Jungfräulichkeit in der westlichen Kultur

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Jungfräulichkeit in der westlichen Kultur


TW: Sexuell explizite Bilder, sexuell explizite Sprache, sexualisierte Gewalt, Rassismus, Sklaverei (nur Nennung), Heteronormativität, Transmisia, Antisemitismus, Gadje-Rassismus, Nationalsozialismus, Genitalverstümmelung (nur Nennung).


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Disclaimer: Im folgenden Text soll das Phänomen der Jungfräulichkeit in der westlichen Medienlandschaft und (Pop)Kultur diskutiert werden, dafür muss sich leider an einigen Stellen auf heteronormative und transexkludierende Sprache/Forschung berufen werden. Es wird sich bemüht, diese als problematisch zu kennzeichnen und – wenn irgendwie möglich – auf sie zu verzichten. Leider ist die Forschung und die Sprache in diesem Bereich nicht weit genug, um zu 100% auf solche menschenfeindlichen Darstellungen und Sprachmuster zu verzichten. Dafür entschuldige ich mich im Voraus.


Gibt es eine historische Jungfräulichkeit?

Denkt man an Jungfräulichkeit, so ist die erste Assoziation (zumindest aus kunsthistorischer Sicht) die Jungfrau Maria und ihre unbefleckte Empfängnis. Maria, die dafür bekannt ist, als Jungfrau ein Kind bekommen zu haben. Jungfräulichkeit wird im christlichen Glauben (und damit auch in der stark von ihm beeinflussten westlichen Kultur) spätestens seit Maria mit Reinheit und Erhabenheit gleichgesetzt. Doch Jungfräulichkeit als Motiv ist sehr viel älter als Maria und historisch heteronormativ.

ggIn der Frühantike gab es das Statuenmotiv der ‚tiefgegurteten Nymphe‘, das in der hellenistischen Hochphase der Antike weiter bearbeitet und ausgebaut wurde. Diese Abbildung weist auf eine Art Jungfrauengürtel hin, der für die Keuschheit der jeweiligen Frauen steht. Der Begriff ‚Nymphe‘ bezeichnet sowohl Halbgöttinnen als auch junge Frauen ab der Pubertät bis zu ihrer Hochzeit und noch spezifischer eine Braut an ihrem Hochzeitstag. Mit dem (halb)göttlichen Part wird vor allem Fruchtbarkeit assoziiert, die auf die jungen Frauen übertragen wird, die ab der Pubertät Reproduktionsfähigkeit besitzen. Bei einer Hochzeit wurde der Nymphe als Hochzeitsgöttin etwas geopfert – in der Zeit davor werden die jungen Frauen und Nymphen generell tiefgegürtet dargestellt. Der Gürtel symbolisiert ihre Reinheit, Unschuld und – am wichtigsten von allem – ihren Glauben. Auch die Tempeldienerinnen waren jungfräulich und ihre ‚Verunreinung‘ durch lüsterne Götter macht mehrere Kapitel in der griechischen und römischen Mythologie aus. Religion fungierte über Jahrhunderte hinweg aber auch als Schutz für Frauen, wie Elizabeth Castelli in Virginity and Its Meaning for Women’s Sexuality in Early Christianity schreibt. Wie effektiv dieser Schutz war/ist, ist jedoch in Frage zu stellen, wie sich an den jüngeren Skandalen in der katholischen Kirche zeigt.

Jungfräulichkeit und Religion stehen seit Jahrtausenden in direkter Korrelation. Diese religiös-motivierte Ambivalenz zwischen gut und böse, rein und unrein, jungfräulich und sexuell aktiv besitzt einen Genderbias, der an dieser Stelle nicht außen vor gelassen werden darf. Der erste große Hinweis auf ein geschlechterbasiertes Ungleichgewicht ist das Wort ‚Jungfrau‘, beziehungsweise ‚Jungfräulichkeit‘ – beides Begriffe, die wir im modernen Kontext auch für Männer/männlich Gelesene verwenden, obwohl sie sich historisch und sprachlich auf ‚junge Frauen‘ beziehen. Von Männern wird (je nach Zeit/Kultur/Stand) erwartet, bereits vor der Ehe sexuell aktiv zu werden – beziehungsweise wird es mindestens nicht sanktioniert oder zwingend auf ihre Mangel an Religion und Charakter zurückgeführt. Die Frage ist: Wenn von jungen Frauen erwartet wird bis zur Ehe zu warten, wo sollen junge Männer dann eine Partnerin finden? Dieses System setzt sexualisierte Gewalt, Untreue und/oder Sexarbeit voraus, wobei es jedoch den weiblichen Part in dieser Gleichung automatisch abwertet. Weibliche Sexualität muss existieren, um die Anforderungen an Männer zu erfüllen, wird gleichsam jedoch als unmoralisch und unrein konnotiert.

Sexuelle Inaktivität wird, in ihren Wurzeln, schon immer auf Frauen/weiblich Gelesene reduziert und zugeschnitten. Wann immer (im historischen Kontext) auf eine sexuell inaktive Person hingewiesen wird, geschieht dies mit Verweis auf deren weiblich konnotierte Geschlechtsmerkmale. Auch, wenn die Person männlich ist/gelesen wird. Ist ein Mann sexuell (noch) nicht aktiv, so ist er eine ‚Pussy‘ oder ein ‚Mädchen‘ oder wird mit ähnlichen weiblich konnotierten Beleidigungen konfrontiert. Dies beginnt bereits im Mittelalter, bei Werken wie der mittelhochdeutschen Versnovelle Helmbrecht von Wernher dem Gärtner (zwischen 1250 und 1280). Aber auch aktive Sexualität wird von weiblich konnotierten Geschlechtsmerkmalen und Reifemerkmalen abhängig gemacht. So ist Sexualität immer von dem Eintritt der Periode bestimmt, erst dann kann historisch gesprochen geheiratet werden, denn erst dann ist es möglich Kinder zu zeugen. Das Alter und die Reife des Mannes sind nicht wirklich entscheidend. Jungfräulichkeit wird an das Hymen geknüpft, was nur in weiblich gelesenen Körper existiert und weibliche Sexualität darf in historischem Kontext nur dann existieren, wenn daraus Kinder entstehen können, alle anderen Formen sind tabuisiert.


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Lilith, John Collier (1892)


Blut und Schmerzen – ein toxischer Mythos

Jungfräulichkeit als Konzept tritt in vielen Muster auf. Besieht man sich die weibliche Entjungferung, so trifft man auf Bilder und Informationen, die Angst hervorrufen und Sexualität als etwas Schmerzhaftes konnotieren. Diese Motive haben einen gemeinsamen Nenner: das Hymen, auch Jungfernhäutchen genannt.

Die Vorstellung vieler (gerade junger) Menschen ist, dass diese ‚Haut‘ bei der ersten Penetration einreißt und dabei Schmerzen verursacht, die die Person mit Vagina ertragen muss, da dies eben ’natürlich‘ und ’normal‘ sei. Doch ist man sich in der Forschung seit Jahrzehnten bewusst, dass dies ein gefährlicher Mythos ist:

Abundant myths exist in different cultures portraying hymen as the icon of spotlessness obligatory to be cracked at the first night of marriage but the reality discloses it as a very subtle mucosal tissue lining the vaginal opening procuring different shapes and may be thin, elastic, thicker and less stretchy. […]

Some [people with hymens] contemplate that this tissue must break at the first penile penetration but this ‚first time‘ belief is a myth. […] In some […] a small amount of this tissue may break out but this may not necessarily happen for the very first time. Sexual intercourse must occur when [the person with the hymen] is aroused, relaxed, lubricated where the penetration must be done slowly if it is the first time as in such cases question of bleeding can be ignored. Forceful penetration may upshot in bleeding however, some women bleed due to non-flexible nature of their hymen.

(Dr. Navodita Maurice, Hymen and Virginity: A Social Humiliation, 2015)

Bevor man sich mit der Umsetzung in Medien und Kultur beschäftigt, muss man zunächst diese Mythen adressieren und widerlegen. Denn was Dr. Navodita Maurice schreibt, ist leider nicht so bekannt, wie es sein sollte. Hymen sind keine magischen Vagina-Siegel, die bei dem ersten sexuellen Kontakt automatisch brechen. Sie sind dehnbar und reißen oft gar nicht oder durch Aktivitäten, die nichts mit Sex zu tun haben, wie bei generellem Sport, Reiten, Fahrradfahren, etc. – ein Grund, warum Frauen in manchen Zeitabschnitten verboten wurde, diese Aktivitäten auszuüben.

Der Mythos einer schmerzhaften Entjungferung ist etwas, was bis heute als Allgemeinwissen gilt. Heteronormativer Sex muss für Menschen mit Vagina, zumindest die ersten paar Mal, wehtun – so heißt es. Das ‚erste Mal‘ wird von Medien, populärer Kultur und über Generationen weitergegebenes Halbwissen so spezifisch als unangenehm und schmerzhaft definiert, dass viele es erst später in ihrem Leben hinterfragen. Die Schmerzen kommen, wie Maurice in ihrem Rechercheartikel festhält, von erzwungener Penetration oder fehlender Vorbereitung. Die Idee, dass Sex etwas ist, was Menschen mit Vagina im jungen Alter nicht mögen können (und dürfen) wird durch Jahrhunderte des Patriarchats gefestigt. In diesem wird die Unterdrückung von weiblicher (bzw. als weiblich gesehener) Sexualität durch ebensolche Mythen erreicht. Hinzu kommt, dass die Schmerzen als Grundlage für die Entjungferung ein Weltbild stützen, in dem die Person mit Vagina gegen ihren Willen entjungfert wird – etwas was besonders in Medien, die an das Mittelalter angelehnt sind, gerne aufgegriffen und als Fakt verkauft wird.

Auch das Bluten bei der Entjungferung ist Teil dieser Darstellung und wird, gerade in der Serie Game of Thrones, deutlicher noch in den Büchern dazu, zu etwas stilisiert, was Grauen und Ekel, aber auch Faszination hervorrufen soll. Dies läuft unter zwei Annahmen:

  1. Wenn die Person nicht blutet, hatte sie schon Sex.
  2. Blut ist ein Anzeichen dafür, dass der Sex nicht einvernehmlich ist.

Die erste ist, wie in diesem Beitrag nun geklärt wurde, nicht wahr. Nicht alle Menschen mit Hymen bluten beim ersten Mal, das Hymen kann beim Sex gar nicht reißen oder bereits zuvor gerissen sein.

Hinter der zweiten Annahme steckt etwas, was nicht einfach als falsch gedeutet werden kann. Denn ja, das generelle Konzept von Schmerzen und Blut bei der Entjungferung kommt aus dem Gedanken, dass Sex für Menschen mit Vagina beim ersten Mal nicht angenehm sein kann/darf und die Person dabei bluten wird. Die automatische Verknüpfung von Gewalt/Schmerzen und Blut ist trotzdem nicht gerechtfertigt, denn auch wenn die sexuelle Handlung angenehm und einvernehmlich ist, kann es, je nach Körper, zu leichten Blutungen kommen. Diese dürfen nicht mit dem gewalttätigen Unterton solcher Szenen gleichgesetzt werden.


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Three Ladies Adorning a Term of Hymen, Joshua Reynolds (1773)


Der westliche Zwiespalt

Die Tatsache, dass wir Jungfräulichkeit an die Existenz eines kleinen Häutchens knüpfen, was nur Menschen mit Vagina haben, ist lächerlich, wenn man genauer darüber nachdenkt. Nicht-westliche Kulturen haben einen traditionell anderen Umgang mit Sexualität und Jungfräulichkeit, der im Zuge der Kolonialisierung an westliche Standards angepasst wurde – eine negative Entwicklung für Menschen mit Vagina in diesen Bereichen der Welt. So schreibt Eric Julian Manalastas über Jungfräulichkeit in den Philippinen, dass junge Frauen für ihre Sexualität bestraft werden, wohingegen junge Männer darin bestätigt werden – dieses Konzept von sexueller Männlichkeit und asexueller Weiblichkeit kommt aus der westlichen Kultur und wurde in die ganze Welt exportiert. Neben der Tatsache, dass es ganze Kulturen beeinflusste und das Bild von weiblicher Sexualität global veränderte sorgt es auch dafür, dass sexualisierte Gewalt normalisiert wird, denn die Frau/Person mit Vagina als passiver Teil und der Mann/die Person mit Penis als aktiver (sich etwas nehmender) Teil kommt genau aus diesem Weltbild.

Respekt und Jungfräulichkeit werden traditionell miteinander verbunden und gerade im westlichen Mittelalter entwickelten sich Strukturen, die jungfräuliche Frauen (und generell Menschen mit Vagina) als besonders rein – und begehrenswert kennzeichneten. Hier wurde die Jungfrau von einem Symbol für Reinheit zu einem Sexsymbol. Der Reiz des frischen, ‚reinen‘ und (noch) nicht eroberten Körper brachte gefährliche Konsequenzen mit sich. Ein Zwiespalt entwickelte sich: Einerseits wurde die sexuell inaktive Frau als Reinheitssymbol der Religion gefeiert, andererseits wurden nun aber alle Frauen, die begehrenswert erschienen, als Jungfrau stilisiert und tatsächliche Jungfrauen zum Sexsymbol erklärt.

Um es deutlich zu sagen: Jungfrauen wurden sexuell begehrt, verloren aber in der Sekunde, in der sie diesem Drang nachgaben (oder dazu gezwungen wurden) ihren Status und ihren Reiz. An dieser Entwicklung wurde ihnen dann selbst die Schuld gegeben.

Die Glorifizierung von Jungfrauen kann anhand von bekannten weiblich gelesenen Persönlichkeiten in der Geschichte verfolgt werden, wie etwa Joan of Arc und Königin Elizabeth I. Ob diese wirklich jungfräulich waren, ist im Endeffekt egal, denn die Menschen ihrer Zeit und alle, die folgten, begannen Zölibat, ‚Asexualität‘ und Verweigerung der Heirat in ihre ‚Marke‘ zu integrieren und es zu einem wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit zu stilisieren, der historisch betrachtet nicht zwingend auf Fakten beruhen muss. Gerade historische Frauenfiguren, die sich Gott verschreiben und auf Sex verzichten, verkaufen sich gut – so schlimm es auch klingt. Schriftsteller*innen, Geschichtsschreiber*innen, Journalist*innen, Regisseur*innen, und weitere Medienproduzent*innen, die unser Bild von Kultur und Geschichte prägen, wissen, was Menschen lesen/hören/sehen wollen. Geschichten von Frauen, die sich widersetzten und rebellierten, sind ohne die sexuelle Komponente einfach nicht interessant genug. Es braucht einen Skandal oder eine Verweigerung, um weiblich gelesene Persönlichkeiten berühmt zu machen.

