Reichweitenverantwortung im Medienzeitalter – Das Gronkh-Debakel

Reichweitenverantwortung im Medienzeitalter

Reichweitenverantwortung im Medienzeitalter

Das Gronkh-Debakel


Tw: Sexismus, Homophobie, sexualisierte Gewalt, Kindesmissbrauch (Nennung), Rassismus (Nennung)


Disclaimer: Im Text wird an manchen Stellen bewusst nicht gegendert, weil sich Abschnitte auf cis Männer beziehen. Trans Männer sind nicht angesprochen. Dies wird, so gut es geht, markiert. Dieser Disclaimer dient dazu, es allgemein deutlich zu machen.


Youtuber*innen zeigen sich oft gerne als Freund*innen ihrer Zuschauer*innen. Als Kumpel, die einen online unterhalten. Dabei unterschlagen sie die Macht, die mit Millionen Abonnent*innen kommt. Youtuber*innen sind ‚Stars‘ und Vorbilder mit mehr Einflussfaktor, als wir es von Schauspieler*innen, Sänger*innen und anderen Berühmtheiten bislang kennen. Weil sie nicht nur das Poster über dem Bett sind, sondern aktiv mit tausenden von Followern kommunizieren können. Es herrscht ein Austausch, der nicht nur ihre Reichweite erhöht, sondern auch die Treue ihrer Fans. Oft gibt es das Bild des*der bescheidenen Youtuber*ins, der*die sagt, dass das alles ja gar nicht so groß und der eigene Einfluss nicht so wichtig sei. Doch Youtuber*innen haben eine menge Einfluss, besonders auf junge Menschen, den sie leider nicht immer gut kontrollieren und nutzen.

Der folgende Text untersucht die Pflicht zur Reichweitenverantwortung und geht dabei besonders auf die deutsche Youtubeszene ein, die sich 2019 bereits mehrere Schnitzer erlaubt hat. Angesprochen werden struktureller Antifeminismus, das generelle Kritikproblem auf Youtube und eine spezifische Situation, die im März 2019 die Situation für problematische Youtuber*innen auf Twitter veränderte.

Reichweitenverantwortung: Was ist damit gemeint?

Unter Reichweitenverantwortung versteht man das reflektierte Verhalten auf sozialen Medien im Hinblick auf die eigenen Followerzahlen. Damit ist gemeint, dass man als bekannter Account auf Twitter, Facebook, Youtube, Instagram, etc. eine Reichweite hat, die größer ist als die anderer Menschen. Kritisiert man nun, macht sich über jemanden lustig oder kommentiert/zeigt aus sonstigen negativen Gründen den Account einer Person mit wesentlich weniger Followern ((B)PoCs, Frauen/Feminist*innen, Menschen die offen LGBTQA+ sind und weitere Minderheiten sind doppelt betroffen), so liefert man diese der eigenen Followerschaft aus. Die eigenen Follower sind oft zum Großteil aus der eigenen Demografie (im Falle vieler cis männlichen, weißen Youtubern sind sie oft ebenfalls cis männlich und weiß) und stimmen dem größeren Account zu, da sie ähnliche Hintergründe haben und/oder Fans sind, die aus Prinzip zustimmen. Es wird ein Machtverhältnis geschaffen, in dem die Person mit weniger Followern nur verlieren kann. Ganz egal, ob die Kritikpunkte relevant sind oder nicht.

Das ungleiche Verhältnis sorgt außerdem dafür, dass man als Machthalter*in nicht wirklich die Kritik annehmen und reflektieren muss. Problematische Personen nutzen ihre Followermacht aus, um Kritiker*innen zu dogpilen. Unter Dogpiling versteht man das bombardieren einer Person mit negativen Kommentaren, Drohungen, etc., um sie von ihrem Standpunkt abzubringen oder sie dazu zu bringen, ihre Aussagen zu löschen. Die Kritik verschwindet, man muss sich nicht damit auseinandersetzten und die eigenen Follower feiern einen.

„Aber ich wurde ja zuerst angegriffen, darf ich nun nichts mehr sagen?“ und „Aber es gibt auf der anderen Seite doch auch Leute, die mich beleidigen!“

Reichweitenverantwortung betreiben heißt nicht, dass man als großer Account nichts Kritisches mehr unter kleinere Accounts kommentieren oder diese seinen Follower*innen zeigen kann. Es geht vielmehr darum, dass man versteht, was man damit auslöst. Besonders kleine, feministische Accounts wurden dieses Jahr vermehrt zum Angriffsziel großer Youtuber auf Twitter, die kritische Aussagen per kommentiertem Retweet an ihre Followerschaft schickten und dann behaupteten, sie können ja nichts, für die Drohungen und widerlichen Kommentare, die die Feminis*innen als Folge erhalten. Auch die Quantität wurde zum Thema, als der Youtuber ‚Rezo‘ auf einen von ihm ausgelösten Hasssturm gegen eine Twitterin drei Hassnachrichten gegen ihn als Argument nannte, dass die hunderte Kommentare unter dem Tweet gegen ihn gerechtfertigt seien. In großen online Communities finden sich immer Menschen, die bereit sind Grenzen zu überschreiben und Hass zu verbreiten. Dessen muss man sich als Onlinepersönlichkeit bewusst sein. Das Argument „ich kann die nicht kontrollieren“ ist absoluter Unsinn – man kann sehr wohl steuern, wer einen gut findet und wie diese Leute reagieren, wenn man jemanden kritisiert oder ihr Idol kritisiert wird.

Reichweitenverantwortung ist zum Beispiel:

  • offen sagen, dass man das Dogpiling nicht okay findet.
  • kleine Accounts, die einen kritisieren, nicht einfach so an die Followerschaft auszuliefern, sondern sich alternative Lösungsmöglichkeiten zu überlegen (z.B. eine DM schicken; kommentieren, statt mit Retweet kommentieren; etc.).
  • Menschen aus der eigenen Community zurückpfeifen, wenn sie jemanden angreifen.
  • Sich klar und deutlich gegen sexistische, rassistische, antisemitische und ableistische Beleidigungen aussprechen – auch wenn das heißt, dass man damit eigene Follower, die sich problematisch verhalten, kritisieren muss. Ein „keine Nazis!“-Tweet alle vier Wochen reicht nicht, weil es eben nicht nur Nazis sind, sondern reguläre Follower. Das sind Menschen, die sonst Herzchen in Chats senden. Auch liebe Follower von einem werden problematisch, wenn ihr Idol angegriffen wird. Das geschieht im Namen der Onlinepersönlichkeit, das sind keine 1-2 schwarzen Schafe.
  • Kritik gegen sich reflektieren, statt sie an die eigenen Follower zu senden, die dem offensichtlich widersprechen, weil sie eben treue Fans sind. Kritik ist nicht immer ein Angriff, den man abwehren muss. Wenn die eigenen Follower jede kritische Stimme stumm schalten, entwickelt man sich als Mensch nicht weiter.

