3. Die (Nach)Kriegszeit: Kritik an Gesellschaft ist Kritik an der Zeit?

Die (Nach)Kriegszeit_ Kritik an Gesellschaft ist Kritik an der Zeit_

Die (Nach)Kriegszeit: Kritik an Gesellschaft ist Kritik an der Zeit?


Hallo und herzlich willkommen im Büchnerwald! Heute kommt der dritte Beitrag zur Blogreihe über Volksstücke. Eine Übersicht zur Reihe findet ihr hier.


Brecht und die Gesellschaftskritik

Heute geht es um das Konzept von Kritik und Verarbeitung im Volksstück. Dafür drehen wir heute den Spieß um und fangen direkt mit dem Beispiel an. Da die letzten beiden Stücke älter waren und ich mich gegen eine chronologische Betrachtung entschieden habe, springen wir außerdem zeitlich ein ganzes Stück zu Bertolt Brecht. Wer an Brecht, Kritik und das Volksstück denkt, dem kommt sicherlich direkt die Dreigroschenoper (1928, Bertolt Brecht und Elisabeth Hauptmann) in den Sinn. Und genau deshalb möchte ich heute ein wesentlich unbekannteres Stück mit euch anschauen. Einfach, um mit dem Kanon zu brechen.

Brecht lebte Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts und ist (trotz seiner moralischen Schwächen) einer der wichtigsten Autoren unserer Zeit. Ursprünglich distanzierte Brecht sich vom Volksstück und widmete sich dem epischen Theater, kehrte im Exil jedoch zurück zum Volksstück. 1940, ein Jahr bevor seine Einreise in die USA bewilligt wurde, lebte er in Stockholm und verbrachte den Sommer in Finnland, wo er Herr Puntila und sein Knecht Matti schrieb. Das Stück wurde acht Jahre später in Zürich uraufgeführt.

Herr Puntila und sein Knecht Matti

Der finnischer Gutsbesitzer namens Puntila ist ein brutaler Ausbeuter seiner Arbeiter, doch sobald er trinkt, wird er zum Menschenfreund. Seine Tochter Eva verspricht er im nüchternen Zustand einem Aristokraten (findet sie eher ungut), betrunken aber seinem Chauffeur Matti. Auch verlobt er sich selbst im trunkenen Zustand mit der Schmuggleremma, einem Apothekerfräulein, einem Kuhmädchen und einer Telefonistin – die vier tauchen tagsüber auf und werden vom nüchternen Puntila fortgejagt.

Seine Tochter mag den Mann, mit dem Puntila sie nüchtern verlobt hat, findet ihn aber unpassend als Ehemann und versucht allerlei, um die Verlobung platzen zu lassen. Sie täuscht eine Affäre mit Matti vor und erzählt ihrem Zukünftigen, sie hätte sich mit Matti in einer Badehütte vergnügt. Matti sagt dem eigentlichen Verlobten von ihr aber, sie hätten nur Karten gespielt, was dieser glaubt. Alle Bemühungen scheitern, auf der Verlobungsfeier deprimiert Puntila das Verhalten des Aristokraten jedoch so sehr, dass er sich betrinkt und ihn aus dem Haus wirft.

Er will Matti und Eva nun wieder verheiraten. Dies findet Matti jedoch nicht gut, da er der Meinung ist, Eva würde keine gute Frau für ihn abgeben. Er unterzieht sie einigen Tests die beweisen, dass arm (Matti) und reich (Eva) wirklich nicht zusammenpassen, weil sie unterschiedliche Dinge vom Leben wollen.

Puntila schläft seinen Rausch aus und versucht am nächsten Morgen alles in Ordnung zu bringen. Er will allen Alkohol im Haus vernichten – und beschließt den gesamten Fusel zu trinken, damit er weg ist. Matti hilft ihm dabei, in dem er ihm immer mehr zu trinken bringt. Puntila verspricht Matti Geld und Land, dieser ahnt jedoch, dass es am Morgen wieder ein böses Erwachen geben wird und verlässt den Hof.

Die Idylle wird gebrochen

Ein wesentlicher Bestandteil der Volksdramen ist die Natur. Idyllisch, feierlich und ländlich stellt sie sich, wenn auch weniger blutig, in die Tradition der BluBo-Literatur.


Die Blut- und Bodenliteratur ist eine Literatur der Verherrlichung von bäuerlichem Leben und Landleben, die im Nationalsozialismus groß wurde und zu Propagandazwecken diente.


Die Menschen identifizieren sich mit Teilen des Dramas, da in realistischer und stellenweise naturalistischen Art ihr Lebensraum das Zentrum darstellt, statt die Großstadt. Ihre Probleme und Lebensweisen werden in den Mittelpunkt gerückt, ebenso wie ihre Sprache und Gebräuche. Hier sieht man nun nicht die Landschaft um Wien, wie beim Wiener Volksstück, sondern die Finnlands. Auch wenn sie zu Teilen stark an deutsche Landstriche angepasst wurde.


Die idyllische Stimmung wird direkt zu Anfang im Prolog gegeben. Die Landschaft wird als „würdi[g] und schö[n]“ beschrieben.

Milchkesselklirrn im finnischen Birkendom/ Nachtloser Sommer über mildem Strom/ Rötliche Dörfer, mit den Hähnen wach/ und früher Rauch steigt grau vom Schindeldach.

Prolog


Ein fremdes Land wird beschrieben und doch können sich die Rezipienten einfühlen. Denn das ferne Finnland wird mit ähnlichen Begriffen umschrieben, wie die ländliche Idylle Deutschlands. Auch wird es extrem angepasst, um dem deutschsprachigen Publikum gerecht zu werden. Brecht wurzelt die bereits bekannten Elemente des Volksstückes aus in ein fremdes Land, um Distanz zu schaffen, die einen genaueren Blick auf die Personen und Probleme ermöglicht.

Sprache und Charakterisierung

Beispiele für die szenische Sprache muss man bei Brecht nicht suchen; das gesamte Drama ist in der bäuerlichen Mundart geschrieben. Ein Stilmittel, dass trotz des hohen Abstrahierungsgrades die gewünschte Wirkung erzeugt. Bäuerliches Leben wird illustriert und zu Teilen so stark überzogen dargestellt, dass es das Ganze ad absurdum führt.

Dies äußert sich durch die Darstellung des Hofherrn. Die alltäglichen Machtgefälle innerhalb der ländlichen Bevölkerung werden humorvoll aufgezeichnet. Der, auf dem der Witz beruht, ist ein nachvollziehbarer Feind, was das Lachen erleichtert. Es ist, als würden alle Kollegen im Büro (auch die, die sich nicht leiden können) gemeinsam Witze über ihren fiesen Vorgesetzten erzählen. Eine große Gruppe an Individuen wird durch einen gemeinsamen Nenner zusammengeführt.

Die Antworten Mattis signalisieren seine niedere Position gegenüber Puntila, dadurch dass er nur wiederholt, was bereits gesagt wurde. Er scheint nur das zu sagen, was sein Herr hören möchte, den Punkt immer leicht vertiefend, symbolisierend, dass er dem Herrn nicht nur zustimmt, sondern dies auch noch in einer extremeren Form, womit er sich über seine eigene Misere lustig macht. Gleichzeitig zieht er durch das erneute Aufgreifen der Thematik auch die Grundaussage Puntilas ins Lächerliche. Wann immer der Rezipient über die grotesken und groben Darstellungen des Herrn lacht, setzt der Knecht dem einen auf und regt Zuschauer/Leser dazu an Puntila weniger ernst zu nehmen. Die unterdrückenden Strukturen werden aufgezeigt, nur um direkt danach humoristisch zerlegt zu werden.


Ein Beispiel:

Puntila: Mir gefallt’s nicht, wenn einer keine Lust am Leben hat. (…) Wenn ich einen seh, wie er so herumsteht und das Kinn hängen läßt, hab ich schon genug von ihm.

Darauf entgegnet der Knecht

[I]ch weiß nicht, warum die Leut auf dem Gut so elend ausschauen, käsig und lauter Knochen und zwanzig Jahr älter. Ich glaub, sie tun es Ihnen zum Possen (…).

Puntila stimmt zu, da es für ihn nicht vorstellbar wäre, dass die Menschen auf seinem Gut Hunger leiden. Matti zieht die Hungersnot mit mehreren zehntausenden Toten vor einigen Jahren hinzu und stellt den Hunger der Menschen so in Relation:

Den Hunger müssens doch nachgerad gewohnt sein in Finnland.

Zehnte Szene


Grober Humor gehört in das Volksdrama, doch wird er hier gezielt als Stilmittel genutzt, um das oben gesagte zu bestärken. Der Knecht stellt die Grausamkeit der höher gestellten Menschen gegenüber dem Landvolk dar. Die Menschen arbeiten hart und leiden Hunger. Für Puntila spielen sie ihr Leiden nur vor. Sie laufen nur so müde herum, wenn der Gutsherr da ist.

Humor und Politik

Dadurch erreicht Brecht das, was er in der Einleitung als Ziel feststeckt: die RezipientInnen sollen einen wachen Geist beibehalten, gleichzeitig jedoch nicht vergessen zu lachen. Ihm ist wichtig, dass die politische Komponente im Humor versteckt wird.

Brecht schafft eine simple Gut-Böse-Struktur, in welcher das Volk auf einer, die Obrigkeit auf der anderen Seite steht und beschränkt das Ganze auf eine ländliche Ebene. Diese ist entscheidend für das Volkstheater, so Brecht in seinem Nachwort. Denn das Volk brauche ein Theater, welches sie als Einheit darstellt. Obwohl man wohl annehmen kann, dass unter den deutschen Bauern 1940 kaum jemand schon einmal in Finnland war, kann sich die deutsche, ländliche Gesellschaft damit identifizieren. Eben weil alles so beschrieben wird, wie man es kennt.

Die Ironie dahinter, ist entscheidend für das Volkstheater. Denn Brecht will, dass Rezipienten hinter die Fassade blicken. Eingestreute Hiebe gegen die Idylle und ironische Darstellung von beiden, Herrn und Knecht, sollen dem Volk den Spiegel vorhalten. Die Idylle soll brechen, die Ironie soll ankommen und Rezipienten mit einem besseren Selbstbild von sich und ihrer Kultur zurücklassen. Die Geborgenheit, welche man in der Einigkeit findet, wird gebrochen und entpuppt sich als eigentliche Hölle.

Stempelt man das Landleben und die dort lebenden, damals oft rechtspolitisch orientierten Menschen, einfach als primitiv ab, so erreicht man das Gegenteil. Die Zielgruppe fühlt sich angegriffen und versteckt sich erst recht hinter ihrer Homogenität.


Ich könnt nicht in der Stadt leben. Warum, ich will zu ebener Erd herausgehn und mein Wasser im Freien lassen (…). Ich hör, auf’m Land ist’s primitiv, aber ich nenn’s primitiv in ein Porzellan hinein.

Neunte Szene


Das hier Beschriebene ist für Puntila das einzig wahre Leben. Ganz im Sinne der ironisch-angehauchten Grundstimmung werden die Probleme, die Volksstücke in erster Linie nötig machen, angesprochen. Die Einfachheit des Landlebens zu stilisieren und doch in starken Kontrast zur Stadt zu stellen, allerdings aus der Sicht der Landleute heraus, ist eine clevere Art diesen Diskurs anzusprechen.

Kritik zwischen Natur und Kunst

Brecht wirbt aus diesen Gründen dafür, das Volksdrama ernst zu nehmen und auf der Bühne als Symbiose zwischen Natur und Kunst aufzuführen. Er möchte, dass die Stücke mit Sorgfalt aufgeführt werden und nicht direkt als Schwank und Spaß abgestempelt werden.

Wir lesen Frauen – Gedanken und Literaturtipps zur Challenge

Frauen leseN

Wir lesen Frauen

Gedanken und Literaturtipps zur Challenge


Der Weltfrauentag steht vor der Tür und mit ihm die Realisation, dass wir auch in Deutschland noch viele Probleme haben, die Gleichberechtigung betreffend. Um die Stimmen von Frauen lauter zu machen und etwas zu schaffen, was eben nicht nur für ein paar Tage im Gedächtnis bleibt, hat meine liebe Kollegin Eva-Maria Obermann eine „Challenge“ geschaffen.

„Challenge“ deshalb in Anführungszeichen, weil es zwar wie eine Lesechallenge aufgebaut ist, aber tatsächlich viel mehr als das ist. Denn unter dem Hashtag #WirLesenFrauen tauschen sich ab März Menschen über ihre Lektüre aus. Ihre weibliche Lektüre. Frauen aus allen Teilen der Welt und allen Epochen. Feste Regeln gibt es nicht, aber einen Leitfaden für jeden Monat.

Weil ich die Idee super finde, aber schon oft gelesen habe, dass Leute nicht so ganz wissen, was sie lesen sollen, dachte ich, ich mache ein paar Literaturtipps. Damit nicht nur die selben 10 Autorinnen gelesen werden. Es ist mir außerdem wichtig, hier auch Kritik anzubringen. Die Aufgabenstellung stellt WoC und nicht-europäische Autorinnen explizit heraus was gut ist, weil das betont werden sollte. Das bedeutet aber nicht, dass die anderen Bücher nicht auch von ihnen kommen können/sollten. Bitte lest nicht nur weiße Europäerinnen!

Aufgabe 1: Lest ein Sachbuch zum Thema Feminismus

Zur Geschichte der weiblichen Sexualität hat die schwedische Autorin Liv Strömquist in „Der Ursprung der Welt“ geschrieben.

Selbstbestimmung ist in Judy Norsigians „Our Bodies, Ourselves“ Thema.

Susan Arndt schreibt in „Feminismus im Widerstreit. Afrikanischer Feminismus in Gesellschaft und Literatur“ über den Feminismus in Afrika. [Achtung, sie ist zwar Expertin, aber keine Own Voice!]