Dieser westliche Zwiespalt übt(e) sich negativ auf junge (weiße) Frauen aus, aber wie eigentlich immer in unserer Geschichte, traf es andere wesentlich härter. Denn die Reinheitsvorstellungen führten dazu, dass im Zuge des Kolonialismus alle weiblich gelesenen, die nicht weiß waren, automatisch als unrein gesehen wurden; auch der religiöse Schutz fiel weg – sie waren also der sexualisierten Gewalt seitens der Kolonialmächte ausgeliefert, ohne dass jemand dafür bestraft werden konnte. Sie konnten aus dem westlichen Weltbild heraus nicht weiter verunreinigt werden, erhielten keinen Schutz aus der christlichen Religion und waren für Ehen ungeeignet, womit also auch keinem zukünftigen Mann etwas weggenommen wurde. Die Sexualisierung von nicht-weißen Frauen und weiblich Gelesenen spielte ebenfalls in diese Sichtweise hinein und ihre Ausläufer können wir bis heute sehen. Menschen, die sexualisierte Gewalt erleben, wird eher geglaubt, wenn sie weiß sind und die sexuelle Selbstbestimmung von weißen Frauen gilt als schützenswerter als die von BIWoCs.


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Au Salon de la Rue des Moulins, Henri de Toulouse-Lautrec (1894)


Die Rolle der populären Kultur

In der populären Kultur wird seit dem 18. Jahrhundert ein gewisser Standard evoziert, der Jungfräulichkeit zu einem eigenen Thema macht. Der Keuschheitsgürtel ist ein gutes Beispiel hierfür. Historisch gesehen war der Gürtel ein Schutz vor sexuellen Übergriffen, der nur sehr selten tatsächlich genutzt wurde. Durch mediale Darstellung in der populären Kultur ab etwa 1750 (besonders in der Mittelalterromantik ab 1800) wurde er zu einem Zeichen der Überwachung und des „Auf-die-Ehe-Wartens“. Der strenge Vater, der die Sexualität seiner Tochter kontrolliert und dabei versagt wurde zu einem Symbol im Bürgerlichen Trauerspiel. Die Jungfräulichkeit als Tauschgut, als Wert der jungen Frauen, setzte sich fest in der Gesellschaft ab. Vermutlich noch fester, als wir es vom Mittelalter erwarten. Die Neuzeit war es, die diese Symbolik auf ein neues Level hob.

Diese Vorstellungen wurden in den 20ern teilweise aufgebrochen, als die (weibliche) Avantgarde-Literatur (Marieluise Fleißer) begann, mehr über sexuelle Stigmata zu schreiben und die Schande, die jungen Frauen/weiblich Gelesenen aufgelegt wurde, zu entpacken. Dies wurde nach dem Zweiten Weltkrieg lange verdrängt und erst in den 80ern wieder ausgepackt (Elfriede Jelinek).

Dazwischen begannen öffentliche Medien wieder auf alte Stereotypen zurückzugreifen, wie etwa sexuelles Erwachen bei jungen (unschuldigen) Frauen, die sexuell aktive Frau als böse/verrucht und mehr. In modernen Serien gibt es einen Zwiespalt zwischen altbackenen Mittelalterdarstellungen (wie Game of Thrones) und sexistischen Untertönen in eigentlich diversen Serien (Atypical (Darstellung der Frau als Mittel zum Zweck (Sex)), How to get away with murder (Jungfräulichkeitspackt, „Test“ zur Feststellung von Jungfräulichkeit, Slutshaming)). Selbst Serien wie Black-ish, die eigentlich solche Dinge entpacken, sind nicht immun gegen schlechte Recherche und Slutshaming gegenüber jungen Frauen. Wo der Sohn für sein erstes Mal gefeiert wird, bricht der Vater in Tränen aus, wenn er erfährt, dass seine erwachsene Tochter Sex hat.

Wenn in Serien wie Game of Thrones eine Vergewaltigung dazu führt, dass die Frau keine Jungfrau mehr ist, ihren Wert verliert und als „unrein“ gilt (Sansa Stark), aber einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Sex zwischen zwei Frauen nicht denselben Effekt hat (Margaery Tyrell) sendet das essenziell die Nachricht, dass eine Vergewaltigung eher als sexuelle Handlung akzeptiert wird, als Sex zwischen zwei Frauen.

Populäre Kultur spiegelt heteronormative und veraltet-sexistische Bilder von Sexualität wider und beeinflusst damit unser Denken und unsere Einstellungen – ohne dass wir es aktiv bemerken. Statt die Chance zu nutzen eine diverse Bandbreite von Jungfräulichkeit und Sexualität darzustellen, beruft sich die populäre Kultur auf sexistische, veraltete Standards. Wir haben kein Problem damit die sexuelle Erwachung von einer Vierzehnjährigen darzustellen oder sexualisierte Gewalt zu zeigen, aber Asexualität oder eine gesunde Beziehung von zwei Menschen, die nicht cis-hetero sind, geht zu weit. Wenn es in den Medien mal eine asexuelle Figur gibt, dann ist diese dick und weiblich – alles andere wäre ja „Verschwendung“. Und wenn es mal eine LGBTQ+ Figur gibt, so ist diese nicht geoutet oder wird gemobbt/verfolgt.


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The Flirtation, Eugen de Blaas (1904)


Männliche Jungfräulichkeit

Weiblich Gelesene stehen zwischen den Stühlen, wenn es um ihre Jungfräulichkeit geht; sie können es niemanden wirklich recht machen. Männlich Gelesene hingegen haben nur ein Ziel, wenn man den Medien glaubt: Sex. Die Vorstellung, die wir von jungen Männern haben ist, dass sie möglichst schnell sexuell aktiv werden wollen.

Ihnen wird abgesprochen, dass sie asexuell sein können oder auf die Ehe/richtige Person warten wollen. [Eines der wenigen Positivbeispiele ist Todd aus Bojack Horseman.] Damit schädigen wir nicht nur ihre Sicht auf Sexualität, sondern auch ihre Rolle in der Gesellschaft. Denn wenn wir – heteronormativ gesprochen – jungen Frauen beibringen, dass sie ja keinen Sex haben sollen, junge Männer aber dazu zwingen früh Sex zu haben, bleibt ihnen kaum eine andere Möglichkeit, als den weiblichen Part dazu zu überreden oder – im schlimmsten Fall – zu zwingen.

Männliche Jungfräulichkeit in den Medien dreht sich entweder darum, schnellstmöglich keine Jungfrau mehr zu sein oder – in seltenen Fällen – um religiösen Zölibat. Ansonsten spielt sie keine wirkliche Rolle. Wir nehmen bei jungen, männlich gelesenen Menschen einfach an, dass sie entweder bereits sexuell aktiv sind oder es sein wollen. Dementsprechend gibt es endlos viele Darstellungen von „coolen“ Teenagern, die ihre Freundin dazu überreden Sex mit ihnen zu haben, andere Jungen dafür auslachen noch Jungfrau zu sein oder ihre Freundin betrügen, weil sie „Triebe“ haben und diese sie nicht erfüllen wollte.

Diese „Triebe“ beruhen ebenso auf Pseudobiologie, wie der Umgang mit dem Hymen. Blue Balls wird als Begriff genutzt, um Frauen zu shamen, die einem Mann den Sex verweigern. Sein Sexualtrieb wird über die körperliche Selbstbestimmung der Frau gestellt.

Der Druck auf junge cis Männer möglichst früh sexuell aktiv zu sein schadet ihnen, übt sich jedoch ebenso negativ auf junge cis Frauen aus. Ihnen wird die Rolle des „Mittels zum Zweck“ zugeschrieben. Sie verlieren ihren „Wert“, damit der cis Mann seine Triebe erfüllen kann. Was sie wollen und welche negativen Auswirkungen dies auf sie haben kann rückt dabei in den Hintergrund.

Sex wird als etwas dargestellt, was vom Mann ausgeht. Die Frau erträgt es ihm zuliebe nur. Dabei ist es besonders wichtig, dass wir jungen Menschen zeigen, dass Sex mehr ist als Penetration und dass es immer mindestens zwei Personen benötigt, die es gleichermaßen wollen und sich der Konsequenzen bewusst sind. Verhütung spielt hierbei ebenfalls eine Rolle, denn cis Männer können nicht schwanger werden, was ihnen einen einfachen Ausweg aus der Diskussion um Verhütung ermöglicht. Die Konsequenzen sexueller Handlungen müssen von allen getragen werden, die an der Handlung beteiligt waren. Diese Grundsätze müssen vor allem jungen cis Männern klargemacht werden, bevor sie sexuell aktiv werden.

Wenn wir cis-männliche Jungfräulichkeit entpacken und die toxischen Zwänge ablegen wollen, müssen wir sie mit Verantwortung und Sexualkunde ersetzen, die Sex als etwas definiert, was Konsequenzen hat, nicht zwingend einen Penis beinhalten muss und nur stattfinden kann, wenn sich alle auf Augenhöhe begegnen und bereit sind eventuelle Konsequenzen gemeinsam zu tragen.


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La mort de Socrate, Jacques-Louis David (1787)


Heteronormativität und Jugendkultur

Die heutige populäre Kultur ist sehr sexorientiert. Alle Serien/Filme benötigen irgendeine Form der Sexualität. Dabei haben wir ein sehr definiertes Bild von Sexualität, in dem nicht alles gleichwertig ist. Wir wissen genau wann Sex passiert und warum – alles dreht sich um cis-männliche Triebe.

Bei Game of Thrones reicht eine Vergewaltigung, um einer Frau ihre Jungfräulichkeit zu nehmen. Dabei ist sexualisierte Gewalt nicht dasselbe wie Sex – die Frau muss keinen Sex haben, um als sexuelles, „verdorbenes“ Wesen gesehen zu werden. Wir wissen, dass wenn ein cis Mann Sex will, das auch passiert. Egal ob mit einem anderen cis Mann oder mit einer cis Frau. Der Penis ist der Fokus unseres Sexualitätsverständnis. Gleichgeschlechtlicher Sex zweier Frauen führt nicht dazu, dass sie im Sinne unseres Verständnisses ihre Jungfräulichkeit verlieren. Auch die sexuelle Erwachung von cis Frauen dreht sich in der Regel um einen cis Mann, der ihnen ihre „verruchte/schmutzige“ Seite zeigt. Der cis Mann ist der Held, die cis Frau verliert ihre Unschuld und ist nun ein sexuelles Wesen. Diese Darstellung kennt man aus Filmen, Serien, Büchern, Fanfiktions – sogar aus Videospielen.

Dabei ist Jungfräulichkeit nicht an einen Penis geknüpft! Penetration ist nicht das, was sexuelle Handlungen ausmacht. Ebenso wie das Hymen einer Person mit Vagina nicht bestimmt, ob sie „rein“ oder „unrein“ ist. Diese pseudo-medizinische Ansicht sorgt dafür, dass jedes Jahr mehr und mehr junge Menschen genital verstümmelt werden, um zu verhindern, dass sie ihre Jungfräulichkeit verlieren. Auch „Virginity-Testing“ existiert und hat furchtbare Ausmaße. Die Forscherinnen Benita de Robila und Louise Vincent untersuchen „Virginity-Testing“ in Südafrika und schreiben über die Konsequenzen für junge Menschen mit Vagina, die den Test nicht bestehen.

Sexualität dreht sich so sehr um traditionell männlich gesehene Geschlechtsorgane, dass junge Menschen nicht lernen, was Sex ist und was nicht. Sexualisierte Gewalt ist kein Sex. Sex ohne Penis ist Sex. Niemand muss Sex haben, um einen gewissen „Status“ zu erreichen, aber wenn jemand Sex haben will ist das alleinig die Verantwortung von ihnen den jeweiligen Partner*innen. Dem cis Penis wird in sexuellen Beziehungen alle Macht zugesprochen, dabei geht es um so viel mehr, als nur cis-männliche Befriedigung.

Die Heteronormativität sorgt dafür, dass wir weiblich gelesene Jungfrauen in Gruppen einteilen. Die einen sollen unbedingt Jungfrau bleiben und werden unter grausamen Methoden dazu gezwungen – die anderen sollen unbedingt heteronormativen Sex haben, da nichts anderes sie aus ihrer Rolle der Jungfrau herausheben kann. Es steht uncool aber unschuldig versus cool aber weniger wert.


Jungfräulichkeit wird in der LGBTQA+ Community anders definiert und ist um einiges Komplexer, als der westlich-heteronormative Standard. Hier einige Links zu Jungfräulichkeit/Sex bei trans Personen, Asexuellen und in der restlichen LGBQ+ Community.


Die heutige Jugendkultur ist sehr viel offener gegenüber diverser Sexualität, was oft dazu führt, dass der „neuen“ Generation eine Hypersexualität zugesprochen wird. Dem ist nicht so. Wir sind heute nicht sexueller als Generationen vor uns, wir haben nur die Chance unsere Sexualitäten offen zu leben. Ganz gleich welche Sexualität wir haben und inwiefern wir uns dazu entschließen sexuell aktiv zu werden.


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Punning visually on the lute in this brothel scene, Gerrit van Honthorst (1625)


Pornografie und (früh) Sexualisierung

Ein Grund für diese Öffnung ist Pornografie.

Pornografie wird generell tabuisiert, dabei ist es das einzige Medium, in dem Sex wirklich eine Rolle spielen muss – anders als in Serien/Filmen/Büchern/Videospielen ist die Grundprämisse eine einvernehmlich sexuelle Handlung zwischen zwei erwachsenen Menschen. Selbst wenn die Handlung nicht als solche dargestellt wird – legale Pornografie funktioniert nur, weil die Schauspieler*innen dahinter diese Ansprüche erfüllen.

Der richtige Umgang mit Pornografie kann jungen Menschen viel über Sex beibringen. Die Absprache hinter der Kamera, die Verhütung und vor allem die gemeinsame Grundlage, dass alle mit den geplanten Handlungen einverstanden sein müssen.

Die (berechtigte) Angst vieler Erwachsenen ist, dass Pornografie ein Bild von Sex vermittelt, was nicht der Realität entspricht. Dem ist auch oft so, allerdings werden junge Menschen so oder so mit diesen Bildern konfrontiert. Der Unterschied ist, dass wir die Darstellung von sexualisierter Gewalt in Serien wie Game of Thrones nicht verurteilen, die in Pornografie jedoch schon. Die Frühsexualisierung von Jugendlichen geschieht in der medien-definierten Welt des 21. Jahrhunderts, ob wir es wollen oder nicht. Pornografie hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber Serien/Filmen – sie befasst sich aktiv mit dem Thema, statt es nur als leeren Plot-Device zu nutzen.

