Respekt zwischen Autor*innen in Sozialen Medien

Respekt zwischen Autor_innen in den Sozialen Medien

Respekt zwischen Autor*innen in Sozialen Medien



Tw: Antifeminismus, Kraftausdrücke


Disclaimer: Dieser Artikel wurde bereits 2017 veröffentlicht, Mitte 2018 auf dem neuen Blog veröffentlicht und nun überarbeitet und erneut veröffentlicht. Mit diesem Artikel sollen keine einzelnen Autor*innen angegriffen werden, es handelt sich um einen reinen Meinungstext zu Onlinekultur und Kritikfähigkeit.



Marketing in den sozialen Medien: Von Autor*innen – Für Autor*innen

Im 21. Jahrhundert ist das Marketing für Autor*innen abhängig von sozialen Medien. Vernetzung findet über Facebook, Blogs und Webseiten wie der Schreibnacht, Wattpad, etc. statt. Dabei nimmt Twitter zunehmend einen zentralen Punkt ein. Denn Twitter ermöglicht es Autor*innen unter anderem mithilfe von Hashtags ihre Fortschritte zu teilen – mit Kolleg*innen, Fans, Leser*innen und komplett Außenstehenden.

Kommunikation ist ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg.

Der Umgang zwischen Autor*innen auf diesen Seiten ist in der Regel freundlich, meistens kollegial und bestenfalls unterstützend. Veröffentlichungen und Gewinnspiele werden geteilt, man tauscht sich über Ideen, verrückte Lektoratsmomente und den Stress des Schreibens neben dem Alltag aus. Respekt und Höflichkeit sollten hier gegeben sein.

Schwarze Schafe

Wie das im Internet nun aber leider üblich ist, gibt es schwarze Schafe. Also Menschen, die den Umgang mit anderen Autor*innen und die Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, nicht wertschätzen können/wollen. Das man es (gerade als Frau) oftmals mit Trollen zu tun hat, darauf stellt man sich ein, wenn man Twitter beitritt. Irgendwie gehört das ja zur gesamten Erfahrung von „Mensch im Internet“ dazu. Wenn die Respektlosigkeit und die Kommentare jedoch aus den eigenen Reihen kommen, dann beginnt man sich als Autor*in seltsam zu fühlen.

Kein Mensch ist perfekt. Jede*r macht mal Fehler, verhält sich falsch und/oder legt sich mit anderen an. Da stelle ich selbst keine Ausnahme da. Doch wenn beide Parteien erwachsen handeln, ihren Konflikt lösen und sich die „schuldige“ Person entschuldigt, um auf eine friedliche Basis zurückzukehren oder man sich fortan einfach aus dem Weg geht, ist das alles ertragbar. Das Problem liegt bei Wiederholungstäter*innen und Menschen, die ihre Fehler nicht einsehen wollen.

Respekt und Community

Ob man nun auf Webseiten respektlos gegen andere Mitglieder der Community vorgeht, beleidigende Blogeinträge über Bücher oder andere Autor*innen verfasst oder auf Twitter seine Kolleg*innen verreißt – man verhält sich falsch. Streits, die man in die sozialen Medien zieht, sagen einiges über die Person aus, die den Schritt in die Öffentlichkeit macht.

Unsicherheit und fehlende Reife zeigen sich durch Beiträge wie: „Schaut her! Diese Person/diese Feministin/diese Bitch hat mich blockiert, haha! Wie lächerlich!“ oder „Schaut her! Ich habe ein privates Gespräch mit dieser Person und teile das mit euch (ohne Zustimmung der Person), um sie ins Lächerliche zu ziehen und Zustimmung von euch zu bekommen!“ – Solches Verhalten irritiert vor allem die Menschen auf der anderen Seite, aber auch andere Kolleg*innen außerhalb.


Damit meine ich keine (!) generellen Callouts, sondern Kolleg*innen, die sich gegenseitig ihrer Bubble zum Fraß vorwerfen. Das passiert oft nach einem Callout und soll diesen nachahmen, was den Menschen jedoch kaum gelingt.


Natürlich kann man je nach Ausmaß rechtlich gegen solche Leute vorgehen, aber es geht um mehr als das. Es geht um Respekt. Um menschlichen Umgang miteinander. Besonders im Öffentlichen.