Aufgabe 2: Lest ein Buch aus einer Autorinnenvereinigung

Die deutsche Autorinnenvereinigung existiert offiziell seit 2006, das Netzwerk dahinter ist jedoch bereits in den 90ern entstanden. Diese Aufgabe ist eine tolle Gelegenheit, um sich über andere deutsche Netzwerke für Autorinnen schlau zu machen!

Schrifstellerinnen deren Werke für diese Challenge passen, sind beispielsweise Franziska Gerstenberg, Zdenka Becker und Michèle Minelli.

Aufgabe 3: Lest ein Buch einer WoC (Woman of Color)

„So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“ von Melda Akbaş spricht über die Lebenserfahrungen von Deutsch-Türkinnen.

Maria Stewart lebte im 19. Jahrhundert als freie schwarze Frau in den USA und schrieb über den Rassismus und ihre Erfahrungen als Mehrfachmarginalisierte.

Das Buch „Nervous Conditions“ von Tsitsi Dangarembga ist ein ganz besonderer Buchtipp, denn es war 1988 das erste Buch einer schwarzen Frau aus Zimbabwe, was in der englischen Sprache erschien. Es fokussiert sich auf das post-koloniale „Rhodesia“ und die Auswirkungen von Kolonialisierung auf schwarze Frauen. Da wir in Deutschland kaum Afrikanische Geschichte lernen und rezipieren, sollte jede*r dieses Buch gelesen haben.

Aufgabe 4: Lest den Essayband einer Autorin

Enis Macis „Eiscafé Europa“ ist hier meine absolute Empfehlung!

Wer eher einen Klassiker möchte, der kann auch zu Hannah Arendts „Die verborgene Tradition greifen“.

Hochpolitisch und aktuell ist Olga Flors Sammlung „Politik der Emotion“.

Aufgabe 5: Lest das Buch einer deutschsprachigen Autorin

Ulrike Draesner schreibt in „Eine Frau wird älter“ über die Position von älteren Frauen in unserer Gesellschaft.

„Der geteilte Himmel“  von Christa Wolf ist ein wichtiges Buch über die DDR und ihr Werk „Medea: Stimmen“ dreht sich um mythologische starke Frauenfiguren.

Für Romantiker*innen ist Nina Georges „Das Lavendelzimmer“ eine gute Wahl.

Aufgabe 6: Lest das Buch einer nicht-europäischen und nicht-US-Amerikanischen Autorin

Urmila Chaudhary ist eine indische Aktivistin, die ihre grausamen Erfahrungen mit Menschenhandel in „Sklavenkind“ festgehalten hat.

Der Roman „Paula“ von der chilenischen Autorin Isabel Allende ist ebenfalls autobiografisch und diskutiert den Umgang mit einer tödlichen Krankheit. Gleichzeitig wird die Geschichte von Chile erzählt.

„Black Widow Society“ von der Südafrikanischen Autorin Makholwa Angela ist ein Augen-öffnendes Buch über sexuelle Gewalt, das Leben als Frau in Südafrika und die Idee von afrikanischer Freiheit.

Aufgabe 7: Lest das Sachbuch einer Autorin

Hier kommt es immer auf das Fachgebiet an.

Bei Interesse in Astrophysik empfehle ich das neuste Paper von Burçin Mutlu-Pakdil.

Zum Thema (historische) Genderforschung schreibt Claudia Opitz-Belakhal.

Ägyptische Geschichte findet ihr bei Joyce Tyldesley.

Einen Grundriss zum Jahr 1919 hat Birte Förster geschrieben.

Für feministische Theorien empfehle ich Hélène Cixous.

[Empfehlt Bücher aus eurem Fachbereich an Leute aus anderen Bereichen für mehr Austausch, das fände ich sehr toll!]

Aufgabe 8: Lest das preisgekrönte Buch einer Autorin

Kim Thúys „Ru“ ist absolut großartig und ergreifend!

„The Vegetarian“ von Han Kang ist schnell gelesen und ein Meisterwerk.

Ebenfalls sehr verdient preisgekrönt ist „Prawda. Eine amerikanische Reise“ von Felicitas Hoppe.

Aufgabe 9: Lest das Buch einer Selfpublishing-Autorin

Hier finden sich die wahren Schätze in den Nischenkategorien der jeweiligen Genres. Hier möchte ich keine Empfehlungen aussprechen, da ich selbst SP-Autorin bin und nicht aus einer Liste meiner Kolleginnen auswählen möchte.

Aufgabe 10: Lest den Literaturklassiker einer Autorin

Vicky Baum schuf mit „Menschen im Hotel“ einen wahren Klassiker, den jede*r mal gelesen haben sollte.

Für vintage Horror-Gothik Fans ist Daphne du Mauriers „Rebecca“ die ideale Wahl.

Die USA war zur Wende ins 20. Jahrhundert der Zielort vieler Immigrant*innen aus Europa. Eine mitreißende Geschichte dieser Art erzählt Betty Smith in „A Tree grows in Brooklyn“.

Aufgabe 11: Lest den Gegenwartsroman einer Autorin

Leonie Ossowski schreibt in „Die schöne Gegenwart“ von Trennungen und Neuanfängen aus der Sicht einer älteren Frau, die einen lange gestorbenen Traum umsetzen kann.

Wer eher im Genre stöbern möchte, schaut sich am besten mal bei Judith Hermanns Werken um.

Umweltbewusste Gegenwartsliteratur und Wendeliteratur gibt es bei Kathrin Aehnlich.

Aufgabe 12: Lest das Buch einer (trans) Frau über trans Frauen.

Ganz oben auf der Liste ist „Trans. Frau. Sein.“ von Felicia Ewert.

Die Bücher von Andrea James und Julia Serano sind offen Own Voice und spannend. Sie kann man Lesen, wenn man sich aktiv mit Problemen innerhalb der LGBT-Community auseinandersetzen möchte.

Ein Fachliteratur-Tipp ist Céline Grünhagens „Transgender in Thailand. Die religiöse und gesellschaftspolitische Bewertung der Kathoeys“. [Grünhagen schreibt (soweit ich weiß) nicht Own Voice, ist jedoch eine der wenigen Expertinnen für trans Personen in Religionen.]


 

Mehr zu der Aktion findet ihr auf Eva-Marias Blog.

Triggerwarnungen in Büchern

triggerwarnungen in büchern

Triggerwarnungen in Büchern


TW: Gängige Trigger-Nennungen (nur per Name, keine tatsächlich triggernden Inhalte)


Disclaimer: Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Artikel, der im Dezember 2017 erstmals veröffentlicht wurde. Der Text wurde umgeschrieben, um aktuellen Themen besser zu entsprechen.

Ich bin eine Person die Triggerwarnungen benötigt und sich generell für sie ausspricht. Meine Meinung wird diesen Artikel dementsprechend beeinflussen.


Dieser Beitrag sollte nie eine Anklage sein. Ich hoffe, das es Leser*innen dieses Blogs mittlerweile bewusst ist, dass ich niemanden direkt angreifen möchte. Ziel dieses Artikels ist es nicht, ein Streitgespräch anzufeuern, sondern vielmehr Argumente zu bringen, die man annehmen kann oder nicht.

Generell kann nämlich jede*r Autor*in für sich selbst entscheiden, ob er/sie/nb vor Triggern warnen möchte oder nicht. Persönlich denke ich, dass die Personen, die Trigger nicht benennen wollen, gewisse Stereotype und Ängste haben. Auf einige davon will ich versuchen, eine Antwort zu finden.

Die Basics: Was ist ein Trigger?

Generell gesprochen ist ein Trigger etwas, was eine starke Emotion oder Erinnerung in Menschen hervorrufen kann. Dies kann kontrolliert geschehen (etwa, wenn sich die Person dem mit Absicht entgegenstellt) oder unkontrolliert (wenn die Person ohne Vorwarnung damit konfrontiert wird). Trigger können Geräusche, Gerüche, Personen, Themen, Dinge, Wörter und noch viel mehr sein. Es gibt keine feste Vorlage, was ein Trigger sein muss. Sie können beispielsweise auch positiv sein. Wenn man in einer Menschenmasse auf einmal ein Parfüm riecht, das einen an die Kindheit oder jemanden aus der Vergangenheit erinnert. Das kann schön sein.

Das Problem ist, wenn es nicht schön ist. Solche Trigger tauchen bei Personen auf, die Traumatisches erlebt haben. Sexuelle Gewalt, Tierquälerei, Mobbing (zum Beispiel Fatshaming oder Homophobie) und mentale Krankheiten (wie Essstörungen, Phobien oder problematische Therapien) sind häufige Gründe für negative Trigger.

Erstes Vorurteil: Alles kann ein Trigger sein

Als Argument gegen Triggerwarnungen wird oft gesagt, dass ja alles ein Trigger sein kann. Das ist generell korrekt. Wie oben bereits beschrieben gibt es jedoch Abstufungen von Triggern. Das bedeutet nicht, dass man deshalb keine setzen soll. Denn auch wenn es faktisch unmöglich ist, jeden existierenden Trigger zu benennen, so sind die größten bekannt. Gibt man diese an, so sorgt man dafür, dass der Großteil der eignen Leser*innen sicher vor Triggern ist. Das ist ein ziemlich gutes Ergebnis, finde ich.

Sollte man später in einer Unterhaltung mitbekommen, dass Menschen, mit denen man  häufiger in Austausch tritt, besondere Trigger haben, dann gibt man diese an. Weil man eben weiß, worauf man zu achten hat.

Zweites Vorurteil: Trigger haben nur ‚Sensibelchen‘

Abgesehen davon, dass nichts falsch daran ist, ein sensibler Mensch zu sein, ist dieses Vorurteil komplett falsch. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder Mensch Trigger hat. Positive und negative.

Ob das nun Alzheimer ist, weil jemand aus der Familie betroffen ist oder ein eigentlich unschuldiges Thema, womit man schlechte, persönliche Erinnerungen knüpft – sie sind da. Es kann sein, dass man sich selbst antrainiert hat, auf so was nicht zu reagieren. Das liegt oft daran, dass man nicht schwach erscheinen will oder nicht versteht, wieso einen dieses Thema stört.

Wie man mit den eigenen Triggern umgeht, ist grundsätzlich Sache der eigenen Grenzen. Nur weil Person A auf Trigger nicht (aktiv) reagiert und keine Warnungen (mehr) benötigt, darf man das nicht von Person B erwarten. Menschen verarbeiten Trauma und negative Gefühle immer unterschiedlich. Daran ist nichts verwerflich.


Exkurs: Es gibt Trigger, die als ’schlimmer‘ betrachtet werden, als andere. Entweder weil mehr Menschen betroffen sind oder weil sie von Außenstehenden ohne Trauma (!) so eingestuft werden. Wer sich über andere Traumatisierte stellt oder versucht innerhalb dieser Menschengruppen eine Hierarchie zu erstellen, der hat das Prinzip nicht verstanden. Trauma ist Trauma. Respektiert bitte alle Trigger, sofern ihr von ihnen wisst.


Drittes Vorurteil: Wenn ich das mache, spoilere ich

Gerade bei Autor*innen kommt dieser Spruch immer wieder. Dabei ist es eigentlich sehr einfach, nicht zu spoilern und trotzdem zu warnen. Ich spreche vor jedem meiner Artikel eine TW aus und bin mir ziemlich sicher, dass man davon nicht ableiten kann, was genau ich schreibe. Leute lesen die Artikel trotzdem. Warum sollte das bei Büchern anders sein?

Menschen die Triggerwarnungen benötigen werden euer Buch übrigens trotzdem lesen. Vielleicht sogar eher, als wenn ihr keine gemacht hättet. Weil man sich dann sicher sein kann, dass die eigenen Trigger nicht vorkommen oder weil man dann vorbereitet ist. Trigger haben die Macht, die sie haben, weil sie oft ohne Warnung kommen. Weiß man, worauf man sich einstellen muss, dann geht man gefestigt in die Leseerfahrung.

Zudem kaufen Leser*innen doch nicht nur Bücher, um das betreffende Thema anzulesen. Sie stützen euch, mögen euren Schreibstil und folgen den Figuren. Ein Buch ist mehr als nur seine problematischen Teile. Falls ihr mit etwas wie einer Vergewaltigung ’schocken‘ wollt, dann packt die TW ans Ende des Buchs und gebt vorne einen Hinweis, wo sie zu finden ist. (Ganz davon abgesehen, dass Trauma als Schockeffekt immer problematisch ist und nicht in dieser Art genutzt werden sollte.)

Viertes Vorurteil: Triggerwarnungen sind Zensur

Bei diesem ‚Argument‘ verdreht sich mir alles. Denn Menschen, die das sagen, schreiben und/oder denken, wissen einfach nicht, was Zensur ist. Bei problematischen Inhalten unterscheidet man zwischen Zensur, Indizierung und der Möglichkeit zur Selbstkontrolle (wie etwa USK bei Spielen und FSK bei Filmen).

Zensur ist, wenn Inhalte verändert werden. Dies geschieht entweder durch eine übergeordnete Machtposition (wie der Staat oder das Medium, in dem man etwas veröffentlichen möchte) oder durch einen selbst (z. B. aufgrund von negativem Backlash (Selbstzensur)). Zensur kann unterschiedliche Gründe haben. Anstößige Inhalte (wie explizite Sexualität, problematische Sprache und Gewalt) werden oft zensiert, um Menschen zu schützen. Dabei wird von einer dritten Instanz entschieden, was angemessen ist und was nicht. Zensur kann aber auch staatlich erfolgen, um Aktivist*innen ihre Stimme/Plattform zu nehmen oder die Freiheit von Menschen einzuengen. Daher ist Zensur auch immer angreifbar und das ist auch gut so.

Indizierung ist ein Schritt über der Zensur. Hier werden Dinge aktiv verboten, aus dem Handel genommen, nicht ausgestrahlt oder (im Falle von Internetseiten) nicht erreichbar gemacht. Auch hier kann man Kritik üben, da Indizierung nicht nur bei Videospielen, die als zu brutal eingestuft wurden passiert, sondern auch politisch eingesetzt wird.

