Warum sich im Spielejournalismus gewaltig etwas ändern muss

Warum sich im

Warum sich im Spielejournalismus gewaltig etwas ändern muss


TW: Sexismus, Rassismus


Disclaimer: Dies ist ein reiner Meinungsartikel und sollte auch als solcher gelesen werden.


Die letzten Tage und Wochen kochte in meiner Bubble ein Thema auf, das ich seit 2014 glücklicherweise vermeiden konnte. Dies ist jetzt nicht mehr der Fall. Die Rede ist von Spielejournalismus und den vielen, vielen Problemen, die er mit sich bringt. In diesem Artikel werde ich das Ganze mal ein bisschen herunterbrechen und die aktuellen Probleme aus der weiblichen Perspektive erläutern.

Was ist das Problem?

Wieso ich diesen Artikel schreibe, ist gar nicht so einfach zu sagen. Sehr simpel gesagt geht es um den Umgang mit gewissen Themen im Spielejournalismus. Dahinter steht jedoch viel mehr, als „nur“ Sexismus oder „nur“ Homophobie.

Menschen, die in der Spiele-Bubble unterwegs sind, wird aufgefallen sein, dass es bei jeder neuen Veröffentlichung die gleiche Diskussion gibt: Social Justice Warriors machen ‚unsere Spiele‘ kaputt. Immer mehr Spielefirmen geben Frauen und anderen Minderheiten mehr Raum in ihren Veröffentlichungen. Dafür ernten sie Hass und das ist schade, wenn auch zu einem gewissen Grad normal. Es wird erst problematisch, sobald Magazine, die Spielejournalismus betreiben sollten, diesen Menschen einen sicheren Raum geben, um ihren 0815-Anfeindungen gegen Minderheiten zu verbreiten. In gewisser Weise sind diese ‚journalistischen‘ Online-Magazine sogar an der Entstehung dieser Menschengruppe schuld. Aber fangen wir weiter vorne an.

Spielejournalismus an sich ist gut und wichtig. Wo sonst erfahren wir, wann der Onlinemodus unseres aktuellen Favoriten herauskommt oder wer demnächst einen Überraschungstitel raushaut? Schaut man sich jedoch an, was Spielemagazine wie die GameStar oder auch Giga über die Jahre publiziert haben, fällt einem auf, dass es eben nicht nur um diese Themen geht.

Seitdem Spielemagazine im Internet wie Pilze aus dem Boden geschossen kamen (Ende der 1990er) wurden Klicks vor allem durch Brüste auf Bildern, die absolut nichts mit dem Spiel zu tun haben, oder der Möglichkeit, das Aussehen zweier weiblicher Figuren aus Spielefranchises gegeneinander zu bewerten generiert. Inhalte? Fehlanzeige.

Diese Babe-Ratings, Gallerien von sexy Messebabes etc. wurden seit 2013 zunehmend kritisiert und schließlich wurde der Zugang von der Webseite genommen. Der Content war noch da und generierte den Webseiten durch Klicks Geld, aber immerhin wurden die sexistischen Inhalte nicht mehr auf der Startseite gefeatured.

Wieso ist das 2018 relevant?

Klar haben viele Magazine früher solche Inhalte gebracht – aber das ist Jahre her. Wieso also die Debatte heute wieder aufrollen?

Ganz einfach. Wie bereits gesagt sind die Inhalte großflächig noch auffindbar, wenn man weiß wo. Die Gamestar entschuldigte sich in dieser Woche öffentlich auf Twitter und versprach die Listen und Inhalte endgültig zu entfernen. Nach Jahren der Kritik wurden Anfang der Woche endlich alle Spuren der Seiten gelöscht. Damit ist es nur leider nicht getan. Denn was den Magazinen nicht aufzufallen scheint ist, dass sie sich durch Jahre des Sexismus ein Publikum erarbeitet haben. Und das hält sich bis heute.

Unter jedem Beitrag finden sich Kommentare, die mir Magenschmerzen bereiten. Sanktionen auf sexistische (und verfassungsfeindliche) Inhalte werden als Zensur bezeichnet, es wird nach mehr Nacktheit bei Spielen wie Tomb Raider verlangt, Frauen werden nieder gemacht, bewertet und unter den Videos von einem weiblichen Mitglied des Teams oder den Beiträgen, die (warum auch immer) weibliche Figuren in promiskuitiven Posen zeigt, sammelt sich alles von sexuellen Kommentaren zu ekelhaften Drohungen.

Generell ist der Ton in den Kommentaren (egal ob auf der Webseite, Twitter oder anderen Plattformen) furchtbar. Leute beleidigen sich, es gibt viele Trolle und viel Hass. Und die Redaktion macht nichts dagegen. Denn das sind die Leute, die ihre Seite am Leben halten. Ohne diese Menschen verliert die Magazine massive Zugriffe. Und davor haben Zeitschriften wie die GameStar Angst.

Also moderieren sie die Kommentare nicht, lassen die Belästigungen und Beleidigungen zu und füttern die Trolle und Mitglieder des sogenannten Gamergates zusätzlich mit sexuellen Bildern zu Beiträgen und weiteren kleinen Zugeständnissen. Öffentlich ist man nicht mehr dasselbe Team, intern erträgt man den Hass, weil er Kohle und Traffic generiert.


Informationen zum ‚Gamergate‘: Das sogenannte Gamergate formierte sich über das Internet, als eine weibliche Spieleentwicklerin Mittelpunkt eines Skandals wurde und brüstet sich seitdem damit, Spiele und die Welt rum um Spiele herum ‚zurückzugewinnen‘. Mitglieder umfassen alles vom harten Kernkreis mit rund 200 Mitgliedern (so wird es zumindest auf der Plattform Reddit kommuniziert), der teilweise kriminell gegen Frauen in der Branche, die es wagen, ihre Spiele zu kritisieren, vorgehen, zu einem weiten Außenkreis an Unterstützern und Leuten, die eigentlich gar nicht wissen, was sie da unterstützen. Es wäre falsch zu sagen, alle, die sich damit identifizieren, seien schlechte Menschen, aber es mangelt einem Großteil zumindest an Selbstreflexion über das, was durch das Gamergate bisher erreicht wurde. Für mehr Informationen würde ich raten, Zoe Quinn oder Anita Sarkeesian zu googeln.


Moderation = Zensur?

Das ist das Masterargument. Wir wollen nicht zensieren, sagen die Magazine. Wir wollen nicht zensiert werden, sagen die Trolle und Sexisten. Und aus genau diesem Grund tut sich seit Jahren nichts, unter den Kommentarspalten der großen deutschen Spielemagazine. Man will denen, die dort Hass verbreiten nicht den Mund verbieten. Vielleicht spielt auch Angst davor, angefeindet zu werden mit. Oder der Blick auf Klickzahlen. Oder es ist den Redakteur*innen egal. Ganz gleich der Grund, das offizielle Argument, mit dem Kritiker*innen mundtot gemacht werden lautet Zensur.

Nur handelt es sich nicht um Zensur und das ist sehr klar. Unter den Fotos, Videos und Berichten tummeln sich bekannte und unbekannte Gesichter einer ungeheuer gefährlichen Vereinigung. Sie sind der Grund, warum man es sich als Frau oder Minderheit zweimal überlegt, ein Spiel oder das Magazin für fragwürdige Inhalte zu kritisieren. Tut man es doch lässt der Backlash nicht lange auf sich warten.

Frauen haben in der Nerd- und Geekkultur nichts zu suchen – das liest man oft. Wer sich dagegen sperrt, dass weibliche Rüstung mal wieder nur ein Bh und Höschen sein soll wird mit absoluten Todschlagargumenten wie „du bist hässlich“ oder „der männliche Nebencharakter x zieht sich auch mal aus“ zurückgewiesen.

In den Kommentaren sammeln sich die, die einer Meinung sind und polarisieren sich gegen Andersdenkende – Menschen die von dem Gamergate fertiggemacht werden. Hass in Kommentaren kann dazu führen, dass die Situation eskaliert und auf einmal geht eine Adresse rum und der/die KritikerIn wird systematisch zerstört.

Die Zeitschriften und Online-Magazine, die sich noch wenige Jahre zuvor ein toxisches Publikum herangezüchtet haben, stehen nun vor vollendeter Tatsache und schweigen. Sie wissen, wer sich unter ihren Posts unterhält, sehen die Neonazis und offenen Sexisten – sie entscheiden sich, untätig zu sein. Und genau da ist das Problem. Spielejournalismus im Jahr 2018 und unter jedem zweiten Post wird gehasst. Ab und an streut die Redaktion einen ‚kontroversen‘ Post ein – etwas feministisches, um die Aufmerksamkeit der Hassenden zu wecken, etwas Sexistisches, um die Gehassten unter den Post zu locken. Ein ewiger Kreislauf, der von Mal zu Mal schlimmer wird und dafür sorgt, dass man sich als Frau/Minderheit nicht an Spielejournalismus erfreuen kann.

Das konnte man noch nie so wirklich. Seit den 80ern finden sich sexistische und rassistische, sowie homophobe Inhalte in den Spielen, Spielemagazinen und der Kommentarspalte. Aber jetzt sind wir an einem Punkt angekommen, an dem die Redaktionen etwas sagen können. Es reicht nicht, sich von den alten Inhalten zu distanzieren, es ist an der Zeit, dass sie sich auch von dem alten Publikum lossagen.