Viele Pornodarsteller*innen arbeiten aktiv daran, ein Bild von Sexualität zu entwerfen das zeigt, dass jede Handlung (egal wie sie aussieht) nur okay ist, wenn alle Partner*innen damit einverstanden sind. Ganz gleich, ob es um heteronormativen Sex, nicht-heteronormativen Sex oder Fetische geht. Es gibt Pornografie, die Sexualitäten als Fetisch darstellt und das ist zu verurteilen, aber gleichsam steht hinter jedem legalen pornografischen Inhalt (der nicht gezeichnet ist) ein Team an Menschen, die alle freiwillig und aktiv dabei sind. Durch Pornografie werden alle Arten von Sexualität gezeigt – es gibt Genres für alle Sexualitäten und Präferenzen – ohne Verurteilung. Junge Menschen sehen ihre Sexualität in diesen Medien, nicht die heteronormative Filterung Hollywoods.

Erotische Medien (wie Pornografie, erotische Literatur, etc.) erfüllen eine wichtige Rolle in der Medienlandschaft. Sie umfassen die Themen, die es auch in anderen Medien gibt, und machen sie zum Fokus. Über diese Darstellungen können wir als Gesellschaft aktiv die Bilder steuern, die junge Menschen in dieser Hinsicht prägen. Ein offenes Gespräch über Pornografie und die Hintergründe von legaler (und illegaler) medialer Sexarbeit sind ein wichtiger Grundstock für das Verständnis von Sexualität und Jungfräulichkeit junger Menschen.


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Le déjeuner sur l’herbe, Édouard Manet (1863)


Fazit

Jungfräulichkeit wird in den (westlichen) Medien als ein fast ausschließlich cis-weibliches Thema dargestellt. Die heteronormativen Bilder evozieren ein Verständnis von Sexualität, was seit Jahrhunderten existiert und im 21. Jahrhundert langsam aufgebrochen wird. In der Antike gab es ein teilweise offeneres Verständnis von Homosexualität, was jedoch nicht so modern ist, wie gerne angenommen und spätestens durch das Mittelalter komplett aus der medialen Darstellung verschwand.

Nicht-heteronormativer Sex wurde lange auf cis Frauen beschränkt und galt nicht wirklich als sexuelle Handlung, sondern vielmehr als Fetisch, der besonders cis Männern als Sex-Fantasie diente (und teilweise bis heute dient). Das Verständnis von Sexualität geht so weit, dass sogar sexualisierte Gewalt eher als sexuelle Handlung gilt, als gleichgeschlechtlicher Sex ohne einen Penis.

Junge Menschen werden mit einer Darstellung von Jungfräulichkeit und Sexualität konfrontiert, die im Mediengedächtnis der letzten Jahrhunderte eine feste Form annahm. Diese dreht sich um cis-männliche Befriedigung und Schande für den cis-weiblichen Part. Die Heteronormativität wird im 21. Jahrhundert langsam abgebaut, findet sich jedoch trotzdem noch in den Medien – selbst in eigentlich offenen und diversen Serien/Filmen.

Der gemeinsame Nenner hinter diesen medialen und kulturellen Traditionen ist die primär-westliche Religion, genauer das Christentum. Die Unterdrückung weiblicher Sexualität wird nur von Darstellungen gebrochen, die sexuelle Aktivität als Statussymbol darstellen. Junge, weiblich gelesene Menschen stehen zwischen den Stühlen und müssen sich entscheiden zwischen zwei Rollenvorgaben, die beide positive und negative Konsequenzen mit sich bringen. Männlich Gelesene hingegen werden so aktiv darauf trainiert, sexuelle Aktivität als Lebensziel zu sehen, dass Respekt und Verantwortung dabei vernachlässigt werden. Die LGBTQA+ Community kämpft darum, wahrgenommen zu werden und die pseudobiologischen Annahmen rund um Sexualität und Jungfräulichkeit in den Medien abzubauen.

Wir haben als Gesellschaft noch einen langen Weg vor uns, Sexualität zu enttabuisieren und Jungfräulichkeit als Konzept abzuschaffen. Nur wenn wir es schaffen, das Konzept komplett zu vergessen, wird es für alle Menschen möglich, ihre Sexualität frei von Stigmata und toxischen Vorstellungen auszuleben – ganz gleich, ob sie überhaupt sexuell aktiv sein wollen und wenn ja wann und mit wem.


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Illustration für den Erotikroman ‚Aphrodite‘ von Pierre Louÿs, Maurice Ray (1931)


Linksammlung und Fachliteratur


Nochmals als Disclaimer: Leider schließt fast alle Fachliteratur die Existenz von trans Menschen und der generellen LGBA*-Community aus. Darauf sollte beim weiteren Nachlesen geachtet werden. Die Literatur ist fast ausschließlich auf Englisch, da im internationalen Raum mehr dazu geforscht wird.


  • Dr. Navodita Maurice: Hymen and Virginity: A Social Humiliation. (2015)
  • Dr. Iklim Goksel: Rhetorics of Virginity in Turkish Modernity. (2009)
  • Dr. Corinne Harol: Enlightened Virginity in Eighteenth-Century-Literatury. (2006)
  • Eric Julian Manalastas: Valuation of Women’s Virginity in the Philippines. (2018)
  • Terry P. Humphreys: Cognitive Frameworks of Virginity and First Intercourse. (2013)
  • Miriam Robbins Dexter: Indo-European Reflection of Virginity and Autonomy. (1985)
  • Elizabeth Castelli: Virginity and Its Meaning for Women’s Sexuality in Early Christianity. (1986)
  • Dr. Hannelore Winkler: Zur Jungfräulichkeit in der Antike: Die tiefgegürteten Nymphen. (2014)
  • Benita de Robila: ‚Girls‘ and virginity: Making the Post-Apartheid Nation State. (2009)
  • Louise Vincent:  Virginity testing in South Africa: Re-traditioning the Postcolony. (2006)
  • Jonas Eriksson/Terry P. Humphreys: Development of the Virginity Beliefs Scale. (2014)
  • Paige Averett: Virginity Definitions and Meaning Among the LGBT Community. (2014)

Westliche Weiblichkeit – Ein Blick auf Ideale und Kolonialismus

Kopie von Jungfräulichkeit in der westlichen Kultur

Westliche Weiblichkeit

Ein Blick auf Ideale und Kolonialismus


TW: Sexualisierte Gewalt, Rassismus/Sklaverei, mentale Gesundheit, problematische Wortwahl zur Veranschaulichung von sexistischen und rassistischen Problematiken (keine Slurs)


Disclaimer: Wenn weiße cis Frauen über Weiblichkeit sprechen fällt die historische Komponente, die uns als Mittäterinnen entlarvt, oft weg. Die Links in diesem Beitrag und am Ende führen zu passenden Beiträgen von BIPoCs, die ich versuche in einen historischen und kulturellen Kontext einzuordnen, der besonders das westliche Bild von Weiblichkeit kritisiert und offenlegt.


Wie die (westliche) Gesellschaft Weiblichkeit definiert ist seit etwa einem Jahrzehnt im Wandel. Jahrhundertealte Muster werden aufgebrochen und das ist etwas Gutes. Dabei wird oft von weißen cis Frauen darüber gesprochen, wie sie diese Ideale wahrnehmen – die Resonanz eines weißen westlichen Ideals in der weißen westlichen Welt wird in den Mittelpunkt gerückt. Das Problem ist, dass (wie auch bei umgekehrtem Rassismus oder Sexismus gegen cis Männer) die im Zentrum stehen, die eigentlich die Wurzel des Problems bilden. Weiße cis Frauen sind das, woran Ideale seit der Antike festgemacht werden. Wenn nur sie darüber sprechen (dürfen) wird ein Bild gezeichnet, in dem nicht nur BIPoCs, sondern auch trans Frauen und nichtbinäre Menschen, sowie inter Menschen und die restliche LGBQA*-Community fehlen.

Das soll nicht heißen, dass weiße cis Frauen nicht trotzdem negative Auswirkungen dieser Ideale erleben. Aber normschöne, weiblich gelesene, weiße, gebährfähige hetero-cis-allo Frauen stehen im Fokus, obschon sie nur die Oberfläche dieser Auswirkungen spüren.

Weiblichkeitsideale in der westlichen Geschichte

Um diese Problematik näher untersuchen zu können, muss man einen Blick auf die Ursprünge der westlichen Ideale werfen. ‚Unser‘ Bild von Frauen und Weiblichkeit kommt – wie so vieles in der westlichen Kultur – aus der Antike. In der griechischen Mythologie steht Weiblichkeit für Weichheit, Intelligenz und nur in seltenen Fällen für Stärke. Die weiblichen Figuren der Mythen wählen den Freitod, verwandeln sich in leblose Objekte, nehmen ihr Schicksal an oder verschwinden einfach, wenn sie nicht mehr wichtig für die Handlung sind. Einzelne Frauenfiguren wie die Göttin Artemis stehen zwar für ‚männlich‘ konnotierte Dinge wie die Jagd, sind dabei jedoch oft grausam in den Geschichten und werden (zumindest äußerlich) als grobschlächtig, muskulös und eben ’nicht weiblich‘ beschrieben. Hera, Athene, Gaia und Aphrodite stellen die Frauenfiguren da, die man als ‚ideal‘ sieht: Heimelig, weise, warm, vergebend, wunderschön und doch – werden sie betrogen, so sind sie Monster. Hera und Athene sind beide dafür bekannt die Frau, mit der sie betrogen wurden, grausam zu bestrafen, statt den Mann dafür verantwortlich zu machen. Verführung wird der Weiblichkeit zugesprochen und dementsprechend liegen die Konsequenzen. Dies ist nicht nur in der hellenistischen Antike der Fall. Im christlichen Glauben wird daraus die Geschichte von Eva und Adam, bei der die Frau den Mann dazu verführt den Apfel zu nehmen. Im Jüdischen gibt es Lilith, die nicht nur im Osten, sondern auch in der westlichen Welt als verführerischer Dämon bekannt wurde. Auch im alten Ägypten, der nordischen Mythologie, bei den Römern und in anderen germanischen Völkern gibt es dieses Bild der Weiblichkeit.

Die Vorstellung, dass gerade im Norden die Frauen als stark und gleichwertig gesehen wurden, ist ein netter ‚Funfact‘, der besonders in feministischen Diskussionen gerne zur Sprache gebracht wird. Tatsächlich gab es dort Kriegerinnen und die überzogenen weiblichen Stereotype, wie wir sie mit Griechenland verknüpfen, treffen weniger offensichtlich zu. Aber dies wird davon überschattet, dass es nirgendwo eine (protowestliche) Kultur gab, in der der weibliche Part nicht immer der weichen Mutterrolle entspricht und die zugeschriebene Intelligenz entweder einsetzt, um ihrer Familie zu helfen oder Männer zu verführen und grausige Rachepläne zu verfolgen. Weiblichkeit ist seit Jahrtausenden mit festen Rollenbildern verknüpft, die nur in wenigen Fällen, die oft interessante Geschichtsanekdoten abgeben, ausgehebelt wurden.


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La Folie, Wladislaw Podkowinski (1894)


Kolonialismus, Blackfishing, Sklaverei – die düstere Seite moderner Frauenideale

Es hat seine Gründe, warum die eigentlich westlichen Ideale in der ganzen Welt zu finden sind. Zahlreiche Europäer*innen der letzten Jahrhunderte verbrachten ihr Leben damit, die Ideale, die sich für ‚zivilisiert‘ hielten, auf dem ganzen Globus zu verteilen. Die Konsequenzen sind düster, denn gerade in Bereichen der Welt, in der weiße Menschen die Minderheit darstellen, sind Weiblichkeitsideale, die auf heller Haut und westlichen Schönheitsidealen basieren, tödlich. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kontroverse skin bleaching treatments (Behandlungen um den Hautton permanent zu ändern) sind bis heute im Trend und vergiften besonders Frauen auf täglicher Basis, wie eine Untersuchung von Refinery29 zeigt. In großen Teilen Süd-Ost-Asiens sind die Chancen auf ein besseres Leben, einen guten Job und mehr Gehalt größer, wenn die Haut heller ist. Dabei geht es nicht zwingend darum europäisch auszusehen. Der internalisierte Hass auf dunkle Haut ist ein Überbleibsel des Kolonialismus, der in seinen Grundzügen ganze Gesellschaften permanent vergiftet hat.

Wie eine Frau heute auszusehen hat, ist in großen Teilen der Welt von der westlichen Sicht beeinflusst und das bedeutet Heteronormativität, radikale Einteilung von Menschen und ihrer Kleidung nach Geschlechterstereotypen, dünne, kleine Körper ohne viele Muskeln, lange, glatte Haare, helle Augen und helle Haut.

Es ist schwer dieses Bild wirklich anzuerkennen, wenn man sich in westlichen Ländern umsieht. Denn in diesen Teilen der Welt ist das Ideal nicht zwingend aktuell. Hier tragen weiße Menschen Dreads und Bindis und Braids – kulturelle Symbole, die lange dafür sorgten, dass ganzen Kulturen ihre Menschlichkeit und Weiblichkeit abgesprochen wurde. Gerade in der afroamerikanischen Kultur waren diese nun modischen Merkmale lange ein Anzeichen dafür, dass man rebelliert. Statt sich anzupassen, nahmen Frauen aus diesen Kulturkreisen nicht die Zeit und das Geld in die Hand, um möglichst ‚konform‘ auszusehen, sondern trugen ihre ‚provokanten‘ Haare und ihr Kulturerbe mit Stolz.

Die Tatsache, dass weiße Menschen diese spezifischen Kulturmarker nun nehmen, sich zu eigen machen und profitieren ist ein Problem bekannt als cultural appropriation (Kulturelle Aneignung) und verdient seinen eigenen Artikel von einer Person, die davon aktiv betroffen ist. Hier geht es darum, was dieses Phänomen mit dem Weiblichkeitsideal im Westen macht. Die weiße Popkultur stiehlt seit Jahrzehnten von der schwarzen, us-amerikanischen Kultur – sei es nun R&B, Rap, Gospel, Blues, Jazz oder Rock and roll, aber auch andere, bildende und literarische Kunst ist betroffen, sowie die Film-, Tattoo-, Haar- und Essenskultur. Es handelt sich nicht zwingend um einen Austausch, sondern um ein gezieltes Assimilieren von afroamerikanischen Errungenschaften durch die weiße westliche Kultur. Dieser Prozess kam vor einigen Jahren nun auch bei dem weiblichen Körper an und an dieser Stelle kommen wir zurück zum Kernpunkt dieses Artikels: Weiblichkeit ist jetzt ‚exotisch‘.

