unterschiedliche Meinungen und Hintergründe. Und ich glaube, genau da werden die Berührungsängste vorerst bestehen bleiben. Das ist sehr schade. Das Thema behandelt auch meine Novelle. Nur eben andersherum: Hier hat der Behinderte Ängste vor den Berührungsängsten anderer, die gar nicht existieren. Ich möchte ein Stück weit beleuchten, dass jeder Mensch eine Geschichte hat und dass die meisten von ihnen es wert sind, gehört zu werden.

Das ist ein gutes Schlusswort. Ich danke dir, für dieses Gespräch auf Augenhöhe.

Danke dir. Ein friedlicher Austausch über so wichtige Themen ist mir sehr wichtig!

Das Crowdfunding

Hanovers-Blind-Endcard-Youtube

[Foto © Kia Kahawa]


Ihr könnt Kia und ihre Novelle noch bis zum 10.07.2018 unterstützen. Infos, Dankeschöns und den Trailer zum Buch, sowie die Möglichkeit mitzuhelfen findet ihr auf der Crowdfunding-Seite.

Der Trailer dort wurde von Micha Feuer eingesprochen und nachbearbeitet.

Hanover’s Blind wird voraussichtlich im September veröffentlicht, hier könnt ihr bereits jetzt in die Leseprobe reinschnuppern!

Update

Das Projekt wurde erfolgreich umgesetzt. Ihr könnt Hanover’s Blind hier kaufen.

Die Blogtour

Dieser Beitrag ist Teil einer Blogtour im Rahmen des Crowdfundings von Hanover’s Blind, es erscheinen in regelmäßigen Abständen Beiträge von anderen tollen BloggerInnen, die Kia und ihr Projekt unterstützen möchten.

  • Am 1.06 gab es ein Cover-Reveal. Das wunderschöne Cover hat Esther/LaKirana gestaltet.
  • Lisa, von Lisas Bücherleben, hat am 4.06 über den Protagonisten Adam geschrieben.
  • Emma vom Ge(h)schichten-Blog hat am 7.06 Kia zum Thema Sehbehinderung interviewt.

Über die nächsten Wochen folgen Beiträge von weiteren tollen Menschen. Für Updates schaut doch auf Kias Twitteraccount oder ihrer Webseite (beides oben verlinkt) vorbei.

  • Der nächsten Artikel stammt von Margret Kindermann und wird am 13.06 auf ihrem Blog erscheinen.

Beitragsbild © Kia Kahawa

Als Autor*in darf ich alles – Stimmt das?

alphabets-2518268_960_720

Als Autor*in darf ich alles – Stimmt das?


Tw: Zahreiche Minderheiten, Umgang mit Sexualitäten, politisch fragwürdige Sprache zur Darstellung des Problems


Disclaimer: In diesem Text wird über Minderheiten im Generellen, also auch den Umgang mit diversen Kulturen, Hautfarben, Behinderungen, Sexualitäten und Identitäten gesprochen. Ich selbst habe europäische Features, bin cis und weitestgehend ablebodied. Sollte also trotz meiner Recherche ein Fehler im Umgang mit einer Minderheit, von der ich nicht betroffen bin, auftauchen, bitte ich um Korrektur.


In diesem Beitrag soll es um Minderheiten in der Literatur gehen. Besser gesagt über Own-Voice-Literatur versus keine Own-Voice-Literatur und die Gründe, warum man darüber überhaupt so stark diskutieren kann.

Was darf man als Autor*in?

Allein von der Formulierung ausgehend, ist klar, dass man theoretisch alles darf. Klar, wer will einen schon aufhalten? Die Frage ist also eher, wie man als Autor*in mit gewissen Themen umgehen sollte.

Ein Teil dieser Kontroverse ist der Umgang mit Minderheiten. Wie sollte man als Autor*in mit Minderheiten in den eigenen Büchern umgehen, wenn man selber kein Teil dieser Minderheiten ist? Ein Buch, in dem alle weiß, jugendlich, gesund, cis hetero und im Extremfall männlich sind, wird früher oder später Kritik dafür ernten, dass es nicht inklusiv ist.

Man darf das natürlich trotzdem schreiben (und viele tun es auch), aber es ist klar, dass Leute sich die Frage stellen, wieso man keine Minderheiten einbaut.

Was ist nun aber mit Autor*innen, die aus der Sicht einer Minderheit schreiben, der sie selbst nicht angehören und dann von besagter Minderheit kritisiert wird? Widerspricht sich das nicht, mit der Bitte nach Inklusion?

Die zwei Lager

Die einen sagen, dass Phantastik, bzw. Literatur allgemein, nicht realistisch sein muss. Die kreative Freiheit erlaubt es einem, Dinge zu erfinden und drehen wie man möchte. Gerade Bücher über männlich-homosexuelle Romanzen verkaufen sich extrem gut. Es ergibt also Sinn, dass Autor*innen das schreiben.


Wer mehr über die Probleme von Gayromance und überhaupt Gay als Genre lesen möchte, kann dies in diesem Beitrag tun: Wenn Heteros über Homos schreiben.


