Hanover’s Blind – Minderheiten im Spotlight. Ein Gespräch mit der Autorin Kia Kahawa.

Hanovers-Blind-Thumbnail-Youtube

Hanover’s Blind – Minderheiten im Spotlight. Ein Gespräch mit der Autorin Kia Kahawa.


TW: Sexualität, körperliche Einschränkung


Hallo und herzlich willkommen im Büchnerwald!

Heute gibt es einen etwas anderen Beitrag als sonst. Es geht um ein Thema, welches hier auf dem Blog schon häufiger Beachtung gefunden hat: den Umgang mit nicht-heterosexuellen Beziehungen im Schreiben. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich mich in diesem Rahmen mit meiner lieben Kollegin Kia Kahawa unterhalten konnte. Das Resultat ist ein unverfängliches Gespräch über das Thema und Kias Umgang damit in ihrer Novelle Hanover’s Blind, die derzeit mittels Crowdfunding finanziert werden soll.


hanovers-blind-cover-1000

[Foto © Kia Kahawa, Coverdesign: Esther/LaKirana]


Kia Kahawa

Wer Kia noch nicht kennt: Sie ist eine Autorin, die sowohl bei Verlagen, als auch durch Selfpublishing veröffentlicht, engagiert sich beim Bundesverband junger Autorinnen und Autoren und formt durch Projekte wie den Autorenstammtisch Hannover oder ihre Steuertipps (Autoren an die Steuer) die Autor*innen-Community mit.

Hanovers-Blind-Kia

[Foto © Lily Wildfire]


Das Gespräch

Erstmal hallo an dich Kia, und danke, dass du dich darüber mit mir austauschen möchtest. Wie du sicher weißt, bin ich starke Advokatin dafür, dass man mehr gut recherchierte Geschichten über Minderheiten benötigt. Daher die wichtigste Frage zuerst: Wie kommt es, dass du dich mit der Thematik in deinem neuen Roman auseinandergesetzt hast? Hast du vorher schon mal mit dem Gedanken gespielt, über diese Dinge zu schreiben?

Hi Michelle! Danke, dass wir dieses Gespräch führen können. Ich glaube, das wird sehr spannend. Gerade wegen deiner Prämisse, dass wir mehr gut recherchierte Geschichten über Minderheiten brauchen und deiner Frage, die folgende Antwort von mir bekommt: Nein, ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, über Nicht-Heterosexualität zu schreiben. Minderheiten schon; denn ich schreibe im Bereich der Entwicklungsromane über Menschen, die sich wegen einer psychischen oder physischen Krankheit selbst im Weg stehen. In Hanover’s Blind geht es um Adam, einen Sehbehinderten, der ein Leben auf eigenen Beinen aufbauen will und sich nicht mit dem geringsten Übel abfinden möchte. Dass Adam im Laufe von Hanover’s Blind eine schwule Beziehung eingeht, ist tatsächlich einfach so passiert.

Ich mag das Setup! Es werden leider kaum Minderheiten miteinander kombiniert. Man liest oft von Homosexualität/Bisexualität oder Behinderung. Dabei gibt es da natürlich viele Überschneidungen. Woher kam das? Dieser Impuls, über solch eine Thematik zu schreiben?

Die Idee zu Hanover’s Blind hatte ich, als ich im Tanzkurs Probleme hatte, da ich als dominante Frau mit zehn Jahren Tanzerfahrung meinen Partner geführt habe. Aber der Mann führt. Ich habe also gegen seine Intentionen geführt und so waren wir ein furchtbar schlechtes Tanzpaar. In einer Privatstunde wollten wir das Problem lösen und die Tanzlehrerin hat mich dazu gebracht, blind zu tanzen. Plötzlich hat alles funktioniert. Ich habe nichts gesehen und war gezwungen, meinem Partner voll zu vertrauen. Das endete zwar manchmal in einem kleinen Unfall, weil wir im normalen Tanzkurs viele Paare auf engem Raum sind und mein Partner schnell überfordert war, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls stand für mich zu diesem Zeitpunkt Folgendes fest:

  • Adam ist mein Protagonist
  • Er soll blind tanzen und dadurch einen Vorteil seiner Behinderung herausfinden
  • Das Ding soll Hanover’s Blind heißen.