Beides, Zensur und Indizierung, verhindern, dass Menschen etwas lesen, sehen, nutzen oder anderweitig konsumieren, weil eine dritte Instanz für Menschen entschieden hat, dass sie es nicht dürfen oder es nicht angemessen ist.

Mittel zur Selbstkontrolle sind nicht das. Sie sind ein freiwilliges (!) Angebot, zum Schutz von Menschengruppen wie Minderjährigen oder eben Personen die Trigger benötigen. Sie zeigen an, wenn eine Serie explizite Sexszenen beinhaltet, ein Spiel Gewalt verherrlicht oder in einem Film über Inhalte wie die NS-Zeit oder Tierquälerei gesprochen wird. Genau das sind Triggerwarnungen. Eine Angabe zur freiwilligen Selbstkontrolle.

Fazit

Das Leben ist voller Triggerwarnungen. Sie sind überall. Vor Filmen, Videospielen und in der Beschreibung von Netflixserien. Auch bei Fanfiktions ist es absolut normal, dass man Triggerwarnungen angibt. Andere Medien entdecken Triggerwarnungen für sich, wieso also nicht auch Bücher und Blogs? Wie man sie platziert (ob als Pop-Up, Warnung vor dem Text, hinten im Buch oder auf einer gesonderten Webseite) ist dabei nicht wichtig. Sie sollten nur eben für alle aufzufinden sein.

Solltet ihr euch für Triggerwarnungen entscheiden, dann schadet ihr damit niemandem. Alle, die es nicht betrifft, scrolle drüber oder blättern weiter. Ihr zeigt damit aber Respekt vor Menschen, die von gängigen Traumata betroffen sind. Das ist sehr viel wert, finde ich.

Ein Artikel zum Thema von meiner Kollegin Nora Bendzko

2. Grundzüge einer Gattung: Die Freude am Grauen und frühe Zensur

Grundzüge einer Gattung Die Freude am Grauen und frühe Zensur.

Grundzüge einer Gattung: Die Freude am Grauen und frühe Zensur


TW: Religiosität, Alkoholismus, Gewalt, Sexismus


Hallo und herzlich willkommen zur Blogreihe: Volksstück. Dies ist der zweite Beitrag der Reihe. Einen Überblick über alle Beiträge findet ihr hier.


Wie sich im letzten Beitrag gezeigt hat, lebt das Volksstück im Wesentlichen von drei Dingen: dem Volk als Hauptakteur, Kritik am Adel und Komik. Nestroy und Raimund nehmen sich Inspiration aus bereits existierenden Theaterformen wie dem Zauberstück, dem Bürgerlichen Trauerspiel und der Commedia dell’arte und vereinen sie mit Elementen aus der aktuellen Epoche. Es entsteht etwas Neues, kritisch und doch witzig, was bei der breiten Masse gut ankommt.

Bereits die ersten Stücke wurden von den oberen Schichten (Politik, Adel und gut situierte Bürger*innen) als problematisch gehandelt und in Zeitschriften sowie Rezensionen förmlich zerrissen. Die öffentliche Meinung jeder, die in der literarischen Welt eine Stimme hatten, dämpfte den Erfolg jedoch nicht so stark, als dass es sich nicht mehr lohnte, die Stücke zu schreiben. Dies wurde erst eine Generation später der Fall.

Ludwig Anzengruber

Ludwig Anzengruber, zu seiner Zeit auch bekannt als Ludwig Gruber, lebte Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts und trat, in gewisser Weise, als erster in die Fußstapfen von Nestroy und Raimund. Seine Volksstücke rührten, anders als die frühen Werke, nicht von der Posse (also vom Komischen/Grotesken), sondern vom Melodram aus. Er wurde als Vater des Realistischen Volksstücks bekannt.

Das Realistische Volksstück sonderte sich vom ursprünglichen Volksstück ab, in dem es tiefere Themen behandelte und mehr auf die tatsächlichen sozialen Probleme hinwies, anstatt nur die oberen Schichten lächerlich zu machen. Das Wiener Volksstück entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts weiter und ging in seinen Ausläufern bis zur Operettenform. Die Themen waren abstrahiert und zeigten die oberen Schichten in peinlichen Lagen und das Volks als Held – Anzengruber bot einen ernsthaften Gegenpol zu dieser Entwicklung.

Österreich wird zum Zentrum des Volksstücks

Anzengruber machte das bäuerliche Milieu Österreichs zum Mittelpunkt seiner Stücke und kritisierte auf einer Ebene, die Aufruhr erzeugte. Denn dadurch, dass das Wiener Volksstück immer mehr zu einer bloßen Posse wurde, fürchteten sich Adel und Politiker weniger vor seinem Effekt. Das Volk lachte und war ablenkt. Auf eine absurde Art und Weise ging es den oberen Schichten sogar zur Hand, da es nicht die tatsächlichen Probleme ansprach, sondern eher ein Ventil zum Meckern bot. Anzengruber hingegen wurde gefährlich. In seinen Stücken verstößt er gegen die Ständeklausel, klagt soziale Missstände an und zeigt eine dunkle, brutale Seite am Volk – etwas, was später von Horváth, Fleißer, Brecht und Jelinek, sowie vielen weiteren VertreterInnen der VolksstücksautorInnen, thematisiert wird.

Seine Stücke sind weniger Komödie, als die Wiener Volksstücke, ziehen jedoch trotzdem ein enormes Publikum an. Das Theaterpublikum der Zeit, dass immer mehr aus einfachen Leuten bestand, wurde von der Gewalt und dem Grauen magisch angezogen. Anzengruber bediente eine Seite der Menschen, die seit dem antiken Drama immer wieder im Theater Platz findet: das Vergnügen am Leiden anderer.


Die Geschichte des Dramas können Interessierte übrigens hier nachlesen.


Anzengruber begann damit eine wichtige Tradition des Volksstückes, in dem er dem Volk den Spiegel vorhielt. Menschen gingen in seine Stücke um Grauen zu erleben. Grauen, welches, so erwarteten sie, von den oberen Schichten ausgeht und das Volk trifft. Man sah sich das Stück in der Erwartung an, am Ende lamentieren zu können wie schlimm die Unterdrückung ja sei. Stattdessen spiegelte Anzengruber genau diese Lust am Elend in den Dramen und vereint die Gewalt von Oben mit der zunehmenden Verrohung des Volkes. Niemand kommt gut weg, in seinen Stücken, außer die, die wahre Humanität und Frömmigkeit verkörpern und selbst die bekommen kein Happy End. Anzengruber übte in den Stücken enorm wirksame Gesellschaftskritik.

Aufgrund dieser Wirksamkeit musste er früh mit den immer schärferen Zensurklauseln kämpfen und kam nach seinem größten Erfolg, dem Drama Das vierte Gebot (1878), für das er sogar den Schillerpreis erhielt, finanziell nicht mehr mit dem (kreativen) Schreiben aus. Seine Stücke wurden zu Grunde zensiert. Dank schlechter Kritiken und Sanktionen für Theater, die seine Stücke spielten, verdiente er fast nichts mehr mit den eigentlich beliebten Stücken. Anzengruber musste in andere Bereiche ausfächern, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen und das obwohl er schon zu Lebzeiten einer der beliebtesten Schriftsteller und Dramatiker im deutschsprachigen Raum war. Wirkliche Anerkennung in der literarischen Welt bekam er erst, als man ihm im Rahmen des Naturalismus neu betrachtete.

Das vierte Gebot

In Ludwig Anzengrubers Das vierte Gebot geht es um drei Familien und ihre Verbindung zueinander. Die Kinder, welche unter den Entscheidungen ihrer Eltern leiden, stehen im Mittelpunkt.

Im ersten Akt werden die drei Familien (Schön, Hutterer und Schalanter), sowie die Herren August Stolzenthaler und Robert Frey vorgestellt. Hedwig, die Tochter von Anton und Sidonie Hutterer soll August heiraten, ist jedoch verliebt in ihren Klavierlehrer Robert. August ist selbst schon mit einer jungen Frau zusammen, Josepha (kurz Pepi) Schalanter. Er hat der Ehe mit Hedwig jedoch nichts entgegenzusetzen. Johann Dunker, ein Lehrling bei der Familie Schalanter, ist in Pepi verliebt, diese jedoch nicht in ihn. Ihre Mutter Barbara findet ihn hingegen anziehend, was er nicht erwidert. Der Sohn von Hutterers Gärtnern Jakob und Anna Schön, Eduard, ist Geistlicher und soll Hedwig und August trauen. Neben all dem tritt Herwig, die Großmutter von Pepi und ihrem Bruder Martin auf, welche die beiden davor warnt, immer nur den Vorstellungen ihrer Eltern zu folgen.

Die Verbindung zwischen den Leuten und unerwiderte Gefühle setzten den Kanon für ein sehr verwirrendes Stück, welches sich jedoch zu Lesen lohnt.


An dieser Stelle eine ganz klare Leseempfehlung von meiner Seite – es ist auch für moderne Standards lesbar und wirklich spannend.


Der zweite Akt spielt etwa ein Jahr nach dem ersten. Martin Schalanter ist nun im Militär und auf Besuch zu Hause. Robert Frey, der aus Trauer um die zerbrochene Beziehung mit Hedwig zurück zum Militär ist, ist sein Feldwebel. Schalanters Geschäft ist bankrott, Johann der Lehrling ist entlassen und Pepi hält die Familie durch einen schlechten Beruf über Wasser. Hedwig und August verheiratet und haben ein sehr krankes Kind.

Hier treffen Hedwig, ihr Kindermädchen Resi und das Neugeborene durch Zufall auf Hedwigs ehemaligen Geliebten Robert. Dieser fühlt sich sichtlich unwohl in der Begegnung. Sie tauschen sich darüber aus, wie es ihnen in dem letzten Jahr ergangen ist. Dann geht Resi mitsamt dem Kind ins Haus.


Hedwig: Sie haben es gesehen, das kleine, arme Ding! Man sagte mir, sein Vater habe zu viel gelebt, als daß für das Kind etwas überbliebe; es wird hinsiechen, wochen-, vielleicht monatelang, aber es wird nicht fortkommen. (Sie drückt ihr Taschentuch an die Augen.) O, Sie sehen, ich bin recht glücklich! – – Ihnen muß es zur Genugtuung gereichen, daß Sie mich in solcher Lage finden.

Frey (schmerzlich): O gnädige Frau.

Hedwig: Sie haben es mir ja vorher gesagt.

Frey: Lassen Sie das Vergangene vergangen sein.

Zweiter Akt, fünfte Szene


Hedwig gesteht Robert, dass es ihr elendig ergeht, da ihr Kind sterbenskrank und ihre Ehe mit August kaputt ist. Sie bereut es, nicht vor ihrer Zwangsheirat mit ihm davon gelaufen zu sein. Robert beschwichtigt sie und will, dass sie nach vorne blickt. Der Umgang der beiden ist liebevoll und ehrlich, sowohl Robert, als auch Hedwig können offen ihr Leiden eingestehen. Etwas, was ihm als Feldwebel und ihr in ihrer unglücklichen Ehe wohl nicht allzu oft möglich sein dürfte.

Auch sprechen beide hochdeutsch. Sie setzten sich somit, mit Ausnahme von Eduard, vom Rest der Charaktere und deren Wiener Mundart ab. Sie passen nicht zum Rest. Weder ihre Beziehung, noch ihre Handlungen, noch ihre Sprache sind mit dem Rest des Dramas kohärent.

Die beiden kommen auf die Briefe zu sprechen, die sie sich schrieben, als sie noch ein heimliches Paar waren. Robert hatte sie am Ende der gemeinsamen Zeit gebeten, diese zu vernichten, da August sonst wütend würde. Doch Hedwig konnte dies nicht und bittet Robert nun ihre Briefe an sich zu nehmen und zu seinen zu tun. Sie verabreden sich gegen Abend an einem Wirtshaus die Straße hinauf.


(Hedwig bleibt in der Gartentüre stehen, Frey an der Kulisse links, um einander nachzusehen, dabei begegnen sich ihre Blicke, sie stehen einen Augenblick in gegenseitiges Anschauen versunken, dann zieht Hedwig leise das Gitter hinter sich zu, und Frey entfernt sich; sobald beide nicht mehr sichtbar sind, treten Schalanter und Martin aus dem Busch.)

Zweiter Akt, fünfte Szene


Sie haben offensichtlich noch Gefühle für einander und leiden jeden Tag, den sie getrennt sind. Mitten in diese intime Szene platzen Schalanter und Martin, welche sich zuvor vor dem Vorgesetzten Martins, Robert, im Gebüsch versteckten.

Die beiden haben unfreiwillig das Gespräch belauscht. In den folgenden Szenen wird dies zum Schlüsselmoment des Dramas. Schalanter, der alkoholkrank ist und bereits vor dem Niedergang seines Drechselgeschäftes in Geldnot war, sieht eine Gelegenheit, aus dem Leid der jungen Liebenden Profit zu schlagen. Er erzählt es Hedwigs Mann, dieser erfährt, dass seine Frau ihn nur aus Zwang heiraten musste und möchte sich scheiden lassen. Hedwig rennt fort und entdeckt auf ihrem Weg einen Zug aus Menschen, welche Robert in ein Spital bringen. Dieser wurde von Martin angeschossen, als sich die beiden über dessen fehlende Manieren stritten. Robert stirbt kurz darauf, ebenso wie Hedwigs Kind. Diese ist ein Schatten ihrer selbst. Martin wird hingerichtet, seine Schwester leidet darunter, ebenso wie seine Eltern und die Großmutter. Auch zwischen Pepi und Johann gibt es kein glückliches Ende.