Hinzu kommt, dass ein Verbot, nicht nur lächerlich ist, sondern für manche auch Zensur gleichkommt. Ein erwachsener Mensch kann Bücher schreiben und veröffentlichen, wie er/sie/nb möchte.

Das ist auch alles richtig. Es gibt jedoch ein Problem mit der Sichtweise, dass man uneingeschränkt einfach über alles und jeden so schreiben darf, wie man möchte.

Denn was viele vergessen ist, dass die Minderheit, über die man schreibt, real existiert und das Geschriebene lesen kann. Es ist für diese Menschen offensichtlich verwirrend, wenn sie ein Buch über ihre Kultur oder Sexualität lesen und dann feststellen, dass absolut nichts davon stimmt.

Sex im Dunkeln und ein roter Hut

Stellt euch vor, man schreibt ein Buch über Deutsche und sagt darin, dass Deutsche nur Sex im Dunkeln haben und Samstags rote Hüte tragen. Da würden sich alle deutschen Leser fragen, woher das kommt. Wenn sie das dann kritisieren kommt die Antwort „ich darf schreiben, was ich will.“

Damit kommt man irgendwann klar und vergisst es nach einiger Zeit. Jetzt stellt ihr aber fest, dass der/die/nb Autor*in aus einem Land kommt, in dem 90 % der Bücher über Deutsche diese Informationen beinhalten.

Das geht so weit, dass ihr nicht mehr reisen könnt, ohne auf euren roten Hut angesprochen zu werden. Leute kommen auf euch zu und machen Witze, über den Sex, den ihr habt. Ohne euch wirklich zu kennen. Denn die Informationen, die in den Büchern vermittelt werden, sind so normalisiert, dass es als okay angesehen wird, jeden Deutschen auf private Details anzusprechen.

Was zunächst noch unwichtig und irgendwie witzig war, wird jetzt nervig und immer mehr zu einem Problem.

Generalisierung und Grenzen

So geht es Minderheiten. Manche ‚Fakten‘ werden generalisiert. Es haben sicher viele Deutsche nur Sex im Dunkeln, aber lange nicht alle. Zumal nicht nur Deutsche Sex im Dunkeln haben. Manche ‚Fakten‘ sind kompletter Blödsinn, wie das mit dem roten Hut.

Direkte Beispiele hierfür ist Scissoring. Irgendwie aus der Porno-Szene übernommen, nehmen viele Menschen an, dass nicht-heterosexuelle Frauen das machen. Was aber nicht der Fall ist.

Ich wurde mal von einer wildfremden Frau gefragt, wie ich trotz langer Fingernägel mit meiner damaligen Partnerin Sex habe. Sie hat irgendwo gelesen, dass alle Frauen in einer nicht-heterosexuellen Partnerschaft kurze Nägel haben müssen und war neugierig. Es schien normal für sie, mich über ein extrem privates Detail zu befragen, weil sie mich nicht als Person, sondern als Vertreter meiner Minderheit gesehen hat.


Ich nutze an dieser Stelle nur Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung, weil ich mich nicht wohlfühlen würde, über Stereotypen anderer Minderheiten zu schreiben. Etwas, was eine gute Freundin von mir, die aus Südafrika ist, furchtbar findet, ist der ‚alle schwarzen Frauen haben dieselbe Art von Haarstruktur‘-Stereotyp. Sie hat mir dann die Tabelle gezeigt, die von 1 zu 4C reichte und ich verstand, was sie meinte. (Link zum Verständnis


Die Aussage „ich darf alles, was ich möchte“ kommt mit den Privilegien, die man als Autor*in, der/die keiner Minderheit angehört, hat. Man darf über Minderheiten schreiben, wie man möchte, weil man von den Folgen nicht betroffen ist. Es kann einem egal sein, wenn Falschinformationen und Stereotypen die Runde machen.

Dann lieber gar keine Minderheiten?

Wie baut man also Minderheiten ein? Denn wie oben schon angesprochen, geht es auch nicht ohne. Schreibt man aus deren Sicht oder lässt man sie als Randfiguren stehen?

Wenn man sie als Nebenfiguren schreibt, gibt es oft die Gefahr, dass man sie als ewigen Sidekick oder Lückenfüller einsetzt. Ein guter Trick um sich davor zu schützen ist: gebt ihnen Charakter. Denn oft wird sich über Minderheiten-Sidekicks beschwert, die austauschbar sind.

Wenn ihr unbedingt aus der Sicht einer Minderheit schreiben wollt, ist eine Möglichkeit, das Hauptthema nicht um ein typisches Problem der Minderheit aufzubauen. Schreibt über eine lesbische Frau, wie ihr über eine heterosexuelle Frau schreiben würdet. Recherchiert, aber fokussiert euch nicht nur auf das Outing oder den Hass.

Recherche ist alles

Sprecht mit Leuten. Sucht euch Testleser, die euch auf Fehler hinweisen. Recherchiert und baut eure Figuren realistisch auf, auch wenn ihr phantastisch schreibt. Kämpft mit ihnen in epischen Schlachten, mietet eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Frankfurt (ein Kampf für sich) oder beschreibt ihren Tag im Finanzamt. Sprecht ihre Herkunft/Sexualität/etc an, macht sie aber nicht zum Zentrum eurer Geschichte.