Ja. So geschah es, dass mein Protagonist sich in einen Mann verliebt. Das ist einfacher, als Adam im Nachhinein weiblich zu machen oder den Tanzlehrer in eine Tanzlehrerin zu verwandeln, die dann aus welchen Gründen auch immer führt – das wäre beides nicht mehr die Geschichte gewesen, die einfach raus wollte. Und das unterstreicht auch schon meine Meinung zu Homo-, Bi-, Trans- oder Asexualität: Sie sollte scheißegal sein. Ich möchte, dass Sexualität eine Nebensache ist.

Hast du bei all dem manchmal Angst, etwas falsch darzustellen? Ich stelle es mir sehr kompliziert vor, über einen blinden, bisexuellen Mann zu schreiben, wenn man nicht alle Kriterien selber erfüllt. Wie hast du da recherchiert?

Ich hatte extreme Angst, etwas falsch zu machen. In der Belletristik darf natürlich manches erfunden sein, aber ich stelle Hannover detailgetreu dar und zeige alles aus Adams Sicht. Da habe ich auch einige Fehler eingebaut. Zum Beispiel hat Adam im ersten Kapitel eine korpulente Frau angesprochen. Woher soll er wissen, dass sie korpulent ist, wenn er sie nicht berührt?

Die Recherchen habe ich dann schließlich im echten Leben gemacht. Über seine Erkrankung und die Art, wie er die Welt wahrnimmt, habe ich zunächst mit bekannten Sehbehinderten gesprochen. Dann ist da noch Carolin Summer zu erwähnen. Sie ist eine Autorenkollegin von mir und hat die gleiche Krankheit wie mein Protagonist. Daher hat sie als Alphaleserin das gesamte Buch auf Herz und Nieren geprüft.

Das finde ich absolut großartig! Ich finde es sehr wichtig, dass man das eigene Schreiben kritisch reflektiert und bei Fehlern nicht abblockt, sondern offen ist und versucht es besser umzusetzen. Ist Adam eigentlich von Geburt an blind?

Hui, danke für die Blumen! Kritik ist unendlich wichtig für mich, da ich auch in meinem allgemeinen Autorenleben außerhalb dieses einen Projekts gerade auf Kritik angewiesen bin.

Und nein. Adam ist gar nicht blind. Er hat Optikusatrophie. Als Kind hat sich das herausgestellt. Sein Sehnerv bildet sich zurück und er verliert immer mehr Sehkraft. Als blind bezeichnet man einen Sehbehinderten erst, wenn er nur noch 2 % oder weniger Restsehschärfe hat. Adam ist bei ca. 10 %, nimmt also noch verschwommen Lichtverhältnisse wahr. Das erklärt er in Hanover’s Blind recht charmant damit, dass es ihm nicht egal ist, ob in einem Raum das Licht an oder aus ist. Ausgesucht habe ich mir diese Krankheit, damit die Geschichte realistisch bleibt. Er hat eine Vorstellung von Längen und Abständen, von Räumen und Richtungen. Das ist unter anderem auf eine Vergangenheit mit funktionierenden Augen zurückzuführen.

In der Grundschule musste Adam schon mit einem Tafellesegerät arbeiten. Zum zehnten Geburtstag kam dann der Blindenstock. Ab da war er nicht mehr der Coole mit der Tafelkamera, sondern der Behinderte mit dem Stock. Gerade im Kindesalter ist so eine Erkrankung natürlich prägend, was Adams Motivation, seine Sehbehinderung zu verstecken, erst ins Rollen bringt. Denn in der Novelle will Adam nicht wie ein Behinderter behandelt werden. Leider ist er der Meinung, dass er zu behindert ist, um geliebt zu werden.

Zu behindert, um geliebt zu werden“, ist eine Aussage die ich beides, poetisch und furchtbar finde. Eine Erkrankung im Kindesalter kann sich, meiner Meinung und Erfahrung nach, aber auch positiv auswirken. Ich kenne einige Menschen, die schon früh beeinträchtigt waren und damit besser klarkommen, als die, die erst im Erwachsenenalter damit konfrontiert wurden.