Was man darf und was man soll

Natürlich darf man die Meinung sagen. Man darf sich auch öffentlich über andere lustig machen oder einfach alle kritischen Stimmen wegblocken. Man darf so einiges.

Aber sollte man das als Autor*in ausnutzen? Die Antwort auf diese Frage kann man sich eigentlich denken. Kaum eine Berufsgruppe ist so auf die eigene Reputation und die Kolleg*innen in den Sozialen Medien angewiesen, wie Autor*innen. Erlaubt man sich deshalb einen Fehler, so ist die Reaktion, wenn man darauf angesprochen wird, entscheidend für die eigene Karriere.

„Alle sind gegen mich und verschwören sich/drohen mir damit, meine Bücher nicht mit zu promoten“ ist eine sehr schwache Reaktion auf die eigenen Fehler. Denn natürlich wird niemand mehr Marketingtweets der Person verbreiten, die sich in der Autor*innenenwelt einen gewissen Ruf erarbeitet hat. Natürlich möchte niemand mehr mit so jemandem zusammenarbeiten.

Man ist auf sich gestellt und erfährt am eigenen Leib, dass es kaum Wichtigeres gibt, als andere Autor*innen, für das Marketing auf Twitter, Facebook und co. Dabei geht es nicht um eine persönliche Vendetta sondern darum, dass niemand mit der Person verknüpft werden will, die Kolleg*innen bloßstellt und respektlos um sich schlägt.

Folgen derer man sich bewusst sein muss

Man kann als Autor*in also Kolleg*innen beleidigen, sich über sie lustig machen, Informationen ohne Zustimmung der Menschen verbreiten und öffentlich gegen Werte eintreten, die von vielen Autor*innen vertreten werden. Man kann versuchen Aufmerksamkeit durch blanke Provokation zu erreichen. Man kann seinen Kolleg*innen permanent aufstoßen und passiv-aggressiv auf alles reagieren.

Will man als Autor*in jedoch jemals eine richtige Plattform in den sozialen Medien aufbauen und von anderen unterstützt und respektiert werden, so sollte man anfangen die Schuld bei sich selbst, statt bei anderen zu suchen. Dazu gehört es auch, sich richtig zu entschuldigen, die kritischen Stimmen zu entblocken und hoffen, dass all die Menschen, die man im Zuge seiner Fehler verletzt und getroffen hat, willig sind, einem eine zweite Chance zu geben.

Von der Aufklärung zur Moderne – Eine kleine Literaturgeschichte I

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Von der Aufklärung zur Moderne – Eine kleine Literaturgeschichte I

1720 – 1790


Einleitung – Die Bedeutung eines neuen Zeitalters

Um sich der literarischen Strömungen der letzten Jahrhunderte bewusst zu werden, muss man über das rein literaturwissenschaftliche hinausschauen. Das 18. Jahrhundert bietet einen Ausgangspunkt, um den Übergang zwischen der Frühen Neuzeit und der Moderne festzumachen. Ein Knick in der Art, wie Menschen die Welt sehen und dies in der Literatur niederschreiben.

Grundsätzlich wird die Zäsur zwischen Früher Neuzeit und Moderne bei der Französischen Revolution, also gegen Ende des 18. Jahrhunderts, gesetzt. Die zehn langen, teils grausamen Jahre zwischen 1789 und 1799 formten Literatur und Zeitgeist maßgeblich. Zu Beginn des 18. Jahrhundert, in der sich anbahnenden Endphase des Absolutismus, begann etwas. Es führte nicht nur zu diesem Bruch – knappe 100 Jahre später –  sondern beeinflusst unser Denken und Handeln bis heute.

Die Rede ist von der Aufklärung.

Generell zwischen 1700/1720 und 1780/1800 angesiedelt, umfasst die historische Epoche der Aufklärung etwa 100 Jahre. In dieser Zeit geschah der Wandel von einer mittlerweile eher angestaubten Denkweise, hin zu etwas komplett Neuem. Vernunft wurde erforscht und gefordert, Stilarten entwickelten sich, literarische Gattungen erblühten und die alten Werte verschwanden, um Platz für neue Traditionen und moderne Sichtweisen und Studien zu machen. Die Psychologie als Studienfach entwickelte sich und übte große Einfluss auf das Schreiben und Leben der Menschen aus. Ebenso wie die Kritik an der Kirche, der zunehmende Individualismus und die Fokusverlegung von einem Leben nach dem Tod, zu einem Leben im hier und jetzt.