Nur so erreicht man, dass sich die, die nicht so denken wieder in die Kommentare trauen. Denn ganz ehrlich – der Großteil der Leserschaft ist nicht böse und sexistisch, sondern einfach müde. Müde davon, auf die Kommentare zu klicken, weil sie etwas beitragen wollen, und dann nur Hass zu sehen. Wir sind die stille Mehrheit und ich verspreche an dieser Stelle allen Spielemagazinen, dass sie nicht weniger Klicks und Kommentare bekommen, wenn sie ihre Ekelfollower loswerden, sondern mehr.


Aurelia von Geekgeflüster und ich haben uns zusammengetan, um das Problem anzusprechen. Ihren Beitrag findet ihr hier: Sexismus und Gaming: Über Bevormundung und Profilierung.

 

 

Suizid in den Medien – ein Blick auf den Umgang mit Suizid in der (Pop)Kultur

 

Suizid in den Medien – ein Blick auf den Umgang mit Suizid in der (Pop)Kultur

Suizid in den Medien – ein Blick auf den Umgang mit Suizid in der (Pop)Kultur


TW: Suizid


Kann man durch eine Serie oder ein Buch die Jugend hinreichend zum Thema Suizid sensibilisieren? Das ist die Frage, die den Produzierenden der Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ gestellt wurde. Und tatsächlich ist es fragwürdig, inwiefern die Serie das umsetzt, was sie sich selbst zuschreibt. Statt auf die Folgen von Mobbing hinzuweisen, wird man als Zuschauer*innen mit grausigen Bildern ohne jegliche Warnung (in der ersten Staffel) konfrontiert.


Hallo und herzlich willkommen im Büchnerwald!

Heute möchte ich mit euch über ein wichtiges Thema sprechen: Suizid. Denn heute am 10.09 ist der Welttag der Suizidprävention. Im Rahmen einer größeren Aktion, angestoßen von der lieben Babsi von BlueSiren, haben ich und einige weitere Blogger*innen uns zusammengeschlossen, um euch heute und in den nächsten Tagen passende Beiträge zu liefern.

Mein Artikel dreht sich um den Umgang von Medien mit dem Thema Suizid am Beispiel der/dem problematischen Serie/Buch Tote Mädchen lügen nicht.

Ein Buch für Jugendliche – oder nicht?

2007, als ich im Teenageralter war, kam das Buch heraus, auf dem die Serie basiert. Ich erinnere mich daran, wie ich beim Lesen hin- und hergerissen war. Einerseits verstand ich die Protagonistin zu gut. Auch ich wurde gemobbt und war als Jugendliche lange in psychologischer Behandlung. Wäre dem nicht so gewesen, wäre ich jetzt vermutlich nicht mehr hier. Denn wirkliche Rückendeckung in der Familie fehlte mir und auch Freund*innen hatte ich keine.

Ich erinnere mich gut, wie ich als junges Mädchen dasaß und mir überlegte, wen ich wohl auf meine „13 Gründe warum“-Liste schreiben würde. Dann wurde mir klar, dass man so etwas nicht machen kann. Dass es nicht die Schuld jener wäre, die heute mal nicht nett zu mir waren oder mich einfach nicht mögen. Ebenso wenig, wie es die Schuld meines Vaters wäre, der 10 Stunden am Tag arbeitet, um mir und meinen Geschwistern ein gutes Leben zu ermöglichen.

Aber ich hatte Hilfe. Ich hatte meine Psychologin, die mit einer Engelsgeduld vor mir saß und sich damit abgefunden hatte, dass ich mich an manchen Tagen eine volle Stunde lang über meine Mitschüler*innen echauffierte und an anderen Tagen nicht ein Wort herausbrachte. Hannah, die Protagonistin des Buches und der Serie hat dies nicht. Und ich frage mich bis heute, wieso das als Hauptproblem nicht beim Namen genannt wurde.

Hannah steht nicht komplett alleine da. Sie hat Freund*innen und eine Familie, die ihr Hilfe besorgen könnte. Trotzdem tun Buch und Serie so, als wäre ihr einziger Ausweg der Suizid. Ich kann verstehen, wieso ein Teenager so denken würde. Aber die Erwachsenen hinter dem Ganzen müssen einen weiteren Blick haben und sehen, was sie für eine Nachricht senden. Suizid als notwendiges Übel und danach die Menschen, die die „Schuld“ tragen ankreiden und ihr Leben ruinieren, weil sie ja das eigene ruiniert haben. So funktioniert die Welt nicht. Es graust mir davor, dass Jugendliche abends auf ihrem Bett wütend eine Liste erstellen mit „Schuldigen“ und sich danach großartig fühlen, weil sie es den Betreffenden ja so richtig schön zeigen werden.

Die Serie sagt von sich, dass sie jungen Menschen helfen soll. Aber sie verbreitet ein ekelhaftes Bild von Opfern, statt auf vorbeugende Maßnahmen zu verweisen und zu zeigen, dass Suizid erstens keine Lösung ist und zweitens nur die Schuld der Person, die sich umbringt. Schon in den Anfängen der Serie wird Hannah von einer Jugendlichen, die keinen Ausweg wusste, zur Antagonistin, die die Schuld allen anderen zuschiebt. Und das, obwohl sie eigentlich wirklich Opfer war.

Online wird die Serie als „Teenie Drama“ abgestempelt. Doch dies passt schon lange nicht mehr. Dass das Buch für Jugendliche ist, ist keine Frage. Die Serie jedoch greift weiter um sich und zieht auch Erwachsene in den Bann. Im Internet wird darüber diskutiert, ob sie denn nun hilfreich und wichtig, oder toxisch und gefährlich sei. Besonders Betroffene sprechen sich gegen diese Darstellung von psychischer Krankheit und Suizid aus. Caro von timeandtea hat eine tolle Liste, der Probleme erstellt, Marit Blossey hat für das Online-Magazin Mit Vergnügen einen Artikel über die Gefahren der Serie geschrieben und sogar der Spiegel sieht die dramaturgische und romantisierte Darstellung von Suizid kritisch, so schrieb Marc Pitzke Anfang des Jahres.

Trotzdem wird die Serie angeschaut und erreicht jeden Tag mehr Popularität. Aber warum ist das so? Wieso interessieren wir uns so dafür, einem jungen Mädchen faktisch dabei zuzuschauen, wie ihr Leben zerstört wird?

Die Antwort findet sich in unserer Psyche. Es ist bekannt, dass viele Menschen sich von Grauen angezogen fühlen. Schon im antiken Griechenland wurde Grauen auf der Bühne dargestellt, um den Zuschauer*innen so Erleichterung über ihre ‚niederen‘ Gefühle zu verschaffen. Eine Praxis, die von Schiller 2000 Jahre später noch immer angewendet und verfeinert wurde. Wieso ist es in diesem Fall problematisch, wenn Darstellungen von Grauen und Leid schon seit tausenden von Jahren in der Literaturwelt auftreten und durchaus eine Daseinsberechtigung haben?

Das Problem, das ich auch oben schon angerissen habe, ist, dass auf solche populären und romantisierten Darstellungen der sogenannte Werther-Effekt folgt. Junge Menschen sehen, wie sich ein Mädchen aufgrund von Mobbing umbringt. Ihr Leben wird tragisch und doch vorbildhaft präsentiert, ihr Leiden ausgeschlachtet. Sie verfolgen ihre Reise mit, sehen sich in ihr und ahmen nach. So wie ich auch mal dasaß und mir überlegte, wie meine Liste wohl aussehen würde. In der Serie sucht sich Hannah nie wirklich professionelle Hilfe und so wird dies auch keine Option derer, die zuschauen. Ihre Hilflosigkeit wird zur Hilflosigkeit der Zuschauer*innen.

Ähnliches ließ sich beim Namensgeber, dem Werther aus Goethes Die Leides des jungen Werther (1774), aber auch bei jüngeren Todesfällen wie dem von Kurt Cobain (1994) beobachten.

Dabei muss die Darstellung von Suizid nicht toxisch sein und auch aus einem realen Todesfall, kann mehr als nur Tragödie und Drang zur Nachahmung werden. Das beste Beispiel hierfür bietet Chester Bennington. Der Sänger der Band Linkin Park beging Ende Juli 2017 Suizid. Was folgte, war eine Welle aus Trauer – und Positivität. Fans, Teile seiner Band und andere Bands sowie Leute, die sich nie wirklich für die Musik interessierten, aber dennoch helfen wollten, schlossen sich zusammen gegen Suizid und für Hilfe. Sein Tod wurde nicht romantisiert als Liebesakt, Verzweiflungstat oder krasses Ende einer stressigen Musikkarriere.

Bennington wurde zum Symbol für das Hilfesuchen und offen über Probleme sprechen. So wie es eigentlich sein sollte. Gerade heute, kann man sich dank Internet schnell und anonym jederzeit über Hilfe informieren und in ganz dringenden Fällen auf Seiten wie 7CupsOfTea mit Menschen sprechen. Unter dem Hashtag #MakeChesterProud wird auf Twitter auch heute noch, über ein Jahr nach seinem Tod, für das Hilfesuchen plädiert.