Feminismus als Feindbild: Youtuber auf Twitter

Bevor es gezielt um das titelgebende ‚Gronkh-Debakel‘ geht, noch einige Wörter zu anderen Vorkommnissen dieses Jahr. Ein großer Teil des problematischen Verhaltens vieler großer (Youtuber-)Accounts auf Twitter ist, dass sie sich als Zentrist*innen stilisieren. Sprich sich darstellen, als wären sie politisch in der (linken) Mitte. Rechts geht gar nichts, wirklich links ist zu krass. Youtuber wie Viktor Roth (IBlali), Erik Range (Gronkh) und viele mehr (fast alle davon übrigens cis männlich) sind dafür bekannt, dass sie ’nice guys‘ sind. Also politisch gegen Nazis und schon irgendwie links, aber halt nicht im Sinne von ‚SJW‘, Feminist*innen und ‚leftist‘. Dabei ist die Message die gleiche, das Label fehlt nur.

Viktor Roth stand dabei Anfang des Jahres mehrfach in einem merkwürdigen Licht dar, da er feministische Accounts (oft mit wenigen hundert Followern im Vergleich zu seinen 1,5 Millionen (Stand Oktober 2019)) kritisierte, mit Kommentar retweetete und sich dann aus der Affäre zog, als die kleinen Accounts mit Hass und (teilweise ekelhaft expliziten) Drohungen überschüttet wurden. Dies geschah mehrfach und führte dazu, dass sich einige Accounts temporär deaktivierten, weil sie die Kommentare nicht mehr ertrugen. Zwischen diesen ‚Outcalls‘ gegen Feminist*innen und dem offen herablassenden Ton gegenüber Feminismus an sich, twitterte der Youtuber jedoch feministische Tweets, die genau den Inhalt hatten, für den er Feminst*innen angriff. Er stellte sich als guter, linker Typ dar, dem Feminismus einfach ‚zu krass‘ ist. Dabei ist Feminismus genau das, was er in seinen Tweets benannte.

Er nahm die feministischen Inhalte und verbreitete sie als ’nicht feministisch, sondern normal eben‘, was an seine Follower die Nachricht schickte: Ich bin ein guter, die bösen Feminist*innen hassen Männer und sind radikal. Er denunzierte Feminismus als etwas Schlechtes und eignete sich gleichsam feministische Inhalte an. Das dies problematisch  (und generell unsinnig) ist, leuchtete ihm nicht ein.

Feminismus und politische Korrektheit als Feindbild trifft man bei vielen ‚good guys‘, wie eben IBlali und Gronkh (der in seinen Streams oft Dinge sagt, die man als feministisch einordnen könnte, aber dann geschmacklose Witze über Feminismus und politische Korrektheit macht), aber auch viele cis Frauen, die sich als ‚gechillt‘ darstellen und als Gegenbild zu den ‚hysterischen‘ Feminist*innen auftreten. Das kann man nicht alles auf Unwissenheit schieben – das hat durchaus System. Denn wenn man sich generell politisch Mittig einordnet, holt man mehr Follower ab, auch die, die sich eher in die rechte Ecke einordnen. Man hält sich außerdem einen Weg frei, um politisch inkorrekte Witze zu machen, die oft Frauen, Opfer sexualisierter Gewalt, politische Minderheiten, (B)PoCs und die LGBTQA+ Community treffen.

Das ‚Gronkh-Debakel‘

Und damit sind wir beim Gronkh-Debakel. Zunächst eine Zusammenfassung davon, was passiert ist. Die Situation wird im Detail aufgezeichnet, um die graduelle Eskalation und das Handeln aller Akteur*innen im Vergleich zu zeigen.

[Die folgenden Informationen sind mit dem betreffenden Account abgeklärt, Tweets dürfen zitiert werden.]

Was passiert ist

Ein kleiner feministischer Twitteraccount mit dem @ NeueSappho veröffentlichte am 12. März 2019 eine Reihe an Tweets, die sich auf Rocketbeans-Teammitglied Etienne Gardé bezogen, der sich am selben Tag auf Twitter über Kindesmissbrauch lustig machte und mit Ankündigung provokante Tweets schrieb:

Weiblicher Twitteraccount: Gamer sind Trash
Gamer: Gar nicht!
RBTV: *twittern*
Gronkh: *Vergewaltigungswitz*
Steam-Community: Vergewaltigung = Meinungsfreiheit
Gamer:
Gamer:
Gamer: Gar nicht du Hure

Dazu schrieb sie: „Wollt ihr was witziges hören: Ich habe große (rechte) Gamer-Bubble Menschen wie Corrupty vorsorglich blockiert, damit mir nicht wieder jemand eine DrüKo macht und mein Twitter für Tage vor lauter Hate unnutzbar wird. Fun oder?“

Die Tweets wurde mehrfach geteilt und erreichten bald darauf die Gronkh-Community, die sich dafür interessierte, was denn mit dem „Vergewaltigungswitz“ gemeint sei. Einige Fragten nach, andere, die klare Mehrheit, begannen die Twitterin zu beleidigen und den Youtuber zu verteidigen. Dieser wurde auf die wachsende Kontroverse aufmerksam, wollte sich über den Tweet erkundigen und entdeckte, dass er blockiert war. Wie im hier zitierten Thread gesagt wird, hatte die Twitterin ihn und weitere Gamingaccounts vorsorglich blockiert, um einem Shitstorm durch die Follower der Accounts vorzubeugen. Etwas, was viele kleine Accounts machten, nachdem IBlali kurz zuvor mehrere Accounts an seine Followerschaft auslieferte und diese von Hass erdrückt wurden.

Da Erik Range (Gronkh) dies jedoch nicht sehen konnte und es auch nach Erklärungsversuchen von anderen feministischen Accounts nicht begriff, twitterte er auf Nachfrage eines Followers, ob etwas an den Anschuldigungen dran sei:

Nö, da war auch nix, aber die Furie hat mich sowieso direkt nach der Behauptung blockiert, damit ich’s auch ja nicht sehen kann. 1 nicer Move, da weiß man gleich, wen man vor sich hat.

Die Twitterin hingegen verfolgte die Diskussion zwischen Range und einem feministischen Twitteraccount, in der er sich verständlich zeigte und eigentlich nur wissen wollte, was denn nun los sei, und veröffentlichte einen weiteren Thread, der hier nur zu Teilen zitiert wird:

Da er gestern sehr höflich zu einer Freundin auf Twitter war, habe ich mich dazu entschlossen, das mit dem Vergewaltigungswitzen bei Gronkh näher zu beleuchten.
[@Gronkh, ich habe dich entblockiert. Der Block war Selbstschutz, da ich Angst hatte du zitierst das und schickst deine 1,2 Millionen Follows gegen mich. Wenn du mich kritisieren möchtest sind meine DMs offen, ich bitte dich diesen Weg zu gehen, da mein Acc sonst überrannt wird]
Das Spiel The Forest wurde lange von Gronkh gespielt und let’s playt. Seit Jahren existiert dabei derselbe Running Gag: Eine nackte Ureinwohnerin des Waldes stirbt und man tut so, als würde man sexuelle Gewalt an ihr ausüben. (…) Mittlerweile hat er es wieder gespielt und diese Witze kamen wieder. Nun denke ich anders. Warum?