Beziehungen im Fokus

In den ersten Szenen werden die bekannten Figuren und ihre Geschichten wieder aufgegriffen, dann erst geht es mit der Geschichte an sich weiter. Man erfährt bis zu dieser fünften Szene, wie es den Charakteren ergangen ist, seit dem Ende des letzten Aktes. Offene Fragen werden geklärt: Welche Familienverhältnisse haben sich verändert, wie haben sich alle weiterentwickelt und was wurde aus all den angedeuteten Ereignissen? Diese Szene ist also Ausgangspunkt für die weitere Geschichte, da ab hier die Handlung aktiv weitergeht. Alles zuvor ist Vorgeschichte, alles danach die direkte Auswirkung dieser Szene. Ohne sie würde die gesamte Handlung in sich zusammenbrechen. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt.

Der rote Faden im Drama ist die Beziehung zwischen Kindern und ihren Eltern, daher auch der Titel: Das vierte Gebot (in Anlehnung an die zehn Gebote). Es wird angezweifelt, ob es wirklich immer so ratsam ist, nur auf das Wort der Eltern zu hören. Hedwig leidet enorm unter der Entscheidung ihrer Eltern, sie zu verheiraten. Martin wird hingerichtet, seine Schwester hat nie wirklich etwas erreicht, auch ihre Erziehung war fehlerhaft. Nur der Sohn von den Gärtnern, Eduard Schön, welcher seinen eigenen Weg gegangen ist, hat wirklich etwas erreicht. Doch die Trauung zwischen Hedwig und August, welche er auf Wunsch seiner Eltern ohne weitere Bedenken vollzog, war ein Fehler. Alle Fäden werden im Schluss zusammengezogen und deuten auf die Worte der Großmutter hin, welche im ersten Akt vor genau diesem Handeln warnte.

Hedwig nimmt eine Sonderrolle ein, da ihr Ungehorsam das Ganze auslöste und späterer Gehorsam ihr Schicksal besiegelte. Keine ihrer Entscheidungen war im Endeffekt die Richtige. Ihr Ungehorsam gegenüber ihrem Mann, ausgehend von der Begegnung mit Robert in der Schlüsselszene im zweiten Akt, löste zudem weitere Komplikationen aus, welche die Charaktere noch schlechter stellten. Sie diskreditiert alleinig die Grundaussage des Dramas. Dies wird an mehreren Szenen, insbesondere jedoch an der hier untersuchten, deutlich.

Somit ist diese letzte Szene nicht nur Wendepunkt der Handlung, sondern auch Anzeichen dafür, dass die gesamte Aussage des Stückes angezweifelt werden kann und sollte.

Anzengrubers Aussage

Anzengruber baut sich aus familiären Geschichten ein Konstrukt, in dem er sowohl die oberen Schichten, als auch die falsche Frömmigkeit/ überbordende Religiosität und Naivität des Volkes kritisch betrachten kann. Die drei Familien repräsentieren verschiedene Unterkategorien des Volkes und zeigen, wie schnell Situationen aus dem Ruder laufen können. Zudem wird auf übermäßigen Alkoholkonsum und wirtschaftliche Schwierigkeiten, sowie die Rollen der (jungen) Frauen als leidende zwangsverheiratete Mutter oder Alleinverdienerin (zwei durchaus realistische Schicksale um 1850) hingewiesen.

Er wagt einen Rundumschlag auf alle sozialen Probleme seiner Zeit und wird mit harten Zensur und Armut gestraft.

1. Basics: Was ist ein Volksstück und wieso sollte ich das wissen?

Go the Distance

Basics: Was ist ein Volksstück und wieso sollte ich das wissen?


TW: Alkoholismus, Gewalt


In diesem ersten Artikel aus der Reihe möchte ich die Grundlagen klären und die Grundzüge an einem ersten Beispiel festmachen.


Was ist das Volksstück?

Das Volksstück an sich ist eine Form des Dramas, also des Theaters, dass sich in den Ursprüngen an ein möglichst breites Publikum richten sollte – daher der Name Volksstück. Angesprochen mit dem (gerade heute ja durchaus problematischen) Begriff „Volk“, war das „gemeine Volk“ des späten 18. Jahrhunderts. Das Volksstück entwickelte sich aus dem barocken Hoftheater und dem bürgerlichen Trauerspiel. Es wurde zu einer Alternative, in der das Volk auf der Bühne dargestellt war. Dies fand statt, da es bis dahin kaum (realistische) Figuren auf der Bühne gab, die nicht aus dem Adel stammten.

Ein weiterer wichtiger Einfluss ist zweifellos auch die Commedia dell’arte (Stehgreiftheater des 16. bis 18. Jahrhunderts aus Italien), in der feste, Sterotypen-Figuren in unterschiedlichen Situationen immer wieder aufeinandertrafen. Diese Stücke wurden auf Wanderbühnen aufgeführt.


Karel_Dujardin_-_Les_Charlatans_italiens

Scaramuccia e la ruffiana


Ende des 18. Jahrhunderts wurde es zunehmend akzeptabel, das Volk als Figur auf die Bühne zu stellen, ohne es nur im Hintergrund zu zeigen. Mitglieder des gemeinen Volkes bekamen eine eigene Stimme und standen um ihrer selbst willen auf der Bühne. Dies war ein großer Durchbruch in der Theaterszene.

Ein Fehler, der sich oft einschleicht, wenn man über Volksstücke spricht, ist, dass auch die Schauspieler*innen aus dem Volk stammten. Das ist alleine schon aufgrund der sehr limitierten Schriftlichkeit nicht möglich gewesen. Die meisten Schauspieler*innen des 18. und 19. (und durchaus auch des frühen 20.) Jahrhunderts kamen aus dem Adel oder einer reichen, gut situierten Familie.


Nestroytalisman

Szene aus „Der Talisman“ von Johann Nestroy (1840)


Die ersten Volksstücke

Das Altwiener Volkstheater war der erste Vertreter des Volkstheaters und entstand in den sehr frühen Ausläufern (und je nach Definition) bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Allgemein werden jedoch Johann Nestroy und Ferdinand Raimund als Hauptvertreter des Altwiener Volksstücks gesehen, beide lebten Anfang des 19. Jahrhunderts. Dort setzt auch das erste Beispiel dieser Blogreihe an.

Das Volksstück formierte sich in ähnlicher Form über das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinweg in Knotenpunkten wie Berlin, München und Hamburg. Im Lauf dieser Reihe wird auch die bayrische Provinzstadt Ingolstadt eine wichtige Rolle spielen. Allgemein ist es für viele Volksstücke nicht möglich, sie auf einen Ort zu reduzieren, da die meisten zwar in Wien und anderen großen Städten spielen, die Autor*innen jedoch oft aufgrund von übler Nachrede und Zensur (und Verfolgung) aus dem Exil schreiben mussten.

Der Alpenkönig und der Menschenfeind

Nun zum ersten Beispiel. An diesem (sehr frühen) Stück werden die grundlegenden Merkmale geklärt und euch ein bisschen gezeigt, wie so ein Volksstück eigentlich aussah. Dafür schauen wir uns jetzt Ferdinand Raimunds Der Alpenkönig und der Menschenfeind (1828) an.


GS_GSG6233.jpg

Szenebild Der Alpenkönig und der Menschenfeind (1828)


Der volle Titel verrät schon das Problem, mit dem Volksstück in den Anfängen (und auch allgemein): Der Alpenkönig und der Menschenfeind, Romantisch-komisches Original-Zauberspiel in zwei Aufzügen.

Das Volksstück hat die Angewohnheit, mit anderen Arten von Theaterstücken zu verschmelzen. Raimund nennt sein Drama selbst Zauberspiel. Dabei erfüllt das Stück kaum die Merkmale eines klassischen Zauberspiels.

Diese Gattung stammt aus dem Barock und wurde von Raimund im 19. Jahrhundert umgesetzt, in der Hoffnung, ihr neues Leben einzuhauchen. Der volle Titel des Stückes zeigt, wie Raimund ein barockes Genre mit der Literaturströmung seiner Zeit, der Romantik, vereint. Das heißt, er eint den hohen Produktionswert, die magischen Elemente und die typische Verwandlung eines oder mehrere Figuren auf offener Bühne mit romantischen (sprich mittelalterlich angelehnten) Elementen. Raimund tut dies, da das Volksstück zu dieser Zeit noch kein etabliertes Genre ist, zumindest keines, mit dem sich Geld verdienen lässt.

Das Stück

Im Stück geht es um einen reichen und boshaften Gutsbesitzer, dessen Familie und Angestellte unter seinem Temperament leiden. Eine märchenhafte Figur, der Alpenkönig, tauscht für einige Zeit den Platz mit dem Gutsherren, Herr von Rappelkopf, der so lange aus dem Körper seines Schwagers sich selbst dabei zuschaut, wie er seine Familie misshandelt. Am Ende wird Rappelkopf in einer himmelsähnlichen Umgebung verwandelt. Das Stück geht gut aus.

Am auffälligsten ist die Musikalität des Dramas. Die ersten drei Auftritte werden gesungen. Dabei wird die Jagd des Alpenkönigs Astragalus dargestellt, untermalt von einem Chor aus Alpengeistern. Im gesamten Stück wird die Handlung immer wieder durch Lieder gestützt und vertieft.

Dadurch werden einerseits Elemente wie die Jagd oder Augusts (der Verlobte von Rappelkopfs Tochter Malchen) Wanderung akzentuiert, andererseits auch inhaltliche Punkte zusammengeschlossen. Die Lieder am Anfang und Ende des Stückes rahmen die Handlung ein. Musik war in der Romantik ein sehr wichtiger Teil der Kunst. Viele Gedichte wurden musikalisch interpretiert.

Raimund baut immer wieder Einschübe ein, die gleichzeitig modern sind und doch auf den Ursprung der Gattung hinweisen. Neben dieser Absicht macht die Musik eine Aufführung des Dramas lebendiger. Es verbindet das Klischee von singenden Wanderern und Menschen auf dem Land mit Eigenreflexion, Gattungsmerkmalen der Romantik und dem Ursprung des Zauberspiels.

Ein weiterer Punkt, welcher direkt zu Beginn hervorsticht, ist die Sprache. Im Gespräch zwischen Malchen und Lischen, wenn die Bediensteten von Rappelkopf miteinander reden und auch wenn der Menschenfeind selbst wütet. Die Sprache ist sehr einfach gehalten. Charaktere wie Lischen und Sabine stechen durch ihre besonderen Arten zu sprechen hervor. So ist Lischen sehr abergläubisch und naiv, Sabine hat einen schwäbischen Dialekt und ist sehr selbstverliebt. Habakuk, ein Bediensteter, beharrt darauf, dass er in Paris war. Die Sprache bei Volksstücken soll auf künstlerische Art und Weise die Sprache des Volkes imitieren. Das ist auch hier der Fall. Allerdings wird diese Sprache hier stark mit der Komik verknüpft. Insbesondere durch die Bediensteten wird dies übermittelt. Malchen mit ihrer dramatischen Art, die Köchin und der Diener, welche sich streiten. Aber auch die Familie, deren Haus Rappelkopf aufkauft, bringt dies hinein.


Raimund spielt mit der Sprache. Gut sichtbar ist dies, am Beispiel der Familie:

Salchen: Mein Franzel ist ein wiffer Bua,/ Singt den ganzen Tag:/ Daß er mich alleinig nur/ Und kein andre mag.

Die drei Kinder: Wenn wir nicht was z‘ essen kriegn,/ So gehn wir ja zugrund!

Salchen: So weckts das Kind nicht in der Wiegn,/

Die drei Kinder: Sapperment, ein Brot!

Salchen: So weckts das Kind nicht in der Wiegn,/ Und spielts euch mit den Hund!/    Mein Franzel ist ein wiffer Bua,/ Singt den ganzen Tag:/ Daß er mich alleinig nur/ Und kein andre mag.

Christian: Wanns nicht euern Schnabel halts,/ Schlag ich euch noch tot!

Marthe: Still!

Das Kind: Qua qua!

Die Katze: Miau!

Der Hund: Hau hau!

Fünfzehnter Auftritt


Es ist unterhaltsam, man lacht. Gleichzeitig werden Probleme wie Alkoholismus, Geldmangel, der grobe Umgang untereinander, die sehr niedrige Stellung der Kinder und Hunger angesprochen. Zuschauer dieses Stückes reflektieren aktiv über die Welt, in welcher sie leben und über ihre eigenen Umgangsformen. All dies ist versteckt in lebhafter Sprache und Komik.

Anweisungen zur Umsetzung

Durch das ganze Stück ziehen sich sehr genaue Anweisungen die Bühne, Sprechweise und Hintergrundmusik betreffend. Aufwendige Bühnenproduktionen sind seit dem Barock Teil des Zauberspiels. Raimund hinterlegt diese mit romantischen Elementen. Gut sichtbar ist dies, direkt vor der ersten Szene:


Die Ouvertüre beginnt sanft und drückt fröhlichen Vogelsang aus, dann geht sie in fremdartiges Jagdgetön über, begleitet von Büchsenknall. Beim Aufziehen der Kurtine zeigt sich eine reizende Gegend am Fuß einer Alpe, welche sich im Hintergrunde majestätisch erhebt. Im Vordergrunde zeichnet sich in der Mitte ein Gebüsche von Alpenrosen, links ein abgebrochener Baumstamm und im Vordergrunde rechts ein hoher Fels aus. [Hervorhebungen sind nicht im Originalzitat]

Erster Auftritt


Idealisierte Natur ist ein wichtiger Teil der Romantik. Landschaften werden hervorgehoben und mit Elementen des Erhabenen ausgeschmückt. Die Bühne wird genau beschrieben und das Beschriebene darauf wird aktiv genutzt (in diesem Fall der Holzstamm, der Felsen und das Gebüsch). Dadurch das Raimund Anforderungen an das Zauberstück erfüllt, macht er sie zu Teilen des Volksstücks, die andere AutorInnen (wie Jelinek) später wieder aufgreifen. Die Anweisung setzt sich fort und vereint weiterhin die Romantik mit ursprünglichen Teiles des Zauberstücks:

Ein Chor von Alpengeistern, dabei Linarius, durchaus grau als Gemsenjäger gekleidet, jeder eine erlegte Gemse über den Rücken hängen, eilt von der Alpe herab und sammelt sich im Vordergrunde der Bühne.