Unser Umgang mit Suizid in den Medien sollte mehr so sein, wie der der Linkin Park Fans. Wir sollten für das Hilfesuchen Werbung machen, statt die verzweifelte Tat einer Jugendlichen unreflektiert auf die Welt loszulassen und uns dafür auf die Schulter zu klopfen.

Heute ist Welttag der Suizidprävention (World Suicide Prevention Day #WSPD). Ich und einige andere Blogger*innen haben uns zusammengeschlossen, um euch heute und in den nächsten Tagen Beiträge zum Thema zu liefern. Organisiert hat das die liebe Babsi von BlueSiren. Eine Sammlung zu allen Beiträgen findet ihr unter diesem Beitrag, ebenso wie auf Babsis Blog.

Bevor ich euch die anderen Links zusammenfasse hier eine Liste mit Hilfestellen. Falls du oder jemand aus deinem Umfeld darüber nachdenkt sich umzubringen, bitte wende dich an eine dieser Hilfestellen. Suizid ist keine Lösung, es gibt Hilfe für jede Lebenslage.

Telefon-Hotline (kostenfrei, 24 h), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste:

0800 – 111 0 111

0800 – 111 0 333 (für Kinder / Jugendliche)

Deutsche Gesellschaft für Suizid-Prävention

Weißer Ring – Für Kriminalitätsopfer:

116 006 (kostenfrei, anonym und bundesweit erreichbar)


Andere Beiträge zum Thema findet ihr bei diesen BloggerInnen:

Babsi von BlueSiren

Laura von skepsiswerke

Nadine/Caytoh von Buchstabenmagie

Vivka von A Winter Story

Helen auf ihrem Youtubekanal Helen Fischer

Jenny von colored cube

Anna von Ravenclaw Library

 

Blogreihe: Volksstück

Tony_Pfoser_Volksstück

Blogreihe: Volksstück


Hallo und herzlich willkommen im Büchnerwald!

Die Volksstück-Reihe ist zurück! Meine kleine, literaturwissenschaftliche Blogreihe zum Thema Volksstück ist wieder verfügbar.


1. Basics: Was ist ein Volksstück und wieso sollte ich das wissen?

2. Grundzüge einer Gattung: Die Freude am Grauen und frühe Zensur.

3. Die (Nach)Kriegszeit: Kritik an Gesellschaft ist Kritik an der Zeit?

4. Revolution und Modernisierung: Die Horváth-Fleißer-Kontroverse.

5. Erbe und Umsetzung nach dem Krieg: Ein Nobelpreis in Provokation?


Die Themen umfassen vor allem Entstehung, Inhalte und Revolution des Volksstückes, aber auch Zensur und Umgang mit kritischen Inhalten im 20. Jahrhundert. Diskutiert werden dabei einzelne Werke und AutorInnen, sowie die grundlegenden Züge der Gattung in ihren Anfängen, in der Weimarer Zeit und nach dem Krieg.

Im Fokus stehen Deutschland und Österreich, wobei besonders um Wien herum die meisten Stücke spielen.

Wieso so eine Reihe?


Originaltext aus der Ankündigung (Sommer 2018)


Ich spiele seit einiger Zeit mit dem Gedanken, etwas über das Volksstück zu schreiben. Denn das Volksstück an sich war Dreh- und Angelpunkt der literarischen Gesellschaftskritik im deutschsprachigen Raum von etwa 1860 bis 1970 (mit der zu erwartenden Pause zwischen 33-45). Wenn man sich das Volksstück ansieht und die Formen, mit denen die AutorInnen kritisiert und reflektiert haben, sieht man Muster, die sich auch in der heutigen Gesellschaft widerspiegeln. Sexismus, Rassismus, gefährlicher Nationalstolz, Kriegsschuld und Gewalt.

Des Weiteren handelt es sich um eine literarische Gattung, die heute oft vergessen wird. Das ist schade, denn ich denke, dass wir davon profitieren könnten.

Im Volksstück geht es vor allem darum, durch gezielte Provokation und Überspitzung auf Probleme der Zeit hinzuweisen. Diese Dinge übernehmen heute satirische Sendungen und JournalistInnen – trotzdem bietet das Volksstück eine eigene Perspektive.

Die Beiträge werden im Essay-Stil gehalten und bieten somit Infos für Leute die neu in der Literaturwissenschaft sind, aber auch Fakten und Quellen für die, die sich damit bereits auskennen.

Ich hoffe das Projekt findet Anklang. In einer Welt, in der Hass und Gewalt wieder Gesellschaftsfähig werden, ist es (denke ich zumindest) wichtig, dass man sich über Kritik, Zensur und Umgang mit Hass in der Vergangenheit informiert und sich damit auseinandersetzt.

Das Literaturcamp Heidelberg 2018 – ein Rückblick

LitCamp_HD_logo

Das Literaturcamp Heidelberg 2018 – ein Rückblick


Wer mir auf Twitter folgt hat letztes Wochenende (16./17. Juni 2018) mitbekommen, dass ich auf dem diesjährigen Literaturcamp in Heidelberg unterwegs war.

Ich möchte euch natürlich auch ein bisschen berichten, wie es da so war, werde allerdings nicht auf die Sessions direkt eingehen, sondern eher auf das allgemeine Gefühl und die Dinge, die ich, mehr als die Inhalte der Sessions noch, mitgenommen habe.

Hier also der Bericht zum Event aus der Sicht eines Barcamp-Neulings.


Mein erstes Barcamp

Das Ticket hatte ich etwa eine Woche vorher durch Netgalley gewonnen und war dadurch ein wenig überrumpelt. Keine Fahrkarte, keine Unterkunft, kein Plan.

Ich twitterte meine Überrumpelung und hatte keine 30 Minuten später eine Unterkunft bei meiner wundervollen Kollegin Eva-Maria Obermann und eine Verabredung zu einer gemeinsamen Session mit Aurelia. Wir halten fest: das Netzwerk rund um das Litcamp ist einfach wundervoll.

Damit stand es fest, ich fahre aufs #Litcamp18 – mein erstes Barcamp.

Da ich freitags noch anderweitig eingespannt war und meine gute Freundin Sonia dazu überredet hatte, mit mir zum Camp zu fahren, ging es erst Samstagmorgen los – und wie es losging. Nämlich gar nicht, irgendwie.

Der Bus wollte nicht so wie wir und nach einigen Wutausbrüchen und Schimpftiraden gen Busunternehmen hatte Sonia uns schließlich einen anderen Weg organisiert nach Heidelberg zu kommen. Als wir endlich (gegen 11 Uhr morgens) am Dezernat 16 ankamen wurde mir erstmals so richtig bewusst, auf was ich mich da eingelassen hatte.

Überforderung und Einfindung

Ich stand mit Sonia am Rand und sah einen großen Raum mit Rund 200 Leuten darin, von denen ich bisher noch niemanden offline kannte. Es war, um es milde zu sagen, ernüchternd.

In solchen Momenten bin ich sehr froh eher extravertiert zu sein. Ist man schüchtern, kann ich mir gut vorstellen, dass man da Panik bekommen kann.

Zum Glück standen ein paar Camp-Helfer*innen bei der Anmeldung, die uns schnell auf der Liste abhakten und dann konnte es losgehen. Also theoretisch. Praktisch war ich froh, als ich Aurelia in der Schlange zur Sessionplanung entdeckte – sonst wäre ich erst mal still am Rand verweilt. Aber wir wollten ja eine Session halten. Also hallo sagen, kurz umarmen, sicher gehen, dass man auch die richtige Person angesprochen hat und dann warten, bis man dran ist.

Spoiler: Wir standen zu weit hinten. Also kurze Umplanung für eine Nachtsession, um den anderen den Vortritt zu lassen.

Jetzt bereits zu dritt warteten wir die Sessionplanung ab und stürmten dann zusammen mit dem halben Raum zum Planungsboard, um uns den Tagesplan zusammenzustellen.

Niemand kennt mich

Meine erste Session ging dann auch direkt los und so verkrümelte ich mich von meiner frisch gefundenen Gruppe und gesellte mich zu Benjamin Spang, dessen Session ich mir direkt anschauen wollte. Eine weitere ernüchternde Feststellung folgte auf den Fuß – niemand kennt mich. Online relativ bekannt, offline unbekannt und alleine. Ein seltsames Gefühl, vor allem wenn es scheint, als würden alle anderen sich schon seit Jahren kennen.

Egal, da muss ich jetzt durch! Nachdem man mit allen anderen Sessionteilnehmern die Twitternamen austauschte und sich gegenseitig gefolgt war, begann die Session und brachte mich auf andere Gedanken. Nach der Veranstaltung dann endlich ein bekanntes Gesicht, beziehungsweise ein bekannter Twittername, der einen auch erkennt. Danke an dieser Stelle an Claus, der mir das erste Mal Heimatgefühl auf dem Camp verschafft hat, in dem er mich erkannte und von dieser Stelle an immer wieder eine sichere Ansprechperson war, wenn ich mich mal verloren in der Masse fühlte.

Mit mehr Selbstbewusstsein ging es nun also zurück in die Haupthalle und zielstrebig zur nächsten Person, von der ich mir erhoffte, dass sie mich auch kennt.