Weiße Frauen und weiblich Gelesene (aber besonders cis Frauen) definieren ihre (äußere) Weiblichkeit nun durch Kurven, große Lippen, dunkle Haut, krauses Haar und einen gewissen Slang, den sie als typisch afroamerikanisch kennenlernten und der ihrer Stimme etwas tiefes, ‚exotisches‘ geben soll. Diese Exotisierung von BIWoCs, die man bei Ariana Grande und den Kardashians besonders gut beobachten kann, führt dazu, dass immer mehr junge weiße Frauen diesem Beispiel folgen. Die eigentlich weißen Frauen in der Popkultur sammeln eine breitere Fanbase, da sie in ihrem neuen Look nun eher von BIPoCs unterstützt werden und stilisieren sich gleichsam als sexuell und ‚wild‘.

Es ist nun sexy so auszusehen, als wäre man mixed race, latinx oder lightskin black – alles Identifikationsmarker, die weiße Frauen von ihrem nun negativen Bild als ‚einfach weiß‘ zu etwas Besonderem machen. Und dies ohne wirklich die Konsequenzen zu spüren. Ariana Grande kann in ihrem 7 Rings Video so tun, als wäre sie schwarz und am Ende des Tages wäscht sie den Selbstbräuner ab und ist wieder das nette, weiße Mädchen von nebenan. Entschuldigt wird dies oft dadurch, dass man sagt, sie wäre Südländerin, wie etwa aus Italien – eine Ausrede die nicht zieht, wenn man sich an die europäischen Ideale aus eben diesen Bereichen der Welt erinnert, die seit der Antike unser Bild von Weiblichkeit definieren. Frauen wie Ariana Grande wachen nicht eines Tages auf und haben dunklere Haut – sie treffen eine Geschäftsentscheidung.

Auch (Instagram-)Model springen auf diesen Zug auf und profitieren mit einer Hautfarbe, die nicht ihre ist und die nicht nur jahrhundertelang unterdrückt und entweiblicht wurde, sondern bis heute negative Auswirkungen mit sich bringt. Die Verschiebung von dem Ideal der Weiblichkeit hin zu einer sexy hellhäutigen WoC ist kein Zufall und auch gar nicht so ideal, wie man jetzt vielleicht denkt.

Zunächst zu der Geschichte dieses Ideals. Blackfishing, wie das oben definierte Verhalten genannt wird, kommt aus einer dunklen Ecke der Geschichte: der Sklaverei. Selten wird von weiblicher Sklaverei gesprochen, dabei war sie ein sehr großer Teil des Ganzen. Sklavinnen arbeiteten oft im Haus und dienten den weißen Menschen direkt. Die hellhäutigen Kinder, die die Sklavinnen bald darauf hatten, waren ein direktes Anzeichen dafür, dass die weißen Männer nicht treu waren und wurden dementsprechend von weißen Frauen gestraft und gehasst. Später wurden gezielt diese hellhäutigen Frauen in den Hausdienst eingeteilt, um diese ‚Schande‘ zu verdecken. Sexualisierte Gewalt an schwarzen Frauen brachte hellhäutige schwarze Frauen in die Welt, die gezielt sexualisiert wurden. [In Australien wurden Frauen mit dunkler Haut mit weißen Männern verheiratet, um die Hautfarbe der Kinder zu erhellen und auch in Südafrika und Indien gibt es ähnliche Geschichten.] Aber die Sexualisierung stoppte nicht, als Sklaverei endlich endete. Schwarze Frauen, besonders die mit hellerer Haut, werden in den Medien bis heute verstärkt sexualisiert dargestellt und erleben weitaus mehr sexualisierte Gewalt als andere Gruppen. Basierend auf einem fürchterlichen Exotismus, der sie als sexuell offen darstellt, weil sie ja dunklere Haut haben und damit nicht die braven, netten Ideale treffen, die wir in der Antike für weiße Frauen festsetzten. Sich heute fälschlich als mixed race zu präsentieren, um sich als sexuell, wild und offen für alles zu zeigen, schafft weißen Frauen ein Alter Ego, in dem sie für ein paar Stunden am Tag zu sexuellen Objekten werden können, die nichts anderes, als ein Stereotyp von hellhäutigen schwarzen Frauen sind. Für Frauen, die tatsächlich diesen Hautton haben, endet die Farce jedoch nicht, sie bleiben ein sexuelles Objekt für den Rest ihres Lebens. Weiße Frauen können im Zweifelsfall wieder zu netten, unschuldigen Frauen werden, um der Sexualisierung zu entgehen. Moderne Weiblichkeitsideale im Westen sorgen dafür, dass endlos viele Frauen mit dunkler Haut zum sexuellen Objekt erklärt werden.

Am Ende des Tages ist diese Sexualisierung nicht nur gefährlich, sondern beeinflusst unser Ideal weniger, als wir oft glauben. Denn nicht genug, dass in weiten Teilen der Welt die europäischen Ideale der letzten Jahrhunderte noch immer aktiv sind, nein, auch hier hat sich das eigentlich nicht geändert. Klar ist es jetzt gerade ’sexy‘ und ‚im Trend‘ leicht dunklere Haut zu haben – aber nur als visueller Reiz in den Medien. Die, die noch immer bevorzugt werden, sind die weißen cis Frauen, die sich nicht ‚exotisch‘ oder ‚ghetto‘ geben, sondern das Privileg haben diese Marker aktiv zu wählen und auch wieder abzulegen.

Wir berauben schwarze Frauen also ihrer Identität, stilisieren sie als Sexobjekte, verdienen daran und am Ende sind wir trotzdem weiterhin das Ideal. Verführung wird seit der Antike der Weiblichkeit zugesprochen und die Konsequenzen für Betrug und sexualisierte Gewalt lagen deshalb früher bei Frauen allgemein, nun liegen sie besonders bei BIWoCs, da weiße Frauen seit dem 18. Jahrhundert als unschuldig und rein gesehen werden.


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Ogo


Die Frau in den Medien – eine konstruierte Identität

In der neueren Geschichte ist die weiße cis Frau eine irrationale Gestalt, deren Intelligenz eine emotionale Natur hat und die für alle ‚richtigen‘ Entscheidungen die Hilfe eines Mannes benötigt. Diese Ansicht wurde lange medizinisch mit der Hysterie bestärkt und auch Menstruation spielt eine Rolle in der Unterdrückung der Weiblichkeit in der Gesellschaft. Aber, und diesen Fakt darf man nicht vergessen, es sind nicht nur Männer, die diese Rollenbilder lebten und verbreiteten. So hart das Leben als weiße cis Frau auch war – alle anderen Frauen wurden ihrer Identität beraubt, um ihr Leben noch schlechter zu gestalten. Liebe, nette, treue, junge, weiße cis Frauen, die im Idealfall  auch noch gläubige Mütter waren, rückten sich in den Mittelpunkt der Weiblichkeit – alle die nicht in diese Sparte passten, wurden ihrer Weiblichkeit und damit ihrer Identität beraubt.

Schließlich traf es auch weiße queere, dicke und alte Frauen. Sie waren theoretisch Teil des eurozentrische Ideals und deshalb für eine lange Zeit schwerer zu entweiblichen als Frauen, die automatisch aufgrund ihrer Hautfarbe entfremdet wurden. Die sozialen Gepflogenheiten mussten neu angepasst werden, um sie gezielt auszuschließen. Hollywood spielte darin eine entscheidende Rolle. Dank Massenmedien war es plötzlich sehr leicht ein neues Ideal zu schaffen, was nicht nur auf weiße cis Frauen zugeschnitten war, sondern auf weiße cis Frauen die genau so aussehen und sich verhalten, wie man es von ihnen verlangte. Alte Frauen wurden aus den visuellen Medien verbannt, dicken Frauen wurde anhand von 1000 Telecommercials für Abnehmpillen und Home-Workout-Tapes gezeigt, was man von ihnen hielt, queere Frauen als Menschen, die eigentlich Männer sein wollen, stilisiert. Es traf diese Frauen spät, aber es traf sie.

Die bereits zuvor stark artifizielle Natur der Identität weißer Frauen wurde durch das neue Zeitalter weiter zugeschnitten. Es wurde schwerer und schwerer in den Typus zu passen und so begannen auch weiße cis Frauen zu verstehen, wie toxisch diese Ideale sind.


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Woman in front of mirror, Clementina Maude (ca. 1860)


Internalisierte Misogynie, Heteronormativität und Opferrollen

Man sollte meinen, dass nun, da auch weißen Frauen ihre Weiblichkeit abgesprochen wird, alle zusammenkommen würden, um das Ideal ein für alle Mal abzuschaffen. Dem ist nicht so. Rassismus und LGBTQA*-Feindlichkeit werden von weißen cis Frauen weiterhin systematisch genutzt, um sich über andere Frauen zu stellen. Die Opferrolle der weißen cis Frau dominiert die Medien bei jeder Diskussion über Weiblichkeit.

Und ja, es gibt Wege, wie weißen cis Frauen ihre Weiblichkeit abgesprochen werden kann. Aber die, die sprechen, sind fast immer normschön, weiblich gelesen, gebildet, haben lange Haare, einen funktionierenden Uterus, oft sogar Kinder und sind in einer heteronormativen Beziehung. Das, was sie als Raub ihrer Weiblichkeit sehen, sind lediglich Kommentare. Diese definieren manche Frauen als weniger weiblich, weil sie den Stereotypen nicht entsprechen und tun natürlich weh und schaden unserem Bild von Weiblichkeit. Aber weiße cis Frauen sind dennoch das Ideal. Wenn es uns schon so geht, wie geht es dann wohl den Frauen, die wir aktiv in den Hintergrund drängen, um unser Leidensnarrativ zu bestärken?

Leider haben weiße (cis) Frauen dann auch noch den Reflex, direkt in die internalisierte Misogynie zu fallen. Wenn (cis) Männer uns die Weiblichkeit absprechen, ist es besonders bei Jugendlichen eine automatische Reaktion, alles weiblich Konnotierte abzuwerten. Ich war auch mal ein ‚Gamergirl‘ und habe stereotypisch-weiblichere Frauen niedergemacht, damit man mir sagt, dass ich nicht so wie andere Frauen bin. Sondern besser, ‚chill‘ eben und nicht so viel Drama. Wir kennen alle diese Sprüche und das ist nicht die Lösung.

Frauen und weiblich Gelesene, die sich an diesem ‚Kampf‘ beteiligen wollen, müssen mehr aufeinander hören und gemeinsam an einem Strang ziehen. Dazu gehört auch, als weiße cis Frau, die alle (oder viele) Marker der Weiblichkeitsideale trifft, einfach mal leise zu sein. Weiße cis Frauen, egal ob dick oder dünn, jung oder alt, hetero oder nicht müssen realisieren, dass wir nicht der Mittelpunkt dieses Problems sind. Wir sind zu großen Teilen immer noch das Ideal und unsere Probleme sind real, aber nur ein Bruchteil von allem, was seit Jahrhunderten in diesem Sektor passiert. Wir haben diese Spaltung lange aktiv angetrieben und tun es noch heute, wie die weißen cis Frauen in der us-amerikanischen Politik, die es für arme (oft schwarze) Menschen mit Uterus schwerer machen, sicheren Zugang zu Abtreibungen zu erhalten.

Wir sind das Ideal, haben es mit aufgebaut und doch sind wir die, die öffentlich dazu sprechen und uns oft als reine Opfer darstellen. Wenn wir so weitermachen, wird diese Diskussion nie wirklich etwas verändern.


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Große Neeberger Figur, Wieland Förster (1971)

(Foto von Ben Kaden (2017))


Weitere Links

Über die Karikatur der schwarzen Frau (engl./Video)

Zu kulturellem Diebstahl in der weißen, westlichen Kultur (engl./Podcast)

Eine Buchdiskussion zum Thema Musikdiebstahl (engl)

Ein Videoessay zu Ariana Grande und den Kardashians (engl./Video)

Ein Videoessay über Blackfishing (engl./Video)

Ein Artikel über Blackfishing (deutsch)

 

Sexuelle Gewalt im Mediengedächtnis

 

Tragische Vorgeschichten (1)

Sexuelle Gewalt im Mediengedächtnis und als tragische Vorgeschichte


TW: Sexuelle Gewalt, Cissexismus, Sexismus, Bild eines abgetrennten Medusakopfes, Bilder, die sexuell anzüglich sind, historische Darstellungen von sexueller Gewalt.


Dieser Blogtext wird euch kostenfrei zur Verfügung gestellt, falls ihr mich und meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das hier: Paypal.


Disclaimer: In diesem Artikel ist von (nicht zwingend cis) weiblichen und männlichen Opfern/Täter*innen die Rede, da nicht binären Menschen und die generelle LGBTQA+ Community ein besonderes Verhältnis zu sexueller Gewalt haben, dass zu tief geht, um es gebührend einzubringen. Am Ende des Beitrags wird ein Artikel zum Thema verlinkt.


Eine gut geplante Hintergrundgeschichte ist ausschlaggebend, um Figuren in Büchern, Serien, Filmen und anderen Medien mehr Leben einzuhauchen. Ohne sie wirkt alles platt und lieblos entworfen. Dabei spielt die tragische Vorgeschichte eine wichtige Rolle, besonders, wenn es um Frauen geht. In diesem Beitrag werden die Fragen beantwortet, warum sexuelle Gewalt dazu oft als billiges Stilmittel genutzt wird und woher die Faszination an „der leidenden Frau“ kommt. Er stellt den persönlichen, medienbasierten Versuch einer Analyse des Stilmittels dar und ist dementsprechend als reiner Meinungsartikel zu lesen.


Das Bild der leidenden Frau

In den Medien sind wir von der Manifestation sexueller Gewalt umzingelt: dem Bild der leidenden Frau. Sie ist überall. In manchen Fällen scheint es, als wäre das Leiden die einzige Aufgabe der Frau. Dabei muss man sich als Rezipient*in und Produzent*in klar machen, was da als Stilmittel verwendet wird: nämlich die Geschichten realer Opfer.

Es ist leicht, in die Fußstapfen von Medienproduzent*innen zu steigen, die sexuelle Gewalt als simples Mittel zur Definition einer mittlerweile klassischen Frauenrolle nutzten. So geht die Faszination an leidenden Frauen im 21. Jahrhundert in die nächste Runde. Ein Fetischrelikt aus der Zeit, in der nur Männer die Filme drehten und (Dreh)Bücher schrieben, der Zeit des male gaze. Anders als diese Männer starb die mediale Aufregung um sexuelle Gewalt jedoch nicht in den 90ern an Alkoholkonsum und Kokain.