Sie erklärt im Folgenden, dass sie als Opfer sexualisierter Gewalt diese Art von ‚Witzen‘ nicht ertragen kann und dass Gronkh damit rechnen muss, dass er in seiner Community nicht nur Witze über die Opfer sexualisierter Gewalt normalisiert, sondern auch andere Mitglieder seiner gigantischen Followerbasis triggern wird. Auch geht sie darauf ein, dass das Ganze vor dem Hintergrund, dass bei der Ankunft der europäischen Flotten in den heutigen USA zahlreiche Menschen sexuell genötigt und missbraucht wurden und er – ob bewusst oder nicht – eine Parallele zwischen diesen Taten und seinen Taten um Spiel zieht. Sie bezog diese Art des ‚edgy Humors‘ auch auf Youtube allgemein:

(Die ‚Witze‘) zeigen, wie lapidar Youtuber mit solchen Themen umgehen. Sie triggern Opfer [sexualisierter] Gewalt und zeigen allen anderen Zuschauer*innen, dass es ok ist, darüber zu lachen.

Erst nach dem Thread sah sie, wie sich der Youtuber mittlerweile über sie geäußert hatte und gab das Thema auf. Doch in Kombination aus Gronkhs „Furien“-Tweet, den vielen Falschinformationen, die über die Anschuldigungen kursierten, den Menschen, die ihr Idol mit allen Mitteln verteidigen wollten und Trollen entstand binnen weniger Stunden ein Shitstorm, der so groß wurde, dass die Twitterin an einem Punkt permanente Hassnachrichten durch ihre Mentions scrollen sah. Ihre Dms waren voller Menschen, die ihr ihre Erfahrungen absprachen, Gronkh verteidigten, weil er ‚ja ein Guter sei‘, sexistische Memes und Nachrichten schickten und Drohungen aussprachen. Speziell Witze, Kommentare und Drohungen bezüglich der von ihr geschilderten Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt häuften sich. Gleichsam wurde NeueSappho von Menschen kritisiert, die ihr vorwarfen zu viel zu blockieren oder dass sie selbst schuld sei, weil sie Gronkh öffentlich kritisierte, statt per Dm. Zahlreiche cis Männer, die Range nahe stehen, sprachen Soli aus und machten Witze über die Situation. Viele davon haben ebenfalls eine große Followerbasis, die sich dann zusätzlich auf den kleinen Twitteraccount stürzten.

Auch Solidarität war da, besonders seitens des Journalismus, großer feministischer Accounts und zahlreicher junger Frauen und nichtbinären Menschen, die Zuschauer*innen des Kanals sind/waren und die Witze aufgrund eigener Erfahrungen ebenfalls kritisieren wollten, sich jedoch aufgrund des Shitstorms nicht trauten oder das Ganze nicht in Worte fassen konnten.

Maximilian Ensikat (PhunkRoyal) reagierte auf eine Dm der Twitterin, in der sie ihm mitteilte, was seine Tweets zum Thema ausgelöst hatten. Nach einem Gespräch verstand er, dass er seine Reichweite kontrollieren sollte und twitterte, dass er Beleidigungen und Hass aufgrund seiner Kritik nicht stützte und seine Fans und Zuschauer*innen es besser wissen sollten. Auch der Account RollifahrerMike, ein Freund Ranges, äußerte sich kritisch zu dem Ansturm gegen die junge Frau; zahlreiche andere Youtuber*innen und Onlinepersönlichkeiten, einige davon aus dem Umfeld Ranges, stützten die Twitterin und ihre Aussagen und betonten, dass es sich um eigentlich höflich und klar formulierte Kritik handelte, die durchaus nachvollziehbar sei. Es wuchs das Gerücht, dass sich Range bei ihr gemeldet und das Ganze ausdiskutiert hätte, dem ist nicht so. Bis heute lässt der Youtuber das Thema und die Hasswelle, die von seiner Community auf die junge Frau ausging, unkommentiert.

Der Account von NeueSappho wuchs binnen weniger Tage auf 1300 Follower an, was dazu genutzt wurde ihr vorzuwerfen, sie würde das Ganze für Aufmerksamkeit tun.  Sie wurde als böse Feministin stilisiert, die falsche Anschuldigungen an einen Youtuber machte. Dabei war die Kritik nie böse, der Ton nie aggressiv. Es war eine Kritik, die die Inhalte des Youtubers verbessern und zugänglich für mehr Menschen machen wollte. Die Twitterin hat bis heute Wellen, in denen sie von den Followern Gronkhs angegriffen wird. Sie hat sich mittlerweile zu den psychischen Auswirkungen der insgesamt fünf Wochen geäußert, die der Shitstorm anhielt und sagte, dass sie noch immer Angst hat öffentlich über Gaming zu sprechen.

Wie konnte das passieren und warum ist das heute noch relevant?

Die betreffende Twitterin ist aktuell im geschützten Twittermodus, da im Zuge der Debatte um rechte Communities im Gamingbereich erneut Hass auf sie traf. Menschen markierten Gronkh unter ihren Tweets zum Thema, nachdem sie schrieb, dass sie den Namen nicht ausschreiben kann, aus Angst, wieder einen Shitstorm zu erleben. Die Aussage vieler war, dass sie es witzig fänden, wenn sie wieder angegriffen würde. Die Täter: Zuschauer Gronkhs, cis Männer, die auf ihren Accounts zwischen Hass auf Minderheiten (speziell die LGBTQA+ Community) auch Gronkh retweeten und ihm und weiteren Youtuber*innen in seinem Umfeld folgen. Keine Trollaccounts, sondern Zuschauer. Leute die sich von den sporadischen „ich dulde keine Nazis“-Tweets des Youtubers nicht angesprochen fühlen oder denen es egal ist.

Gronkh ist gerade wieder in Kritik, wie so oft dieses Jahr. Viel tut sich nicht, doch der Youtuber wird für problematische Inhalte zumindest auf Twitter zur Verantwortung gezogen. Als Antwort schickt er seine Follower, die die Kritik dogwhistlen oder setzt einen sehr allgemeinen Tweet ab: Ich bin nicht rechts, Kritiker*innen und Feminist*innen übertreiben, ich mag Nazis nicht.