Und dann ging alles sehr schnell – binnen Minuten wurde ich von einer bekannten Person zur nächsten geleitet, bis mir klar wurde, dass ich jede*n auf diesem Barcamp irgendwoher kannte. Leute fragten über Twitter wo ich denn sei, weil sie mich schon gesucht hätten. Es wurde sehr viel umarmt und geplaudert. Grüße an dieser Stelle vor allem an Nora, Wiebke und Tanja! ♥

Beim Mittagessen wurde lustig miteinander geschwatzt, wonach es zur nächsten Session ging und bevor ich es mir versah, war ich mit einer Gruppe sehr netter Leute unterwegs in der epischen Quest Abendessen zu beschaffen. Danach ging es mit Aurelia zur Nachtsessionplanung.

(Sessionthemen: Twitterfanbase aufbauen, Jugendliche Leserschaft erreichen, Genres, Toxische Beziehungen als Lovetrope, Weltenbau mit Videospielen/PnP)

Worum es geht

Das war für mich der erste wirklich bleibende Eindruck des Litcamps: man findet sich wirklich schnell ein. Was am Anfang nach einer unfassbar großen Menschenmenge aussieht, wird rasch kleiner, bis man seine Onlinefamilie darin wiedererkennt. Man lacht, blödelt herum, knüpft neue Kontakte (meine persönliche Entdeckung des Camps ist ja Bianca, die eine meiner Lieblingssessions zum Thema Genre gehalten hat und ein wundervoller, erfrischender Mensch ist) und geht von Grüppchen zu Grüppchen, wird von jedem angelächelt und aufgenommen.

Der zweite bleibende Eindruck war der Respekt. Nicht nur, dass nichts gestohlen wurde und jede*r von jedem als gleichwertig angesehen wurde – auch die Tatsache, dass ich bei einer schwierigen Session eine Pause brauchte und komplett in Ruhe gelassen wurde. Wer auf dem Litcamp eine Pause braucht, bekommt sie auch.

Gleichzeitig wird man aber auch von der Freundschaftlichkeit übermannt, die in der Luft liegt. Menschen, die man eigentlich nur online kennt stehen auf einmal vor einem und es ist, als wäre man seit Jahren befreundet. Ob es nun die lieben Kolleginnen vom Nornennetz, meine Geschichtsschwestern im Geiste Aurelia und Francis, die großartige Joy und der fantastische Karl-Heinz Zimmer – ich hatte zu allen Zeiten nette, wundervolle Menschen um mich herum.

Zurück zum Thema, bevor ich hier wieder den Litcampblues in mir selber wecke (zu spät, aber egal).

Die Nachtsession

Nachdem wir ein bisschen überrumpelt von dem Interesse an unserer Session waren, bemerkten Aurelia und ich, dass wir dabei gestreamt werden. Na klasse. Wir richteten also unsere Folien, machten uns bereit und dann ging es los.

Ich stotterte die ersten zehn Minuten unprofessionell in die Kamera, während Aurelia seelenruhig neben mir über Jamie Lannister herzog und dann kamen die ersten Lacher aus dem Publikum und alles wurde ganz leicht. Das ist auch ein Teil des Litcamps: zu lernen, dass man keine Angst vor den Menschen im eigenen Publikum haben muss. Sie sind da, weil sie sich für die Session interessieren und man kann eigentlich nicht wirklich was falsch machen. Es ist ein Barcamp – so lange alle Spaß haben, läuft es.

Rund 15 Personen hörten uns anfangs dabei zu, wie wir über das Mittelalter und die Klischees aufregten und unsere Fachgebiete humoristisch gegeneinander ausspielten.

Im Hintergrund gab es Waffeln, was immer mehr Leute dazu bewegte, uns zuzuhören. Am Ende waren es etwa 30 Menschen, die uns applaudierten, bevor wir von Komplimenten quasi erdrückt wurden. Ein komisches Gefühl, was bis heute nicht ganz bei mir angekommen ist. Man erzählt was über Kleidung im 14. Jahrhundert und Leute sind super interessiert, hören zu, stellen fragen und finden das Ganze am Ende gut. Das hat man als Historikerin nicht oft, weswegen der Abend dementsprechend beschwingt endete.

Zuhause bei Eva durfte ich dann Katzen kuschelnd ein paar Stunden Schlaf aufholen, bevor es am nächsten Morgen direkt wieder nach Heidelberg ging.

Der zweite Tag

Nach dem anfänglichen Chaos wurde während dem ersten Sessionspot spontan eine zweite Session von Historikerinnenduo geplant, die wir vorstellten und diesmal in einem kleineren Raum (der dementsprechend voll war) halten durften. Dieses Mal ging es um Burgen und wieder war ich von der positiven Rückmeldung komplett erschlagen.

Besonderen Dank an dieser Stelle an die Menschen, die über uns getwittert haben. Sprüche wie „Ziegen sind Arschlöcher“, „Niederadel war das GZSZ des Mittelalters“ und „Niemand mag Franken“ habe ich heute noch in der Timeline und ich muss jedes Mal darüber lachen.

Ebenfalls ein Highlight war es, als jemand meinte, man komme nicht mehr mit dem twittern hinterher. Ich persönlich sehe das als eines der größten Komplimente, die man auf einem Barcamp während eines humoristischen Vortrages bekommen kann.

(Sessions, die ich am Sonntag besucht habe: Sicherheit für Blogs, Regeln brechen)

Tja und dann war das Litcamp vorbei. Das heißt, irgendwie auch nicht. Denn während die meisten nach der ersten Aufräumwelle gingen, blieb ich mit dem harten Kern der Saubermach-Mannschaft zurück und konnte für zwei weitere Stunden den Spaß, die Gespräche und die komplette Atmosphäre genießen, während wir das Litcamp in Kisten und ein sehr volles Auto packten.

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn das Aufräumen fast mehr Spaß macht, als der Rest. Aber dadurch, dass es nun weniger Menschen waren und man im Gegenteil zum restlichen Camp auch mal wirklich längere Zeit mit denselben Leuten verbrachte, war es viel entspannter.

Zum Abschluss ging es mit ein paar sehr großartigen Menschen Pizza essen (hier das obligatorische Beweisfoto), ich wurde zur Haltestelle gebracht und dann war ich auch schon auf dem Heimweg. Im Herzen noch in Heidelberg, in der Realität in einem sehr stickigen Bus.

Fazit

Das Litcamp ist nichts für alle. Ich weiß, dass man das oft hört, aber das Camp kann wirklich sehr erdrückend sein und der schnelle Wechsel zwischen Sessions, Personengruppen und dem allgemeinen Stress hinterlässt Spuren.

Ich persönlich nehme mir fürs nächste Camp vor, mehr bei einer Personengruppe zu bleiben und nicht dauerhaft durch das Gelände zu rennen, um auch ja alle Leute zu treffen. Es sind nur zwei Tage, in denen man schon genug beansprucht wird.

Wenn also jemand nicht hin möchte, kann ich das bestens verstehen. Falls ihr jedoch überlegt, ob es etwas für euch ist und ihr euch entscheidet hinzugehen, erwartet euch ein Wochenende voller netter Menschen, neuer Erfahrung und wirklich sehr gutem Essen.

Ansonsten möchte ich mich bei denen bedanken, bis zum Ende mit aufgeräumt haben. Besonders natürlich bei Teilen des Orgateams, die ich in diesen letzten paar Stunden richtig kennenlernen durfte. Ihr habt mir nochmal gezeigt, dass es nicht nur darum geht alle Leute zu treffen, Selfies zu machen, zu netzwerken und sich von Session zu Session zu jagen.

Es geht beim Litcamp vor allem darum Spaß mit netten Menschen zu haben und sich über Themen zu unterhalten, die einen begeistern. Alles andere kommt von selbst.

Aber das ist, denke ich, etwas, was jede*r beim ersten Barcamp lernt.

 

Als Autor*in darf ich alles – Stimmt das?

alphabets-2518268_960_720

Als Autor*in darf ich alles – Stimmt das?


Tw: Zahreiche Minderheiten, Umgang mit Sexualitäten, politisch fragwürdige Sprache zur Darstellung des Problems


Disclaimer: In diesem Text wird über Minderheiten im Generellen, also auch den Umgang mit diversen Kulturen, Hautfarben, Behinderungen, Sexualitäten und Identitäten gesprochen. Ich selbst habe europäische Features, bin cis und weitestgehend ablebodied. Sollte also trotz meiner Recherche ein Fehler im Umgang mit einer Minderheit, von der ich nicht betroffen bin, auftauchen, bitte ich um Korrektur.


In diesem Beitrag soll es um Minderheiten in der Literatur gehen. Besser gesagt über Own-Voice-Literatur versus keine Own-Voice-Literatur und die Gründe, warum man darüber überhaupt so stark diskutieren kann.

Was darf man als Autor*in?

Allein von der Formulierung ausgehend, ist klar, dass man theoretisch alles darf. Klar, wer will einen schon aufhalten? Die Frage ist also eher, wie man als Autor*in mit gewissen Themen umgehen sollte.