Heute finden sich in jeder Krimiserie ermordete Frauen und wenn Figuren eine Hintergrundgeschichte brauchen, die tragisch und abschreckend sein soll, greifen Autor*innen automatisch zur sexuellen Gewalt. Kaum etwas ist im medialen Gedächtnis so stark verankert, wie Vergewaltigungsdarstellungen. Dass uns das noch immer beschäftigt, zeigte sich 2018 an der Kontroverse um die sogenannte „Butterszene“ aus Der letzte Tango in Paris. Die Rollenverteilung ist klar: Die hilflose Frau wird vom Bösewicht erobert, der zwar generell „negativ“ dargestellt wird, aber halt doch irgendwie ein cooler Stecher und badass ist. Die Schauspielerin wird von der Szene überrascht für eine „bessere Reaktion“. Hierbei wird die Frage danach, was Kunst darf, über das Leben einer Frau gestellt. Sie stellt die Rolle der leidenden Frau nicht nur dar, sondern wird zu ihr, verschmilzt mit ihr, um die Kunst realer zu machen.

Wir schaffen es bis heute nicht, moralische Grenzen zu setzen, wenn es um das Leiden der Frauen geht. Die tote Prostituierte in Criminal Minds hat es halt doch ein bisschen verdient, wenn der Täter schwarz ist, hat man schon die ganze Zeit geahnt, dass er das war, der hämische Polizist, der dem Opfer nicht glaubt, ist eben noch vom alten Schlag und wenn die Figur des Vergewaltigenden nicht männlich, generell angsteinflößend und böse ist, gibt es dutzende Ausreden und Verteidigungen. Aus einer Straftat wird eine Kontroverse. Wie sympathisch darf ein*r Täter*in sein? Wie weit vom Stereotyp entfernt man sich? Was darf man darstellen und wie?

Wenn es dann auch mal um das Trauma von Männern geht, die missbraucht werden, landen wir bei Büchern/Filmen wie 50 Shades of Grey, in denen die männliche Hauptfigur seine Vergangenheit versteckt, sich schämt und permanent „es gefiel ihm ja irgendwie doch“ im Hintergrund mitschwingt. Zudem wird es als Ausrede für sein Fehlverhalten (Stalking, sexuelle Gewalt, Kontrolle einer Frau) gebraucht. Männer dürfen nicht leiden, Frauen müssen es.


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James Sant, Contemplation


Westliche Geschichte als Vorbild

Diese Darstellungen kommen nicht (nur) aus der Zeit, in der jeder zweite mediokre cis Mann mit einer Kamera tragische Filme über leidende Frauen drehte. Das Medienphänomen der sexuellen Gewalt ist so alt wie die (westliche) Kultur. Das Paradebeispiel für grausige Geschichten, mehr Vergewaltigungen, als man zählen kann (und möchte) und dem typischen Bild der leidenden, schwachen Frau ist die (griechische/westliche) Mythologie. Damit findet sie sich in Erzählungen überall um uns herum.

Wie etwa in der Geschichte hinter dem Sprichwort „mit Argusaugen beobachten“. In der Mythologie wird eine junge Frau namens Io von Zeus bedrängt und vergewaltigt. Hera verwandelt sie zur Strafe in eine Kuh, die dann von dem Riesen Argus bewacht wird. Auch der Raub der Europa ist eine Geschichte über sexuelle Gewalt, die uns tagtäglich begleitet und die Erzählungen um den Gott Pan sind schlichtweg grauenvoll. Unser Kulturgut ist voller sexueller Gewalt. Ist es da ein Wunder, dass sie uns bis heute in allen Medien begleitet?

Medusas Geschichte ist der Prototyp der tragischen Hintergrundgeschichte; inklusive sexueller Gewalt, Rache der Gattin des Täters (was die Frage nach dem Ursprung internalisierter Misogynie weckt) und Distanzierung zwischen Tat und Opfer. Durch die Mythisierung des Gewaltakts wird dieser zur reinen Gräueltat und das Opfer wird in den Hintergrund geschoben. Er dient zur bloßen Abschreckung, statt zur Reflexion. Moralische Linien werden zugunsten einer gut zu erzählenden Geschichte verbogen.

Das begegnet uns auch im Mittelalter wieder. Dort wurde sexuelle Gewalt so stilisiert, dass die Menschen bis heute historische Korrektheit schreien, um in ihren Mittelalterromanen, Filmen, Serien und Spielen möglichst viele Vergewaltigungen einzubauen. Auch hier natürlich nur an Frauen. Denn die Realität ist nicht das, an was wir uns erinnern. Wir haben nur die Darstellungen seit der Antike vor Augen; die Männer als Täter und Frauen als Opfer. In diesen Medien wird nicht nur die Perspektive der männlichen Opfer komplett ausgeklammert, auch die weiblichen kommen nicht zu Wort. Denn die, die Sprechen, sind nie Opfer. Man sieht die leidenden Frauen immer passiv. Ihr Leiden und ihre Reaktion wird von Menschen nacherzählt, die keine Ahnung haben, wie es wirklich war.

Es ist fester Bestandteil unserer Kultur, unseres Mediengedächtnisses und unseres Alltags, dass sexuelle Gewalt etwas „Normales“, ja fast „Natürliches“ ist, das festen Regeln folgt. Die leidende Frau ist also mehr als nur ein Stilmittel, sie ist allgegenwärtige Realität, die tief in unserem Verständnis von (westlicher) Geschichte und Literatur verankert ist. Das fällt zu Teilen in das, was man rape culture nennt. Wir werden mit diesem Wissen sozialisiert und nutzen es, um sexuelle Gewalt zu rechtfertigen, kleinzureden – und sie uns anzueignen.


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o. A., Head of Medusa


Das Problem mit tragischen Vorgeschichten

Diese Aneignung ist es, die tragische Vorgeschichten, die aus sexueller Gewalt bestehen, schwierig macht. Wir sind so umgeben von dieser Art der Gewalt, dass es leicht fällt zu ignorieren, dass es tatsächliche Betroffene gibt, deren Erfahrungen man sich zu eigen macht. Deren Geschichten sind es, die als dramatisches Stilmittel genutzt werden. Das ist etwas, was sich niemand anmaßen darf. Aber wir sind daran gewöhnt, weil wir in unserem Kulturgut nie etwas anderes kennenlernten.

Nichtbetroffenen steht es nicht zu, zu raten, wie jemand wohl reagiert und dann davon ausgehend ihre Protagonist*innen als „stark“ oder „schwach“ zu betiteln. Dazu ist das Thema zu divers und zu real. Es gibt nicht eine Art von Opfern/Überlebenden. Das Leiden vor die Person zu stellen, reale Opfer damit zu stigmatisieren und sich daran selbst zu bereichern (oder es zu nutzen, um sich als kontrovers darzustellen) ist nicht akzeptabel.

Trigger und falsch dargestelltes Trauma sind kein Witz/simples Stilmittel. Wir führen die Tradition der leidenden Frauen weiter, statt sie endlich aus unserem Mediengedächtnis zu streichen. Frauen brauchen immer eine tragische Hintergrundgeschichte und wenn man sie schreibt, dann das volle Programm. Inklusive bösen Träumen, Konfrontation mit dem (natürlich cis männlichen) Täter und unrealistischen Therapiesitzungen. Am Ende kann die Frau endlich wieder vertrauen, weil sie den einen Mann gefunden hat, der sie all ihr Trauma vergessen lässt. So funktioniert das im echten Leben nicht und Menschen, die diese Themen unreflektiert behandeln, müssen endlich Konsequenzen sehen.

Wir haben als Gesellschaft eine Verantwortung, uns darauf zu einigen, wo wir moralische Grenzen setzen und wo wir die Diskussionen und Kontroversen beiseitelegen, um im Konsens zu sagen: Das geht zu weit. Keine lange Medienausschlachtung, die das Buch/den Film/die Serie noch bekannter macht. Ein kollektives Im-Keim-Ersticken der Werke, die es 2019 noch immer nicht begriffen haben. Dazu gehören bekannte Titel wie 50 Shades of Grey und Kingdom Come: Deliverance, aber auch Indietitel, Bücher von Selfpublishern und underdog Netflixserien.


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Peter Paul Rubens, The Rape of Proserpina


Klischees und sexuelle Symbolik

Das Problem an Szenen, die sexuelle Gewalt zeigen, ist oft ihre Umsetzung und der Grund, warum sie existieren. Sexuell aufgeladene Waffen wie das Messer werden genutzt, ohne das man sich der Bedeutung bewusst ist.


[Messer sind eine sexuell aufgeladene Waffe, da sie den Akt des Eindringens symbolisieren. Dies wird so oft in Darstellungen von sexuellem Sadismus genutzt, dass viele die Assoziation zwischen sexueller Gewalt und Messern haben, ohne zu verstehen, woher sie kommt. Die wenigsten Vergewaltigungen geschehen jedoch aus sexuellem Sadismus heraus, was die Verknüpfung der generellen Tat mit dem Messer problematisch macht. Meistens wird sexuelle Gewalt von psychologischer und verbaler Gewalt begleitet, nicht von physischer. Das Problem hierbei ist also, dass Menschen Waffen und sexuelle Gewalt so sehr miteinander verbinden, dass es ihnen schwer fällt, Opfern, die nicht von einer Waffe bedroht wurden, zu glauben.]


Die sexuelle Gewalt wird eingebaut, weil man ein Schockelement braucht. Dabei machen sich die wenigstens bewusst, dass es mehr als nur das ist. Weitere Probleme, die es in der Darstellung von sexueller Gewalt gibt:

  • Victim blaming (besonders bei Sexarbeiter*innen).
  • „Klassische“ Geschlechterrollen und eine binäre Sichtweise.
  • Das Aufkommen des Traumas nur dann, wenn es für den Plot passend ist.
  • Die Bezeichnung einer Vergewaltigung als „harter/unfreiwilliger Sex“. (Eine Vergewaltigung ist kein Sex, sondern ein Gewaltakt!)
  • Das Ausblenden der Tatsache, dass Täter*innen zumeist nahe Bekannte oder sogar Familienmitglieder sind, die man nur schwer als solche wahrnehmen kann/will.
  • Das Niedermachen männlicher Opfer (z. B. durch Seifen- und Gefängniswitze).
  • Die Darstellung von Trauma, wie man es sich als Außenstehende vorstellt, statt wie es tatsächlich ist.
  • Das Weglassen der Machtstrukturen, die hinter sexueller Gewalt stehen. (Diese ist immer ein Machtakt, nie ein Sexakt. Es geht nicht um die Erfüllung sexueller Bedürfnisse, sondern um das Stärken von Machtpositionen. Ausnahmen sind extrem selten und bedeutet viel Recherche über die psychologischen Auslöser.)

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Nikko Russano, The Male Gaze


Warum sexuelle Gewalt?

Die Frage, die man sich als Autor*in oder Medienproduzent*in immer stellen sollte ist: Warum muss hier eine Vergewaltigung hin?

Das Thema an sich kann gut und mit Mehrwert vermittelt werden. Aber sexuelle Gewalt, insbesondere Gewalt an Frauen, wird in fast jedem Medium gezeigt und ausgeschlachtet. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem es unmöglich ist, den Fernseher anzumachen oder ein Buch aufzuschlagen, ohne auf sexuelle Gewalt oder den Mord an einer Frau zu treffen. Dabei sind diese Vorkommnisse im echten Leben bereits zu real, zu viel und zu belastend. Es ist ein unfassbarer Druck, immer und überall mit toten oder geschändeten Frauen konfrontiert zu werden. Die Rechtfertigung, dass jemand eine Hintergrundgeschichte brauchte, wirkt wie ein schlechter Scherz. Denn besonders für die LGBTQA+ Community, Sexarbeiter*innen, Opfer jeden Geschlechts und Angehörige ist es kein lapidares Thema, was man als Hintergrundgeschichte verkleiden kann, sondern ein grausiger Alltag aus den Nachrichten und dem Freundeskreis.

Ohne triftigen Grund, gute Recherche und sensiblen Schreibstil sollte man nicht noch ein Medium liefern, in dem jemand vergewaltigt wird. Das braucht weder die Film- und Serienlandschaft, noch die Buchwelt. Die Realität der Opfer ist kein Stoff, aus dem Nichtbetroffene sich eine tragische Vorgeschichte für ihre Figuren erdichten können. Das ist einfach respektlos und zeugt von schlechtem Stil.


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o. A., Perithoos Hippodameia


Fazit

Sexuelle Gewalt steckt in der (westlichen) Kultur, Geschichte und Medienlandschaft. Wir alle werden mit Stereotypen und problematischem Grundwissen sozialisiert und wachsen in der Annahme auf, dass sexuelle Gewalt normal ist, dazu gehört und dass es immer irgendjemanden treffen muss; dass es Vermeidbar ist, in dem man gewissen Regeln folgt. Dabei ist sexuelle Gewalt nicht nur eine Tat von Fremden und die Lösung ist nicht, einen Rock anzuziehen, der länger ist, als der der Frau neben uns, damit es sie trifft und nicht uns.

Unser Mediengedächtnis ist so voll von Variationen der leidenden Frau, dass es uns natürlich erscheint, als Nichtbetroffene über sexuelle Gewalt zu schreiben. Weil man das Gefühl hat, man wüsste, wie das ist; weil es ja „allgemeines Wissen“ ist. Immerhin gibt es überall Darstellungen davon. Die moralischen Grenzen sind so schwammig gesetzt, dass es als Kontroverse gilt, wenn jemand, der in Serien/Filmen/Büchern unschuldig wäre, als Täter*in dasteht. Kann man dem Opfer glauben, wo uns doch jahrtausendelang eingetrichtert wurde, wie sexuelle Gewalt, ihre Opfer und die Täter*innen auszusehen haben?

Es wird Zeit uns davon loszusagen, was in den Medien als Realität gezeigt wird. Die Aneignung von Erfahrungen ist nicht akzeptabel, um eine „interessante“ und „grausige“ Hintergrundgeschichte zu erfinden. Ebenso, wie es nicht akzeptabel ist, die vom male gaze der Filme des 20. Jahrhunderts und den Mythen und Geschichten der (westlichen) Kultur geprägten Bilder über sexuelle Gewalt und leidende Frauen weiterhin bedingungslos zu verbreiten.


Weiterführende Literatur

Vergewaltigung als TV-Trope (Englisch)

Der Medusamythos und weibliche Wut (Englisch)

Über das Phänomen des „literary rape“ (Englisch)

Klischees in der Darstellung von sexueller Gewalt (Englisch)

Sexuelle Gewalt und die LGBTQA+ Community (Englisch)

Mythen über sexuelle Gewalt (Englisch)

3. Die (Nach)Kriegszeit: Kritik an Gesellschaft ist Kritik an der Zeit?

Die (Nach)Kriegszeit_ Kritik an Gesellschaft ist Kritik an der Zeit_

Die (Nach)Kriegszeit: Kritik an Gesellschaft ist Kritik an der Zeit?


Hallo und herzlich willkommen im Büchnerwald! Heute kommt der dritte Beitrag zur Blogreihe über Volksstücke. Eine Übersicht zur Reihe findet ihr hier.