100 Jahre im Detail – der Anfang der Aufklärung

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren die Dichter*innen und Denker*innen rund um Deutschland herum schon lange dabei, sich nach der Aufklärung auszurichten. In England florierte die Idee eines Umbruchs, aber es war Frankreich, welches Deutschland über die nächsten 100 Jahre hinweg konsequent beeinflussen sollte. Aufklärerische Schriften und Tendenzen kamen über die Ländergrenze und nahmen Halt von den bis dahin noch nachhinkenden deutschen Literat*innen.

Die Aufklärung ist mehr, als nur eine literaturhistorische Epoche. Das steht außer Frage. Es ändert jedoch nichts daran, dass die Literatur schnell auf den Zug aufsprang und sich als modern, frisch und vor allem vernünftig profilierte.

Dies liegt daran, dass fast alle deutschen Vordenker der Aufklärung LiteratInnen waren. Als die Aufklärung in Begleitung der Empfindsamkeit (1740-1790) nach Deutschland schwappte, erweiterte sich das übliche Lesepublikum enorm. Denn die Empfindsamkeit brachte immer mehr Frauen zum Lesen und Schreiben. Das bislang verpönte ‚überschwängliche Gefühl‘ wurde in der Empfindsamkeit Sittlich und Ideal. Autor*innen wie Friedrich Gottlieb Klopstock und Sophie von La Roche, die Autorin des ersten deutschsprachigen Briefromans, prägten die Literaturlandschaft so wirksam, dass sich ihre Sichtweisen noch im Sturm und Drang zeigten.

Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelten sich Theorien und Schriften zum Thema wurden ausformuliert. Immanuel Kant formte mit seinen Schriften zur (reinen) Vernunft und dem Erhabenen nicht nur die Psychologie, sondern auch die Art, wie Literatur und Kunst wahrgenommen wurden. Ästhetik und Empfinden wurden als Gesprächsthema populär, was nicht zuletzt auch am Einfluss der Ästhetik des Rokoko lag.

Es formten sich mehrere Stränge, die bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Epochen und Literaturströmungen auffindbar sind. Die eine Seite entwickelte sich zum Moralischen hin. Der vermutlich meistgelesene Autor seiner Zeit, Christian Fürchtegott Gellert war es, der die Fabel und ihre Fähigkeit, eine Lehre einfach aber effektiv zu vermitteln, popularisierte. Dichter wie Gotthold Ephraim Lessing und Johann Christoph Gottsched hingegen orientierten sich am französischen Vorbild und formten die Literatur neu. Zumindest versuchten sie es. Dramentheorien wurden aufgestellt, die sich zu dem frischen Ästhetikverständnis ausrichteten. Prosawerke erlangten bislang ungekannte Aufmerksamkeit und reihenweise französische Schriften wurden übersetzt und ergänzt. Etwas, an dem sich auch Friedrich Schiller beteiligte (Übersetzung von Boileaus Theoretischen Gedanken) oder Johann Wolfgang von Goethe, spät im Jahrhundert, mit seinen Interpretationen von Voltaires Schriften.

Nicht alles hatte immer die gewünschte Auswirkung. Gottsched trieb die Aufklärung stark an, scheiterte jedoch darin, sein Werk Der sterbende Cato (1732) zu einem Regeldrama zu machen. Dafür kann die Aufklärung einen großen Sieg für sich verbuchen: die deutsche Sprache. Es war Gottsched, natürlich in Begleitung anderer, der sich von Anfang an für eine Normierung des Deutschen einsetzte. Er und seine Zeitgenossen setzten den Grundstein für die ersten Wörterbücher, wie sie die Brüder Grimm Mitte des 19. Jahrhunderts herausgaben. Ohne das Engagement der Aufklärer, hätte dieser Schritt in Richtung einer einheitlichen, modernen Sprache sich wohl noch mehr in die Länge gezogen.