Wie ich es beobachtet habe, stammt das daher, da Kinder noch nicht dieses Ich-bin-besser-als-du-weil-X-Gefühl haben, bzw. weniger Stereotypen und Ängste bezüglich Behinderungen haben. Ich bin Dank meinem Vater, der in der Krankenmedizin tätig war, mit Behinderungen um mich groß geworden und habe dementsprechend heute viel weniger Vorbehalte als Leute die ‚behütet‘ aufwuchsen.

Trotzdem erwische ich mich manchmal dabei, dass ich unsensible Dinge denke oder sogar sage. Passiert dir das auch? Wie gehst du damit um?

Tatsächlich habe ich auch das Problem. Ein Autorenkollege von mir hat sich mal derart die Beine gebrochen, dass er temporär im Rollstuhl saß. Er wurde teils behandelt, als käme er nicht alleine zurecht. Das finde ich furchtbar und absurd. So behandele ich keine anderen Menschen und ich bin immer auch gedanklich ‚auf Augenhöhe‘. Aber gerade bei Sehbehinderten habe ich oft Angst, sie kennenzulernen. Ich habe ein gewisses Hemmnis, das mir sagt, diese Leute wollen nicht angesprochen werden. Als würde jeder, der nicht der Norm entspricht, am liebsten unsichtbar sein. Da schließe ich vielleicht von mir auf andere. Insofern war Hanover’s Blind vielleicht auch ein Stück weit Selbsttherapie, ein Schritt in die richtige Richtung. Das rührt meiner Meinung nach hauptsächlich daher, dass ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Wann Leute offen sind, wann sie mit etwas humorvoll umgehen und wann man sie verletzen kann. Aber generell unsensible Dinge – die denke ich entweder nie oder immer. Ich schätze, da fehlt mir noch das feinfühlige Bewusstsein für meine Gedanken.

Was würdest du dir wünschen, wenn man dich nach einer ‚perfekten Zukunft‘ fragt, in der der Umgang mit Minderheiten ideal wäre?

Ich fände es toll, wenn es keine Minderheiten mehr gäbe, wenn es ein großes Ganzes gäbe. Aber das halte ich für utopisch. Es wird immer unsichtbare Grenzen geben, Scheu vor dem, was man nicht kennt und mehr oder weniger unfreiwillige Unsensibilität anderen gegenüber. Ich halte das so wie mit Ernährung, Müllvermeidung oder Solidarität: Jeder sollte irgendwo die Welt ein Stück weit besser machen. In keiner Kategorie bin ich perfekt oder maximal optimiert, wie man es auch nennen mag. Aber ich bin allen Menschen gegenüber offen und bemühe mich um ein waches Auge im Alltag. In einer realistischen perfekten Zukunft hat jeder wenigstens Rücksicht für seine Mitmenschen. Das würde ich mir wünschen und versuche, es durch meine eigene Lebensgestaltung umzusetzen.

Ich glaube ja auch nicht daran, dass man einfach davon ausgehen kann, dass wir alle gleich zu behandeln sind. Unsere Gesellschaft profitiert von Vielfalt und es wäre großartig, wenn Menschen dies so wahrnehmen würden. Dennoch sind Minderheiten noch immer Minderheiten und der Umgang sollte dem entsprechen. Wir haben eine furchtbare Vergangenheit im Umgang mit Sexualitäten (die nicht hetero sind), Behinderungen, Geschlechtern (die nicht männlich sind) und Hautfarben (die nicht weiß sind). Das darf man nicht einfach so ignorieren.

Ich würde mir wünschen, dass man alle Menschen als Menschen behandelt, diese Hintergründe jedoch nicht verdrängt. Es wäre, meiner Meinung nach, schlichtweg respektlos, einfach so zu tun, als hätten wir sie die letzten Jahrhunderte nicht so behandelt, wie wir es nun einmal getan haben.