Aber damit hat es sich nicht. Er reflektiert die Kritik nicht, sondern tut sie als unsinnig ab. Dabei ist sie in den allermeisten Fällen respektvoll und ruhig formuliert, kein hysterischer Feminismus, sondern erst gemeinte Kritik, die den Youtuber und seinen Kanal als das zeigen, was sie sind: Range versucht sich an stereotypischen Impressionen von schwulen Männern (Sims 3 + 4, A Way Out), reißt sexistischen Witze, die speziell dicke Frauen oft in den Fokus nehmen (Sea of Thieves, Streams, Horrorspiele) und macht noch immer Anspielungen und ‚Witze‘ über sexualisierte Gewalt (Outlast, Survivalspiele, Horrorspiele). Er wird vehement verteidigt mit den Argumenten, dass er ja ein Guter sei, weil er ja gegen Nazis ist und das alles Einzelfälle seien. Aber das sind keine Einzelfälle. Man findet diese Art des ’schwarzen Humors‘ und der ‚Satire‘ (die komischerweise immer dieselben Randgruppen trifft) in fast jedem Spiel. Nicht nur in den älteren Aufnahmen, nicht nur bei Spielen wie Card Against Humanity, wo dieser Humor genutzt und gebraucht wird – in fast jedem Spiel und Stream.

Range könnte sich die Kritik zu Herzen nehmen und etwas ändern, muss er aber nicht, weil seine Community jede Kritik abprallen lässt und er nie wirklichen Schaden trägt. Er kann es sich leisten, ignorant zu sein und dabei Toleranz zu claimen. Seine Community wird gerne als liebste Community Youtubes bezeichnet und man kann sich fragen, ob NeueSappho und alle, die im Zuge des Shitstorms angegriffen wurden, das auch so sehen.

Das Kritik-Problem auf Youtube

Gronkh ist bei weitem nicht der Einzige, der sich so äußert und seine Fanbase als Schutzwall gegen Kritik und Reflektion nutzt. Er ist nicht mal der Schlimmste, auch wenn er eine gigantische Reichweite hat. Youtuber wie Marcel Eris (MontanaBlack), Viktor Roth (IBlali) oder Mitglieder des Rocketbeans-Teams sind da bei weiten offener in ihrer Abwertung. Aber er ist als Mittelpunkt dieser Debatte der Knackpunkt, weil die Soli hier endet. Gronkh wird in den letzten Monaten vermehrt kritisiert. Seine Fanbase hält zwar eisern zu ihm, doch er entkommt der Kritik nicht mehr. Wann immer er nun etwas tut, was problematisch und ignorant ist, wird es bemerkt, geteilt und er wird zur Verantwortung gezogen. Er ist sicher vor ernsten Konsequenzen, doch durch diesen Shitstorm und den Stimmen aller, die darunter litten, wird er bei jedem neuen Shitstorm mit dem Angriff seiner Community auf eine Feministin konfrontiert. Die Schwere der Shitstorms wird erhöht, weil sie sich langsam addieren. Er kann zumindest dieser Realität nicht entkommen.

Wenn man sich anschaut, wie auf Youtube kritisiert wird, versteht man besser, wie Range sich aus der Affaire ziehen kann und wieso auch Viktor Roth nicht über seine Widersprüche nachdenken muss. Einige Youtuber (ich habe nur cis männliche Kanäle gefunden) machen kritische Videos über ihre problematischen Kollegen und zwei Wochen später wird klar, dass das eine Kunstfehde war. Falls es überhaupt so weit kommt. Menschen wie Gronkh haben den Ruf eines ’nice guys‘, weswegen jegliche Kritik automatisch als feministischer Unsinn abgetan wird.

Wird kritisiert, so reagieren beide Kanäle in der Regel mehrfach aufeinander und finden sich vielleicht sogar ehrlich unsympatisch – aber tiefgehende Kritik, die nicht mit einem Zwinkern nach einer Woche abgetan wird, gibt es nur in ‚Extremfällen‘. Es heißt dann immer „ach, das ist doch kein schlechter Typ“ und das wars. Es gibt kaum Youtuber die ihre Kritik durchziehen. Selbst eigentlich gute und kritische Kanäle (wie Ultralativ) tun dies nicht. Die einzigen Menschen, die durchgängig, ohne Zwinkern gehasst werden, sind Frauen wie Shirin David und Bianca Heinicke (BibisBeautyPalace), die sicher nicht unschuldig sind, aber eben nicht mehr oder weniger kritikwürdig, als die cis Männer auf der Plattform.

Warum sind die antifeministischen Rants, der Hass und die politisch inkorrekten Witze, die teilweise jede Grenze zu ’schwarzem Humor‘ überschreiten, okay, Produktplazierungen und Freizügigkeit aber nicht? Warum ist eine Fehde zwischen cis männlichen Youtubern selten ernst, der geballte und gesammelte Hass gegen die wenigen Frauen, die auf der Plattform große Zahlen haben, aber immer?

Kontroversen auf Youtube und Kritik auf Youtube haben ein Problem, das viel weiter geht, als ‚bloßer‘ Sexismus – es ist mehr als reine Kumpelkultur. Dahinter steckt das System, dass ein Großteil der Youtubekanäle, die sich kritisch äußern, politisch mit den Kritisierten übereinstimmen. MontanaBlacks Frauenhass ist krass, aber Feminismus ist schlimmer. Man kritisiert offen, wenn es um Clickbait geht, Produktplazierungen bei Youtuber*innen mit junger Basis, unsinnige Thumbnails, Freizügigkeit bei Frauen – aber nicht bei politischen Dingen, die antifeministisch und rassistisch sind. Weil das so implementiert in die Youtubekultur ist, dass jeder so denkt. Zumindest die, die kritisieren. Und weil man sich nicht politisch positionieren möchte, zumindest, wenn es um Feminismus geht. Rassismus wird kritisiert, Homophobie auch, beide jedoch nur bei offensichtlichen Fällen. So wird der offen homophobe Youtuber und Rapper Mert Ekşi kritisiert, andere Youtuber*innen, die homophobe Aussagen machen, ohne klar dazuzusagen, dass sie homophob sind, jedoch nicht.

SJW, Feminismus und Antirassismus werden als schlimmer gewertet, als Witze gegen Minderheiten, Frauen und die LGBTQA+ Community. In ihrem Bemühen, unpolitisch zu sein, ordnen sich die Kanäle klar politisch ein: gegen Feminismus, Gleichberechtigung, Antirassismus, etc. Sie stilisieren sich als politisch links und teilen einige der Meinungen, denunzieren jedoch die Organisationen dahinter, um weiterhin Slurs in Streams droppen zu können oder ab und an mal einen homophoben Witz zu reißen. Das, was sie Meinungsfreiheit nennen, ist Hass und Aggression, gegen Randgruppen, Minderheiten und Communities. Ob ihnen das bewusst ist oder nicht, kann man bei manchen Kanälen ehrlich nicht sagen, weil sie ja nicht reflektieren müssen, da ihre Fanbase ihnen das abnimmt.

Reichweitenverantwortung ist auch, dass man reflektiert, statt sich hinter den Fans zu verstecken, die einen stützen, ganz gleich was man tut. Reichweitenverantwortung ist, die eigene Community als mehr zu sehen, als eine homogene Masse an lieben Menschen, und Verantwortung zu übernehmen, wenn man die Fanbase auf Menschen loslässt, die einem nichts Böses wollen, weil man verlernt hat, Kritik anzunehmen.