Die andere Seite des 18. Jahrhunderts – der Sturm und Drang und andere Rebellen

Neben den moralisierten Literaturvorstellungen Gellerts und den Ideen zur Weiterentwicklung deutscher Literatur, wie man sie bei Lessing findet, gab es noch eine dritte Seite. Bevor es aber um die Rebellen gehen soll, muss man einen Autor ansprechen, der Mitte des 18. Jahrhunderts zwischen all den Umbrüchen etwas anderes fand. Johann Joachim Winckelmann war ein Archäologe und Kunsthistoriker, der in der Masse der übersetzten französischen Schriften eine aktuelle Debatte fand.

Der Absolutismus schien für Zeitgenossen Winckelmanns, obschon es aus heutiger Sicht klar ist, dass er dem Untergang geweiht war, nach außen hin funktional. Unter dem Sonnenkönig Ludwig XIV. wurden vigoroso Steuern eingetrieben, um die zahlreichen Kriege, aber auch die Künstlerstipendien und die teure (Barock)Architektur des späten 17. Jahrhunderts zu finanzieren. Ein System, welches Frankreich immer weiter an den Rand des Kollapses trieb, den es ein halbes Jahrhundert nach dem Tod des Sonnenkönigs erreichte.

Trotz dieser, für uns deutlichen, Zeichen, wurde die zeitgenössische Literatur Frankreichs unter dem Absolutismus als modern und fortschrittlich betrachtet. AutorInnen wie Madeleine de Scudéry profitierten von der Salonkultur in der Literaturhauptstadt Paris und reflektierten über Tradition, Architektur, den König und die eigene Geschichte in einer leichten, frischen Art. Sie beriefen sich zu Teilen noch auf antike Vorbilder, folgten ihnen aber nicht mehr. Die Freiheiten, die französische AutorInnen ab dem späten 17. Jahrhundert hatte, machten es möglich, sich immer mehr von diesen Regelungen zu entfernen und sie durch neue Leitlinien zu ersetzen.

Aus dieser Entwicklung entsprang die Querelle des Anciens et des Modernes. 1687 begannen sich Literat*innen zu fragen, inwiefern die Antike noch als Vorbild dienen sollte/durfte. Moderne Literatur stand dem jahrhundertelang gepflegtem Erbe der Antike entgegen. Winckelmann brachte diese Diskussion 1756 nach Deutschland. In seinem Werk Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst sprach er sich für die Antike als Vorbild aus und gründete damit den deutschen Klassizismus.

Fast zeitgleich, 1765 um genau zu sein, entwickelten eine Handvoll rebellischer, männlicher Autoren in ihren 20ern, aus den Grundsätzen der Empfindsamkeit und einem antiautoritärem Geist, den Sturm und Drang. Johann Gottfried Herder, Jakob Michael Reinhold Lenz, Friedrich Maxim Klinger und Friedrich Schiller, um nur einige zu nennen, waren Stellvertreter für eine neue Generation. Die Autoren des Sturm und Drang waren (bis auf 2-3 Ausnahmen) in den späten 1740ern oder frühen 1750ern geboren. Sie wuchsen auf mit dem Ideal der Aufklärung, die Literatur als etwas definierte, was moralisch bildend und erhellend sein sollte.

Mitte des Jahrhunderts war die Aufklärung in Deutschland voll angekommen und begünstigte Schriftformen, mit denen sich vornehmlich Lehren verbreiten ließen. Eine geregelte Literatur, mit gebändigter Sprache wurde von aufstrebenden Literat*innen gefordert.

Empfindsamkeitsvertreter*innen wie La Roche und Klopstock kritisierten früh, dass diese Art der Regelpoetik zu eng gefasst war. Die junge Generation sprang auf diesen Zug auf und rückte statt der ratio, die emotio in den Fokus der Literatur. Für 10-15 Jahre schrieben die meisten aus der Gruppe Dramen und Lyrik, beeinflusst von der Empfindsamkeit und einem freieren Verständnis von Literatur. Ausläufer des Sturm und Drang finden sich bis 1790, auch wenn die meisten der Jungautoren aus dem ‚inneren Kreis‘ des Sturm und Drang dann schon lange weitergezogen waren.

Der Sturm und Drang war eine kurze, emotional aufgeladene Phase, die schnell ausbrannte, aber als Befreiungsstoß gegen Tradition und Autoritäten wirkte. Aus dieser Miniatur-Epoche heraus entwickelten sich neue Literaturkonzepte, die den Funken der Aufklärung zu einem Feuer machten. Das Feuer, aus dem sich der Umbruch in die Moderne entwickeln solle. Sie formte zudem die, die später in anderen Epochen, besonders in der Weimarer Klassik und Frühromantik, Erfolg haben würden.