Brecht und die Gesellschaftskritik

Heute geht es um das Konzept von Kritik und Verarbeitung im Volksstück. Dafür drehen wir heute den Spieß um und fangen direkt mit dem Beispiel an. Da die letzten beiden Stücke älter waren und ich mich gegen eine chronologische Betrachtung entschieden habe, springen wir außerdem zeitlich ein ganzes Stück zu Bertolt Brecht. Wer an Brecht, Kritik und das Volksstück denkt, dem kommt sicherlich direkt die Dreigroschenoper (1928, Bertolt Brecht und Elisabeth Hauptmann) in den Sinn. Und genau deshalb möchte ich heute ein wesentlich unbekannteres Stück mit euch anschauen. Einfach, um mit dem Kanon zu brechen.

Brecht lebte Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts und ist (trotz seiner moralischen Schwächen) einer der wichtigsten Autoren unserer Zeit. Ursprünglich distanzierte Brecht sich vom Volksstück und widmete sich dem epischen Theater, kehrte im Exil jedoch zurück zum Volksstück. 1940, ein Jahr bevor seine Einreise in die USA bewilligt wurde, lebte er in Stockholm und verbrachte den Sommer in Finnland, wo er Herr Puntila und sein Knecht Matti schrieb. Das Stück wurde acht Jahre später in Zürich uraufgeführt.

Herr Puntila und sein Knecht Matti

Der finnischer Gutsbesitzer namens Puntila ist ein brutaler Ausbeuter seiner Arbeiter, doch sobald er trinkt, wird er zum Menschenfreund. Seine Tochter Eva verspricht er im nüchternen Zustand einem Aristokraten (findet sie eher ungut), betrunken aber seinem Chauffeur Matti. Auch verlobt er sich selbst im trunkenen Zustand mit der Schmuggleremma, einem Apothekerfräulein, einem Kuhmädchen und einer Telefonistin – die vier tauchen tagsüber auf und werden vom nüchternen Puntila fortgejagt.

Seine Tochter mag den Mann, mit dem Puntila sie nüchtern verlobt hat, findet ihn aber unpassend als Ehemann und versucht allerlei, um die Verlobung platzen zu lassen. Sie täuscht eine Affäre mit Matti vor und erzählt ihrem Zukünftigen, sie hätte sich mit Matti in einer Badehütte vergnügt. Matti sagt dem eigentlichen Verlobten von ihr aber, sie hätten nur Karten gespielt, was dieser glaubt. Alle Bemühungen scheitern, auf der Verlobungsfeier deprimiert Puntila das Verhalten des Aristokraten jedoch so sehr, dass er sich betrinkt und ihn aus dem Haus wirft.

Er will Matti und Eva nun wieder verheiraten. Dies findet Matti jedoch nicht gut, da er der Meinung ist, Eva würde keine gute Frau für ihn abgeben. Er unterzieht sie einigen Tests die beweisen, dass arm (Matti) und reich (Eva) wirklich nicht zusammenpassen, weil sie unterschiedliche Dinge vom Leben wollen.

Puntila schläft seinen Rausch aus und versucht am nächsten Morgen alles in Ordnung zu bringen. Er will allen Alkohol im Haus vernichten – und beschließt den gesamten Fusel zu trinken, damit er weg ist. Matti hilft ihm dabei, in dem er ihm immer mehr zu trinken bringt. Puntila verspricht Matti Geld und Land, dieser ahnt jedoch, dass es am Morgen wieder ein böses Erwachen geben wird und verlässt den Hof.

Die Idylle wird gebrochen

Ein wesentlicher Bestandteil der Volksdramen ist die Natur. Idyllisch, feierlich und ländlich stellt sie sich, wenn auch weniger blutig, in die Tradition der BluBo-Literatur.


Die Blut- und Bodenliteratur ist eine Literatur der Verherrlichung von bäuerlichem Leben und Landleben, die im Nationalsozialismus groß wurde und zu Propagandazwecken diente.


Die Menschen identifizieren sich mit Teilen des Dramas, da in realistischer und stellenweise naturalistischen Art ihr Lebensraum das Zentrum darstellt, statt die Großstadt. Ihre Probleme und Lebensweisen werden in den Mittelpunkt gerückt, ebenso wie ihre Sprache und Gebräuche. Hier sieht man nun nicht die Landschaft um Wien, wie beim Wiener Volksstück, sondern die Finnlands. Auch wenn sie zu Teilen stark an deutsche Landstriche angepasst wurde.


Die idyllische Stimmung wird direkt zu Anfang im Prolog gegeben. Die Landschaft wird als „würdi[g] und schö[n]“ beschrieben.

Milchkesselklirrn im finnischen Birkendom/ Nachtloser Sommer über mildem Strom/ Rötliche Dörfer, mit den Hähnen wach/ und früher Rauch steigt grau vom Schindeldach.

Prolog


Ein fremdes Land wird beschrieben und doch können sich die Rezipienten einfühlen. Denn das ferne Finnland wird mit ähnlichen Begriffen umschrieben, wie die ländliche Idylle Deutschlands. Auch wird es extrem angepasst, um dem deutschsprachigen Publikum gerecht zu werden. Brecht wurzelt die bereits bekannten Elemente des Volksstückes aus in ein fremdes Land, um Distanz zu schaffen, die einen genaueren Blick auf die Personen und Probleme ermöglicht.

Sprache und Charakterisierung

Beispiele für die szenische Sprache muss man bei Brecht nicht suchen; das gesamte Drama ist in der bäuerlichen Mundart geschrieben. Ein Stilmittel, dass trotz des hohen Abstrahierungsgrades die gewünschte Wirkung erzeugt. Bäuerliches Leben wird illustriert und zu Teilen so stark überzogen dargestellt, dass es das Ganze ad absurdum führt.

Dies äußert sich durch die Darstellung des Hofherrn. Die alltäglichen Machtgefälle innerhalb der ländlichen Bevölkerung werden humorvoll aufgezeichnet. Der, auf dem der Witz beruht, ist ein nachvollziehbarer Feind, was das Lachen erleichtert. Es ist, als würden alle Kollegen im Büro (auch die, die sich nicht leiden können) gemeinsam Witze über ihren fiesen Vorgesetzten erzählen. Eine große Gruppe an Individuen wird durch einen gemeinsamen Nenner zusammengeführt.

Die Antworten Mattis signalisieren seine niedere Position gegenüber Puntila, dadurch dass er nur wiederholt, was bereits gesagt wurde. Er scheint nur das zu sagen, was sein Herr hören möchte, den Punkt immer leicht vertiefend, symbolisierend, dass er dem Herrn nicht nur zustimmt, sondern dies auch noch in einer extremeren Form, womit er sich über seine eigene Misere lustig macht. Gleichzeitig zieht er durch das erneute Aufgreifen der Thematik auch die Grundaussage Puntilas ins Lächerliche. Wann immer der Rezipient über die grotesken und groben Darstellungen des Herrn lacht, setzt der Knecht dem einen auf und regt Zuschauer/Leser dazu an Puntila weniger ernst zu nehmen. Die unterdrückenden Strukturen werden aufgezeigt, nur um direkt danach humoristisch zerlegt zu werden.


Ein Beispiel:

Puntila: Mir gefallt’s nicht, wenn einer keine Lust am Leben hat. (…) Wenn ich einen seh, wie er so herumsteht und das Kinn hängen läßt, hab ich schon genug von ihm.

Darauf entgegnet der Knecht

[I]ch weiß nicht, warum die Leut auf dem Gut so elend ausschauen, käsig und lauter Knochen und zwanzig Jahr älter. Ich glaub, sie tun es Ihnen zum Possen (…).

Puntila stimmt zu, da es für ihn nicht vorstellbar wäre, dass die Menschen auf seinem Gut Hunger leiden. Matti zieht die Hungersnot mit mehreren zehntausenden Toten vor einigen Jahren hinzu und stellt den Hunger der Menschen so in Relation:

Den Hunger müssens doch nachgerad gewohnt sein in Finnland.

Zehnte Szene


Grober Humor gehört in das Volksdrama, doch wird er hier gezielt als Stilmittel genutzt, um das oben gesagte zu bestärken. Der Knecht stellt die Grausamkeit der höher gestellten Menschen gegenüber dem Landvolk dar. Die Menschen arbeiten hart und leiden Hunger. Für Puntila spielen sie ihr Leiden nur vor. Sie laufen nur so müde herum, wenn der Gutsherr da ist.

Humor und Politik

Dadurch erreicht Brecht das, was er in der Einleitung als Ziel feststeckt: die RezipientInnen sollen einen wachen Geist beibehalten, gleichzeitig jedoch nicht vergessen zu lachen. Ihm ist wichtig, dass die politische Komponente im Humor versteckt wird.

Brecht schafft eine simple Gut-Böse-Struktur, in welcher das Volk auf einer, die Obrigkeit auf der anderen Seite steht und beschränkt das Ganze auf eine ländliche Ebene. Diese ist entscheidend für das Volkstheater, so Brecht in seinem Nachwort. Denn das Volk brauche ein Theater, welches sie als Einheit darstellt. Obwohl man wohl annehmen kann, dass unter den deutschen Bauern 1940 kaum jemand schon einmal in Finnland war, kann sich die deutsche, ländliche Gesellschaft damit identifizieren. Eben weil alles so beschrieben wird, wie man es kennt.

Die Ironie dahinter, ist entscheidend für das Volkstheater. Denn Brecht will, dass Rezipienten hinter die Fassade blicken. Eingestreute Hiebe gegen die Idylle und ironische Darstellung von beiden, Herrn und Knecht, sollen dem Volk den Spiegel vorhalten. Die Idylle soll brechen, die Ironie soll ankommen und Rezipienten mit einem besseren Selbstbild von sich und ihrer Kultur zurücklassen. Die Geborgenheit, welche man in der Einigkeit findet, wird gebrochen und entpuppt sich als eigentliche Hölle.

Stempelt man das Landleben und die dort lebenden, damals oft rechtspolitisch orientierten Menschen, einfach als primitiv ab, so erreicht man das Gegenteil. Die Zielgruppe fühlt sich angegriffen und versteckt sich erst recht hinter ihrer Homogenität.


Ich könnt nicht in der Stadt leben. Warum, ich will zu ebener Erd herausgehn und mein Wasser im Freien lassen (…). Ich hör, auf’m Land ist’s primitiv, aber ich nenn’s primitiv in ein Porzellan hinein.

Neunte Szene


Das hier Beschriebene ist für Puntila das einzig wahre Leben. Ganz im Sinne der ironisch-angehauchten Grundstimmung werden die Probleme, die Volksstücke in erster Linie nötig machen, angesprochen. Die Einfachheit des Landlebens zu stilisieren und doch in starken Kontrast zur Stadt zu stellen, allerdings aus der Sicht der Landleute heraus, ist eine clevere Art diesen Diskurs anzusprechen.

Kritik zwischen Natur und Kunst

Brecht wirbt aus diesen Gründen dafür, das Volksdrama ernst zu nehmen und auf der Bühne als Symbiose zwischen Natur und Kunst aufzuführen. Er möchte, dass die Stücke mit Sorgfalt aufgeführt werden und nicht direkt als Schwank und Spaß abgestempelt werden.

Wir lesen Frauen – Gedanken und Literaturtipps zur Challenge

Frauen leseN

Wir lesen Frauen

Gedanken und Literaturtipps zur Challenge


Der Weltfrauentag steht vor der Tür und mit ihm die Realisation, dass wir auch in Deutschland noch viele Probleme haben, die Gleichberechtigung betreffend. Um die Stimmen von Frauen lauter zu machen und etwas zu schaffen, was eben nicht nur für ein paar Tage im Gedächtnis bleibt, hat meine liebe Kollegin Eva-Maria Obermann eine „Challenge“ geschaffen.

„Challenge“ deshalb in Anführungszeichen, weil es zwar wie eine Lesechallenge aufgebaut ist, aber tatsächlich viel mehr als das ist. Denn unter dem Hashtag #WirLesenFrauen tauschen sich ab März Menschen über ihre Lektüre aus. Ihre weibliche Lektüre. Frauen aus allen Teilen der Welt und allen Epochen. Feste Regeln gibt es nicht, aber einen Leitfaden für jeden Monat.

Weil ich die Idee super finde, aber schon oft gelesen habe, dass Leute nicht so ganz wissen, was sie lesen sollen, dachte ich, ich mache ein paar Literaturtipps. Damit nicht nur die selben 10 Autorinnen gelesen werden. Es ist mir außerdem wichtig, hier auch Kritik anzubringen. Die Aufgabenstellung stellt WoC und nicht-europäische Autorinnen explizit heraus was gut ist, weil das betont werden sollte. Das bedeutet aber nicht, dass die anderen Bücher nicht auch von ihnen kommen können/sollten. Bitte lest nicht nur weiße Europäerinnen!

Aufgabe 1: Lest ein Sachbuch zum Thema Feminismus

Zur Geschichte der weiblichen Sexualität hat die schwedische Autorin Liv Strömquist in „Der Ursprung der Welt“ geschrieben.

Selbstbestimmung ist in Judy Norsigians „Our Bodies, Ourselves“ Thema.

Susan Arndt schreibt in „Feminismus im Widerstreit. Afrikanischer Feminismus in Gesellschaft und Literatur“ über den Feminismus in Afrika. [Achtung, sie ist zwar Expertin, aber keine Own Voice!]

Aufgabe 2: Lest ein Buch aus einer Autorinnenvereinigung

Die deutsche Autorinnenvereinigung existiert offiziell seit 2006, das Netzwerk dahinter ist jedoch bereits in den 90ern entstanden. Diese Aufgabe ist eine tolle Gelegenheit, um sich über andere deutsche Netzwerke für Autorinnen schlau zu machen!

Schrifstellerinnen deren Werke für diese Challenge passen, sind beispielsweise Franziska Gerstenberg, Zdenka Becker und Michèle Minelli.

Aufgabe 3: Lest ein Buch einer WoC (Woman of Color)

„So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“ von Melda Akbaş spricht über die Lebenserfahrungen von Deutsch-Türkinnen.

Maria Stewart lebte im 19. Jahrhundert als freie schwarze Frau in den USA und schrieb über den Rassismus und ihre Erfahrungen als Mehrfachmarginalisierte.

Das Buch „Nervous Conditions“ von Tsitsi Dangarembga ist ein ganz besonderer Buchtipp, denn es war 1988 das erste Buch einer schwarzen Frau aus Zimbabwe, was in der englischen Sprache erschien. Es fokussiert sich auf das post-koloniale „Rhodesia“ und die Auswirkungen von Kolonialisierung auf schwarze Frauen. Da wir in Deutschland kaum Afrikanische Geschichte lernen und rezipieren, sollte jede*r dieses Buch gelesen haben.

Aufgabe 4: Lest den Essayband einer Autorin

Enis Macis „Eiscafé Europa“ ist hier meine absolute Empfehlung!