Ein Teil dieser Kontroverse ist der Umgang mit Minderheiten. Wie sollte man als Autor*in mit Minderheiten in den eigenen Büchern umgehen, wenn man selber kein Teil dieser Minderheiten ist? Ein Buch, in dem alle weiß, jugendlich, gesund, cis hetero und im Extremfall männlich sind, wird früher oder später Kritik dafür ernten, dass es nicht inklusiv ist.

Man darf das natürlich trotzdem schreiben (und viele tun es auch), aber es ist klar, dass Leute sich die Frage stellen, wieso man keine Minderheiten einbaut.

Was ist nun aber mit Autor*innen, die aus der Sicht einer Minderheit schreiben, der sie selbst nicht angehören und dann von besagter Minderheit kritisiert wird? Widerspricht sich das nicht, mit der Bitte nach Inklusion?

Die zwei Lager

Die einen sagen, dass Phantastik, bzw. Literatur allgemein, nicht realistisch sein muss. Die kreative Freiheit erlaubt es einem, Dinge zu erfinden und drehen wie man möchte. Gerade Bücher über männlich-homosexuelle Romanzen verkaufen sich extrem gut. Es ergibt also Sinn, dass Autor*innen das schreiben.


Wer mehr über die Probleme von Gayromance und überhaupt Gay als Genre lesen möchte, kann dies in diesem Beitrag tun: Wenn Heteros über Homos schreiben.


Hinzu kommt, dass ein Verbot, nicht nur lächerlich ist, sondern für manche auch Zensur gleichkommt. Ein erwachsener Mensch kann Bücher schreiben und veröffentlichen, wie er/sie/nb möchte.

Das ist auch alles richtig. Es gibt jedoch ein Problem mit der Sichtweise, dass man uneingeschränkt einfach über alles und jeden so schreiben darf, wie man möchte.

Denn was viele vergessen ist, dass die Minderheit, über die man schreibt, real existiert und das Geschriebene lesen kann. Es ist für diese Menschen offensichtlich verwirrend, wenn sie ein Buch über ihre Kultur oder Sexualität lesen und dann feststellen, dass absolut nichts davon stimmt.

Sex im Dunkeln und ein roter Hut

Stellt euch vor, man schreibt ein Buch über Deutsche und sagt darin, dass Deutsche nur Sex im Dunkeln haben und Samstags rote Hüte tragen. Da würden sich alle deutschen Leser fragen, woher das kommt. Wenn sie das dann kritisieren kommt die Antwort „ich darf schreiben, was ich will.“

Damit kommt man irgendwann klar und vergisst es nach einiger Zeit. Jetzt stellt ihr aber fest, dass der/die/nb Autor*in aus einem Land kommt, in dem 90 % der Bücher über Deutsche diese Informationen beinhalten.

Das geht so weit, dass ihr nicht mehr reisen könnt, ohne auf euren roten Hut angesprochen zu werden. Leute kommen auf euch zu und machen Witze, über den Sex, den ihr habt. Ohne euch wirklich zu kennen. Denn die Informationen, die in den Büchern vermittelt werden, sind so normalisiert, dass es als okay angesehen wird, jeden Deutschen auf private Details anzusprechen.

Was zunächst noch unwichtig und irgendwie witzig war, wird jetzt nervig und immer mehr zu einem Problem.

Generalisierung und Grenzen

So geht es Minderheiten. Manche ‚Fakten‘ werden generalisiert. Es haben sicher viele Deutsche nur Sex im Dunkeln, aber lange nicht alle. Zumal nicht nur Deutsche Sex im Dunkeln haben. Manche ‚Fakten‘ sind kompletter Blödsinn, wie das mit dem roten Hut.

Direkte Beispiele hierfür ist Scissoring. Irgendwie aus der Porno-Szene übernommen, nehmen viele Menschen an, dass nicht-heterosexuelle Frauen das machen. Was aber nicht der Fall ist.

Ich wurde mal von einer wildfremden Frau gefragt, wie ich trotz langer Fingernägel mit meiner damaligen Partnerin Sex habe. Sie hat irgendwo gelesen, dass alle Frauen in einer nicht-heterosexuellen Partnerschaft kurze Nägel haben müssen und war neugierig. Es schien normal für sie, mich über ein extrem privates Detail zu befragen, weil sie mich nicht als Person, sondern als Vertreter meiner Minderheit gesehen hat.


Ich nutze an dieser Stelle nur Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung, weil ich mich nicht wohlfühlen würde, über Stereotypen anderer Minderheiten zu schreiben. Etwas, was eine gute Freundin von mir, die aus Südafrika ist, furchtbar findet, ist der ‚alle schwarzen Frauen haben dieselbe Art von Haarstruktur‘-Stereotyp. Sie hat mir dann die Tabelle gezeigt, die von 1 zu 4C reichte und ich verstand, was sie meinte. (Link zum Verständnis


Die Aussage „ich darf alles, was ich möchte“ kommt mit den Privilegien, die man als Autor*in, der/die keiner Minderheit angehört, hat. Man darf über Minderheiten schreiben, wie man möchte, weil man von den Folgen nicht betroffen ist. Es kann einem egal sein, wenn Falschinformationen und Stereotypen die Runde machen.

Dann lieber gar keine Minderheiten?

Wie baut man also Minderheiten ein? Denn wie oben schon angesprochen, geht es auch nicht ohne. Schreibt man aus deren Sicht oder lässt man sie als Randfiguren stehen?

Wenn man sie als Nebenfiguren schreibt, gibt es oft die Gefahr, dass man sie als ewigen Sidekick oder Lückenfüller einsetzt. Ein guter Trick um sich davor zu schützen ist: gebt ihnen Charakter. Denn oft wird sich über Minderheiten-Sidekicks beschwert, die austauschbar sind.

Wenn ihr unbedingt aus der Sicht einer Minderheit schreiben wollt, ist eine Möglichkeit, das Hauptthema nicht um ein typisches Problem der Minderheit aufzubauen. Schreibt über eine lesbische Frau, wie ihr über eine heterosexuelle Frau schreiben würdet. Recherchiert, aber fokussiert euch nicht nur auf das Outing oder den Hass.

Recherche ist alles

Sprecht mit Leuten. Sucht euch Testleser, die euch auf Fehler hinweisen. Recherchiert und baut eure Figuren realistisch auf, auch wenn ihr phantastisch schreibt. Kämpft mit ihnen in epischen Schlachten, mietet eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Frankfurt (ein Kampf für sich) oder beschreibt ihren Tag im Finanzamt. Sprecht ihre Herkunft/Sexualität/etc an, macht sie aber nicht zum Zentrum eurer Geschichte.

Einen Drachen kann man sich komplett neu erfinden, weil es keine Drachen gibt. Ein schwuler Mann ist kein Drache. Die gibt es wirklich.

So gut ihr auch recherchiert und schreibt, ihr werdet den Problemen nicht gerecht. Einfach, weil ihr es nicht lebt. Ein gutes Beispiel ist Simon vs the homosapiens agenda. Die Autorin hat sehr gut recherchiert und trotzdem Blödsinn zum Outing geschrieben.

Own-Voice-Büchern nicht die Bühne stehlen

Dazu kommt, dass man über ein Thema schreibt, über welches tatsächlich Betroffene bereits geschrieben haben.

Own-Voice-Literatur, also Bücher von Minderheiten über sich selbst, werden auf dem Buchmarkt oft ignoriert, weil viele Autor*innen Bücher über das Thema schreiben, ohne betroffen zu sein. Sie gehen unter.

Von Außenstehenden geschriebene Bücher sind außerdem angenehmer zu lesen, da man sich in seinen Stereotypen bestätigt fühlt und als Leser*in nicht in Gefahr läuft, durch Own-Voice auf eigene Fehler hingewiesen zu werden.

Zurück zu Simon vs the homosapiens agenda – Leute lesen dieses Buch über ein Outing lieber, als ein realistisches Buch, in dem tatsächlich beschrieben wird, was passiert. Indem der Protagonist trotzdem Angst hat. Obwohl seine Familie ja eigentlich liberal ist. Und sich immer und immer wieder outen muss, statt einmal. Und sich regelmäßig in den Schlaf weint, weil er genau weiß, dass die eigene Großmutter einen hassen wird und der Junge, auf den er steht, ihn niemals lieben wird, weil er eine Freundin hat. Denn so ist das. Nicht witzig, nicht ‚eigentlich egal, ob es rauskommt‘ und – leider – oft ohne das Happy End.

Own-Voice ist wichtig

Dabei ist es wichtig, dass wir solche Bücher populär machen. Damit Leute sehen, was sie Menschen mit ihren ‚harmlosen‘ Kommentaren antun und verstehen, wieso so viele Jugendliche sich umbringen. Aber wir hypen lieber das unrealistische Buch einer Außenstehenden, um der unangenehmen Wahrheit aus dem Weg zu gehen.

Ich möchte, dass Autor*innen verstehen, dass sie eine Industrie nutzen, in der eine Minderheit auf ein Cover geklatscht wird, um Geld zu machen. Man wird ausgenutzt und dann auch noch durch den Inhalt verletzt. Jemand macht Geld, weil es einen Markt für homosexuelle Literatur gibt, in der sich viele nicht wirklich um Homosexualität scheren. Sie geilen sich nur dran auf, dass da zwei Kerle auf dem Cover sind. Während reale Homosexuelle jeden Tag mit diesen Stereotypen konfrontiert werden und ihr Leben lang darunter leiden.