Mythologie

Mythologische Figuren sind Teil des originalen Zauberspiels, zusammen mit Figuren der Commedia dellʼarte. In Der Alpenkönig und der Menschenfeind wird die Mythologie durch den Alpenkönig und seine Geister erfüllt. Der Nutzen von lokaler Mythologie (welche nicht immer tatsächlich mythologischen Ursprungs sein muss (vgl. Lorelay)) ist ein wichtiger Bestandteil der Romantik. Sie hauchen dem Stück Ursprünglichkeit ein. Die Alpen werden durch die Geister lebendiger als Schauplatz, die Landschaftsbeschreibungen verstärken dies ebenfalls.

Raimund nimmt sich Elemente aus dem Zauberspiel, Figuren und Sprache aus der überzogenen Commedia dell’arte/dem Bürgerlichen Trauerspiel und vereint diese mit der (höfischen) Mode aus der Romantik. Er zeigt damit nicht nur die Natur des Volksstücks, dass es aus verschiedenen Elementen und Ideen zusammengesetzt wurde, sondern setzt auch die Grundlagen für spätere Versionen/Interpretationen des Volksstückes. Sprache, Musikalität und Absurdität ziehen sich durch (fast) alle späteren Volksstücke, wie ich euch in den nächsten Tagen weiter erläutern werde.

Zensur

Das Volksstück hatte von seinen Anfängen an mit Zensur zu kämpfen. Karikaturistische Darstellungen von Adel und Menschen in hohen Positionen, wie reiche Bürgerliche oder Politiker, waren Teil der Anziehungskraft, die das Volksstück auf die breiten Massen hatte. In den Anfängen bestand das Publikum aus Menschen, die sich selbst auf der Bühne sehen und über die, für die sie arbeiteten/die über ihnen standen, lachen wollten. Dieser Aspekt wird im nächsten Beitrag deutlicher behandelt.

Elitäre Gruppenbildung in den Online-Geisteswissenschaften

Elitäre Gruppenbildung in den Online-Geisteswissenschaften

Elitäre Gruppenbildung in den Online-Geisteswissenschaften


Dieser Blogtext wird euch kostenfrei zur Verfügung gestellt, falls ihr mich und meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das hier: Paypal.


Twitter als Online-Raum für geisteswissenschaftlichen Austausch ist aktuell wohl eines der häufigsten Themen in meiner Timeline. Dabei fühle ich mich als Studierende oft nicht mitgemeint, wenn beispielsweise über Literatur gesprochen wird.

Da mich die Chancen von Twitter als offener Raum für Bildung und (literatur)wissenschaftliche Diskussionen interessieren und ich bisher noch keine studentische Sichtweise auf das Ganze entdecken konnte, habe ich mich zu einer kleinen, persönlichen (!) Betrachtung der Lage entschlossen.

Die Ausgangssituation als Studierende

In den letzten Monaten bin ich zunehmend in die Literaturwissenschaftliche-Twitterblase abgerutscht. Ursprünglich war ich als Autorin im Internet unterwegs, dann begannen sich Leute für meine Zusammenfassungen von Uni-Seminaren und Hausarbeiten zu interessieren. Irgendwann wurden aus den ursprünglichen Leser*innen (sprich anderen Studierenden, Autorenkolleg*innen und Freund*innen von mir) Wissenschaftler*innen. Meine Timeline änderte sich. Jetzt bin ich Teil einer regen Gruppe an Literaturwissenschaftler*innen und genieße das sehr.

Man fühlt sich als noch Studierende/r, beziehungsweise Laie/Laiin besonders, wenn man mit Doktorand*innen, Dozierenden und Professor*innen über Themen diskutiert, die alle gleich spannend finden und wo jede Stimme (theoretisch) gehört wird.

Dafür ist mein eigenes Profil jedoch wesentlich leerer geworden und das ist Leuten aufgefallen. Wo früher Threads zu Burgen oder über meine Hass-Liebe (mehr Hass als Liebe) zu Brecht standen, finden sich jetzt nur noch Retweets zur Diskussion anderer. Und das stört mich. Ebenso wie es mir erklärt, warum ich so wenig andere Studierende in den Diskussionen entdecke.

Viel zu oft passiert es, dass Menschen aus Diskussionen ausgeschlossen werden, weil ihnen die nötige (Fach)Sprache oder das absurd große, aber eben geforderte Wissen fehlt.

Mein Blog ist sehr still (und fast leer), weil die bloße Idee zwischen all diesen gebildeten Menschen einen pseudo-wissenschaftlichen, beziehungsweise „minderwertigen“ Bericht über etwas zu veröffentlichen, mir Bauchschmerzen bereitet.

Seit ich (mehrfach) darauf angesprochen wurde, frage ich mich, ob diese ganze Entwicklung wirklich so gut ist, wie ich dachte. Ich hatte mal Spaß daran, Leuten auf lockere Art und Weise von den Inhalten meines Studiums zu berichten. Nun traue ich mich kaum, über Literatur zu schreiben. Weil in meiner Timeline jeden Tag Diskussionen über die Literaturszene stattfinden und Menschen, die ihr Studium lange hinter sich gelassen haben und nun Forschung betreiben und lehren, die Unterhaltung führen.

Woher kommt das und wie kann man entgegensteuern?

Mein Problem als Studierende

Ich bin ehrlich, ich trage zu dieser Spaltung bei. Ich traue mich nicht mehr, einfache Dinge zu schreiben, weil ich Angst habe, Leute, die sich wirklich auskennen, zu nerven oder als „ungebildet“ dazustehen.

Das Ziel (für mich) ist es demnach, mich durch Wissensdefizite nicht an literaturwissenschaftlichen Diskussionen hindern zu lassen und wieder mehr Platz für „laienhafte“ Artikel und Tweets zu schaffen. Nicht alles wissen, Dinge vereinfachen – und sich nicht dafür schämen, weil auf der Timeline gerade wieder mit Begriffen und Namen um sich geworfen wird, von denen man noch nie gehört hat.

Wo zwischen Laiin und Literaturwissenschaftlerin habe ich als Studierende meinen Platz? Wo darf ich mitreden, wo ist es unerwünscht, weil Dozierende und Forscher*innen unter sich sein wollen? Welchen Sinn haben kleine Berichte aus meiner wesentlich ungebildeteren Perspektive? Wie mache ich mich nicht lächerlich, wenn ich so etwas schreibe?

Diese Fragen halten mich davon ab, weiterhin über mein Studium zu schreiben.

Und ein großer Teil davon liegt an der Sprache. Hier wird die Sache größer. Sie betrifft nicht mehr nur mich und meine Probleme mit der aktuellen Lage.

Die Sprache als Trennwand

Literaturwissenschaftler*innen, mit denen ich mich austausche, versichern mir gerne, dass auf Twitter die Hierarchien der Universitäten heruntergebrochen werden. Und das stimmt auch, so lange man als Studierende/r oder Laie/Laiin mithalten kann.

Aber es sind dieselben Menschen, die tagtäglich in einem unfassbar anspruchsvollen, bildungssprachlichem Wortschatz schreiben, die mir versichern, dass ich ja gerne mitdiskutieren darf.

Wenn ich mal ehrlich bin, muss ich sagen: Ich traue mich nicht.

Studierende und solche, die nach dem Studium nicht in die Forschung gingen, sind von der Konversation ausgeschlossen. Nicht nur, weil wir uns nicht trauen, sondern weil wir von der Ausdrucksweise innerhalb der bestehenden Gruppen direkt ausgeschlossen werden. Ganz zu schweigen von Außenstehenden, die außer ehrlichem Interesse keinerlei Qualifikationen vorzuweisen haben.

Das ist per se nicht schlimm. Diskussionen im eigenen Fachgebieten bringen grundlegend eine elitäre Grundstimmung mit sich. Jene, die sich nicht auskennen, können nicht mithalten. Das ist zu einem gewissen Grad normal.

Aber Twitter wird gerade von Geisteswissenschaftler*innen als Plattform oft dafür gelobt, dass man wissenschaftliche Diskussionen öffentlich und erreichbar für alle führen kann.

Ich frage mich nun, ob das wirklich so gewünscht wird. Oder ob die Diskussionen nicht doch eher denen gleichen, die Dozierende an der Universität über die Köpfe ihrer Studierenden hinweg führen.

Ein gutes Beispiel sind Unterhaltungen über Studierende selbst. Wo kann ich, als „Betroffene“ sozusagen, mich einschalten, wenn über die Art, wie man mich und meine Kommiliton*innen am besten für Literatur begeistert, diskutiert wird?

Ebenso mit fachlichen Gesprächen über Texte, die in einer Sprache geführt werden, die an ein gedrucktes Buch erinnert. Ich werde zu diesen Diskussionen eingeladen, kann jedoch höchstens am Rand stehen und beobachten. Denn zwischen mir und dem Rest stehen die Mauern, die Twitter doch eigentlich herunterbrechen sollte.

Wie kann man einen Mittelweg finden, zwischen Diskussionen von und für Dozierende/Forschende und Diskussionen, an denen sich auch andere beteiligen können, ohne jedes zweite Wort und jeden dritten Namen nachschlagen zu müssen.

Das Problem liegt in der Geisteswissenschaft, nicht bei Twitter

Elitäre Gruppenbildung als Teil der Geisteswissenschaften

Twitter bietet als Plattform eine ideale Grundlage, um die Unterhaltung über Literatur zu öffnen. Um diese elitäre Gruppenbildung zu zerschlagen und jedem die Chance zu geben, sich zu äußern.

Das Problem liegt in den Geistenwissenschaften.

Elitäre Sprache und Abgrenzung von Außenstehenden sind Krankheiten der Literaturwissenschaft, die es seit Jahrzehnten für alle unnötig schwer machen, die von außen dazukommen. Arbeiterkinder die Zuhause nicht über Geisteswissenschaften sprechen (können), Menschen die einen (direkten) Migrationshintergrund und/oder eine Einschränkung haben – Geisteswissenschaften schließen alle aus, die länger brauchen, um ihre Defizite in Literaturwissen und Fachsprache aufzuholen.

Das hat (leider) auch Twitter erreicht. Interesse als gemeinsamer Faktor bringt Menschen, die mitsprechen wollen, nur so weit, wie ihr Fachwissen reicht. Und das ist oft einfach nicht weit genug.

Es wirkt zu Teilen fast so, als würden auch junge und moderne Lehrende/Forschende auf Twitter ihre Sprache gezielt einsetzen, um Studierende und jene, die nicht seit über 10 Jahren im Fachgebiet tätig sind, auszuschließen.

Auf einer Plattform wie Twitter entspricht dies einem enormen verschenkten Potential. Denn auch wenn Menschen wie ich nicht immer alles verstehen, wäre es schön, mitangesprochen zu werden. Zumindest wenn über uns gesprochen wird.

Warum muss man dieses Problem der Geisteswissenschaften auf ein neues, frisches Medium wie Twitter übertragen, statt die Chance zu nutzen, die Diskussion zu öffnen?

Diskussion statt Anklage

Diese Betrachtung soll mehr als ein Unterhaltungsstarter dienen, statt als „Anklageschrift“ für/gegen geisteswissenschaftliche Diskussionen auf Twitter. Die Sicht der Studierenden und Außenstehenden ist etwas, was meiner Meinung nach in der Debatte um Online-Geisteswissenschaften fehlt.

Gerade als Studierende nehme ich mich nämlich nicht aus, wenn ich über elitäre Sprache und Inhalte spreche. Es macht Spaß einfach mal zu fachsimpeln oder sich als gebildeter Mensch in einem Bereich zu profilieren. Aber die langfristige Motivation für eine Diskussion geht mir verloren, wenn ich aktiv von etwas ausgeschlossen werde, von dem ich wirklich gerne Teil wäre.

Habe ich das Fachwort hier richtig verstanden? Darf ich mich hier überhaupt einschalten oder wollen die „Profis“ unter sich bleiben? Nerve ich?

Zwischen Insiderwitzen, Ironisierungen von Diskursen und Fachwörtern, dem (vermutlich unterbewussten) Abschätzen von Studierenden (ich rede hier beispielsweise von der Diskussion: was müssen Studierende können) und mehr, fühlt man sich als noch studierende Person am falschen Platz.

Ich frage mich fast zu oft, ob ich unerwünscht bin. Ob ich die Timeline nicht lieber meiden sollte, weil meine studentische Meinung eh niemanden so wirklich interessiert. Davon kommt viel aus der eigenen Unsicherheit, dass will ich gar nicht bestreiten. Aber der Einstieg in bestehende Gruppen, die Sprache nutzen, um sich zu profilieren und abzugrenzen, ist wahnsinnig schwer. Ich frage mich, ob das so sein muss.

Die verschwindend geringe Anzahl der mitschreibenden Studierenden scheint nicht aufzufallen. Ebenso die Bemerkungen, die teils fallen. Die Zwinkersmileys, wenn sich jemand mit weniger Expertise beteiligen möchte. Die Entmutigung.

Ich habe viele Geisteswissenschaftler*innen auf Twitter als offene, liebe Menschen kennengelernt, die gerne ihre Diskussion öffnen wollen – die Umsetzung scheitert jedoch zu oft.

Weitere Artikel

Online Grenzen aufbrechen? Ein Blick auf Uni-Twitter

Blogreihe: Volksstück

Tony_Pfoser_Volksstück

Blogreihe: Volksstück


Hallo und herzlich willkommen im Büchnerwald!

Die Volksstück-Reihe ist zurück! Meine kleine, literaturwissenschaftliche Blogreihe zum Thema Volksstück ist wieder verfügbar.