Sexuelle Gewalt im Mediengedächtnis

 

Tragische Vorgeschichten (1)

Sexuelle Gewalt im Mediengedächtnis und als tragische Vorgeschichte


TW: Sexuelle Gewalt, Cissexismus, Sexismus, Bild eines abgetrennten Medusakopfes, Bilder, die sexuell anzüglich sind, historische Darstellungen von sexueller Gewalt.


Dieser Blogtext wird euch kostenfrei zur Verfügung gestellt, falls ihr mich und meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das hier: Paypal.


Disclaimer: In diesem Artikel ist von (nicht zwingend cis) weiblichen und männlichen Opfern/Täter*innen die Rede, da nicht binären Menschen und die generelle LGBTQA+ Community ein besonderes Verhältnis zu sexueller Gewalt haben, dass zu tief geht, um es gebührend einzubringen. Am Ende des Beitrags wird ein Artikel zum Thema verlinkt.


Eine gut geplante Hintergrundgeschichte ist ausschlaggebend, um Figuren in Büchern, Serien, Filmen und anderen Medien mehr Leben einzuhauchen. Ohne sie wirkt alles platt und lieblos entworfen. Dabei spielt die tragische Vorgeschichte eine wichtige Rolle, besonders, wenn es um Frauen geht. In diesem Beitrag werden die Fragen beantwortet, warum sexuelle Gewalt dazu oft als billiges Stilmittel genutzt wird und woher die Faszination an „der leidenden Frau“ kommt. Er stellt den persönlichen, medienbasierten Versuch einer Analyse des Stilmittels dar und ist dementsprechend als reiner Meinungsartikel zu lesen.


Das Bild der leidenden Frau

In den Medien sind wir von der Manifestation sexueller Gewalt umzingelt: dem Bild der leidenden Frau. Sie ist überall. In manchen Fällen scheint es, als wäre das Leiden die einzige Aufgabe der Frau. Dabei muss man sich als Rezipient*in und Produzent*in klar machen, was da als Stilmittel verwendet wird: nämlich die Geschichten realer Opfer.

Es ist leicht, in die Fußstapfen von Medienproduzent*innen zu steigen, die sexuelle Gewalt als simples Mittel zur Definition einer mittlerweile klassischen Frauenrolle nutzten. So geht die Faszination an leidenden Frauen im 21. Jahrhundert in die nächste Runde. Ein Fetischrelikt aus der Zeit, in der nur Männer die Filme drehten und (Dreh)Bücher schrieben, der Zeit des male gaze. Anders als diese Männer starb die mediale Aufregung um sexuelle Gewalt jedoch nicht in den 90ern an Alkoholkonsum und Kokain.

Heute finden sich in jeder Krimiserie ermordete Frauen und wenn Figuren eine Hintergrundgeschichte brauchen, die tragisch und abschreckend sein soll, greifen Autor*innen automatisch zur sexuellen Gewalt. Kaum etwas ist im medialen Gedächtnis so stark verankert, wie Vergewaltigungsdarstellungen. Dass uns das noch immer beschäftigt, zeigte sich 2018 an der Kontroverse um die sogenannte „Butterszene“ aus Der letzte Tango in Paris. Die Rollenverteilung ist klar: Die hilflose Frau wird vom Bösewicht erobert, der zwar generell „negativ“ dargestellt wird, aber halt doch irgendwie ein cooler Stecher und badass ist. Die Schauspielerin wird von der Szene überrascht für eine „bessere Reaktion“. Hierbei wird die Frage danach, was Kunst darf, über das Leben einer Frau gestellt. Sie stellt die Rolle der leidenden Frau nicht nur dar, sondern wird zu ihr, verschmilzt mit ihr, um die Kunst realer zu machen.

Wir schaffen es bis heute nicht, moralische Grenzen zu setzen, wenn es um das Leiden der Frauen geht. Die tote Prostituierte in Criminal Minds hat es halt doch ein bisschen verdient, wenn der Täter schwarz ist, hat man schon die ganze Zeit geahnt, dass er das war, der hämische Polizist, der dem Opfer nicht glaubt, ist eben noch vom alten Schlag und wenn die Figur des Vergewaltigenden nicht männlich, generell angsteinflößend und böse ist, gibt es dutzende Ausreden und Verteidigungen. Aus einer Straftat wird eine Kontroverse. Wie sympathisch darf ein*r Täter*in sein? Wie weit vom Stereotyp entfernt man sich? Was darf man darstellen und wie?

Wenn es dann auch mal um das Trauma von Männern geht, die missbraucht werden, landen wir bei Büchern/Filmen wie 50 Shades of Grey, in denen die männliche Hauptfigur seine Vergangenheit versteckt, sich schämt und permanent „es gefiel ihm ja irgendwie doch“ im Hintergrund mitschwingt. Zudem wird es als Ausrede für sein Fehlverhalten (Stalking, sexuelle Gewalt, Kontrolle einer Frau) gebraucht. Männer dürfen nicht leiden, Frauen müssen es.


James+Sant-Contemplation

James Sant, Contemplation


Westliche Geschichte als Vorbild

Diese Darstellungen kommen nicht (nur) aus der Zeit, in der jeder zweite mediokre cis Mann mit einer Kamera tragische Filme über leidende Frauen drehte. Das Medienphänomen der sexuellen Gewalt ist so alt wie die (westliche) Kultur. Das Paradebeispiel für grausige Geschichten, mehr Vergewaltigungen, als man zählen kann (und möchte) und dem typischen Bild der leidenden, schwachen Frau ist die (griechische/westliche) Mythologie. Damit findet sie sich in Erzählungen überall um uns herum.

Wie etwa in der Geschichte hinter dem Sprichwort „mit Argusaugen beobachten“. In der Mythologie wird eine junge Frau namens Io von Zeus bedrängt und vergewaltigt. Hera verwandelt sie zur Strafe in eine Kuh, die dann von dem Riesen Argus bewacht wird. Auch der Raub der Europa ist eine Geschichte über sexuelle Gewalt, die uns tagtäglich begleitet und die Erzählungen um den Gott Pan sind schlichtweg grauenvoll. Unser Kulturgut ist voller sexueller Gewalt. Ist es da ein Wunder, dass sie uns bis heute in allen Medien begleitet?

Medusas Geschichte ist der Prototyp der tragischen Hintergrundgeschichte; inklusive sexueller Gewalt, Rache der Gattin des Täters (was die Frage nach dem Ursprung internalisierter Misogynie weckt) und Distanzierung zwischen Tat und Opfer. Durch die Mythisierung des Gewaltakts wird dieser zur reinen Gräueltat und das Opfer wird in den Hintergrund geschoben. Er dient zur bloßen Abschreckung, statt zur Reflexion. Moralische Linien werden zugunsten einer gut zu erzählenden Geschichte verbogen.