Die Zielgruppe spielt hier dementsprechend ebenfalls mit rein. Leute, die leichte Literatur zum Thema wollen, die gerne unrealistische Gayromance lesen, weil sie das anturnt, oder die über die Schokoladenkommentare der schwarzen Protagonistin lachen wollen. Für diese Leute ist dieser Beitrag ebenso, wie für die Autor*innen. Ihr dürft lesen, was ihr wollt. Aber hinterfragt doch bitte mal, was ihr damit fördert. Und wem ihr damit, für eure Freude, wehtut.

Fazit

Am Ende des Tages (bzw. des Artikels) kann man niemandem den Mund verbieten. Man kann jedoch eine Bitte aussprechen. Dafür, dass jeder/jede Autor*in einen Moment innehält und sich frage, wie er/sie/nb sich fühlen würde, wenn man über sie so schreiben würde. Wenn er/sie/nb etwas kritisieren würde, was einfach nicht stimmt und dafür angegriffen werden würde.

Generell ist es wichtig, dass Minderheiten in Büchern Platz finden und ihre Geschichten auch von nicht-betroffenen Menschen erzählt werden. Own-Voice ist wichtig, davon gibt es aber nicht genug, um richtige Repräsentation der Gruppierungen zu gewährleisten.

Schreibt also über Menschen, die einer Minderheit angehören. Aber schreibt informiert, für ein diverses Publikum und aus einer Sicht, die weder exotisierend noch fetischisierend ist.

Links zum Thema

Rezension auf Stürmische Seiten zu Laura Kneidls „Someone New“ 

Wenn Heteros über Homos schreiben

Wenn Heteros über Homos schreiben

Wenn Heteros über Homos schreiben


Tw: Homosexualität, Fetischisierung, (sexuelle) Gewalt


Disclaimer: Nichts in diesem Artikel richtet sich gegen eine feste Gruppe oder eine Einzelperson. Dieser Artikel wurde erstmals im Februar 2018 veröffentlicht und Dezember 2018 überarbeitet. Aussagen, Erfahrungen und Neuerungen sind dieser Überarbeitung geschuldet.


Gay als Kassenschlager

In den letzten Monaten finden sich immer mehr Menschen in meinem literarischen Umfeld, die ihre Bücher unter dem „Genre“ Gay bewerben.

Zunächst wirkt das wie etwas Gutes. Es zeigt, dass Menschen sich mit dem Thema auseinandersetzen und, auch wenn sie selbst nicht „betroffen“ sind, über solche Beziehungen schreiben. Damit finden sich logischerweise mehr Geschichten mit homosexuellen Beziehungen auf dem Buchmarkt, was die allgemeine Akzeptanz erhöht.

Zumindest theoretisch. Leider scheitert eben diese Erhöhung der Akzeptanz dann an der Umsetzung in den Büchern:

  • Einziges Thema sind homosexuelle Männer. Es dreht sich nur um diese eine Minderheit, was die Absicht eine allgemeine Akzeptanz zu erhöhen untergräbt. LGBTQA+ bietet so viel mehr und alle diese Menschen suchen nach Büchern in denen sie auftauchen.
  • Die Zielgruppe wird offen kommuniziert und besteht aus einem festen Kreis an Fans. Das Ziel ist nicht Akzeptanz, sondern Geld.
  • Die Autor*innen sind zu einem disproportional-hohen Anteil weiblich. Recherche kann dies ausgleichen, tut es aber oft nicht.
  • Die Themenwahl ist grenzwertig. Zwischen Gewalt, schlechter Historisierung und zu vielen „eigentlich bin ich ja nicht schwul aber“-Geschichten werden schwule Männer wie Zootiere vorgeführt und durch einen eigentlich uninteressanten Plot geführt mit dem Versprechen, dass es am Ende eine heteronormative, unrealistische Sexszene gibt.

Aber warum schreibt man das dann?

Fragt man die Autor*innen, warum sie Gayromance/Gayfiction/etc schreiben, so erhält man sehr bezeichnende Antworten:


„Ich schreibe das, weil ich sonst keine Beziehungen beschreiben kann.“


„Ich finde Homosexualität einfach cool!“


„Schwule sind süß.“


Aussagen wie diese mögen auf den ersten Blick nicht sonderlich toxisch aussehen. Aber schauen wir sie uns genauer an, so erkennen wir die homophoben Abgründe dahinter.

Die Verniedlichung einer Sexualität bringt mit sich, dass man sie nicht als ebenbürtig und wichtig sieht. Man kann mit ihr machen, was man möchte. Jeder, den man gerne so sehen würde, kann so beschrieben werden. Beziehungen zwischen zwei Männern kann man ohne Recherche beschreiben, weil es ja egal ist, ob sie realistisch sind.


Ausschnitt aus dem Originalartikel:

Das Problem mit nur „homo“ und nur männlich ist relativ tief verwurzelt und kommt aus der Fanfictionszene. Es gibt endlos viele Jugendliche, die über Schauspieler*innen und Charaktere fantasieren, diese „shippen“ und in ihren Geschichten in homosexuelle Beziehungen stecken. So wie viele Männer gerne Lesbenpornos schauen, leben gerade junge Frauen ihre eigenen Fantasien so aus. Und das ist echt nicht gut. Denn das ist keine Bewunderung mehr. Das ist Fetisch.

Egal welche Sexualität man so behandelt, sie wird zum Fetisch. Der Willen der Menschen, sowie ihre Identität ist egal. Hauptsache am Ende küssen sich die, die man für schwul erklärt hat. Und dann sitzt man kichernd vor dem Laptop und freut sich. Sexualitäten sind nichts, was man wie ein Spiel behandeln sollte. Und sie sind nicht dafür da, dass jemand heterosexuelles sich daran erfreut. Sie sind kein Spielzeug für Slashfiction, keine erotisches Outlet und keine Pornovorlage.

An dieser Stelle könnte ich über Privilegien sprechen oder die Tatsache ausbauen, dass historisch gesehen, Menschen, die nicht heterosexuell waren, tatsächlich als Spiel genutzt wurden. Diese Faszination ist bei Weitem nichts Neues. Stattdessen verweise ich auf diesen englischen Text, bei dem das Phänomen auf Tumblr bezogen erklärt wird.

Ich möchte nochmal klarstellen, dass nichts verwerflich daran ist, Charaktere miteinander zu shippen. Das ist Privatsache und man kann das halten, wie man möchte. Es ist das öffentliche Niederschreiben von sexuellen Akten und Beziehungen zur Freude von Personen außerhalb dieser Sexualität, was mich stört. Es fühlt sich an wie ein Käfig. Alle starren von außen auf einen wie in einem Zoo. Man wird ausgestellt für die Unterhaltung anderer. Es hat absolut nichts mit Bewunderung zu tun, wenn man nur deshalb im Gay-Genre schreibt. Erwachsene AutorInnen, die damit ihr Geld verdienen, bereichern sich an Stereotypen und Fetisch.


Realismus als Grundlage?

Genau wie 50 Shades of Grey keinen realistischen BDSM darstellt, so sind auch die Darstellungen von Beziehungen und Sexualpraktiken im Gay-Genre fragwürdig recherchiert.

Sie werden überzogen und als besonders dargestellt, obwohl sie es eigentlich nicht sind. Leser*innen sehen das und beziehen das auf die Realität. Und dann sind wir beim Kernproblem angekommen: Was darf man als Autor*in und was nicht? Wo hört künstlerische Freiheit auf?


Auf die Probleme, die bei kompletter, künstlerischer Freiheit im Umgang mit marginalisierten Gruppen entstehen, gehe ich in diesem Artikel gesondert ein: Als Autor*in darf ich alles – Stimmt das?


Ist es legitim sich als AutorIn auf künstlerische Freiheit zu beziehen, wenn man damit aktiv Schaden bei einer eh schon marginalisierten Gruppe verursacht? So wie übermäßig fetischisierte Pornografie misogyne und homophobe Werte vermittelt, so sind auch die Bücher des Gay-Genres oft problematisch.

Das Gay im Schafspelz

Aber anders als Pornografie, die offen damit umgeht, dass sie problematische Inhalte wie Misogynie, sexuelle Gewalt oder Bestialität enthält, verstecken sich die Bücher des Gay-Genres. Sie maskieren sich als romantische Romane und werden auf Buchmessen gezeigt, gefeiert und verkauft.

Ich möchte nicht sagen, dass alle Bücher aus diesem „Genre“ so sind. Im Gegenteil. Viele Autor*innen, die ich persönlich kenne, geben sich sehr viel Mühe, neben dem Gay einen richtigen Plot zu kreieren und nicht nur unrealistischen Sex und Stereotypen abzubilden. Aber wenn man durch eine Messe läuft und eine ganze Sektion dort voller Bücher ist, die sich nicht mal die Mühe machen zu googeln, wie das jetzt eigentlich beim Sex zwischen zwei Männern abläuft, dann verliert man den Glauben in das Genre.