Einen Drachen kann man sich komplett neu erfinden, weil es keine Drachen gibt. Ein schwuler Mann ist kein Drache. Die gibt es wirklich.

So gut ihr auch recherchiert und schreibt, ihr werdet den Problemen nicht gerecht. Einfach, weil ihr es nicht lebt. Ein gutes Beispiel ist Simon vs the homosapiens agenda. Die Autorin hat sehr gut recherchiert und trotzdem Blödsinn zum Outing geschrieben.

Own-Voice-Büchern nicht die Bühne stehlen

Dazu kommt, dass man über ein Thema schreibt, über welches tatsächlich Betroffene bereits geschrieben haben.

Own-Voice-Literatur, also Bücher von Minderheiten über sich selbst, werden auf dem Buchmarkt oft ignoriert, weil viele Autor*innen Bücher über das Thema schreiben, ohne betroffen zu sein. Sie gehen unter.

Von Außenstehenden geschriebene Bücher sind außerdem angenehmer zu lesen, da man sich in seinen Stereotypen bestätigt fühlt und als Leser*in nicht in Gefahr läuft, durch Own-Voice auf eigene Fehler hingewiesen zu werden.

Zurück zu Simon vs the homosapiens agenda – Leute lesen dieses Buch über ein Outing lieber, als ein realistisches Buch, in dem tatsächlich beschrieben wird, was passiert. Indem der Protagonist trotzdem Angst hat. Obwohl seine Familie ja eigentlich liberal ist. Und sich immer und immer wieder outen muss, statt einmal. Und sich regelmäßig in den Schlaf weint, weil er genau weiß, dass die eigene Großmutter einen hassen wird und der Junge, auf den er steht, ihn niemals lieben wird, weil er eine Freundin hat. Denn so ist das. Nicht witzig, nicht ‚eigentlich egal, ob es rauskommt‘ und – leider – oft ohne das Happy End.

Own-Voice ist wichtig

Dabei ist es wichtig, dass wir solche Bücher populär machen. Damit Leute sehen, was sie Menschen mit ihren ‚harmlosen‘ Kommentaren antun und verstehen, wieso so viele Jugendliche sich umbringen. Aber wir hypen lieber das unrealistische Buch einer Außenstehenden, um der unangenehmen Wahrheit aus dem Weg zu gehen.

Ich möchte, dass Autor*innen verstehen, dass sie eine Industrie nutzen, in der eine Minderheit auf ein Cover geklatscht wird, um Geld zu machen. Man wird ausgenutzt und dann auch noch durch den Inhalt verletzt. Jemand macht Geld, weil es einen Markt für homosexuelle Literatur gibt, in der sich viele nicht wirklich um Homosexualität scheren. Sie geilen sich nur dran auf, dass da zwei Kerle auf dem Cover sind. Während reale Homosexuelle jeden Tag mit diesen Stereotypen konfrontiert werden und ihr Leben lang darunter leiden.

Die Zielgruppe spielt hier dementsprechend ebenfalls mit rein. Leute, die leichte Literatur zum Thema wollen, die gerne unrealistische Gayromance lesen, weil sie das anturnt, oder die über die Schokoladenkommentare der schwarzen Protagonistin lachen wollen. Für diese Leute ist dieser Beitrag ebenso, wie für die Autor*innen. Ihr dürft lesen, was ihr wollt. Aber hinterfragt doch bitte mal, was ihr damit fördert. Und wem ihr damit, für eure Freude, wehtut.

Fazit

Am Ende des Tages (bzw. des Artikels) kann man niemandem den Mund verbieten. Man kann jedoch eine Bitte aussprechen. Dafür, dass jeder/jede Autor*in einen Moment innehält und sich frage, wie er/sie/nb sich fühlen würde, wenn man über sie so schreiben würde. Wenn er/sie/nb etwas kritisieren würde, was einfach nicht stimmt und dafür angegriffen werden würde.

Generell ist es wichtig, dass Minderheiten in Büchern Platz finden und ihre Geschichten auch von nicht-betroffenen Menschen erzählt werden. Own-Voice ist wichtig, davon gibt es aber nicht genug, um richtige Repräsentation der Gruppierungen zu gewährleisten.

Schreibt also über Menschen, die einer Minderheit angehören. Aber schreibt informiert, für ein diverses Publikum und aus einer Sicht, die weder exotisierend noch fetischisierend ist.

Links zum Thema

Rezension auf Stürmische Seiten zu Laura Kneidls „Someone New“ 

Wenn Heteros über Homos schreiben

Wenn Heteros über Homos schreiben

Wenn Heteros über Homos schreiben


Tw: Homosexualität, Fetischisierung, (sexuelle) Gewalt


Disclaimer: Nichts in diesem Artikel richtet sich gegen eine feste Gruppe oder eine Einzelperson. Dieser Artikel wurde erstmals im Februar 2018 veröffentlicht und Dezember 2018 überarbeitet. Aussagen, Erfahrungen und Neuerungen sind dieser Überarbeitung geschuldet.