Ausblick – Winckelmanns Einfluss, die Weimarer Klassik und der endgültige Umbruch zur Moderne

Im zweiten Teil der kleinen Literaturgeschichte, wird es um all das gehen, was die Aufklärung und das 18. Jahrhundert auslöste. Ende des Jahrhunderts entwickelte sich eine eigene kleine Epoche aus den Untersuchungen Winckelmanns, bevor die Romantik das Ruder an sich riss und Literatur eine ganz neue (und durchaus problematische) Richtung gab.

Die Französische Revolution, Napoleon, die Julirevolution, die Novemberrevolution, das Hambacher Fest und der drohende Pauperismus formten die Stränge in der Literatur, die sich schon im 18. Jahrhundert gebildet hatte, weiter aus: Moral und Tradition – Neue Ordnung – Rebellion. In diesem Chaos finden sich Autor*innen, die zwischen den Stühlen stehen und nicht wissen, zu welcher Richtung sie gehören und wo sie sich selbst einordnen sollen.


Teil II: Umbrüche, neue Identitäten und Revolutionen – Eine kleine Literaturgeschichte II

Elitäre Gruppenbildung in den Online-Geisteswissenschaften

Elitäre Gruppenbildung in den Online-Geisteswissenschaften

Elitäre Gruppenbildung in den Online-Geisteswissenschaften


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Twitter als Online-Raum für geisteswissenschaftlichen Austausch ist aktuell wohl eines der häufigsten Themen in meiner Timeline. Dabei fühle ich mich als Studierende oft nicht mitgemeint, wenn beispielsweise über Literatur gesprochen wird.

Da mich die Chancen von Twitter als offener Raum für Bildung und (literatur)wissenschaftliche Diskussionen interessieren und ich bisher noch keine studentische Sichtweise auf das Ganze entdecken konnte, habe ich mich zu einer kleinen, persönlichen (!) Betrachtung der Lage entschlossen.

Die Ausgangssituation als Studierende

In den letzten Monaten bin ich zunehmend in die Literaturwissenschaftliche-Twitterblase abgerutscht. Ursprünglich war ich als Autorin im Internet unterwegs, dann begannen sich Leute für meine Zusammenfassungen von Uni-Seminaren und Hausarbeiten zu interessieren. Irgendwann wurden aus den ursprünglichen Leser*innen (sprich anderen Studierenden, Autorenkolleg*innen und Freund*innen von mir) Wissenschaftler*innen. Meine Timeline änderte sich. Jetzt bin ich Teil einer regen Gruppe an Literaturwissenschaftler*innen und genieße das sehr.

Man fühlt sich als noch Studierende/r, beziehungsweise Laie/Laiin besonders, wenn man mit Doktorand*innen, Dozierenden und Professor*innen über Themen diskutiert, die alle gleich spannend finden und wo jede Stimme (theoretisch) gehört wird.

Dafür ist mein eigenes Profil jedoch wesentlich leerer geworden und das ist Leuten aufgefallen. Wo früher Threads zu Burgen oder über meine Hass-Liebe (mehr Hass als Liebe) zu Brecht standen, finden sich jetzt nur noch Retweets zur Diskussion anderer. Und das stört mich. Ebenso wie es mir erklärt, warum ich so wenig andere Studierende in den Diskussionen entdecke.

Viel zu oft passiert es, dass Menschen aus Diskussionen ausgeschlossen werden, weil ihnen die nötige (Fach)Sprache oder das absurd große, aber eben geforderte Wissen fehlt.

Mein Blog ist sehr still (und fast leer), weil die bloße Idee zwischen all diesen gebildeten Menschen einen pseudo-wissenschaftlichen, beziehungsweise „minderwertigen“ Bericht über etwas zu veröffentlichen, mir Bauchschmerzen bereitet.