Die Fetischisierung einer ganzen Sexualität

Wenn jemand so über Homosexuelle schreibt, sehen andere sie nicht als Menschen. Auf eine gewisse Art und Weise sehen auch die Autor*innen sie nicht als Menschen. Sie werden zum reinen Objekt heteronormativer Neugierde auf das Fremde.

Eine Sexualität wird zum Fetisch für heterosexuelle Frauen, die ihre Sexualität zu weilen als „ich stehe auf Schwule(n Sex)“ beschreiben. Jahrhundertelang war Homosexualität eine Krankheit und wurde nicht ernst genommen. Jetzt stellen sich Autor*innen, die die Sexualität ebenfalls nicht ernst nehmen und sich nur daran bereichern wollen, als offene Aktivist*innen für Fairness dar.

Diese Bücher verkaufen sich und werden vervielfältigt und prägen die Sicht von Menschen auf Homosexualität. In vielen Geschichten sind die einzigen Merkmale einer männlichen Figur sein Sixpack und seine Sexualität. Stereotype werden von Menschen verbreitet, die sich selbst nie wegen ihrer Sexualität verteidigen mussten.


Ausschnitt aus dem Originalartikel:

Wenn die einzigen Merkmale einer Figur seine Sexualität und Probleme, die Eng damit verknüpft sind, sind, dann ist das furchtbar toxisch. Autor*innen in diesem „Genre“ verbreiten Stereotypen und das vermutlich, ohne es zu wissen. Weil sie sich nie Gedanken über so etwas machen mussten. Weil ihre Sexualität nicht in Büchern als süß oder interessant oder exotisch beschrieben wird. Deren Sexualität wird nicht auf drei Merkmale reduziert, die in jedem Buch gleich sind. Und nicht jedes Buch mit heterosexuellen Beziehungen dreht sich um die Selbsterkenntnis dieser Sexualität oder um Probleme die nur auftreten, weil man hetero ist.

Zumal sie diese Probleme einfach nicht verstehen können. Ebenso, wie sie den Alltag einer homosexuellen Person, die mit Stereotypen und Verurteilungen zu kämpfen hat, nicht verstehen können. Ohne die richtige Recherche bringen selbst Romane, die Gutes tun wollen, nichts weiter als Klischees und Fetisch mit sich.

Outings enden beispielsweise nie. Sie dauern das ganze Leben lang an. Selbst bei Menschen, denen man theoretisch vertraut, hat man Angst vor Ablehnung. Es ist nicht alles für immer fröhlich und sonnenbeschienen, nur weil man sich einmal geoutet hat und alle es okay finden. Leben mit einer diversen Sexualität ist konstanter Stress.

Ein anderes Beispiel ist Sex. Sexpraktiken, wie man sie aus Fanfictions und schlechten Gayromance-Geschichten kennt, sind großflächiger Unsinn. Es wird so getan, als würden alle Menschen einer Sexualität das Gleiche gut finden. Das ist, als würde man allen Hetero-Pärchen immer nur eine Stellung zuschreiben und alles andere, was Sex ausmacht, ignorieren. Und dann ist die eine beschriebene Stellung nicht mal realistisch, sondern grenzwertig, weil sie ohne beidseitigen Konsens und einfachste Biologiekenntnisse auskommt.


Fazit

Die Beziehung, der Sex und das Innenleben der Figuren in Gay-Romanen ist für heterosexuelle Leser*innen optimiert. Das hat nichts mit offener, diverser Literatur zu tun und sollte auch nicht als solche zelebriert werden.

Die LGBTQA+ Community wird von vielen Seiten bedroht. Es ist in manchen Teilen der Welt verboten nicht cis und hetero zu sein. Es gibt jedes Jahr Angriffe und Schießereien, die als Hatecrime gegen die Community vorgehen wollen. Ebenso gibt es noch Konversionstherapie und sogar Exorzismen gegen alles, was nicht dem heteronormativen „Standard“ entspricht. Gerade Männer aus der Community sind häufiger suizidgefährdet, nicht zuletzt, weil sie den Stereotypen, die toxische Maskulinität von Homosexuellen erwartet, nicht entsprechen wollen oder können.

In einer Welt, in der es diese Dinge noch gibt, Homosexualität als „süß“ zu bezeichnen, zeugt von einer massiven Naivität. Und Naivität ist keine Ausrede dafür, toxische Geschichten zu schreiben, die es Menschen die eh schon genug zu kämpfen haben, noch schwerer machen, akzeptiert zu werden.

Und falls jetzt noch jemand daran zweifelt, ob es den angesprochenen Autor*innen nicht vielleicht doch um Aktivismus und Diversität geht: als ich diesen Artikel (in einer etwas persönlicheren Form) im Februar erstmals veröffentlichte, wurde in einer großen Facebookgruppe für Gayromance über mich und den Artikel diskutiert. Dabei schrieb eine Nutzerin etwas, was meine Kritikpunkte sehr deutlich illustriert:

„Die scheiß Kampflesbe soll sich nicht so anstellen. Wenn Schwuchteln sich an meinen Büchern stören, sollen se mir das selber sagen.“


Ein positiver Ausblick

Es gibt Romane, die divers sind und dabei keine Klischees bedienen. Die diverse Sexualitäten respektvoll darstellen. Deutsche AutorInnen haben, gerade wenn es um homosexuelle Männer geht, einiges aufzuholen. Denn viele dieser positiven Beispiele (zumindest der, die ich gefunden habe) kommen aus den USA, Australien oder Frankreich.

Im Bereich Gayromance habe ich tatsächlich bisher niemanden gefunden, dessen/deren Buch 100%ig zu diesem „Genre“ zählt, bzw. der/die/nb sich freiwillig als Autor*in in diesem Bereich bezeichnen würde. Hier also einige Tipps für die Umsetzung von Queerness, wie sie eigentlich sein sollte:

Weitere Links zum Thema

Fetischisierung von Homosexuellen auf Tumblr

Fetischisierung von heterosexuellen Charakteren als homosexuell

Fetischisierung von Lesben in den Medien

Ernste Probleme mit der Fetischisierung von Bi- und Homosexuellen Frauen

Ein Hot-Take von Autorinnenkollegin Anja Stephan

Das Wahlveranstaltungs-Wochen-Erlebnis

Das Wahlveranstaltungs-Wochen-Erlebnis

Das Wahlveranstaltungs-Wochen-Erlebnis


Diclaimer: Dieser Artikel wurde eine Woche vor der Bundestagswahl 2017 veröffentlicht. Einzelne Aussagen und Inhalte sind dementsprechend nicht mehr aktuell.


Der Sinn dieses Artikels ist es in erster Linie über die Stimmung bei einer Schulz- und Merkelrede zu berichten. Ich möchte festhalten, wie unterschiedlich Wahlveranstaltungen aufgezogen werden, wer die Menschen dort waren und wie man sich in einer politischen Masse fühlt, der man nicht zwingend zugehörig ist.


Martin Schulz und der SPDler-Habitus

„Gehst du morgen zum mardddiiiiin?“

Mein Handy piepst und ich runzle überrascht die Stirn.

„zu wem?“

„Schulzibooooy“

Ein amüsierter Laut entfährt mir.

„Ach der Mardin! Haste Bock?“

„Wenn das Wetter nicht ganz so scheiße ist“

Und damit war es beschlossen. Keine 24 Stunden später stehen wir – das sind ich und eine gute Freundin – auf dem erstaunlich trockenen Platz der alten Synagoge. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem erfreulich leeren AfD-Stand vorbei. Der dazugehörigen Protest, samt Plakat der Linken, versorgte uns mit Flyern und dem neusten Tratsch über die Freiburger Rechte.

Der Platz ist voll, überall stehen Polizisten und ich warte eigentlich nur auf das beginnende Pfeifen-Konzert der AfDler. Doch das bleibt aus. Stattdessen stellt sich Schulz – ein wirklich kleiner Mann – statt auf die Bühne, auf ein kleines Podest davor, sodass man ihn auch ja nicht sehen kann und beginnt zu reden.

Oder naja… zu schreien.

Wie ein Youtubevideo der 60-Jahre-Kommunisten leiert er in guter Marktschreier-Manier seine sozialen Tiraden herunter. Mit Herz und Seele und ganz viel Spucke.

Vor ihm wird eine Kommunismusflagge geweht, rechts im Publikum macht jemand Werbung für eine Demo am Donnerstag. „Der ist halt auf Augenhöhe mit seiner Wählerschaft“, scherzt meine Begleitung und lacht, als jemand „naja oder mit den wichtigen Leuten die vorne nen Sitzplatz bekommen haben“ hinzufügt. Es sind so ziemlich alle Alters-, Berufs- und sozialen Klassen vorhanden.

Um uns herum haben eigentlich fast alle Leute ihre Kinder dabei, Altenpfleger, Dozenten, Studenten, Azubis und Arbeiter bilden die Reihen und man fühlt sich sehr wohl. Keiner von denen rempelt um sich oder schnauzt herum, weil ein Baby weint.