Das wäre schön, ja. Aber da muss man unbedingt auf die Mittel und Wege achten. Ich halte beispielsweise nichts von reinen Frauenvereinigungen. Du siehst das anders, ich weiß, aber mir liegt es am Herzen, dass das Wort ‚Minderheit‘ irgendwann verschwindet. Ich würde gerne wissen, wie ich mit einem Behinderten umgehen soll. Aber den gibt es nicht – den Sprecher für alle Behinderten. So wie es auch keine Sprecherin aller Frauen oder Feministinnen gibt. Jeder hat unterschiedliche Meinungen und Hintergründe. Und ich glaube, genau da werden die Berührungsängste vorerst bestehen bleiben. Das ist sehr schade. Das Thema behandelt auch meine Novelle. Nur eben andersherum: Hier hat der Behinderte Ängste vor den Berührungsängsten anderer, die gar nicht existieren. Ich möchte ein Stück weit beleuchten, dass jeder Mensch eine Geschichte hat und dass die meisten von ihnen es wert sind, gehört zu werden.

Das ist ein gutes Schlusswort. Ich danke dir, für dieses Gespräch auf Augenhöhe.

Danke dir. Ein friedlicher Austausch über so wichtige Themen ist mir sehr wichtig!

Das Crowdfunding

Hanovers-Blind-Endcard-Youtube

[Foto © Kia Kahawa]


Ihr könnt Kia und ihre Novelle noch bis zum 10.07.2018 unterstützen. Infos, Dankeschöns und den Trailer zum Buch, sowie die Möglichkeit mitzuhelfen findet ihr auf der Crowdfunding-Seite.

Der Trailer dort wurde von Micha Feuer eingesprochen und nachbearbeitet.

Hanover’s Blind wird voraussichtlich im September veröffentlicht, hier könnt ihr bereits jetzt in die Leseprobe reinschnuppern!

Update

Das Projekt wurde erfolgreich umgesetzt. Ihr könnt Hanover’s Blind hier kaufen.

Die Blogtour

Dieser Beitrag ist Teil einer Blogtour im Rahmen des Crowdfundings von Hanover’s Blind, es erscheinen in regelmäßigen Abständen Beiträge von anderen tollen BloggerInnen, die Kia und ihr Projekt unterstützen möchten.

  • Am 1.06 gab es ein Cover-Reveal. Das wunderschöne Cover hat Esther/LaKirana gestaltet.
  • Lisa, von Lisas Bücherleben, hat am 4.06 über den Protagonisten Adam geschrieben.
  • Emma vom Ge(h)schichten-Blog hat am 7.06 Kia zum Thema Sehbehinderung interviewt.

Über die nächsten Wochen folgen Beiträge von weiteren tollen Menschen. Für Updates schaut doch auf Kias Twitteraccount oder ihrer Webseite (beides oben verlinkt) vorbei.

  • Der nächsten Artikel stammt von Margret Kindermann und wird am 13.06 auf ihrem Blog erscheinen.

Beitragsbild © Kia Kahawa

Als Autor*in darf ich alles – Stimmt das?

alphabets-2518268_960_720

Als Autor*in darf ich alles – Stimmt das?


Tw: Zahreiche Minderheiten, Umgang mit Sexualitäten, politisch fragwürdige Sprache zur Darstellung des Problems


Disclaimer: In diesem Text wird über Minderheiten im Generellen, also auch den Umgang mit diversen Kulturen, Hautfarben, Behinderungen, Sexualitäten und Identitäten gesprochen. Ich selbst habe europäische Features, bin cis und weitestgehend ablebodied. Sollte also trotz meiner Recherche ein Fehler im Umgang mit einer Minderheit, von der ich nicht betroffen bin, auftauchen, bitte ich um Korrektur.


In diesem Beitrag soll es um Minderheiten in der Literatur gehen. Besser gesagt über Own-Voice-Literatur versus keine Own-Voice-Literatur und die Gründe, warum man darüber überhaupt so stark diskutieren kann.

Was darf man als Autor*in?

Allein von der Formulierung ausgehend, ist klar, dass man theoretisch alles darf. Klar, wer will einen schon aufhalten? Die Frage ist also eher, wie man als Autor*in mit gewissen Themen umgehen sollte.