Gay als Kassenschlager

In den letzten Monaten finden sich immer mehr Menschen in meinem literarischen Umfeld, die ihre Bücher unter dem „Genre“ Gay bewerben.

Zunächst wirkt das wie etwas Gutes. Es zeigt, dass Menschen sich mit dem Thema auseinandersetzen und, auch wenn sie selbst nicht „betroffen“ sind, über solche Beziehungen schreiben. Damit finden sich logischerweise mehr Geschichten mit homosexuellen Beziehungen auf dem Buchmarkt, was die allgemeine Akzeptanz erhöht.

Zumindest theoretisch. Leider scheitert eben diese Erhöhung der Akzeptanz dann an der Umsetzung in den Büchern:

  • Einziges Thema sind homosexuelle Männer. Es dreht sich nur um diese eine Minderheit, was die Absicht eine allgemeine Akzeptanz zu erhöhen untergräbt. LGBTQA+ bietet so viel mehr und alle diese Menschen suchen nach Büchern in denen sie auftauchen.
  • Die Zielgruppe wird offen kommuniziert und besteht aus einem festen Kreis an Fans. Das Ziel ist nicht Akzeptanz, sondern Geld.
  • Die Autor*innen sind zu einem disproportional-hohen Anteil weiblich. Recherche kann dies ausgleichen, tut es aber oft nicht.
  • Die Themenwahl ist grenzwertig. Zwischen Gewalt, schlechter Historisierung und zu vielen „eigentlich bin ich ja nicht schwul aber“-Geschichten werden schwule Männer wie Zootiere vorgeführt und durch einen eigentlich uninteressanten Plot geführt mit dem Versprechen, dass es am Ende eine heteronormative, unrealistische Sexszene gibt.

Aber warum schreibt man das dann?

Fragt man die Autor*innen, warum sie Gayromance/Gayfiction/etc schreiben, so erhält man sehr bezeichnende Antworten:


„Ich schreibe das, weil ich sonst keine Beziehungen beschreiben kann.“


„Ich finde Homosexualität einfach cool!“


„Schwule sind süß.“


Aussagen wie diese mögen auf den ersten Blick nicht sonderlich toxisch aussehen. Aber schauen wir sie uns genauer an, so erkennen wir die homophoben Abgründe dahinter.

Die Verniedlichung einer Sexualität bringt mit sich, dass man sie nicht als ebenbürtig und wichtig sieht. Man kann mit ihr machen, was man möchte. Jeder, den man gerne so sehen würde, kann so beschrieben werden. Beziehungen zwischen zwei Männern kann man ohne Recherche beschreiben, weil es ja egal ist, ob sie realistisch sind.


Ausschnitt aus dem Originalartikel:

Das Problem mit nur „homo“ und nur männlich ist relativ tief verwurzelt und kommt aus der Fanfictionszene. Es gibt endlos viele Jugendliche, die über Schauspieler*innen und Charaktere fantasieren, diese „shippen“ und in ihren Geschichten in homosexuelle Beziehungen stecken. So wie viele Männer gerne Lesbenpornos schauen, leben gerade junge Frauen ihre eigenen Fantasien so aus. Und das ist echt nicht gut. Denn das ist keine Bewunderung mehr. Das ist Fetisch.

Egal welche Sexualität man so behandelt, sie wird zum Fetisch. Der Willen der Menschen, sowie ihre Identität ist egal. Hauptsache am Ende küssen sich die, die man für schwul erklärt hat. Und dann sitzt man kichernd vor dem Laptop und freut sich. Sexualitäten sind nichts, was man wie ein Spiel behandeln sollte. Und sie sind nicht dafür da, dass jemand heterosexuelles sich daran erfreut. Sie sind kein Spielzeug für Slashfiction, keine erotisches Outlet und keine Pornovorlage.

An dieser Stelle könnte ich über Privilegien sprechen oder die Tatsache ausbauen, dass historisch gesehen, Menschen, die nicht heterosexuell waren, tatsächlich als Spiel genutzt wurden. Diese Faszination ist bei Weitem nichts Neues. Stattdessen verweise ich auf diesen englischen Text, bei dem das Phänomen auf Tumblr bezogen erklärt wird.

Ich möchte nochmal klarstellen, dass nichts verwerflich daran ist, Charaktere miteinander zu shippen. Das ist Privatsache und man kann das halten, wie man möchte. Es ist das öffentliche Niederschreiben von sexuellen Akten und Beziehungen zur Freude von Personen außerhalb dieser Sexualität, was mich stört. Es fühlt sich an wie ein Käfig. Alle starren von außen auf einen wie in einem Zoo. Man wird ausgestellt für die Unterhaltung anderer. Es hat absolut nichts mit Bewunderung zu tun, wenn man nur deshalb im Gay-Genre schreibt. Erwachsene AutorInnen, die damit ihr Geld verdienen, bereichern sich an Stereotypen und Fetisch.


Realismus als Grundlage?

Genau wie 50 Shades of Grey keinen realistischen BDSM darstellt, so sind auch die Darstellungen von Beziehungen und Sexualpraktiken im Gay-Genre fragwürdig recherchiert.