1. Basics: Was ist ein Volksstück und wieso sollte ich das wissen?

2. Grundzüge einer Gattung: Die Freude am Grauen und frühe Zensur.

3. Die (Nach)Kriegszeit: Kritik an Gesellschaft ist Kritik an der Zeit?

4. Revolution und Modernisierung: Die Horváth-Fleißer-Kontroverse.

5. Erbe und Umsetzung nach dem Krieg: Ein Nobelpreis in Provokation?


Die Themen umfassen vor allem Entstehung, Inhalte und Revolution des Volksstückes, aber auch Zensur und Umgang mit kritischen Inhalten im 20. Jahrhundert. Diskutiert werden dabei einzelne Werke und AutorInnen, sowie die grundlegenden Züge der Gattung in ihren Anfängen, in der Weimarer Zeit und nach dem Krieg.

Im Fokus stehen Deutschland und Österreich, wobei besonders um Wien herum die meisten Stücke spielen.

Wieso so eine Reihe?


Originaltext aus der Ankündigung (Sommer 2018)


Ich spiele seit einiger Zeit mit dem Gedanken, etwas über das Volksstück zu schreiben. Denn das Volksstück an sich war Dreh- und Angelpunkt der literarischen Gesellschaftskritik im deutschsprachigen Raum von etwa 1860 bis 1970 (mit der zu erwartenden Pause zwischen 33-45). Wenn man sich das Volksstück ansieht und die Formen, mit denen die AutorInnen kritisiert und reflektiert haben, sieht man Muster, die sich auch in der heutigen Gesellschaft widerspiegeln. Sexismus, Rassismus, gefährlicher Nationalstolz, Kriegsschuld und Gewalt.

Des Weiteren handelt es sich um eine literarische Gattung, die heute oft vergessen wird. Das ist schade, denn ich denke, dass wir davon profitieren könnten.

Im Volksstück geht es vor allem darum, durch gezielte Provokation und Überspitzung auf Probleme der Zeit hinzuweisen. Diese Dinge übernehmen heute satirische Sendungen und JournalistInnen – trotzdem bietet das Volksstück eine eigene Perspektive.

Die Beiträge werden im Essay-Stil gehalten und bieten somit Infos für Leute die neu in der Literaturwissenschaft sind, aber auch Fakten und Quellen für die, die sich damit bereits auskennen.

Ich hoffe das Projekt findet Anklang. In einer Welt, in der Hass und Gewalt wieder Gesellschaftsfähig werden, ist es (denke ich zumindest) wichtig, dass man sich über Kritik, Zensur und Umgang mit Hass in der Vergangenheit informiert und sich damit auseinandersetzt.

Das Literaturcamp Heidelberg 2018 – ein Rückblick

LitCamp_HD_logo

Das Literaturcamp Heidelberg 2018 – ein Rückblick


Wer mir auf Twitter folgt hat letztes Wochenende (16./17. Juni 2018) mitbekommen, dass ich auf dem diesjährigen Literaturcamp in Heidelberg unterwegs war.

Ich möchte euch natürlich auch ein bisschen berichten, wie es da so war, werde allerdings nicht auf die Sessions direkt eingehen, sondern eher auf das allgemeine Gefühl und die Dinge, die ich, mehr als die Inhalte der Sessions noch, mitgenommen habe.

Hier also der Bericht zum Event aus der Sicht eines Barcamp-Neulings.


Mein erstes Barcamp

Das Ticket hatte ich etwa eine Woche vorher durch Netgalley gewonnen und war dadurch ein wenig überrumpelt. Keine Fahrkarte, keine Unterkunft, kein Plan.

Ich twitterte meine Überrumpelung und hatte keine 30 Minuten später eine Unterkunft bei meiner wundervollen Kollegin Eva-Maria Obermann und eine Verabredung zu einer gemeinsamen Session mit Aurelia. Wir halten fest: das Netzwerk rund um das Litcamp ist einfach wundervoll.

Damit stand es fest, ich fahre aufs #Litcamp18 – mein erstes Barcamp.

Da ich freitags noch anderweitig eingespannt war und meine gute Freundin Sonia dazu überredet hatte, mit mir zum Camp zu fahren, ging es erst Samstagmorgen los – und wie es losging. Nämlich gar nicht, irgendwie.

Der Bus wollte nicht so wie wir und nach einigen Wutausbrüchen und Schimpftiraden gen Busunternehmen hatte Sonia uns schließlich einen anderen Weg organisiert nach Heidelberg zu kommen. Als wir endlich (gegen 11 Uhr morgens) am Dezernat 16 ankamen wurde mir erstmals so richtig bewusst, auf was ich mich da eingelassen hatte.

Überforderung und Einfindung

Ich stand mit Sonia am Rand und sah einen großen Raum mit Rund 200 Leuten darin, von denen ich bisher noch niemanden offline kannte. Es war, um es milde zu sagen, ernüchternd.

In solchen Momenten bin ich sehr froh eher extravertiert zu sein. Ist man schüchtern, kann ich mir gut vorstellen, dass man da Panik bekommen kann.

Zum Glück standen ein paar Camp-Helfer*innen bei der Anmeldung, die uns schnell auf der Liste abhakten und dann konnte es losgehen. Also theoretisch. Praktisch war ich froh, als ich Aurelia in der Schlange zur Sessionplanung entdeckte – sonst wäre ich erst mal still am Rand verweilt. Aber wir wollten ja eine Session halten. Also hallo sagen, kurz umarmen, sicher gehen, dass man auch die richtige Person angesprochen hat und dann warten, bis man dran ist.

Spoiler: Wir standen zu weit hinten. Also kurze Umplanung für eine Nachtsession, um den anderen den Vortritt zu lassen.

Jetzt bereits zu dritt warteten wir die Sessionplanung ab und stürmten dann zusammen mit dem halben Raum zum Planungsboard, um uns den Tagesplan zusammenzustellen.

Niemand kennt mich

Meine erste Session ging dann auch direkt los und so verkrümelte ich mich von meiner frisch gefundenen Gruppe und gesellte mich zu Benjamin Spang, dessen Session ich mir direkt anschauen wollte. Eine weitere ernüchternde Feststellung folgte auf den Fuß – niemand kennt mich. Online relativ bekannt, offline unbekannt und alleine. Ein seltsames Gefühl, vor allem wenn es scheint, als würden alle anderen sich schon seit Jahren kennen.

Egal, da muss ich jetzt durch! Nachdem man mit allen anderen Sessionteilnehmern die Twitternamen austauschte und sich gegenseitig gefolgt war, begann die Session und brachte mich auf andere Gedanken. Nach der Veranstaltung dann endlich ein bekanntes Gesicht, beziehungsweise ein bekannter Twittername, der einen auch erkennt. Danke an dieser Stelle an Claus, der mir das erste Mal Heimatgefühl auf dem Camp verschafft hat, in dem er mich erkannte und von dieser Stelle an immer wieder eine sichere Ansprechperson war, wenn ich mich mal verloren in der Masse fühlte.

Mit mehr Selbstbewusstsein ging es nun also zurück in die Haupthalle und zielstrebig zur nächsten Person, von der ich mir erhoffte, dass sie mich auch kennt.

Und dann ging alles sehr schnell – binnen Minuten wurde ich von einer bekannten Person zur nächsten geleitet, bis mir klar wurde, dass ich jede*n auf diesem Barcamp irgendwoher kannte. Leute fragten über Twitter wo ich denn sei, weil sie mich schon gesucht hätten. Es wurde sehr viel umarmt und geplaudert. Grüße an dieser Stelle vor allem an Nora, Wiebke und Tanja! ♥

Beim Mittagessen wurde lustig miteinander geschwatzt, wonach es zur nächsten Session ging und bevor ich es mir versah, war ich mit einer Gruppe sehr netter Leute unterwegs in der epischen Quest Abendessen zu beschaffen. Danach ging es mit Aurelia zur Nachtsessionplanung.

(Sessionthemen: Twitterfanbase aufbauen, Jugendliche Leserschaft erreichen, Genres, Toxische Beziehungen als Lovetrope, Weltenbau mit Videospielen/PnP)

Worum es geht

Das war für mich der erste wirklich bleibende Eindruck des Litcamps: man findet sich wirklich schnell ein. Was am Anfang nach einer unfassbar großen Menschenmenge aussieht, wird rasch kleiner, bis man seine Onlinefamilie darin wiedererkennt. Man lacht, blödelt herum, knüpft neue Kontakte (meine persönliche Entdeckung des Camps ist ja Bianca, die eine meiner Lieblingssessions zum Thema Genre gehalten hat und ein wundervoller, erfrischender Mensch ist) und geht von Grüppchen zu Grüppchen, wird von jedem angelächelt und aufgenommen.

Der zweite bleibende Eindruck war der Respekt. Nicht nur, dass nichts gestohlen wurde und jede*r von jedem als gleichwertig angesehen wurde – auch die Tatsache, dass ich bei einer schwierigen Session eine Pause brauchte und komplett in Ruhe gelassen wurde. Wer auf dem Litcamp eine Pause braucht, bekommt sie auch.

Gleichzeitig wird man aber auch von der Freundschaftlichkeit übermannt, die in der Luft liegt. Menschen, die man eigentlich nur online kennt stehen auf einmal vor einem und es ist, als wäre man seit Jahren befreundet. Ob es nun die lieben Kolleginnen vom Nornennetz, meine Geschichtsschwestern im Geiste Aurelia und Francis, die großartige Joy und der fantastische Karl-Heinz Zimmer – ich hatte zu allen Zeiten nette, wundervolle Menschen um mich herum.

Zurück zum Thema, bevor ich hier wieder den Litcampblues in mir selber wecke (zu spät, aber egal).

Die Nachtsession

Nachdem wir ein bisschen überrumpelt von dem Interesse an unserer Session waren, bemerkten Aurelia und ich, dass wir dabei gestreamt werden. Na klasse. Wir richteten also unsere Folien, machten uns bereit und dann ging es los.

Ich stotterte die ersten zehn Minuten unprofessionell in die Kamera, während Aurelia seelenruhig neben mir über Jamie Lannister herzog und dann kamen die ersten Lacher aus dem Publikum und alles wurde ganz leicht. Das ist auch ein Teil des Litcamps: zu lernen, dass man keine Angst vor den Menschen im eigenen Publikum haben muss. Sie sind da, weil sie sich für die Session interessieren und man kann eigentlich nicht wirklich was falsch machen. Es ist ein Barcamp – so lange alle Spaß haben, läuft es.

Rund 15 Personen hörten uns anfangs dabei zu, wie wir über das Mittelalter und die Klischees aufregten und unsere Fachgebiete humoristisch gegeneinander ausspielten.

Im Hintergrund gab es Waffeln, was immer mehr Leute dazu bewegte, uns zuzuhören. Am Ende waren es etwa 30 Menschen, die uns applaudierten, bevor wir von Komplimenten quasi erdrückt wurden. Ein komisches Gefühl, was bis heute nicht ganz bei mir angekommen ist. Man erzählt was über Kleidung im 14. Jahrhundert und Leute sind super interessiert, hören zu, stellen fragen und finden das Ganze am Ende gut. Das hat man als Historikerin nicht oft, weswegen der Abend dementsprechend beschwingt endete.

Zuhause bei Eva durfte ich dann Katzen kuschelnd ein paar Stunden Schlaf aufholen, bevor es am nächsten Morgen direkt wieder nach Heidelberg ging.

Der zweite Tag

Nach dem anfänglichen Chaos wurde während dem ersten Sessionspot spontan eine zweite Session von Historikerinnenduo geplant, die wir vorstellten und diesmal in einem kleineren Raum (der dementsprechend voll war) halten durften. Dieses Mal ging es um Burgen und wieder war ich von der positiven Rückmeldung komplett erschlagen.

Besonderen Dank an dieser Stelle an die Menschen, die über uns getwittert haben. Sprüche wie „Ziegen sind Arschlöcher“, „Niederadel war das GZSZ des Mittelalters“ und „Niemand mag Franken“ habe ich heute noch in der Timeline und ich muss jedes Mal darüber lachen.

Ebenfalls ein Highlight war es, als jemand meinte, man komme nicht mehr mit dem twittern hinterher. Ich persönlich sehe das als eines der größten Komplimente, die man auf einem Barcamp während eines humoristischen Vortrages bekommen kann.

(Sessions, die ich am Sonntag besucht habe: Sicherheit für Blogs, Regeln brechen)

Tja und dann war das Litcamp vorbei. Das heißt, irgendwie auch nicht. Denn während die meisten nach der ersten Aufräumwelle gingen, blieb ich mit dem harten Kern der Saubermach-Mannschaft zurück und konnte für zwei weitere Stunden den Spaß, die Gespräche und die komplette Atmosphäre genießen, während wir das Litcamp in Kisten und ein sehr volles Auto packten.

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn das Aufräumen fast mehr Spaß macht, als der Rest. Aber dadurch, dass es nun weniger Menschen waren und man im Gegenteil zum restlichen Camp auch mal wirklich längere Zeit mit denselben Leuten verbrachte, war es viel entspannter.

Zum Abschluss ging es mit ein paar sehr großartigen Menschen Pizza essen (hier das obligatorische Beweisfoto), ich wurde zur Haltestelle gebracht und dann war ich auch schon auf dem Heimweg. Im Herzen noch in Heidelberg, in der Realität in einem sehr stickigen Bus.

Fazit

Das Litcamp ist nichts für alle. Ich weiß, dass man das oft hört, aber das Camp kann wirklich sehr erdrückend sein und der schnelle Wechsel zwischen Sessions, Personengruppen und dem allgemeinen Stress hinterlässt Spuren.

Ich persönlich nehme mir fürs nächste Camp vor, mehr bei einer Personengruppe zu bleiben und nicht dauerhaft durch das Gelände zu rennen, um auch ja alle Leute zu treffen. Es sind nur zwei Tage, in denen man schon genug beansprucht wird.