Seit ich (mehrfach) darauf angesprochen wurde, frage ich mich, ob diese ganze Entwicklung wirklich so gut ist, wie ich dachte. Ich hatte mal Spaß daran, Leuten auf lockere Art und Weise von den Inhalten meines Studiums zu berichten. Nun traue ich mich kaum, über Literatur zu schreiben. Weil in meiner Timeline jeden Tag Diskussionen über die Literaturszene stattfinden und Menschen, die ihr Studium lange hinter sich gelassen haben und nun Forschung betreiben und lehren, die Unterhaltung führen.

Woher kommt das und wie kann man entgegensteuern?

Mein Problem als Studierende

Ich bin ehrlich, ich trage zu dieser Spaltung bei. Ich traue mich nicht mehr, einfache Dinge zu schreiben, weil ich Angst habe, Leute, die sich wirklich auskennen, zu nerven oder als „ungebildet“ dazustehen.

Das Ziel (für mich) ist es demnach, mich durch Wissensdefizite nicht an literaturwissenschaftlichen Diskussionen hindern zu lassen und wieder mehr Platz für „laienhafte“ Artikel und Tweets zu schaffen. Nicht alles wissen, Dinge vereinfachen – und sich nicht dafür schämen, weil auf der Timeline gerade wieder mit Begriffen und Namen um sich geworfen wird, von denen man noch nie gehört hat.

Wo zwischen Laiin und Literaturwissenschaftlerin habe ich als Studierende meinen Platz? Wo darf ich mitreden, wo ist es unerwünscht, weil Dozierende und Forscher*innen unter sich sein wollen? Welchen Sinn haben kleine Berichte aus meiner wesentlich ungebildeteren Perspektive? Wie mache ich mich nicht lächerlich, wenn ich so etwas schreibe?

Diese Fragen halten mich davon ab, weiterhin über mein Studium zu schreiben.

Und ein großer Teil davon liegt an der Sprache. Hier wird die Sache größer. Sie betrifft nicht mehr nur mich und meine Probleme mit der aktuellen Lage.

Die Sprache als Trennwand

Literaturwissenschaftler*innen, mit denen ich mich austausche, versichern mir gerne, dass auf Twitter die Hierarchien der Universitäten heruntergebrochen werden. Und das stimmt auch, so lange man als Studierende/r oder Laie/Laiin mithalten kann.

Aber es sind dieselben Menschen, die tagtäglich in einem unfassbar anspruchsvollen, bildungssprachlichem Wortschatz schreiben, die mir versichern, dass ich ja gerne mitdiskutieren darf.

Wenn ich mal ehrlich bin, muss ich sagen: Ich traue mich nicht.

Studierende und solche, die nach dem Studium nicht in die Forschung gingen, sind von der Konversation ausgeschlossen. Nicht nur, weil wir uns nicht trauen, sondern weil wir von der Ausdrucksweise innerhalb der bestehenden Gruppen direkt ausgeschlossen werden. Ganz zu schweigen von Außenstehenden, die außer ehrlichem Interesse keinerlei Qualifikationen vorzuweisen haben.

Das ist per se nicht schlimm. Diskussionen im eigenen Fachgebieten bringen grundlegend eine elitäre Grundstimmung mit sich. Jene, die sich nicht auskennen, können nicht mithalten. Das ist zu einem gewissen Grad normal.

Aber Twitter wird gerade von Geisteswissenschaftler*innen als Plattform oft dafür gelobt, dass man wissenschaftliche Diskussionen öffentlich und erreichbar für alle führen kann.

Ich frage mich nun, ob das wirklich so gewünscht wird. Oder ob die Diskussionen nicht doch eher denen gleichen, die Dozierende an der Universität über die Köpfe ihrer Studierenden hinweg führen.

Ein gutes Beispiel sind Unterhaltungen über Studierende selbst. Wo kann ich, als „Betroffene“ sozusagen, mich einschalten, wenn über die Art, wie man mich und meine Kommiliton*innen am besten für Literatur begeistert, diskutiert wird?

Ebenso mit fachlichen Gesprächen über Texte, die in einer Sprache geführt werden, die an ein gedrucktes Buch erinnert. Ich werde zu diesen Diskussionen eingeladen, kann jedoch höchstens am Rand stehen und beobachten. Denn zwischen mir und dem Rest stehen die Mauern, die Twitter doch eigentlich herunterbrechen sollte.

Wie kann man einen Mittelweg finden, zwischen Diskussionen von und für Dozierende/Forschende und Diskussionen, an denen sich auch andere beteiligen können, ohne jedes zweite Wort und jeden dritten Namen nachschlagen zu müssen.