Sie werden überzogen und als besonders dargestellt, obwohl sie es eigentlich nicht sind. Leser*innen sehen das und beziehen das auf die Realität. Und dann sind wir beim Kernproblem angekommen: Was darf man als Autor*in und was nicht? Wo hört künstlerische Freiheit auf?


Auf die Probleme, die bei kompletter, künstlerischer Freiheit im Umgang mit marginalisierten Gruppen entstehen, gehe ich in diesem Artikel gesondert ein: Als Autor*in darf ich alles – Stimmt das?


Ist es legitim sich als AutorIn auf künstlerische Freiheit zu beziehen, wenn man damit aktiv Schaden bei einer eh schon marginalisierten Gruppe verursacht? So wie übermäßig fetischisierte Pornografie misogyne und homophobe Werte vermittelt, so sind auch die Bücher des Gay-Genres oft problematisch.

Das Gay im Schafspelz

Aber anders als Pornografie, die offen damit umgeht, dass sie problematische Inhalte wie Misogynie, sexuelle Gewalt oder Bestialität enthält, verstecken sich die Bücher des Gay-Genres. Sie maskieren sich als romantische Romane und werden auf Buchmessen gezeigt, gefeiert und verkauft.

Ich möchte nicht sagen, dass alle Bücher aus diesem „Genre“ so sind. Im Gegenteil. Viele Autor*innen, die ich persönlich kenne, geben sich sehr viel Mühe, neben dem Gay einen richtigen Plot zu kreieren und nicht nur unrealistischen Sex und Stereotypen abzubilden. Aber wenn man durch eine Messe läuft und eine ganze Sektion dort voller Bücher ist, die sich nicht mal die Mühe machen zu googeln, wie das jetzt eigentlich beim Sex zwischen zwei Männern abläuft, dann verliert man den Glauben in das Genre.

Die Fetischisierung einer ganzen Sexualität

Wenn jemand so über Homosexuelle schreibt, sehen andere sie nicht als Menschen. Auf eine gewisse Art und Weise sehen auch die Autor*innen sie nicht als Menschen. Sie werden zum reinen Objekt heteronormativer Neugierde auf das Fremde.

Eine Sexualität wird zum Fetisch für heterosexuelle Frauen, die ihre Sexualität zu weilen als „ich stehe auf Schwule(n Sex)“ beschreiben. Jahrhundertelang war Homosexualität eine Krankheit und wurde nicht ernst genommen. Jetzt stellen sich Autor*innen, die die Sexualität ebenfalls nicht ernst nehmen und sich nur daran bereichern wollen, als offene Aktivist*innen für Fairness dar.

Diese Bücher verkaufen sich und werden vervielfältigt und prägen die Sicht von Menschen auf Homosexualität. In vielen Geschichten sind die einzigen Merkmale einer männlichen Figur sein Sixpack und seine Sexualität. Stereotype werden von Menschen verbreitet, die sich selbst nie wegen ihrer Sexualität verteidigen mussten.


Ausschnitt aus dem Originalartikel:

Wenn die einzigen Merkmale einer Figur seine Sexualität und Probleme, die Eng damit verknüpft sind, sind, dann ist das furchtbar toxisch. Autor*innen in diesem „Genre“ verbreiten Stereotypen und das vermutlich, ohne es zu wissen. Weil sie sich nie Gedanken über so etwas machen mussten. Weil ihre Sexualität nicht in Büchern als süß oder interessant oder exotisch beschrieben wird. Deren Sexualität wird nicht auf drei Merkmale reduziert, die in jedem Buch gleich sind. Und nicht jedes Buch mit heterosexuellen Beziehungen dreht sich um die Selbsterkenntnis dieser Sexualität oder um Probleme die nur auftreten, weil man hetero ist.

Zumal sie diese Probleme einfach nicht verstehen können. Ebenso, wie sie den Alltag einer homosexuellen Person, die mit Stereotypen und Verurteilungen zu kämpfen hat, nicht verstehen können. Ohne die richtige Recherche bringen selbst Romane, die Gutes tun wollen, nichts weiter als Klischees und Fetisch mit sich.

Outings enden beispielsweise nie. Sie dauern das ganze Leben lang an. Selbst bei Menschen, denen man theoretisch vertraut, hat man Angst vor Ablehnung. Es ist nicht alles für immer fröhlich und sonnenbeschienen, nur weil man sich einmal geoutet hat und alle es okay finden. Leben mit einer diversen Sexualität ist konstanter Stress.

Ein anderes Beispiel ist Sex. Sexpraktiken, wie man sie aus Fanfictions und schlechten Gayromance-Geschichten kennt, sind großflächiger Unsinn. Es wird so getan, als würden alle Menschen einer Sexualität das Gleiche gut finden. Das ist, als würde man allen Hetero-Pärchen immer nur eine Stellung zuschreiben und alles andere, was Sex ausmacht, ignorieren. Und dann ist die eine beschriebene Stellung nicht mal realistisch, sondern grenzwertig, weil sie ohne beidseitigen Konsens und einfachste Biologiekenntnisse auskommt.