Wenn also jemand nicht hin möchte, kann ich das bestens verstehen. Falls ihr jedoch überlegt, ob es etwas für euch ist und ihr euch entscheidet hinzugehen, erwartet euch ein Wochenende voller netter Menschen, neuer Erfahrung und wirklich sehr gutem Essen.

Ansonsten möchte ich mich bei denen bedanken, bis zum Ende mit aufgeräumt haben. Besonders natürlich bei Teilen des Orgateams, die ich in diesen letzten paar Stunden richtig kennenlernen durfte. Ihr habt mir nochmal gezeigt, dass es nicht nur darum geht alle Leute zu treffen, Selfies zu machen, zu netzwerken und sich von Session zu Session zu jagen.

Es geht beim Litcamp vor allem darum Spaß mit netten Menschen zu haben und sich über Themen zu unterhalten, die einen begeistern. Alles andere kommt von selbst.

Aber das ist, denke ich, etwas, was jede*r beim ersten Barcamp lernt.

 

Hanover’s Blind – Minderheiten im Spotlight. Ein Gespräch mit der Autorin Kia Kahawa.

Hanovers-Blind-Thumbnail-Youtube

Hanover’s Blind – Minderheiten im Spotlight. Ein Gespräch mit der Autorin Kia Kahawa.


TW: Sexualität, körperliche Einschränkung


Hallo und herzlich willkommen im Büchnerwald!

Heute gibt es einen etwas anderen Beitrag als sonst. Es geht um ein Thema, welches hier auf dem Blog schon häufiger Beachtung gefunden hat: den Umgang mit nicht-heterosexuellen Beziehungen im Schreiben. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich mich in diesem Rahmen mit meiner lieben Kollegin Kia Kahawa unterhalten konnte. Das Resultat ist ein unverfängliches Gespräch über das Thema und Kias Umgang damit in ihrer Novelle Hanover’s Blind, die derzeit mittels Crowdfunding finanziert werden soll.


hanovers-blind-cover-1000

[Foto © Kia Kahawa, Coverdesign: Esther/LaKirana]


Kia Kahawa

Wer Kia noch nicht kennt: Sie ist eine Autorin, die sowohl bei Verlagen, als auch durch Selfpublishing veröffentlicht, engagiert sich beim Bundesverband junger Autorinnen und Autoren und formt durch Projekte wie den Autorenstammtisch Hannover oder ihre Steuertipps (Autoren an die Steuer) die Autor*innen-Community mit.

Hanovers-Blind-Kia

[Foto © Lily Wildfire]


Das Gespräch

Erstmal hallo an dich Kia, und danke, dass du dich darüber mit mir austauschen möchtest. Wie du sicher weißt, bin ich starke Advokatin dafür, dass man mehr gut recherchierte Geschichten über Minderheiten benötigt. Daher die wichtigste Frage zuerst: Wie kommt es, dass du dich mit der Thematik in deinem neuen Roman auseinandergesetzt hast? Hast du vorher schon mal mit dem Gedanken gespielt, über diese Dinge zu schreiben?

Hi Michelle! Danke, dass wir dieses Gespräch führen können. Ich glaube, das wird sehr spannend. Gerade wegen deiner Prämisse, dass wir mehr gut recherchierte Geschichten über Minderheiten brauchen und deiner Frage, die folgende Antwort von mir bekommt: Nein, ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, über Nicht-Heterosexualität zu schreiben. Minderheiten schon; denn ich schreibe im Bereich der Entwicklungsromane über Menschen, die sich wegen einer psychischen oder physischen Krankheit selbst im Weg stehen. In Hanover’s Blind geht es um Adam, einen Sehbehinderten, der ein Leben auf eigenen Beinen aufbauen will und sich nicht mit dem geringsten Übel abfinden möchte. Dass Adam im Laufe von Hanover’s Blind eine schwule Beziehung eingeht, ist tatsächlich einfach so passiert.

Ich mag das Setup! Es werden leider kaum Minderheiten miteinander kombiniert. Man liest oft von Homosexualität/Bisexualität oder Behinderung. Dabei gibt es da natürlich viele Überschneidungen. Woher kam das? Dieser Impuls, über solch eine Thematik zu schreiben?

Die Idee zu Hanover’s Blind hatte ich, als ich im Tanzkurs Probleme hatte, da ich als dominante Frau mit zehn Jahren Tanzerfahrung meinen Partner geführt habe. Aber der Mann führt. Ich habe also gegen seine Intentionen geführt und so waren wir ein furchtbar schlechtes Tanzpaar. In einer Privatstunde wollten wir das Problem lösen und die Tanzlehrerin hat mich dazu gebracht, blind zu tanzen. Plötzlich hat alles funktioniert. Ich habe nichts gesehen und war gezwungen, meinem Partner voll zu vertrauen. Das endete zwar manchmal in einem kleinen Unfall, weil wir im normalen Tanzkurs viele Paare auf engem Raum sind und mein Partner schnell überfordert war, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls stand für mich zu diesem Zeitpunkt Folgendes fest:

  • Adam ist mein Protagonist
  • Er soll blind tanzen und dadurch einen Vorteil seiner Behinderung herausfinden
  • Das Ding soll Hanover’s Blind heißen.

Ja. So geschah es, dass mein Protagonist sich in einen Mann verliebt. Das ist einfacher, als Adam im Nachhinein weiblich zu machen oder den Tanzlehrer in eine Tanzlehrerin zu verwandeln, die dann aus welchen Gründen auch immer führt – das wäre beides nicht mehr die Geschichte gewesen, die einfach raus wollte. Und das unterstreicht auch schon meine Meinung zu Homo-, Bi-, Trans- oder Asexualität: Sie sollte scheißegal sein. Ich möchte, dass Sexualität eine Nebensache ist.

Hast du bei all dem manchmal Angst, etwas falsch darzustellen? Ich stelle es mir sehr kompliziert vor, über einen blinden, bisexuellen Mann zu schreiben, wenn man nicht alle Kriterien selber erfüllt. Wie hast du da recherchiert?

Ich hatte extreme Angst, etwas falsch zu machen. In der Belletristik darf natürlich manches erfunden sein, aber ich stelle Hannover detailgetreu dar und zeige alles aus Adams Sicht. Da habe ich auch einige Fehler eingebaut. Zum Beispiel hat Adam im ersten Kapitel eine korpulente Frau angesprochen. Woher soll er wissen, dass sie korpulent ist, wenn er sie nicht berührt?

Die Recherchen habe ich dann schließlich im echten Leben gemacht. Über seine Erkrankung und die Art, wie er die Welt wahrnimmt, habe ich zunächst mit bekannten Sehbehinderten gesprochen. Dann ist da noch Carolin Summer zu erwähnen. Sie ist eine Autorenkollegin von mir und hat die gleiche Krankheit wie mein Protagonist. Daher hat sie als Alphaleserin das gesamte Buch auf Herz und Nieren geprüft.

Das finde ich absolut großartig! Ich finde es sehr wichtig, dass man das eigene Schreiben kritisch reflektiert und bei Fehlern nicht abblockt, sondern offen ist und versucht es besser umzusetzen. Ist Adam eigentlich von Geburt an blind?

Hui, danke für die Blumen! Kritik ist unendlich wichtig für mich, da ich auch in meinem allgemeinen Autorenleben außerhalb dieses einen Projekts gerade auf Kritik angewiesen bin.

Und nein. Adam ist gar nicht blind. Er hat Optikusatrophie. Als Kind hat sich das herausgestellt. Sein Sehnerv bildet sich zurück und er verliert immer mehr Sehkraft. Als blind bezeichnet man einen Sehbehinderten erst, wenn er nur noch 2 % oder weniger Restsehschärfe hat. Adam ist bei ca. 10 %, nimmt also noch verschwommen Lichtverhältnisse wahr. Das erklärt er in Hanover’s Blind recht charmant damit, dass es ihm nicht egal ist, ob in einem Raum das Licht an oder aus ist. Ausgesucht habe ich mir diese Krankheit, damit die Geschichte realistisch bleibt. Er hat eine Vorstellung von Längen und Abständen, von Räumen und Richtungen. Das ist unter anderem auf eine Vergangenheit mit funktionierenden Augen zurückzuführen.

In der Grundschule musste Adam schon mit einem Tafellesegerät arbeiten. Zum zehnten Geburtstag kam dann der Blindenstock. Ab da war er nicht mehr der Coole mit der Tafelkamera, sondern der Behinderte mit dem Stock. Gerade im Kindesalter ist so eine Erkrankung natürlich prägend, was Adams Motivation, seine Sehbehinderung zu verstecken, erst ins Rollen bringt. Denn in der Novelle will Adam nicht wie ein Behinderter behandelt werden. Leider ist er der Meinung, dass er zu behindert ist, um geliebt zu werden.

Zu behindert, um geliebt zu werden“, ist eine Aussage die ich beides, poetisch und furchtbar finde. Eine Erkrankung im Kindesalter kann sich, meiner Meinung und Erfahrung nach, aber auch positiv auswirken. Ich kenne einige Menschen, die schon früh beeinträchtigt waren und damit besser klarkommen, als die, die erst im Erwachsenenalter damit konfrontiert wurden.

Wie ich es beobachtet habe, stammt das daher, da Kinder noch nicht dieses Ich-bin-besser-als-du-weil-X-Gefühl haben, bzw. weniger Stereotypen und Ängste bezüglich Behinderungen haben. Ich bin Dank meinem Vater, der in der Krankenmedizin tätig war, mit Behinderungen um mich groß geworden und habe dementsprechend heute viel weniger Vorbehalte als Leute die ‚behütet‘ aufwuchsen.

Trotzdem erwische ich mich manchmal dabei, dass ich unsensible Dinge denke oder sogar sage. Passiert dir das auch? Wie gehst du damit um?

Tatsächlich habe ich auch das Problem. Ein Autorenkollege von mir hat sich mal derart die Beine gebrochen, dass er temporär im Rollstuhl saß. Er wurde teils behandelt, als käme er nicht alleine zurecht. Das finde ich furchtbar und absurd. So behandele ich keine anderen Menschen und ich bin immer auch gedanklich ‚auf Augenhöhe‘. Aber gerade bei Sehbehinderten habe ich oft Angst, sie kennenzulernen. Ich habe ein gewisses Hemmnis, das mir sagt, diese Leute wollen nicht angesprochen werden. Als würde jeder, der nicht der Norm entspricht, am liebsten unsichtbar sein. Da schließe ich vielleicht von mir auf andere. Insofern war Hanover’s Blind vielleicht auch ein Stück weit Selbsttherapie, ein Schritt in die richtige Richtung. Das rührt meiner Meinung nach hauptsächlich daher, dass ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Wann Leute offen sind, wann sie mit etwas humorvoll umgehen und wann man sie verletzen kann. Aber generell unsensible Dinge – die denke ich entweder nie oder immer. Ich schätze, da fehlt mir noch das feinfühlige Bewusstsein für meine Gedanken.

Was würdest du dir wünschen, wenn man dich nach einer ‚perfekten Zukunft‘ fragt, in der der Umgang mit Minderheiten ideal wäre?

Ich fände es toll, wenn es keine Minderheiten mehr gäbe, wenn es ein großes Ganzes gäbe. Aber das halte ich für utopisch. Es wird immer unsichtbare Grenzen geben, Scheu vor dem, was man nicht kennt und mehr oder weniger unfreiwillige Unsensibilität anderen gegenüber. Ich halte das so wie mit Ernährung, Müllvermeidung oder Solidarität: Jeder sollte irgendwo die Welt ein Stück weit besser machen. In keiner Kategorie bin ich perfekt oder maximal optimiert, wie man es auch nennen mag. Aber ich bin allen Menschen gegenüber offen und bemühe mich um ein waches Auge im Alltag. In einer realistischen perfekten Zukunft hat jeder wenigstens Rücksicht für seine Mitmenschen. Das würde ich mir wünschen und versuche, es durch meine eigene Lebensgestaltung umzusetzen.

Ich glaube ja auch nicht daran, dass man einfach davon ausgehen kann, dass wir alle gleich zu behandeln sind. Unsere Gesellschaft profitiert von Vielfalt und es wäre großartig, wenn Menschen dies so wahrnehmen würden. Dennoch sind Minderheiten noch immer Minderheiten und der Umgang sollte dem entsprechen. Wir haben eine furchtbare Vergangenheit im Umgang mit Sexualitäten (die nicht hetero sind), Behinderungen, Geschlechtern (die nicht männlich sind) und Hautfarben (die nicht weiß sind). Das darf man nicht einfach so ignorieren.

Ich würde mir wünschen, dass man alle Menschen als Menschen behandelt, diese Hintergründe jedoch nicht verdrängt. Es wäre, meiner Meinung nach, schlichtweg respektlos, einfach so zu tun, als hätten wir sie die letzten Jahrhunderte nicht so behandelt, wie wir es nun einmal getan haben.

Das wäre schön, ja. Aber da muss man unbedingt auf die Mittel und Wege achten. Ich halte beispielsweise nichts von reinen Frauenvereinigungen. Du siehst das anders, ich weiß, aber mir liegt es am Herzen, dass das Wort ‚Minderheit‘ irgendwann verschwindet. Ich würde gerne wissen, wie ich mit einem Behinderten umgehen soll. Aber den gibt es nicht – den Sprecher für alle Behinderten. So wie es auch keine Sprecherin aller Frauen oder Feministinnen gibt. Jeder hat unterschiedliche Meinungen und Hintergründe. Und ich glaube, genau da werden die Berührungsängste vorerst bestehen bleiben. Das ist sehr schade. Das Thema behandelt auch meine Novelle. Nur eben andersherum: Hier hat der Behinderte Ängste vor den Berührungsängsten anderer, die gar nicht existieren. Ich möchte ein Stück weit beleuchten, dass jeder Mensch eine Geschichte hat und dass die meisten von ihnen es wert sind, gehört zu werden.

Das ist ein gutes Schlusswort. Ich danke dir, für dieses Gespräch auf Augenhöhe.