Wer eher einen Klassiker möchte, der kann auch zu Hannah Arendts „Die verborgene Tradition greifen“.

Hochpolitisch und aktuell ist Olga Flors Sammlung „Politik der Emotion“.

Aufgabe 5: Lest das Buch einer deutschsprachigen Autorin

Ulrike Draesner schreibt in „Eine Frau wird älter“ über die Position von älteren Frauen in unserer Gesellschaft.

„Der geteilte Himmel“  von Christa Wolf ist ein wichtiges Buch über die DDR und ihr Werk „Medea: Stimmen“ dreht sich um mythologische starke Frauenfiguren.

Für Romantiker*innen ist Nina Georges „Das Lavendelzimmer“ eine gute Wahl.

Aufgabe 6: Lest das Buch einer nicht-europäischen und nicht-US-Amerikanischen Autorin

Urmila Chaudhary ist eine indische Aktivistin, die ihre grausamen Erfahrungen mit Menschenhandel in „Sklavenkind“ festgehalten hat.

Der Roman „Paula“ von der chilenischen Autorin Isabel Allende ist ebenfalls autobiografisch und diskutiert den Umgang mit einer tödlichen Krankheit. Gleichzeitig wird die Geschichte von Chile erzählt.

„Black Widow Society“ von der Südafrikanischen Autorin Makholwa Angela ist ein Augen-öffnendes Buch über sexuelle Gewalt, das Leben als Frau in Südafrika und die Idee von afrikanischer Freiheit.

Aufgabe 7: Lest das Sachbuch einer Autorin

Hier kommt es immer auf das Fachgebiet an.

Bei Interesse in Astrophysik empfehle ich das neuste Paper von Burçin Mutlu-Pakdil.

Zum Thema (historische) Genderforschung schreibt Claudia Opitz-Belakhal.

Ägyptische Geschichte findet ihr bei Joyce Tyldesley.

Einen Grundriss zum Jahr 1919 hat Birte Förster geschrieben.

Für feministische Theorien empfehle ich Hélène Cixous.

[Empfehlt Bücher aus eurem Fachbereich an Leute aus anderen Bereichen für mehr Austausch, das fände ich sehr toll!]

Aufgabe 8: Lest das preisgekrönte Buch einer Autorin

Kim Thúys „Ru“ ist absolut großartig und ergreifend!

„The Vegetarian“ von Han Kang ist schnell gelesen und ein Meisterwerk.

Ebenfalls sehr verdient preisgekrönt ist „Prawda. Eine amerikanische Reise“ von Felicitas Hoppe.

Aufgabe 9: Lest das Buch einer Selfpublishing-Autorin

Hier finden sich die wahren Schätze in den Nischenkategorien der jeweiligen Genres. Hier möchte ich keine Empfehlungen aussprechen, da ich selbst SP-Autorin bin und nicht aus einer Liste meiner Kolleginnen auswählen möchte.

Aufgabe 10: Lest den Literaturklassiker einer Autorin

Vicky Baum schuf mit „Menschen im Hotel“ einen wahren Klassiker, den jede*r mal gelesen haben sollte.

Für vintage Horror-Gothik Fans ist Daphne du Mauriers „Rebecca“ die ideale Wahl.

Die USA war zur Wende ins 20. Jahrhundert der Zielort vieler Immigrant*innen aus Europa. Eine mitreißende Geschichte dieser Art erzählt Betty Smith in „A Tree grows in Brooklyn“.

Aufgabe 11: Lest den Gegenwartsroman einer Autorin

Leonie Ossowski schreibt in „Die schöne Gegenwart“ von Trennungen und Neuanfängen aus der Sicht einer älteren Frau, die einen lange gestorbenen Traum umsetzen kann.

Wer eher im Genre stöbern möchte, schaut sich am besten mal bei Judith Hermanns Werken um.

Umweltbewusste Gegenwartsliteratur und Wendeliteratur gibt es bei Kathrin Aehnlich.

Aufgabe 12: Lest das Buch einer (trans) Frau über trans Frauen.

Ganz oben auf der Liste ist „Trans. Frau. Sein.“ von Felicia Ewert.

Die Bücher von Andrea James und Julia Serano sind offen Own Voice und spannend. Sie kann man Lesen, wenn man sich aktiv mit Problemen innerhalb der LGBT-Community auseinandersetzen möchte.

Ein Fachliteratur-Tipp ist Céline Grünhagens „Transgender in Thailand. Die religiöse und gesellschaftspolitische Bewertung der Kathoeys“. [Grünhagen schreibt (soweit ich weiß) nicht Own Voice, ist jedoch eine der wenigen Expertinnen für trans Personen in Religionen.]


 

Mehr zu der Aktion findet ihr auf Eva-Marias Blog.

Triggerwarnungen in Büchern

triggerwarnungen in büchern

Triggerwarnungen in Büchern


TW: Gängige Trigger-Nennungen (nur per Name, keine tatsächlich triggernden Inhalte)


Disclaimer: Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Artikel, der im Dezember 2017 erstmals veröffentlicht wurde. Der Text wurde umgeschrieben, um aktuellen Themen besser zu entsprechen.

Ich bin eine Person die Triggerwarnungen benötigt und sich generell für sie ausspricht. Meine Meinung wird diesen Artikel dementsprechend beeinflussen.


Dieser Beitrag sollte nie eine Anklage sein. Ich hoffe, das es Leser*innen dieses Blogs mittlerweile bewusst ist, dass ich niemanden direkt angreifen möchte. Ziel dieses Artikels ist es nicht, ein Streitgespräch anzufeuern, sondern vielmehr Argumente zu bringen, die man annehmen kann oder nicht.

Generell kann nämlich jede*r Autor*in für sich selbst entscheiden, ob er/sie/nb vor Triggern warnen möchte oder nicht. Persönlich denke ich, dass die Personen, die Trigger nicht benennen wollen, gewisse Stereotype und Ängste haben. Auf einige davon will ich versuchen, eine Antwort zu finden.

Die Basics: Was ist ein Trigger?

Generell gesprochen ist ein Trigger etwas, was eine starke Emotion oder Erinnerung in Menschen hervorrufen kann. Dies kann kontrolliert geschehen (etwa, wenn sich die Person dem mit Absicht entgegenstellt) oder unkontrolliert (wenn die Person ohne Vorwarnung damit konfrontiert wird). Trigger können Geräusche, Gerüche, Personen, Themen, Dinge, Wörter und noch viel mehr sein. Es gibt keine feste Vorlage, was ein Trigger sein muss. Sie können beispielsweise auch positiv sein. Wenn man in einer Menschenmasse auf einmal ein Parfüm riecht, das einen an die Kindheit oder jemanden aus der Vergangenheit erinnert. Das kann schön sein.

Das Problem ist, wenn es nicht schön ist. Solche Trigger tauchen bei Personen auf, die Traumatisches erlebt haben. Sexuelle Gewalt, Tierquälerei, Mobbing (zum Beispiel Fatshaming oder Homophobie) und mentale Krankheiten (wie Essstörungen, Phobien oder problematische Therapien) sind häufige Gründe für negative Trigger.

Erstes Vorurteil: Alles kann ein Trigger sein

Als Argument gegen Triggerwarnungen wird oft gesagt, dass ja alles ein Trigger sein kann. Das ist generell korrekt. Wie oben bereits beschrieben gibt es jedoch Abstufungen von Triggern. Das bedeutet nicht, dass man deshalb keine setzen soll. Denn auch wenn es faktisch unmöglich ist, jeden existierenden Trigger zu benennen, so sind die größten bekannt. Gibt man diese an, so sorgt man dafür, dass der Großteil der eignen Leser*innen sicher vor Triggern ist. Das ist ein ziemlich gutes Ergebnis, finde ich.

Sollte man später in einer Unterhaltung mitbekommen, dass Menschen, mit denen man  häufiger in Austausch tritt, besondere Trigger haben, dann gibt man diese an. Weil man eben weiß, worauf man zu achten hat.

Zweites Vorurteil: Trigger haben nur ‚Sensibelchen‘

Abgesehen davon, dass nichts falsch daran ist, ein sensibler Mensch zu sein, ist dieses Vorurteil komplett falsch. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder Mensch Trigger hat. Positive und negative.

Ob das nun Alzheimer ist, weil jemand aus der Familie betroffen ist oder ein eigentlich unschuldiges Thema, womit man schlechte, persönliche Erinnerungen knüpft – sie sind da. Es kann sein, dass man sich selbst antrainiert hat, auf so was nicht zu reagieren. Das liegt oft daran, dass man nicht schwach erscheinen will oder nicht versteht, wieso einen dieses Thema stört.

Wie man mit den eigenen Triggern umgeht, ist grundsätzlich Sache der eigenen Grenzen. Nur weil Person A auf Trigger nicht (aktiv) reagiert und keine Warnungen (mehr) benötigt, darf man das nicht von Person B erwarten. Menschen verarbeiten Trauma und negative Gefühle immer unterschiedlich. Daran ist nichts verwerflich.


Exkurs: Es gibt Trigger, die als ’schlimmer‘ betrachtet werden, als andere. Entweder weil mehr Menschen betroffen sind oder weil sie von Außenstehenden ohne Trauma (!) so eingestuft werden. Wer sich über andere Traumatisierte stellt oder versucht innerhalb dieser Menschengruppen eine Hierarchie zu erstellen, der hat das Prinzip nicht verstanden. Trauma ist Trauma. Respektiert bitte alle Trigger, sofern ihr von ihnen wisst.


Drittes Vorurteil: Wenn ich das mache, spoilere ich

Gerade bei Autor*innen kommt dieser Spruch immer wieder. Dabei ist es eigentlich sehr einfach, nicht zu spoilern und trotzdem zu warnen. Ich spreche vor jedem meiner Artikel eine TW aus und bin mir ziemlich sicher, dass man davon nicht ableiten kann, was genau ich schreibe. Leute lesen die Artikel trotzdem. Warum sollte das bei Büchern anders sein?

Menschen die Triggerwarnungen benötigen werden euer Buch übrigens trotzdem lesen. Vielleicht sogar eher, als wenn ihr keine gemacht hättet. Weil man sich dann sicher sein kann, dass die eigenen Trigger nicht vorkommen oder weil man dann vorbereitet ist. Trigger haben die Macht, die sie haben, weil sie oft ohne Warnung kommen. Weiß man, worauf man sich einstellen muss, dann geht man gefestigt in die Leseerfahrung.

Zudem kaufen Leser*innen doch nicht nur Bücher, um das betreffende Thema anzulesen. Sie stützen euch, mögen euren Schreibstil und folgen den Figuren. Ein Buch ist mehr als nur seine problematischen Teile. Falls ihr mit etwas wie einer Vergewaltigung ’schocken‘ wollt, dann packt die TW ans Ende des Buchs und gebt vorne einen Hinweis, wo sie zu finden ist. (Ganz davon abgesehen, dass Trauma als Schockeffekt immer problematisch ist und nicht in dieser Art genutzt werden sollte.)

Viertes Vorurteil: Triggerwarnungen sind Zensur

Bei diesem ‚Argument‘ verdreht sich mir alles. Denn Menschen, die das sagen, schreiben und/oder denken, wissen einfach nicht, was Zensur ist. Bei problematischen Inhalten unterscheidet man zwischen Zensur, Indizierung und der Möglichkeit zur Selbstkontrolle (wie etwa USK bei Spielen und FSK bei Filmen).

Zensur ist, wenn Inhalte verändert werden. Dies geschieht entweder durch eine übergeordnete Machtposition (wie der Staat oder das Medium, in dem man etwas veröffentlichen möchte) oder durch einen selbst (z. B. aufgrund von negativem Backlash (Selbstzensur)). Zensur kann unterschiedliche Gründe haben. Anstößige Inhalte (wie explizite Sexualität, problematische Sprache und Gewalt) werden oft zensiert, um Menschen zu schützen. Dabei wird von einer dritten Instanz entschieden, was angemessen ist und was nicht. Zensur kann aber auch staatlich erfolgen, um Aktivist*innen ihre Stimme/Plattform zu nehmen oder die Freiheit von Menschen einzuengen. Daher ist Zensur auch immer angreifbar und das ist auch gut so.

Indizierung ist ein Schritt über der Zensur. Hier werden Dinge aktiv verboten, aus dem Handel genommen, nicht ausgestrahlt oder (im Falle von Internetseiten) nicht erreichbar gemacht. Auch hier kann man Kritik üben, da Indizierung nicht nur bei Videospielen, die als zu brutal eingestuft wurden passiert, sondern auch politisch eingesetzt wird.

Beides, Zensur und Indizierung, verhindern, dass Menschen etwas lesen, sehen, nutzen oder anderweitig konsumieren, weil eine dritte Instanz für Menschen entschieden hat, dass sie es nicht dürfen oder es nicht angemessen ist.

Mittel zur Selbstkontrolle sind nicht das. Sie sind ein freiwilliges (!) Angebot, zum Schutz von Menschengruppen wie Minderjährigen oder eben Personen die Trigger benötigen. Sie zeigen an, wenn eine Serie explizite Sexszenen beinhaltet, ein Spiel Gewalt verherrlicht oder in einem Film über Inhalte wie die NS-Zeit oder Tierquälerei gesprochen wird. Genau das sind Triggerwarnungen. Eine Angabe zur freiwilligen Selbstkontrolle.

Fazit

Das Leben ist voller Triggerwarnungen. Sie sind überall. Vor Filmen, Videospielen und in der Beschreibung von Netflixserien. Auch bei Fanfiktions ist es absolut normal, dass man Triggerwarnungen angibt. Andere Medien entdecken Triggerwarnungen für sich, wieso also nicht auch Bücher und Blogs? Wie man sie platziert (ob als Pop-Up, Warnung vor dem Text, hinten im Buch oder auf einer gesonderten Webseite) ist dabei nicht wichtig. Sie sollten nur eben für alle aufzufinden sein.

Solltet ihr euch für Triggerwarnungen entscheiden, dann schadet ihr damit niemandem. Alle, die es nicht betrifft, scrolle drüber oder blättern weiter. Ihr zeigt damit aber Respekt vor Menschen, die von gängigen Traumata betroffen sind. Das ist sehr viel wert, finde ich.

Ein Artikel zum Thema von meiner Kollegin Nora Bendzko

2. Grundzüge einer Gattung: Die Freude am Grauen und frühe Zensur

Grundzüge einer Gattung Die Freude am Grauen und frühe Zensur.

Grundzüge einer Gattung: Die Freude am Grauen und frühe Zensur


TW: Religiosität, Alkoholismus, Gewalt, Sexismus


Hallo und herzlich willkommen zur Blogreihe: Volksstück. Dies ist der zweite Beitrag der Reihe. Einen Überblick über alle Beiträge findet ihr hier.