Fazit

Die Beziehung, der Sex und das Innenleben der Figuren in Gay-Romanen ist für heterosexuelle Leser*innen optimiert. Das hat nichts mit offener, diverser Literatur zu tun und sollte auch nicht als solche zelebriert werden.

Die LGBTQA+ Community wird von vielen Seiten bedroht. Es ist in manchen Teilen der Welt verboten nicht cis und hetero zu sein. Es gibt jedes Jahr Angriffe und Schießereien, die als Hatecrime gegen die Community vorgehen wollen. Ebenso gibt es noch Konversionstherapie und sogar Exorzismen gegen alles, was nicht dem heteronormativen „Standard“ entspricht. Gerade Männer aus der Community sind häufiger suizidgefährdet, nicht zuletzt, weil sie den Stereotypen, die toxische Maskulinität von Homosexuellen erwartet, nicht entsprechen wollen oder können.

In einer Welt, in der es diese Dinge noch gibt, Homosexualität als „süß“ zu bezeichnen, zeugt von einer massiven Naivität. Und Naivität ist keine Ausrede dafür, toxische Geschichten zu schreiben, die es Menschen die eh schon genug zu kämpfen haben, noch schwerer machen, akzeptiert zu werden.

Und falls jetzt noch jemand daran zweifelt, ob es den angesprochenen Autor*innen nicht vielleicht doch um Aktivismus und Diversität geht: als ich diesen Artikel (in einer etwas persönlicheren Form) im Februar erstmals veröffentlichte, wurde in einer großen Facebookgruppe für Gayromance über mich und den Artikel diskutiert. Dabei schrieb eine Nutzerin etwas, was meine Kritikpunkte sehr deutlich illustriert:

„Die scheiß Kampflesbe soll sich nicht so anstellen. Wenn Schwuchteln sich an meinen Büchern stören, sollen se mir das selber sagen.“


Ein positiver Ausblick

Es gibt Romane, die divers sind und dabei keine Klischees bedienen. Die diverse Sexualitäten respektvoll darstellen. Deutsche AutorInnen haben, gerade wenn es um homosexuelle Männer geht, einiges aufzuholen. Denn viele dieser positiven Beispiele (zumindest der, die ich gefunden habe) kommen aus den USA, Australien oder Frankreich.

Im Bereich Gayromance habe ich tatsächlich bisher niemanden gefunden, dessen/deren Buch 100%ig zu diesem „Genre“ zählt, bzw. der/die/nb sich freiwillig als Autor*in in diesem Bereich bezeichnen würde. Hier also einige Tipps für die Umsetzung von Queerness, wie sie eigentlich sein sollte:

Weitere Links zum Thema

Fetischisierung von Homosexuellen auf Tumblr

Fetischisierung von heterosexuellen Charakteren als homosexuell

Fetischisierung von Lesben in den Medien

Ernste Probleme mit der Fetischisierung von Bi- und Homosexuellen Frauen

Ein Hot-Take von Autorinnenkollegin Anja Stephan

Das Wahlveranstaltungs-Wochen-Erlebnis

Das Wahlveranstaltungs-Wochen-Erlebnis

Das Wahlveranstaltungs-Wochen-Erlebnis


Diclaimer: Dieser Artikel wurde eine Woche vor der Bundestagswahl 2017 veröffentlicht. Einzelne Aussagen und Inhalte sind dementsprechend nicht mehr aktuell.


Der Sinn dieses Artikels ist es in erster Linie über die Stimmung bei einer Schulz- und Merkelrede zu berichten. Ich möchte festhalten, wie unterschiedlich Wahlveranstaltungen aufgezogen werden, wer die Menschen dort waren und wie man sich in einer politischen Masse fühlt, der man nicht zwingend zugehörig ist.


Martin Schulz und der SPDler-Habitus

„Gehst du morgen zum mardddiiiiin?“

Mein Handy piepst und ich runzle überrascht die Stirn.

„zu wem?“

„Schulzibooooy“

Ein amüsierter Laut entfährt mir.

„Ach der Mardin! Haste Bock?“

„Wenn das Wetter nicht ganz so scheiße ist“

Und damit war es beschlossen. Keine 24 Stunden später stehen wir – das sind ich und eine gute Freundin – auf dem erstaunlich trockenen Platz der alten Synagoge. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem erfreulich leeren AfD-Stand vorbei. Der dazugehörigen Protest, samt Plakat der Linken, versorgte uns mit Flyern und dem neusten Tratsch über die Freiburger Rechte.

Der Platz ist voll, überall stehen Polizisten und ich warte eigentlich nur auf das beginnende Pfeifen-Konzert der AfDler. Doch das bleibt aus. Stattdessen stellt sich Schulz – ein wirklich kleiner Mann – statt auf die Bühne, auf ein kleines Podest davor, sodass man ihn auch ja nicht sehen kann und beginnt zu reden.

Oder naja… zu schreien.

Wie ein Youtubevideo der 60-Jahre-Kommunisten leiert er in guter Marktschreier-Manier seine sozialen Tiraden herunter. Mit Herz und Seele und ganz viel Spucke.