Das Problem liegt in der Geisteswissenschaft, nicht bei Twitter

Elitäre Gruppenbildung als Teil der Geisteswissenschaften

Twitter bietet als Plattform eine ideale Grundlage, um die Unterhaltung über Literatur zu öffnen. Um diese elitäre Gruppenbildung zu zerschlagen und jedem die Chance zu geben, sich zu äußern.

Das Problem liegt in den Geistenwissenschaften.

Elitäre Sprache und Abgrenzung von Außenstehenden sind Krankheiten der Literaturwissenschaft, die es seit Jahrzehnten für alle unnötig schwer machen, die von außen dazukommen. Arbeiterkinder die Zuhause nicht über Geisteswissenschaften sprechen (können), Menschen die einen (direkten) Migrationshintergrund und/oder eine Einschränkung haben – Geisteswissenschaften schließen alle aus, die länger brauchen, um ihre Defizite in Literaturwissen und Fachsprache aufzuholen.

Das hat (leider) auch Twitter erreicht. Interesse als gemeinsamer Faktor bringt Menschen, die mitsprechen wollen, nur so weit, wie ihr Fachwissen reicht. Und das ist oft einfach nicht weit genug.

Es wirkt zu Teilen fast so, als würden auch junge und moderne Lehrende/Forschende auf Twitter ihre Sprache gezielt einsetzen, um Studierende und jene, die nicht seit über 10 Jahren im Fachgebiet tätig sind, auszuschließen.

Auf einer Plattform wie Twitter entspricht dies einem enormen verschenkten Potential. Denn auch wenn Menschen wie ich nicht immer alles verstehen, wäre es schön, mitangesprochen zu werden. Zumindest wenn über uns gesprochen wird.

Warum muss man dieses Problem der Geisteswissenschaften auf ein neues, frisches Medium wie Twitter übertragen, statt die Chance zu nutzen, die Diskussion zu öffnen?

Diskussion statt Anklage

Diese Betrachtung soll mehr als ein Unterhaltungsstarter dienen, statt als „Anklageschrift“ für/gegen geisteswissenschaftliche Diskussionen auf Twitter. Die Sicht der Studierenden und Außenstehenden ist etwas, was meiner Meinung nach in der Debatte um Online-Geisteswissenschaften fehlt.

Gerade als Studierende nehme ich mich nämlich nicht aus, wenn ich über elitäre Sprache und Inhalte spreche. Es macht Spaß einfach mal zu fachsimpeln oder sich als gebildeter Mensch in einem Bereich zu profilieren. Aber die langfristige Motivation für eine Diskussion geht mir verloren, wenn ich aktiv von etwas ausgeschlossen werde, von dem ich wirklich gerne Teil wäre.

Habe ich das Fachwort hier richtig verstanden? Darf ich mich hier überhaupt einschalten oder wollen die „Profis“ unter sich bleiben? Nerve ich?

Zwischen Insiderwitzen, Ironisierungen von Diskursen und Fachwörtern, dem (vermutlich unterbewussten) Abschätzen von Studierenden (ich rede hier beispielsweise von der Diskussion: was müssen Studierende können) und mehr, fühlt man sich als noch studierende Person am falschen Platz.

Ich frage mich fast zu oft, ob ich unerwünscht bin. Ob ich die Timeline nicht lieber meiden sollte, weil meine studentische Meinung eh niemanden so wirklich interessiert. Davon kommt viel aus der eigenen Unsicherheit, dass will ich gar nicht bestreiten. Aber der Einstieg in bestehende Gruppen, die Sprache nutzen, um sich zu profilieren und abzugrenzen, ist wahnsinnig schwer. Ich frage mich, ob das so sein muss.

Die verschwindend geringe Anzahl der mitschreibenden Studierenden scheint nicht aufzufallen. Ebenso die Bemerkungen, die teils fallen. Die Zwinkersmileys, wenn sich jemand mit weniger Expertise beteiligen möchte. Die Entmutigung.

Ich habe viele Geisteswissenschaftler*innen auf Twitter als offene, liebe Menschen kennengelernt, die gerne ihre Diskussion öffnen wollen – die Umsetzung scheitert jedoch zu oft.

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