Das begegnet uns auch im Mittelalter wieder. Dort wurde sexuelle Gewalt so stilisiert, dass die Menschen bis heute historische Korrektheit schreien, um in ihren Mittelalterromanen, Filmen, Serien und Spielen möglichst viele Vergewaltigungen einzubauen. Auch hier natürlich nur an Frauen. Denn die Realität ist nicht das, an was wir uns erinnern. Wir haben nur die Darstellungen seit der Antike vor Augen; die Männer als Täter und Frauen als Opfer. In diesen Medien wird nicht nur die Perspektive der männlichen Opfer komplett ausgeklammert, auch die weiblichen kommen nicht zu Wort. Denn die, die Sprechen, sind nie Opfer. Man sieht die leidenden Frauen immer passiv. Ihr Leiden und ihre Reaktion wird von Menschen nacherzählt, die keine Ahnung haben, wie es wirklich war.

Es ist fester Bestandteil unserer Kultur, unseres Mediengedächtnisses und unseres Alltags, dass sexuelle Gewalt etwas „Normales“, ja fast „Natürliches“ ist, das festen Regeln folgt. Die leidende Frau ist also mehr als nur ein Stilmittel, sie ist allgegenwärtige Realität, die tief in unserem Verständnis von (westlicher) Geschichte und Literatur verankert ist. Das fällt zu Teilen in das, was man rape culture nennt. Wir werden mit diesem Wissen sozialisiert und nutzen es, um sexuelle Gewalt zu rechtfertigen, kleinzureden – und sie uns anzueignen.


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o. A., Head of Medusa


Das Problem mit tragischen Vorgeschichten

Diese Aneignung ist es, die tragische Vorgeschichten, die aus sexueller Gewalt bestehen, schwierig macht. Wir sind so umgeben von dieser Art der Gewalt, dass es leicht fällt zu ignorieren, dass es tatsächliche Betroffene gibt, deren Erfahrungen man sich zu eigen macht. Deren Geschichten sind es, die als dramatisches Stilmittel genutzt werden. Das ist etwas, was sich niemand anmaßen darf. Aber wir sind daran gewöhnt, weil wir in unserem Kulturgut nie etwas anderes kennenlernten.

Nichtbetroffenen steht es nicht zu, zu raten, wie jemand wohl reagiert und dann davon ausgehend ihre Protagonist*innen als „stark“ oder „schwach“ zu betiteln. Dazu ist das Thema zu divers und zu real. Es gibt nicht eine Art von Opfern/Überlebenden. Das Leiden vor die Person zu stellen, reale Opfer damit zu stigmatisieren und sich daran selbst zu bereichern (oder es zu nutzen, um sich als kontrovers darzustellen) ist nicht akzeptabel.

Trigger und falsch dargestelltes Trauma sind kein Witz/simples Stilmittel. Wir führen die Tradition der leidenden Frauen weiter, statt sie endlich aus unserem Mediengedächtnis zu streichen. Frauen brauchen immer eine tragische Hintergrundgeschichte und wenn man sie schreibt, dann das volle Programm. Inklusive bösen Träumen, Konfrontation mit dem (natürlich cis männlichen) Täter und unrealistischen Therapiesitzungen. Am Ende kann die Frau endlich wieder vertrauen, weil sie den einen Mann gefunden hat, der sie all ihr Trauma vergessen lässt. So funktioniert das im echten Leben nicht und Menschen, die diese Themen unreflektiert behandeln, müssen endlich Konsequenzen sehen.

Wir haben als Gesellschaft eine Verantwortung, uns darauf zu einigen, wo wir moralische Grenzen setzen und wo wir die Diskussionen und Kontroversen beiseitelegen, um im Konsens zu sagen: Das geht zu weit. Keine lange Medienausschlachtung, die das Buch/den Film/die Serie noch bekannter macht. Ein kollektives Im-Keim-Ersticken der Werke, die es 2019 noch immer nicht begriffen haben. Dazu gehören bekannte Titel wie 50 Shades of Grey und Kingdom Come: Deliverance, aber auch Indietitel, Bücher von Selfpublishern und underdog Netflixserien.


Peter_Paul_Rubens_-_The_Rape_of_Proserpina,_1636-1638

Peter Paul Rubens, The Rape of Proserpina


Klischees und sexuelle Symbolik

Das Problem an Szenen, die sexuelle Gewalt zeigen, ist oft ihre Umsetzung und der Grund, warum sie existieren. Sexuell aufgeladene Waffen wie das Messer werden genutzt, ohne das man sich der Bedeutung bewusst ist.


[Messer sind eine sexuell aufgeladene Waffe, da sie den Akt des Eindringens symbolisieren. Dies wird so oft in Darstellungen von sexuellem Sadismus genutzt, dass viele die Assoziation zwischen sexueller Gewalt und Messern haben, ohne zu verstehen, woher sie kommt. Die wenigsten Vergewaltigungen geschehen jedoch aus sexuellem Sadismus heraus, was die Verknüpfung der generellen Tat mit dem Messer problematisch macht. Meistens wird sexuelle Gewalt von psychologischer und verbaler Gewalt begleitet, nicht von physischer. Das Problem hierbei ist also, dass Menschen Waffen und sexuelle Gewalt so sehr miteinander verbinden, dass es ihnen schwer fällt, Opfern, die nicht von einer Waffe bedroht wurden, zu glauben.]


Die sexuelle Gewalt wird eingebaut, weil man ein Schockelement braucht. Dabei machen sich die wenigstens bewusst, dass es mehr als nur das ist. Weitere Probleme, die es in der Darstellung von sexueller Gewalt gibt:

  • Victim blaming (besonders bei Sexarbeiter*innen).
  • „Klassische“ Geschlechterrollen und eine binäre Sichtweise.
  • Das Aufkommen des Traumas nur dann, wenn es für den Plot passend ist.
  • Die Bezeichnung einer Vergewaltigung als „harter/unfreiwilliger Sex“. (Eine Vergewaltigung ist kein Sex, sondern ein Gewaltakt!)
  • Das Ausblenden der Tatsache, dass Täter*innen zumeist nahe Bekannte oder sogar Familienmitglieder sind, die man nur schwer als solche wahrnehmen kann/will.
  • Das Niedermachen männlicher Opfer (z. B. durch Seifen- und Gefängniswitze).
  • Die Darstellung von Trauma, wie man es sich als Außenstehende vorstellt, statt wie es tatsächlich ist.
  • Das Weglassen der Machtstrukturen, die hinter sexueller Gewalt stehen. (Diese ist immer ein Machtakt, nie ein Sexakt. Es geht nicht um die Erfüllung sexueller Bedürfnisse, sondern um das Stärken von Machtpositionen. Ausnahmen sind extrem selten und bedeutet viel Recherche über die psychologischen Auslöser.)

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Nikko Russano, The Male Gaze


Warum sexuelle Gewalt?

Die Frage, die man sich als Autor*in oder Medienproduzent*in immer stellen sollte ist: Warum muss hier eine Vergewaltigung hin?