Vor ihm wird eine Kommunismusflagge geweht, rechts im Publikum macht jemand Werbung für eine Demo am Donnerstag. „Der ist halt auf Augenhöhe mit seiner Wählerschaft“, scherzt meine Begleitung und lacht, als jemand „naja oder mit den wichtigen Leuten die vorne nen Sitzplatz bekommen haben“ hinzufügt. Es sind so ziemlich alle Alters-, Berufs- und sozialen Klassen vorhanden.

Um uns herum haben eigentlich fast alle Leute ihre Kinder dabei, Altenpfleger, Dozenten, Studenten, Azubis und Arbeiter bilden die Reihen und man fühlt sich sehr wohl. Keiner von denen rempelt um sich oder schnauzt herum, weil ein Baby weint.

Die Rede deckt alles ab – außer Umwelt. Aber ansonsten kann man wirklich nicht meckern. Es macht Spaß zuzuhören, man traut sich mitzuklatschen, weil die Punkte gut formuliert sind und manchmal vergisst man fast, dass er ja eigentlich wütend sein sollte. Er vergisst das vor allem. Das ist tatsächlich ein Kritikpunkt, der mich wirklich nervt und die Leute um mich herum wohl auch. „Das ist so gespielt“ meint ein Mädchen vor mir, ihre Freundin verdreht die Augen und meint „aaaaaalter ja“. Ich fühle mich bestätigt. Denn wer sich verspricht, lacht, sich entschuldigt und kurz menschlich wirkt, nur um dann auf einmal in voller Lautstärke gegen Merkel zu wettern – dem kaufe ich das Ganze einfach nicht ab. Die Wut wäre schön, wenn sie denn echt wäre.

Ich glaube von ganzem Herzen, dass Martin Schulz wütend war/ist.

Weil er das Duell in den Sand gesetzt hat, weil seine Chancen schwinden, obwohl er – sorry, ich bin halt links-grün-versifft – die bessere Partei hinter sich hat, weil er wütend sein darf. Das ist der Vorteil, wenn man Neukandidat ist und nicht dauerhaft den Schlichter-Kurs fahren muss.

Er spricht von gleichem Lohn für Männer und Frauen, von sozialer Gerechtigkeit und der Gleichstellung vom ‚gemeinen Arbeiter‘ mit dem ‚Akademiker‘. Die Studenten heben die Augenbrauen, nicken es dann aber ab, weil er ja das richtige meint. Er meint den Respekt, den Menschen erhalten und nicht der Grad der Ausbildung – auch wenn das ein bisschen happig formuliert war, da er kurz vorher noch die Wichtigkeit von Bildung und Fachkräften betonte. Auch redet er sich manchmal in Rage, nur um dann abrupt das Thema zu wechseln und sich wegen eines anderen Themas in Rage zu reden, welches er dann halbherzig mit dem davor verknüpft und dann passt das nicht so richtig –  „ja tut mir leid, da hab ich eben den Faden verloren…“ und weiter geht die Rede.

Dann kommt er zu einem Punkt, an dem er mehr Applaus erfährt als bei der gesamten Rede zuvor. Und das ist der Punkt, an dem man merken konnte wie alle ihm zustimmen: Thema AfD.

Er bezeichnet Höcke und Gauland als Nazis, nennt das Ganze beim Namen und ich kann einfach nicht anders, als mich umzudrehen und zu flüstern „endlich! Ein Politiker einer großen Partei, der das anspricht!“ Ich erhalte abwesende Zustimmung, denn genau in diesem Moment sagt Schulz auf seinem kleinen Podest „das ist keine Alternative für Deutschland, das ist eine Schande für Deutschland!“ Das Publikum applaudiert lauter denn je und uns allen ist klar, dass wir gerade auf dem Platz der alten Synagoge stehen und uns von einem Politiker im Jahr 2017 anhören, dass wir bitte keine Nazis in den Bundestag wählen sollen. Eine bittere Pille.

Nach einem Exkurs über die ‚Helden der SPD‘, welche sich den Nazis entgegenstellten, kommt er langsam zurück zur Normalpolitik und endet schließlich genau in dem Moment, als es zu regnen beginnt.

Langsam machen wir uns auf, immer noch hin- und hergerissen zwischen gute Rede und warum schreit der eigentlich die ganze Zeit so?. Wir beschließen zu Merkel zwei Tage später ebenfalls zu gehen – so als Kontrastwert – und machen uns auf den Weg nach Hause.

Angela Merkel ist müde

Merkels Rede zwei Tage später überrascht uns in mehrerer Hinsicht. Zunächst startet sie eine ganze Stunde früher, als wir dachten, weswegen wir – die selbe Gruppe wie bei Schulz, nur dass uns jetzt ein weiterer Freund begleitet – relativ unvorbereitet im Kuschelpulli und mit leicht verkatertem Blick (besagte Freundin hatte am Vortag Geburtstag) auf den Platz kommen – und in der Menschenflut ertrinken. Des Weiteren erfuhren wir, dass noch am selben Abend Cem Özdemir in Freiburg sein würde. An diesem Punkt musste man dann durchziehen und da dann halt auch noch hin.