Die Rede deckt alles ab – außer Umwelt. Aber ansonsten kann man wirklich nicht meckern. Es macht Spaß zuzuhören, man traut sich mitzuklatschen, weil die Punkte gut formuliert sind und manchmal vergisst man fast, dass er ja eigentlich wütend sein sollte. Er vergisst das vor allem. Das ist tatsächlich ein Kritikpunkt, der mich wirklich nervt und die Leute um mich herum wohl auch. „Das ist so gespielt“ meint ein Mädchen vor mir, ihre Freundin verdreht die Augen und meint „aaaaaalter ja“. Ich fühle mich bestätigt. Denn wer sich verspricht, lacht, sich entschuldigt und kurz menschlich wirkt, nur um dann auf einmal in voller Lautstärke gegen Merkel zu wettern – dem kaufe ich das Ganze einfach nicht ab. Die Wut wäre schön, wenn sie denn echt wäre.

Ich glaube von ganzem Herzen, dass Martin Schulz wütend war/ist.

Weil er das Duell in den Sand gesetzt hat, weil seine Chancen schwinden, obwohl er – sorry, ich bin halt links-grün-versifft – die bessere Partei hinter sich hat, weil er wütend sein darf. Das ist der Vorteil, wenn man Neukandidat ist und nicht dauerhaft den Schlichter-Kurs fahren muss.

Er spricht von gleichem Lohn für Männer und Frauen, von sozialer Gerechtigkeit und der Gleichstellung vom ‚gemeinen Arbeiter‘ mit dem ‚Akademiker‘. Die Studenten heben die Augenbrauen, nicken es dann aber ab, weil er ja das richtige meint. Er meint den Respekt, den Menschen erhalten und nicht der Grad der Ausbildung – auch wenn das ein bisschen happig formuliert war, da er kurz vorher noch die Wichtigkeit von Bildung und Fachkräften betonte. Auch redet er sich manchmal in Rage, nur um dann abrupt das Thema zu wechseln und sich wegen eines anderen Themas in Rage zu reden, welches er dann halbherzig mit dem davor verknüpft und dann passt das nicht so richtig –  „ja tut mir leid, da hab ich eben den Faden verloren…“ und weiter geht die Rede.

Dann kommt er zu einem Punkt, an dem er mehr Applaus erfährt als bei der gesamten Rede zuvor. Und das ist der Punkt, an dem man merken konnte wie alle ihm zustimmen: Thema AfD.

Er bezeichnet Höcke und Gauland als Nazis, nennt das Ganze beim Namen und ich kann einfach nicht anders, als mich umzudrehen und zu flüstern „endlich! Ein Politiker einer großen Partei, der das anspricht!“ Ich erhalte abwesende Zustimmung, denn genau in diesem Moment sagt Schulz auf seinem kleinen Podest „das ist keine Alternative für Deutschland, das ist eine Schande für Deutschland!“ Das Publikum applaudiert lauter denn je und uns allen ist klar, dass wir gerade auf dem Platz der alten Synagoge stehen und uns von einem Politiker im Jahr 2017 anhören, dass wir bitte keine Nazis in den Bundestag wählen sollen. Eine bittere Pille.

Nach einem Exkurs über die ‚Helden der SPD‘, welche sich den Nazis entgegenstellten, kommt er langsam zurück zur Normalpolitik und endet schließlich genau in dem Moment, als es zu regnen beginnt.

Langsam machen wir uns auf, immer noch hin- und hergerissen zwischen gute Rede und warum schreit der eigentlich die ganze Zeit so?. Wir beschließen zu Merkel zwei Tage später ebenfalls zu gehen – so als Kontrastwert – und machen uns auf den Weg nach Hause.

Angela Merkel ist müde

Merkels Rede zwei Tage später überrascht uns in mehrerer Hinsicht. Zunächst startet sie eine ganze Stunde früher, als wir dachten, weswegen wir – die selbe Gruppe wie bei Schulz, nur dass uns jetzt ein weiterer Freund begleitet – relativ unvorbereitet im Kuschelpulli und mit leicht verkatertem Blick (besagte Freundin hatte am Vortag Geburtstag) auf den Platz kommen – und in der Menschenflut ertrinken. Des Weiteren erfuhren wir, dass noch am selben Abend Cem Özdemir in Freiburg sein würde. An diesem Punkt musste man dann durchziehen und da dann halt auch noch hin.

Merkel beginnt gerade zu reden; wir bahnen uns einen Weg durch die Menschen und sehen belustigt zu den Sicherheitsmännern hinauf, die auf den Balkonen des Freiburger Münsters stehen und grimmig in die Menge starren. „Die sehen aus, als ob sie gleich kleine Kinder fressen würden“, meint meine Freundin und verzieht das Gesicht. Als wir endlich einigermaßen etwas sehen stehen wir halb im Außenbereich eines lokalen Cafés und werden von einem wütenden Kellner begrüßt, dem der ganze Trubel wirklich gar nicht zusagt.

„Mir sin hier weil ma en Kaffee trinke welle, ned weil ma‘d Muddi höre welle.“ Sagt ein älteres Pärchen schräg vor uns im badischen Charme, erhebt sich und geht. Wir lachen. Keine 10 Minuten später wünschte ich, wir wären auch gegangen.

0815 ist absolut keine Beschreibung dafür, wie unfassbar repetitiv und langweilig Merkels Rede war. Geld, Geld, Geld, oh Bildung für alle, Geld, Geld, Geld – „sag ma sin ma hier bei ner FDP-Veranstaltung?“ Höre ich jemanden hinter mir murmeln.

Vor uns steht ein junger Mann auf einem Stuhl, klatscht begeistert alles mit und schreit „Jawoll!“ in die Menge. Der Kellner drängelt sich an uns vorbei, um ihn vom Stuhl zu jagen.

Die Trillerpfeifen der AfDler werden lauter, von links stimmen ein paar SPDler Buh-Rufe an. Man hat das Gefühl, dass niemand unter 60 auf diesem Platz steht, der Merkel tatsächlich mag. Alle jungen Leute, von dem etwas übermotivierten Herrn vor uns mal abgesehen, runzeln die Stirn, klatschen vereinzelt mal bei einem Punkt. Verhalten, weil man ja eigentlich doch nicht klatschen will. Mir geht es ähnlich. Ich fühle mich nicht wohl dabei in einer Sekunde zu klatschen, weil sie den Dieselskandal erwähnt und in der nächsten den Kopf zu schütteln, weil sie den Tod einer jungen Frau für Wahlkampf nutzt.

Als es vorbei ist drängen wir uns durch die Massen. Hinter uns ertönt die deutsche Nationalhymne und ich frage mich, ob die AfDler ganz vorne jetzt eigentlich buhen oder mitsingen müssen.

Die Grünen-Promo-Show

Als letzte Station steht jetzt noch die Veranstaltung der Grünen auf dem Plan. Die sind ein paar Stunden nach Merkel in der Wodan-Halle und direkt zu Beginn fällt auf, wie anders das Ganze hier aufgezogen wird. Klar, ist ja auch eine Podiumsdiskussion und nicht nur eine Rede. Özdemir sitzt oben, die 600 Plätze der Halle sind gefüllt (ich musste stehen und war recht früh dran) die Stimmung ist entspannt und die Fragerunde beginnt.

Es werden keine Fragen gestellt, die man noch nie gehört hat und keine Antworten gegeben, die man nicht auch schon kennt. Das Ganze hat so ein bisschen den Charakter von einer Grünen-Promo-Show ohne wirkliche Hintergründe oder neue Erkenntnisse.

Trotzdem fühlt es sich schön an nicht angeschrien oder gelangweilt zu werden. Vielleicht ist es ja unmöglich nach einem langen Wahlkampf noch erfrischende Inhalte zu bringen, vielleicht ist den Grünen auch klar, dass sie und die Linke in Freiburg ihre Stammwählerschaft haben. So oder so gibt es über diesen Abend kaum etwas zu sagen als: War okay. Musste jetzt nicht sein, aber war okay. Da ich alleine dort war, bin ich früher gegangen – wenn ich das Wahlprogramm und die üblichen Fragen hören möchte, dann kann ich mir auch einen FAQ der Grünen anschauen. Das ist einfacher und tut nicht so an den Füßen weh.

 

Recap

Keine der Veranstaltungen hat mich dazu bewogen von meinem Wahlplan abzuweichen. Aber es war trotzdem gut, diese Politiker mal zu sehen. Schulz, weil ich so mehr Probleme mit ihm als Kanzler sehe; Merkel, da ich sie als Mensch immer bewundert habe, mir ihr stumpfes Parteinachplappern jedoch unfassbar auf den Senkel ging und ich zumindest nicht mehr ganz so traurig sein werde, sollte sie in einer Woche keine Kanzlerin mehr sein; Özdemir, einfach weil er ein ziemlich normaler Typ ist, der viele meiner Meinungen vertritt und die Leute ganz nett unterhalten hat. Wer auch immer diese Wahl gewinnt – keiner der ‚Spitzenkandidaten‘ hat mich überzeugt. Die Stimmung war bei der SPD jedoch am aktivsten, bei den Grünen am friedlichsten und bei Merkel am unhöflichsten und rausten.

Wie ich bereits am Anfang geschrieben hatte, ist dies kein Artikel, der Leute umstimmen soll das zu wählen, was sie wollen. Am Ende des Tages wählt man (zumindest hoffe ich das) ja auch die Partei und nicht den einen Politiker/die eine Politikerin, die gerade auf Tour ist.