Das Thema an sich kann gut und mit Mehrwert vermittelt werden. Aber sexuelle Gewalt, insbesondere Gewalt an Frauen, wird in fast jedem Medium gezeigt und ausgeschlachtet. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem es unmöglich ist, den Fernseher anzumachen oder ein Buch aufzuschlagen, ohne auf sexuelle Gewalt oder den Mord an einer Frau zu treffen. Dabei sind diese Vorkommnisse im echten Leben bereits zu real, zu viel und zu belastend. Es ist ein unfassbarer Druck, immer und überall mit toten oder geschändeten Frauen konfrontiert zu werden. Die Rechtfertigung, dass jemand eine Hintergrundgeschichte brauchte, wirkt wie ein schlechter Scherz. Denn besonders für die LGBTQA+ Community, Sexarbeiter*innen, Opfer jeden Geschlechts und Angehörige ist es kein lapidares Thema, was man als Hintergrundgeschichte verkleiden kann, sondern ein grausiger Alltag aus den Nachrichten und dem Freundeskreis.

Ohne triftigen Grund, gute Recherche und sensiblen Schreibstil sollte man nicht noch ein Medium liefern, in dem jemand vergewaltigt wird. Das braucht weder die Film- und Serienlandschaft, noch die Buchwelt. Die Realität der Opfer ist kein Stoff, aus dem Nichtbetroffene sich eine tragische Vorgeschichte für ihre Figuren erdichten können. Das ist einfach respektlos und zeugt von schlechtem Stil.


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o. A., Perithoos Hippodameia


Fazit

Sexuelle Gewalt steckt in der (westlichen) Kultur, Geschichte und Medienlandschaft. Wir alle werden mit Stereotypen und problematischem Grundwissen sozialisiert und wachsen in der Annahme auf, dass sexuelle Gewalt normal ist, dazu gehört und dass es immer irgendjemanden treffen muss; dass es Vermeidbar ist, in dem man gewissen Regeln folgt. Dabei ist sexuelle Gewalt nicht nur eine Tat von Fremden und die Lösung ist nicht, einen Rock anzuziehen, der länger ist, als der der Frau neben uns, damit es sie trifft und nicht uns.

Unser Mediengedächtnis ist so voll von Variationen der leidenden Frau, dass es uns natürlich erscheint, als Nichtbetroffene über sexuelle Gewalt zu schreiben. Weil man das Gefühl hat, man wüsste, wie das ist; weil es ja „allgemeines Wissen“ ist. Immerhin gibt es überall Darstellungen davon. Die moralischen Grenzen sind so schwammig gesetzt, dass es als Kontroverse gilt, wenn jemand, der in Serien/Filmen/Büchern unschuldig wäre, als Täter*in dasteht. Kann man dem Opfer glauben, wo uns doch jahrtausendelang eingetrichtert wurde, wie sexuelle Gewalt, ihre Opfer und die Täter*innen auszusehen haben?

Es wird Zeit uns davon loszusagen, was in den Medien als Realität gezeigt wird. Die Aneignung von Erfahrungen ist nicht akzeptabel, um eine „interessante“ und „grausige“ Hintergrundgeschichte zu erfinden. Ebenso, wie es nicht akzeptabel ist, die vom male gaze der Filme des 20. Jahrhunderts und den Mythen und Geschichten der (westlichen) Kultur geprägten Bilder über sexuelle Gewalt und leidende Frauen weiterhin bedingungslos zu verbreiten.


Weiterführende Literatur

Vergewaltigung als TV-Trope (Englisch)

Der Medusamythos und weibliche Wut (Englisch)

Über das Phänomen des „literary rape“ (Englisch)

Klischees in der Darstellung von sexueller Gewalt (Englisch)

Sexuelle Gewalt und die LGBTQA+ Community (Englisch)

Mythen über sexuelle Gewalt (Englisch)

Warum sich im Spielejournalismus gewaltig etwas ändern muss

Warum sich im

Warum sich im Spielejournalismus gewaltig etwas ändern muss


TW: Sexismus, Rassismus


Disclaimer: Dies ist ein reiner Meinungsartikel und sollte auch als solcher gelesen werden.


Die letzten Tage und Wochen kochte in meiner Bubble ein Thema auf, das ich seit 2014 glücklicherweise vermeiden konnte. Dies ist jetzt nicht mehr der Fall. Die Rede ist von Spielejournalismus und den vielen, vielen Problemen, die er mit sich bringt. In diesem Artikel werde ich das Ganze mal ein bisschen herunterbrechen und die aktuellen Probleme aus der weiblichen Perspektive erläutern.

Was ist das Problem?

Wieso ich diesen Artikel schreibe, ist gar nicht so einfach zu sagen. Sehr simpel gesagt geht es um den Umgang mit gewissen Themen im Spielejournalismus. Dahinter steht jedoch viel mehr, als „nur“ Sexismus oder „nur“ Homophobie.

Menschen, die in der Spiele-Bubble unterwegs sind, wird aufgefallen sein, dass es bei jeder neuen Veröffentlichung die gleiche Diskussion gibt: Social Justice Warriors machen ‚unsere Spiele‘ kaputt. Immer mehr Spielefirmen geben Frauen und anderen Minderheiten mehr Raum in ihren Veröffentlichungen. Dafür ernten sie Hass und das ist schade, wenn auch zu einem gewissen Grad normal. Es wird erst problematisch, sobald Magazine, die Spielejournalismus betreiben sollten, diesen Menschen einen sicheren Raum geben, um ihren 0815-Anfeindungen gegen Minderheiten zu verbreiten. In gewisser Weise sind diese ‚journalistischen‘ Online-Magazine sogar an der Entstehung dieser Menschengruppe schuld. Aber fangen wir weiter vorne an.

Spielejournalismus an sich ist gut und wichtig. Wo sonst erfahren wir, wann der Onlinemodus unseres aktuellen Favoriten herauskommt oder wer demnächst einen Überraschungstitel raushaut? Schaut man sich jedoch an, was Spielemagazine wie die GameStar oder auch Giga über die Jahre publiziert haben, fällt einem auf, dass es eben nicht nur um diese Themen geht.

Seitdem Spielemagazine im Internet wie Pilze aus dem Boden geschossen kamen (Ende der 1990er) wurden Klicks vor allem durch Brüste auf Bildern, die absolut nichts mit dem Spiel zu tun haben, oder der Möglichkeit, das Aussehen zweier weiblicher Figuren aus Spielefranchises gegeneinander zu bewerten generiert. Inhalte? Fehlanzeige.

Diese Babe-Ratings, Gallerien von sexy Messebabes etc. wurden seit 2013 zunehmend kritisiert und schließlich wurde der Zugang von der Webseite genommen. Der Content war noch da und generierte den Webseiten durch Klicks Geld, aber immerhin wurden die sexistischen Inhalte nicht mehr auf der Startseite gefeatured.

Wieso ist das 2018 relevant?

Klar haben viele Magazine früher solche Inhalte gebracht – aber das ist Jahre her. Wieso also die Debatte heute wieder aufrollen?