Merkel beginnt gerade zu reden; wir bahnen uns einen Weg durch die Menschen und sehen belustigt zu den Sicherheitsmännern hinauf, die auf den Balkonen des Freiburger Münsters stehen und grimmig in die Menge starren. „Die sehen aus, als ob sie gleich kleine Kinder fressen würden“, meint meine Freundin und verzieht das Gesicht. Als wir endlich einigermaßen etwas sehen stehen wir halb im Außenbereich eines lokalen Cafés und werden von einem wütenden Kellner begrüßt, dem der ganze Trubel wirklich gar nicht zusagt.

„Mir sin hier weil ma en Kaffee trinke welle, ned weil ma‘d Muddi höre welle.“ Sagt ein älteres Pärchen schräg vor uns im badischen Charme, erhebt sich und geht. Wir lachen. Keine 10 Minuten später wünschte ich, wir wären auch gegangen.

0815 ist absolut keine Beschreibung dafür, wie unfassbar repetitiv und langweilig Merkels Rede war. Geld, Geld, Geld, oh Bildung für alle, Geld, Geld, Geld – „sag ma sin ma hier bei ner FDP-Veranstaltung?“ Höre ich jemanden hinter mir murmeln.

Vor uns steht ein junger Mann auf einem Stuhl, klatscht begeistert alles mit und schreit „Jawoll!“ in die Menge. Der Kellner drängelt sich an uns vorbei, um ihn vom Stuhl zu jagen.

Die Trillerpfeifen der AfDler werden lauter, von links stimmen ein paar SPDler Buh-Rufe an. Man hat das Gefühl, dass niemand unter 60 auf diesem Platz steht, der Merkel tatsächlich mag. Alle jungen Leute, von dem etwas übermotivierten Herrn vor uns mal abgesehen, runzeln die Stirn, klatschen vereinzelt mal bei einem Punkt. Verhalten, weil man ja eigentlich doch nicht klatschen will. Mir geht es ähnlich. Ich fühle mich nicht wohl dabei in einer Sekunde zu klatschen, weil sie den Dieselskandal erwähnt und in der nächsten den Kopf zu schütteln, weil sie den Tod einer jungen Frau für Wahlkampf nutzt.

Als es vorbei ist drängen wir uns durch die Massen. Hinter uns ertönt die deutsche Nationalhymne und ich frage mich, ob die AfDler ganz vorne jetzt eigentlich buhen oder mitsingen müssen.

Die Grünen-Promo-Show

Als letzte Station steht jetzt noch die Veranstaltung der Grünen auf dem Plan. Die sind ein paar Stunden nach Merkel in der Wodan-Halle und direkt zu Beginn fällt auf, wie anders das Ganze hier aufgezogen wird. Klar, ist ja auch eine Podiumsdiskussion und nicht nur eine Rede. Özdemir sitzt oben, die 600 Plätze der Halle sind gefüllt (ich musste stehen und war recht früh dran) die Stimmung ist entspannt und die Fragerunde beginnt.

Es werden keine Fragen gestellt, die man noch nie gehört hat und keine Antworten gegeben, die man nicht auch schon kennt. Das Ganze hat so ein bisschen den Charakter von einer Grünen-Promo-Show ohne wirkliche Hintergründe oder neue Erkenntnisse.

Trotzdem fühlt es sich schön an nicht angeschrien oder gelangweilt zu werden. Vielleicht ist es ja unmöglich nach einem langen Wahlkampf noch erfrischende Inhalte zu bringen, vielleicht ist den Grünen auch klar, dass sie und die Linke in Freiburg ihre Stammwählerschaft haben. So oder so gibt es über diesen Abend kaum etwas zu sagen als: War okay. Musste jetzt nicht sein, aber war okay. Da ich alleine dort war, bin ich früher gegangen – wenn ich das Wahlprogramm und die üblichen Fragen hören möchte, dann kann ich mir auch einen FAQ der Grünen anschauen. Das ist einfacher und tut nicht so an den Füßen weh.

 

Recap

Keine der Veranstaltungen hat mich dazu bewogen von meinem Wahlplan abzuweichen. Aber es war trotzdem gut, diese Politiker mal zu sehen. Schulz, weil ich so mehr Probleme mit ihm als Kanzler sehe; Merkel, da ich sie als Mensch immer bewundert habe, mir ihr stumpfes Parteinachplappern jedoch unfassbar auf den Senkel ging und ich zumindest nicht mehr ganz so traurig sein werde, sollte sie in einer Woche keine Kanzlerin mehr sein; Özdemir, einfach weil er ein ziemlich normaler Typ ist, der viele meiner Meinungen vertritt und die Leute ganz nett unterhalten hat. Wer auch immer diese Wahl gewinnt – keiner der ‚Spitzenkandidaten‘ hat mich überzeugt. Die Stimmung war bei der SPD jedoch am aktivsten, bei den Grünen am friedlichsten und bei Merkel am unhöflichsten und rausten.

Wie ich bereits am Anfang geschrieben hatte, ist dies kein Artikel, der Leute umstimmen soll das zu wählen, was sie wollen. Am Ende des Tages wählt man (zumindest hoffe ich das) ja auch die Partei und nicht den einen Politiker/die eine Politikerin, die gerade auf Tour ist.