Danke dir. Ein friedlicher Austausch über so wichtige Themen ist mir sehr wichtig!

Das Crowdfunding

Hanovers-Blind-Endcard-Youtube

[Foto © Kia Kahawa]


Ihr könnt Kia und ihre Novelle noch bis zum 10.07.2018 unterstützen. Infos, Dankeschöns und den Trailer zum Buch, sowie die Möglichkeit mitzuhelfen findet ihr auf der Crowdfunding-Seite.

Der Trailer dort wurde von Micha Feuer eingesprochen und nachbearbeitet.

Hanover’s Blind wird voraussichtlich im September veröffentlicht, hier könnt ihr bereits jetzt in die Leseprobe reinschnuppern!

Update

Das Projekt wurde erfolgreich umgesetzt. Ihr könnt Hanover’s Blind hier kaufen.

Die Blogtour

Dieser Beitrag ist Teil einer Blogtour im Rahmen des Crowdfundings von Hanover’s Blind, es erscheinen in regelmäßigen Abständen Beiträge von anderen tollen BloggerInnen, die Kia und ihr Projekt unterstützen möchten.

  • Am 1.06 gab es ein Cover-Reveal. Das wunderschöne Cover hat Esther/LaKirana gestaltet.
  • Lisa, von Lisas Bücherleben, hat am 4.06 über den Protagonisten Adam geschrieben.
  • Emma vom Ge(h)schichten-Blog hat am 7.06 Kia zum Thema Sehbehinderung interviewt.

Über die nächsten Wochen folgen Beiträge von weiteren tollen Menschen. Für Updates schaut doch auf Kias Twitteraccount oder ihrer Webseite (beides oben verlinkt) vorbei.

  • Der nächsten Artikel stammt von Margret Kindermann und wird am 13.06 auf ihrem Blog erscheinen.

Beitragsbild © Kia Kahawa

Als Autor*in darf ich alles – Stimmt das?

alphabets-2518268_960_720

Als Autor*in darf ich alles – Stimmt das?


Tw: Zahreiche Minderheiten, Umgang mit Sexualitäten, politisch fragwürdige Sprache zur Darstellung des Problems


Disclaimer: In diesem Text wird über Minderheiten im Generellen, also auch den Umgang mit diversen Kulturen, Hautfarben, Behinderungen, Sexualitäten und Identitäten gesprochen. Ich selbst habe europäische Features, bin cis und weitestgehend ablebodied. Sollte also trotz meiner Recherche ein Fehler im Umgang mit einer Minderheit, von der ich nicht betroffen bin, auftauchen, bitte ich um Korrektur.


In diesem Beitrag soll es um Minderheiten in der Literatur gehen. Besser gesagt über Own-Voice-Literatur versus keine Own-Voice-Literatur und die Gründe, warum man darüber überhaupt so stark diskutieren kann.

Was darf man als Autor*in?

Allein von der Formulierung ausgehend, ist klar, dass man theoretisch alles darf. Klar, wer will einen schon aufhalten? Die Frage ist also eher, wie man als Autor*in mit gewissen Themen umgehen sollte.

Ein Teil dieser Kontroverse ist der Umgang mit Minderheiten. Wie sollte man als Autor*in mit Minderheiten in den eigenen Büchern umgehen, wenn man selber kein Teil dieser Minderheiten ist? Ein Buch, in dem alle weiß, jugendlich, gesund, cis hetero und im Extremfall männlich sind, wird früher oder später Kritik dafür ernten, dass es nicht inklusiv ist.

Man darf das natürlich trotzdem schreiben (und viele tun es auch), aber es ist klar, dass Leute sich die Frage stellen, wieso man keine Minderheiten einbaut.

Was ist nun aber mit Autor*innen, die aus der Sicht einer Minderheit schreiben, der sie selbst nicht angehören und dann von besagter Minderheit kritisiert wird? Widerspricht sich das nicht, mit der Bitte nach Inklusion?

Die zwei Lager

Die einen sagen, dass Phantastik, bzw. Literatur allgemein, nicht realistisch sein muss. Die kreative Freiheit erlaubt es einem, Dinge zu erfinden und drehen wie man möchte. Gerade Bücher über männlich-homosexuelle Romanzen verkaufen sich extrem gut. Es ergibt also Sinn, dass Autor*innen das schreiben.


Wer mehr über die Probleme von Gayromance und überhaupt Gay als Genre lesen möchte, kann dies in diesem Beitrag tun: Wenn Heteros über Homos schreiben.


Hinzu kommt, dass ein Verbot, nicht nur lächerlich ist, sondern für manche auch Zensur gleichkommt. Ein erwachsener Mensch kann Bücher schreiben und veröffentlichen, wie er/sie/nb möchte.

Das ist auch alles richtig. Es gibt jedoch ein Problem mit der Sichtweise, dass man uneingeschränkt einfach über alles und jeden so schreiben darf, wie man möchte.

Denn was viele vergessen ist, dass die Minderheit, über die man schreibt, real existiert und das Geschriebene lesen kann. Es ist für diese Menschen offensichtlich verwirrend, wenn sie ein Buch über ihre Kultur oder Sexualität lesen und dann feststellen, dass absolut nichts davon stimmt.

Sex im Dunkeln und ein roter Hut

Stellt euch vor, man schreibt ein Buch über Deutsche und sagt darin, dass Deutsche nur Sex im Dunkeln haben und Samstags rote Hüte tragen. Da würden sich alle deutschen Leser fragen, woher das kommt. Wenn sie das dann kritisieren kommt die Antwort „ich darf schreiben, was ich will.“

Damit kommt man irgendwann klar und vergisst es nach einiger Zeit. Jetzt stellt ihr aber fest, dass der/die/nb Autor*in aus einem Land kommt, in dem 90 % der Bücher über Deutsche diese Informationen beinhalten.

Das geht so weit, dass ihr nicht mehr reisen könnt, ohne auf euren roten Hut angesprochen zu werden. Leute kommen auf euch zu und machen Witze, über den Sex, den ihr habt. Ohne euch wirklich zu kennen. Denn die Informationen, die in den Büchern vermittelt werden, sind so normalisiert, dass es als okay angesehen wird, jeden Deutschen auf private Details anzusprechen.

Was zunächst noch unwichtig und irgendwie witzig war, wird jetzt nervig und immer mehr zu einem Problem.

Generalisierung und Grenzen

So geht es Minderheiten. Manche ‚Fakten‘ werden generalisiert. Es haben sicher viele Deutsche nur Sex im Dunkeln, aber lange nicht alle. Zumal nicht nur Deutsche Sex im Dunkeln haben. Manche ‚Fakten‘ sind kompletter Blödsinn, wie das mit dem roten Hut.

Direkte Beispiele hierfür ist Scissoring. Irgendwie aus der Porno-Szene übernommen, nehmen viele Menschen an, dass nicht-heterosexuelle Frauen das machen. Was aber nicht der Fall ist.

Ich wurde mal von einer wildfremden Frau gefragt, wie ich trotz langer Fingernägel mit meiner damaligen Partnerin Sex habe. Sie hat irgendwo gelesen, dass alle Frauen in einer nicht-heterosexuellen Partnerschaft kurze Nägel haben müssen und war neugierig. Es schien normal für sie, mich über ein extrem privates Detail zu befragen, weil sie mich nicht als Person, sondern als Vertreter meiner Minderheit gesehen hat.


Ich nutze an dieser Stelle nur Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung, weil ich mich nicht wohlfühlen würde, über Stereotypen anderer Minderheiten zu schreiben. Etwas, was eine gute Freundin von mir, die aus Südafrika ist, furchtbar findet, ist der ‚alle schwarzen Frauen haben dieselbe Art von Haarstruktur‘-Stereotyp. Sie hat mir dann die Tabelle gezeigt, die von 1 zu 4C reichte und ich verstand, was sie meinte. (Link zum Verständnis


Die Aussage „ich darf alles, was ich möchte“ kommt mit den Privilegien, die man als Autor*in, der/die keiner Minderheit angehört, hat. Man darf über Minderheiten schreiben, wie man möchte, weil man von den Folgen nicht betroffen ist. Es kann einem egal sein, wenn Falschinformationen und Stereotypen die Runde machen.

Dann lieber gar keine Minderheiten?

Wie baut man also Minderheiten ein? Denn wie oben schon angesprochen, geht es auch nicht ohne. Schreibt man aus deren Sicht oder lässt man sie als Randfiguren stehen?

Wenn man sie als Nebenfiguren schreibt, gibt es oft die Gefahr, dass man sie als ewigen Sidekick oder Lückenfüller einsetzt. Ein guter Trick um sich davor zu schützen ist: gebt ihnen Charakter. Denn oft wird sich über Minderheiten-Sidekicks beschwert, die austauschbar sind.

Wenn ihr unbedingt aus der Sicht einer Minderheit schreiben wollt, ist eine Möglichkeit, das Hauptthema nicht um ein typisches Problem der Minderheit aufzubauen. Schreibt über eine lesbische Frau, wie ihr über eine heterosexuelle Frau schreiben würdet. Recherchiert, aber fokussiert euch nicht nur auf das Outing oder den Hass.

Recherche ist alles

Sprecht mit Leuten. Sucht euch Testleser, die euch auf Fehler hinweisen. Recherchiert und baut eure Figuren realistisch auf, auch wenn ihr phantastisch schreibt. Kämpft mit ihnen in epischen Schlachten, mietet eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Frankfurt (ein Kampf für sich) oder beschreibt ihren Tag im Finanzamt. Sprecht ihre Herkunft/Sexualität/etc an, macht sie aber nicht zum Zentrum eurer Geschichte.

Einen Drachen kann man sich komplett neu erfinden, weil es keine Drachen gibt. Ein schwuler Mann ist kein Drache. Die gibt es wirklich.

So gut ihr auch recherchiert und schreibt, ihr werdet den Problemen nicht gerecht. Einfach, weil ihr es nicht lebt. Ein gutes Beispiel ist Simon vs the homosapiens agenda. Die Autorin hat sehr gut recherchiert und trotzdem Blödsinn zum Outing geschrieben.

Own-Voice-Büchern nicht die Bühne stehlen

Dazu kommt, dass man über ein Thema schreibt, über welches tatsächlich Betroffene bereits geschrieben haben.

Own-Voice-Literatur, also Bücher von Minderheiten über sich selbst, werden auf dem Buchmarkt oft ignoriert, weil viele Autor*innen Bücher über das Thema schreiben, ohne betroffen zu sein. Sie gehen unter.

Von Außenstehenden geschriebene Bücher sind außerdem angenehmer zu lesen, da man sich in seinen Stereotypen bestätigt fühlt und als Leser*in nicht in Gefahr läuft, durch Own-Voice auf eigene Fehler hingewiesen zu werden.

Zurück zu Simon vs the homosapiens agenda – Leute lesen dieses Buch über ein Outing lieber, als ein realistisches Buch, in dem tatsächlich beschrieben wird, was passiert. Indem der Protagonist trotzdem Angst hat. Obwohl seine Familie ja eigentlich liberal ist. Und sich immer und immer wieder outen muss, statt einmal. Und sich regelmäßig in den Schlaf weint, weil er genau weiß, dass die eigene Großmutter einen hassen wird und der Junge, auf den er steht, ihn niemals lieben wird, weil er eine Freundin hat. Denn so ist das. Nicht witzig, nicht ‚eigentlich egal, ob es rauskommt‘ und – leider – oft ohne das Happy End.

Own-Voice ist wichtig

Dabei ist es wichtig, dass wir solche Bücher populär machen. Damit Leute sehen, was sie Menschen mit ihren ‚harmlosen‘ Kommentaren antun und verstehen, wieso so viele Jugendliche sich umbringen. Aber wir hypen lieber das unrealistische Buch einer Außenstehenden, um der unangenehmen Wahrheit aus dem Weg zu gehen.

Ich möchte, dass Autor*innen verstehen, dass sie eine Industrie nutzen, in der eine Minderheit auf ein Cover geklatscht wird, um Geld zu machen. Man wird ausgenutzt und dann auch noch durch den Inhalt verletzt. Jemand macht Geld, weil es einen Markt für homosexuelle Literatur gibt, in der sich viele nicht wirklich um Homosexualität scheren. Sie geilen sich nur dran auf, dass da zwei Kerle auf dem Cover sind. Während reale Homosexuelle jeden Tag mit diesen Stereotypen konfrontiert werden und ihr Leben lang darunter leiden.

Die Zielgruppe spielt hier dementsprechend ebenfalls mit rein. Leute, die leichte Literatur zum Thema wollen, die gerne unrealistische Gayromance lesen, weil sie das anturnt, oder die über die Schokoladenkommentare der schwarzen Protagonistin lachen wollen. Für diese Leute ist dieser Beitrag ebenso, wie für die Autor*innen. Ihr dürft lesen, was ihr wollt. Aber hinterfragt doch bitte mal, was ihr damit fördert. Und wem ihr damit, für eure Freude, wehtut.

Fazit

Am Ende des Tages (bzw. des Artikels) kann man niemandem den Mund verbieten. Man kann jedoch eine Bitte aussprechen. Dafür, dass jeder/jede Autor*in einen Moment innehält und sich frage, wie er/sie/nb sich fühlen würde, wenn man über sie so schreiben würde. Wenn er/sie/nb etwas kritisieren würde, was einfach nicht stimmt und dafür angegriffen werden würde.

Generell ist es wichtig, dass Minderheiten in Büchern Platz finden und ihre Geschichten auch von nicht-betroffenen Menschen erzählt werden. Own-Voice ist wichtig, davon gibt es aber nicht genug, um richtige Repräsentation der Gruppierungen zu gewährleisten.

Schreibt also über Menschen, die einer Minderheit angehören. Aber schreibt informiert, für ein diverses Publikum und aus einer Sicht, die weder exotisierend noch fetischisierend ist.

Links zum Thema

Rezension auf Stürmische Seiten zu Laura Kneidls „Someone New“