Wie sich im letzten Beitrag gezeigt hat, lebt das Volksstück im Wesentlichen von drei Dingen: dem Volk als Hauptakteur, Kritik am Adel und Komik. Nestroy und Raimund nehmen sich Inspiration aus bereits existierenden Theaterformen wie dem Zauberstück, dem Bürgerlichen Trauerspiel und der Commedia dell’arte und vereinen sie mit Elementen aus der aktuellen Epoche. Es entsteht etwas Neues, kritisch und doch witzig, was bei der breiten Masse gut ankommt.

Bereits die ersten Stücke wurden von den oberen Schichten (Politik, Adel und gut situierte Bürger*innen) als problematisch gehandelt und in Zeitschriften sowie Rezensionen förmlich zerrissen. Die öffentliche Meinung jeder, die in der literarischen Welt eine Stimme hatten, dämpfte den Erfolg jedoch nicht so stark, als dass es sich nicht mehr lohnte, die Stücke zu schreiben. Dies wurde erst eine Generation später der Fall.

Ludwig Anzengruber

Ludwig Anzengruber, zu seiner Zeit auch bekannt als Ludwig Gruber, lebte Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts und trat, in gewisser Weise, als erster in die Fußstapfen von Nestroy und Raimund. Seine Volksstücke rührten, anders als die frühen Werke, nicht von der Posse (also vom Komischen/Grotesken), sondern vom Melodram aus. Er wurde als Vater des Realistischen Volksstücks bekannt.

Das Realistische Volksstück sonderte sich vom ursprünglichen Volksstück ab, in dem es tiefere Themen behandelte und mehr auf die tatsächlichen sozialen Probleme hinwies, anstatt nur die oberen Schichten lächerlich zu machen. Das Wiener Volksstück entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts weiter und ging in seinen Ausläufern bis zur Operettenform. Die Themen waren abstrahiert und zeigten die oberen Schichten in peinlichen Lagen und das Volks als Held – Anzengruber bot einen ernsthaften Gegenpol zu dieser Entwicklung.

Österreich wird zum Zentrum des Volksstücks

Anzengruber machte das bäuerliche Milieu Österreichs zum Mittelpunkt seiner Stücke und kritisierte auf einer Ebene, die Aufruhr erzeugte. Denn dadurch, dass das Wiener Volksstück immer mehr zu einer bloßen Posse wurde, fürchteten sich Adel und Politiker weniger vor seinem Effekt. Das Volk lachte und war ablenkt. Auf eine absurde Art und Weise ging es den oberen Schichten sogar zur Hand, da es nicht die tatsächlichen Probleme ansprach, sondern eher ein Ventil zum Meckern bot. Anzengruber hingegen wurde gefährlich. In seinen Stücken verstößt er gegen die Ständeklausel, klagt soziale Missstände an und zeigt eine dunkle, brutale Seite am Volk – etwas, was später von Horváth, Fleißer, Brecht und Jelinek, sowie vielen weiteren VertreterInnen der VolksstücksautorInnen, thematisiert wird.

Seine Stücke sind weniger Komödie, als die Wiener Volksstücke, ziehen jedoch trotzdem ein enormes Publikum an. Das Theaterpublikum der Zeit, dass immer mehr aus einfachen Leuten bestand, wurde von der Gewalt und dem Grauen magisch angezogen. Anzengruber bediente eine Seite der Menschen, die seit dem antiken Drama immer wieder im Theater Platz findet: das Vergnügen am Leiden anderer.


Die Geschichte des Dramas können Interessierte übrigens hier nachlesen.


Anzengruber begann damit eine wichtige Tradition des Volksstückes, in dem er dem Volk den Spiegel vorhielt. Menschen gingen in seine Stücke um Grauen zu erleben. Grauen, welches, so erwarteten sie, von den oberen Schichten ausgeht und das Volk trifft. Man sah sich das Stück in der Erwartung an, am Ende lamentieren zu können wie schlimm die Unterdrückung ja sei. Stattdessen spiegelte Anzengruber genau diese Lust am Elend in den Dramen und vereint die Gewalt von Oben mit der zunehmenden Verrohung des Volkes. Niemand kommt gut weg, in seinen Stücken, außer die, die wahre Humanität und Frömmigkeit verkörpern und selbst die bekommen kein Happy End. Anzengruber übte in den Stücken enorm wirksame Gesellschaftskritik.

Aufgrund dieser Wirksamkeit musste er früh mit den immer schärferen Zensurklauseln kämpfen und kam nach seinem größten Erfolg, dem Drama Das vierte Gebot (1878), für das er sogar den Schillerpreis erhielt, finanziell nicht mehr mit dem (kreativen) Schreiben aus. Seine Stücke wurden zu Grunde zensiert. Dank schlechter Kritiken und Sanktionen für Theater, die seine Stücke spielten, verdiente er fast nichts mehr mit den eigentlich beliebten Stücken. Anzengruber musste in andere Bereiche ausfächern, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen und das obwohl er schon zu Lebzeiten einer der beliebtesten Schriftsteller und Dramatiker im deutschsprachigen Raum war. Wirkliche Anerkennung in der literarischen Welt bekam er erst, als man ihm im Rahmen des Naturalismus neu betrachtete.

Das vierte Gebot

In Ludwig Anzengrubers Das vierte Gebot geht es um drei Familien und ihre Verbindung zueinander. Die Kinder, welche unter den Entscheidungen ihrer Eltern leiden, stehen im Mittelpunkt.

Im ersten Akt werden die drei Familien (Schön, Hutterer und Schalanter), sowie die Herren August Stolzenthaler und Robert Frey vorgestellt. Hedwig, die Tochter von Anton und Sidonie Hutterer soll August heiraten, ist jedoch verliebt in ihren Klavierlehrer Robert. August ist selbst schon mit einer jungen Frau zusammen, Josepha (kurz Pepi) Schalanter. Er hat der Ehe mit Hedwig jedoch nichts entgegenzusetzen. Johann Dunker, ein Lehrling bei der Familie Schalanter, ist in Pepi verliebt, diese jedoch nicht in ihn. Ihre Mutter Barbara findet ihn hingegen anziehend, was er nicht erwidert. Der Sohn von Hutterers Gärtnern Jakob und Anna Schön, Eduard, ist Geistlicher und soll Hedwig und August trauen. Neben all dem tritt Herwig, die Großmutter von Pepi und ihrem Bruder Martin auf, welche die beiden davor warnt, immer nur den Vorstellungen ihrer Eltern zu folgen.

Die Verbindung zwischen den Leuten und unerwiderte Gefühle setzten den Kanon für ein sehr verwirrendes Stück, welches sich jedoch zu Lesen lohnt.


An dieser Stelle eine ganz klare Leseempfehlung von meiner Seite – es ist auch für moderne Standards lesbar und wirklich spannend.


Der zweite Akt spielt etwa ein Jahr nach dem ersten. Martin Schalanter ist nun im Militär und auf Besuch zu Hause. Robert Frey, der aus Trauer um die zerbrochene Beziehung mit Hedwig zurück zum Militär ist, ist sein Feldwebel. Schalanters Geschäft ist bankrott, Johann der Lehrling ist entlassen und Pepi hält die Familie durch einen schlechten Beruf über Wasser. Hedwig und August verheiratet und haben ein sehr krankes Kind.

Hier treffen Hedwig, ihr Kindermädchen Resi und das Neugeborene durch Zufall auf Hedwigs ehemaligen Geliebten Robert. Dieser fühlt sich sichtlich unwohl in der Begegnung. Sie tauschen sich darüber aus, wie es ihnen in dem letzten Jahr ergangen ist. Dann geht Resi mitsamt dem Kind ins Haus.


Hedwig: Sie haben es gesehen, das kleine, arme Ding! Man sagte mir, sein Vater habe zu viel gelebt, als daß für das Kind etwas überbliebe; es wird hinsiechen, wochen-, vielleicht monatelang, aber es wird nicht fortkommen. (Sie drückt ihr Taschentuch an die Augen.) O, Sie sehen, ich bin recht glücklich! – – Ihnen muß es zur Genugtuung gereichen, daß Sie mich in solcher Lage finden.

Frey (schmerzlich): O gnädige Frau.

Hedwig: Sie haben es mir ja vorher gesagt.

Frey: Lassen Sie das Vergangene vergangen sein.

Zweiter Akt, fünfte Szene


Hedwig gesteht Robert, dass es ihr elendig ergeht, da ihr Kind sterbenskrank und ihre Ehe mit August kaputt ist. Sie bereut es, nicht vor ihrer Zwangsheirat mit ihm davon gelaufen zu sein. Robert beschwichtigt sie und will, dass sie nach vorne blickt. Der Umgang der beiden ist liebevoll und ehrlich, sowohl Robert, als auch Hedwig können offen ihr Leiden eingestehen. Etwas, was ihm als Feldwebel und ihr in ihrer unglücklichen Ehe wohl nicht allzu oft möglich sein dürfte.

Auch sprechen beide hochdeutsch. Sie setzten sich somit, mit Ausnahme von Eduard, vom Rest der Charaktere und deren Wiener Mundart ab. Sie passen nicht zum Rest. Weder ihre Beziehung, noch ihre Handlungen, noch ihre Sprache sind mit dem Rest des Dramas kohärent.

Die beiden kommen auf die Briefe zu sprechen, die sie sich schrieben, als sie noch ein heimliches Paar waren. Robert hatte sie am Ende der gemeinsamen Zeit gebeten, diese zu vernichten, da August sonst wütend würde. Doch Hedwig konnte dies nicht und bittet Robert nun ihre Briefe an sich zu nehmen und zu seinen zu tun. Sie verabreden sich gegen Abend an einem Wirtshaus die Straße hinauf.


(Hedwig bleibt in der Gartentüre stehen, Frey an der Kulisse links, um einander nachzusehen, dabei begegnen sich ihre Blicke, sie stehen einen Augenblick in gegenseitiges Anschauen versunken, dann zieht Hedwig leise das Gitter hinter sich zu, und Frey entfernt sich; sobald beide nicht mehr sichtbar sind, treten Schalanter und Martin aus dem Busch.)

Zweiter Akt, fünfte Szene


Sie haben offensichtlich noch Gefühle für einander und leiden jeden Tag, den sie getrennt sind. Mitten in diese intime Szene platzen Schalanter und Martin, welche sich zuvor vor dem Vorgesetzten Martins, Robert, im Gebüsch versteckten.

Die beiden haben unfreiwillig das Gespräch belauscht. In den folgenden Szenen wird dies zum Schlüsselmoment des Dramas. Schalanter, der alkoholkrank ist und bereits vor dem Niedergang seines Drechselgeschäftes in Geldnot war, sieht eine Gelegenheit, aus dem Leid der jungen Liebenden Profit zu schlagen. Er erzählt es Hedwigs Mann, dieser erfährt, dass seine Frau ihn nur aus Zwang heiraten musste und möchte sich scheiden lassen. Hedwig rennt fort und entdeckt auf ihrem Weg einen Zug aus Menschen, welche Robert in ein Spital bringen. Dieser wurde von Martin angeschossen, als sich die beiden über dessen fehlende Manieren stritten. Robert stirbt kurz darauf, ebenso wie Hedwigs Kind. Diese ist ein Schatten ihrer selbst. Martin wird hingerichtet, seine Schwester leidet darunter, ebenso wie seine Eltern und die Großmutter. Auch zwischen Pepi und Johann gibt es kein glückliches Ende.

Beziehungen im Fokus

In den ersten Szenen werden die bekannten Figuren und ihre Geschichten wieder aufgegriffen, dann erst geht es mit der Geschichte an sich weiter. Man erfährt bis zu dieser fünften Szene, wie es den Charakteren ergangen ist, seit dem Ende des letzten Aktes. Offene Fragen werden geklärt: Welche Familienverhältnisse haben sich verändert, wie haben sich alle weiterentwickelt und was wurde aus all den angedeuteten Ereignissen? Diese Szene ist also Ausgangspunkt für die weitere Geschichte, da ab hier die Handlung aktiv weitergeht. Alles zuvor ist Vorgeschichte, alles danach die direkte Auswirkung dieser Szene. Ohne sie würde die gesamte Handlung in sich zusammenbrechen. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt.

Der rote Faden im Drama ist die Beziehung zwischen Kindern und ihren Eltern, daher auch der Titel: Das vierte Gebot (in Anlehnung an die zehn Gebote). Es wird angezweifelt, ob es wirklich immer so ratsam ist, nur auf das Wort der Eltern zu hören. Hedwig leidet enorm unter der Entscheidung ihrer Eltern, sie zu verheiraten. Martin wird hingerichtet, seine Schwester hat nie wirklich etwas erreicht, auch ihre Erziehung war fehlerhaft. Nur der Sohn von den Gärtnern, Eduard Schön, welcher seinen eigenen Weg gegangen ist, hat wirklich etwas erreicht. Doch die Trauung zwischen Hedwig und August, welche er auf Wunsch seiner Eltern ohne weitere Bedenken vollzog, war ein Fehler. Alle Fäden werden im Schluss zusammengezogen und deuten auf die Worte der Großmutter hin, welche im ersten Akt vor genau diesem Handeln warnte.

Hedwig nimmt eine Sonderrolle ein, da ihr Ungehorsam das Ganze auslöste und späterer Gehorsam ihr Schicksal besiegelte. Keine ihrer Entscheidungen war im Endeffekt die Richtige. Ihr Ungehorsam gegenüber ihrem Mann, ausgehend von der Begegnung mit Robert in der Schlüsselszene im zweiten Akt, löste zudem weitere Komplikationen aus, welche die Charaktere noch schlechter stellten. Sie diskreditiert alleinig die Grundaussage des Dramas. Dies wird an mehreren Szenen, insbesondere jedoch an der hier untersuchten, deutlich.

Somit ist diese letzte Szene nicht nur Wendepunkt der Handlung, sondern auch Anzeichen dafür, dass die gesamte Aussage des Stückes angezweifelt werden kann und sollte.

Anzengrubers Aussage

Anzengruber baut sich aus familiären Geschichten ein Konstrukt, in dem er sowohl die oberen Schichten, als auch die falsche Frömmigkeit/ überbordende Religiosität und Naivität des Volkes kritisch betrachten kann. Die drei Familien repräsentieren verschiedene Unterkategorien des Volkes und zeigen, wie schnell Situationen aus dem Ruder laufen können. Zudem wird auf übermäßigen Alkoholkonsum und wirtschaftliche Schwierigkeiten, sowie die Rollen der (jungen) Frauen als leidende zwangsverheiratete Mutter oder Alleinverdienerin (zwei durchaus realistische Schicksale um 1850) hingewiesen.

Er wagt einen Rundumschlag auf alle sozialen Probleme seiner Zeit und wird mit harten Zensur und Armut gestraft.