Ganz einfach. Wie bereits gesagt sind die Inhalte großflächig noch auffindbar, wenn man weiß wo. Die Gamestar entschuldigte sich in dieser Woche öffentlich auf Twitter und versprach die Listen und Inhalte endgültig zu entfernen. Nach Jahren der Kritik wurden Anfang der Woche endlich alle Spuren der Seiten gelöscht. Damit ist es nur leider nicht getan. Denn was den Magazinen nicht aufzufallen scheint ist, dass sie sich durch Jahre des Sexismus ein Publikum erarbeitet haben. Und das hält sich bis heute.

Unter jedem Beitrag finden sich Kommentare, die mir Magenschmerzen bereiten. Sanktionen auf sexistische (und verfassungsfeindliche) Inhalte werden als Zensur bezeichnet, es wird nach mehr Nacktheit bei Spielen wie Tomb Raider verlangt, Frauen werden nieder gemacht, bewertet und unter den Videos von einem weiblichen Mitglied des Teams oder den Beiträgen, die (warum auch immer) weibliche Figuren in promiskuitiven Posen zeigt, sammelt sich alles von sexuellen Kommentaren zu ekelhaften Drohungen.

Generell ist der Ton in den Kommentaren (egal ob auf der Webseite, Twitter oder anderen Plattformen) furchtbar. Leute beleidigen sich, es gibt viele Trolle und viel Hass. Und die Redaktion macht nichts dagegen. Denn das sind die Leute, die ihre Seite am Leben halten. Ohne diese Menschen verliert die Magazine massive Zugriffe. Und davor haben Zeitschriften wie die GameStar Angst.

Also moderieren sie die Kommentare nicht, lassen die Belästigungen und Beleidigungen zu und füttern die Trolle und Mitglieder des sogenannten Gamergates zusätzlich mit sexuellen Bildern zu Beiträgen und weiteren kleinen Zugeständnissen. Öffentlich ist man nicht mehr dasselbe Team, intern erträgt man den Hass, weil er Kohle und Traffic generiert.


Informationen zum ‚Gamergate‘: Das sogenannte Gamergate formierte sich über das Internet, als eine weibliche Spieleentwicklerin Mittelpunkt eines Skandals wurde und brüstet sich seitdem damit, Spiele und die Welt rum um Spiele herum ‚zurückzugewinnen‘. Mitglieder umfassen alles vom harten Kernkreis mit rund 200 Mitgliedern (so wird es zumindest auf der Plattform Reddit kommuniziert), der teilweise kriminell gegen Frauen in der Branche, die es wagen, ihre Spiele zu kritisieren, vorgehen, zu einem weiten Außenkreis an Unterstützern und Leuten, die eigentlich gar nicht wissen, was sie da unterstützen. Es wäre falsch zu sagen, alle, die sich damit identifizieren, seien schlechte Menschen, aber es mangelt einem Großteil zumindest an Selbstreflexion über das, was durch das Gamergate bisher erreicht wurde. Für mehr Informationen würde ich raten, Zoe Quinn oder Anita Sarkeesian zu googeln.


Moderation = Zensur?

Das ist das Masterargument. Wir wollen nicht zensieren, sagen die Magazine. Wir wollen nicht zensiert werden, sagen die Trolle und Sexisten. Und aus genau diesem Grund tut sich seit Jahren nichts, unter den Kommentarspalten der großen deutschen Spielemagazine. Man will denen, die dort Hass verbreiten nicht den Mund verbieten. Vielleicht spielt auch Angst davor, angefeindet zu werden mit. Oder der Blick auf Klickzahlen. Oder es ist den Redakteur*innen egal. Ganz gleich der Grund, das offizielle Argument, mit dem Kritiker*innen mundtot gemacht werden lautet Zensur.

Nur handelt es sich nicht um Zensur und das ist sehr klar. Unter den Fotos, Videos und Berichten tummeln sich bekannte und unbekannte Gesichter einer ungeheuer gefährlichen Vereinigung. Sie sind der Grund, warum man es sich als Frau oder Minderheit zweimal überlegt, ein Spiel oder das Magazin für fragwürdige Inhalte zu kritisieren. Tut man es doch lässt der Backlash nicht lange auf sich warten.

Frauen haben in der Nerd- und Geekkultur nichts zu suchen – das liest man oft. Wer sich dagegen sperrt, dass weibliche Rüstung mal wieder nur ein Bh und Höschen sein soll wird mit absoluten Todschlagargumenten wie „du bist hässlich“ oder „der männliche Nebencharakter x zieht sich auch mal aus“ zurückgewiesen.

In den Kommentaren sammeln sich die, die einer Meinung sind und polarisieren sich gegen Andersdenkende – Menschen die von dem Gamergate fertiggemacht werden. Hass in Kommentaren kann dazu führen, dass die Situation eskaliert und auf einmal geht eine Adresse rum und der/die KritikerIn wird systematisch zerstört.

Die Zeitschriften und Online-Magazine, die sich noch wenige Jahre zuvor ein toxisches Publikum herangezüchtet haben, stehen nun vor vollendeter Tatsache und schweigen. Sie wissen, wer sich unter ihren Posts unterhält, sehen die Neonazis und offenen Sexisten – sie entscheiden sich, untätig zu sein. Und genau da ist das Problem. Spielejournalismus im Jahr 2018 und unter jedem zweiten Post wird gehasst. Ab und an streut die Redaktion einen ‚kontroversen‘ Post ein – etwas feministisches, um die Aufmerksamkeit der Hassenden zu wecken, etwas Sexistisches, um die Gehassten unter den Post zu locken. Ein ewiger Kreislauf, der von Mal zu Mal schlimmer wird und dafür sorgt, dass man sich als Frau/Minderheit nicht an Spielejournalismus erfreuen kann.

Das konnte man noch nie so wirklich. Seit den 80ern finden sich sexistische und rassistische, sowie homophobe Inhalte in den Spielen, Spielemagazinen und der Kommentarspalte. Aber jetzt sind wir an einem Punkt angekommen, an dem die Redaktionen etwas sagen können. Es reicht nicht, sich von den alten Inhalten zu distanzieren, es ist an der Zeit, dass sie sich auch von dem alten Publikum lossagen.

Nur so erreicht man, dass sich die, die nicht so denken wieder in die Kommentare trauen. Denn ganz ehrlich – der Großteil der Leserschaft ist nicht böse und sexistisch, sondern einfach müde. Müde davon, auf die Kommentare zu klicken, weil sie etwas beitragen wollen, und dann nur Hass zu sehen. Wir sind die stille Mehrheit und ich verspreche an dieser Stelle allen Spielemagazinen, dass sie nicht weniger Klicks und Kommentare bekommen, wenn sie ihre Ekelfollower loswerden, sondern mehr.


Aurelia von Geekgeflüster und ich haben uns zusammengetan, um das Problem anzusprechen. Ihren Beitrag findet ihr hier: Sexismus und Gaming: Über Bevormundung und Profilierung.