Ein Teil dieser Kontroverse ist der Umgang mit Minderheiten. Wie sollte man als Autor*in mit Minderheiten in den eigenen Büchern umgehen, wenn man selber kein Teil dieser Minderheiten ist? Ein Buch, in dem alle weiß, jugendlich, gesund, cis hetero und im Extremfall männlich sind, wird früher oder später Kritik dafür ernten, dass es nicht inklusiv ist.

Man darf das natürlich trotzdem schreiben (und viele tun es auch), aber es ist klar, dass Leute sich die Frage stellen, wieso man keine Minderheiten einbaut.

Was ist nun aber mit Autor*innen, die aus der Sicht einer Minderheit schreiben, der sie selbst nicht angehören und dann von besagter Minderheit kritisiert wird? Widerspricht sich das nicht, mit der Bitte nach Inklusion?

Die zwei Lager

Die einen sagen, dass Phantastik, bzw. Literatur allgemein, nicht realistisch sein muss. Die kreative Freiheit erlaubt es einem, Dinge zu erfinden und drehen wie man möchte. Gerade Bücher über männlich-homosexuelle Romanzen verkaufen sich extrem gut. Es ergibt also Sinn, dass Autor*innen das schreiben.


Wer mehr über die Probleme von Gayromance und überhaupt Gay als Genre lesen möchte, kann dies in diesem Beitrag tun: Wenn Heteros über Homos schreiben.


Hinzu kommt, dass ein Verbot, nicht nur lächerlich ist, sondern für manche auch Zensur gleichkommt. Ein erwachsener Mensch kann Bücher schreiben und veröffentlichen, wie er/sie/nb möchte.

Das ist auch alles richtig. Es gibt jedoch ein Problem mit der Sichtweise, dass man uneingeschränkt einfach über alles und jeden so schreiben darf, wie man möchte.

Denn was viele vergessen ist, dass die Minderheit, über die man schreibt, real existiert und das Geschriebene lesen kann. Es ist für diese Menschen offensichtlich verwirrend, wenn sie ein Buch über ihre Kultur oder Sexualität lesen und dann feststellen, dass absolut nichts davon stimmt.

Sex im Dunkeln und ein roter Hut

Stellt euch vor, man schreibt ein Buch über Deutsche und sagt darin, dass Deutsche nur Sex im Dunkeln haben und Samstags rote Hüte tragen. Da würden sich alle deutschen Leser fragen, woher das kommt. Wenn sie das dann kritisieren kommt die Antwort „ich darf schreiben, was ich will.“

Damit kommt man irgendwann klar und vergisst es nach einiger Zeit. Jetzt stellt ihr aber fest, dass der/die/nb Autor*in aus einem Land kommt, in dem 90 % der Bücher über Deutsche diese Informationen beinhalten.

Das geht so weit, dass ihr nicht mehr reisen könnt, ohne auf euren roten Hut angesprochen zu werden. Leute kommen auf euch zu und machen Witze, über den Sex, den ihr habt. Ohne euch wirklich zu kennen. Denn die Informationen, die in den Büchern vermittelt werden, sind so normalisiert, dass es als okay angesehen wird, jeden Deutschen auf private Details anzusprechen.

Was zunächst noch unwichtig und irgendwie witzig war, wird jetzt nervig und immer mehr zu einem Problem.

Generalisierung und Grenzen

So geht es Minderheiten. Manche ‚Fakten‘ werden generalisiert. Es haben sicher viele Deutsche nur Sex im Dunkeln, aber lange nicht alle. Zumal nicht nur Deutsche Sex im Dunkeln haben. Manche ‚Fakten‘ sind kompletter Blödsinn, wie das mit dem roten Hut.

Direkte Beispiele hierfür ist Scissoring. Irgendwie aus der Porno-Szene übernommen, nehmen viele Menschen an, dass nicht-heterosexuelle Frauen das machen. Was aber nicht der Fall ist.

Ich wurde mal von einer wildfremden Frau gefragt, wie ich trotz langer Fingernägel mit meiner damaligen Partnerin Sex habe. Sie hat irgendwo gelesen, dass alle Frauen in einer nicht-heterosexuellen Partnerschaft kurze Nägel haben müssen und war neugierig. Es schien normal für sie, mich über ein extrem privates Detail zu befragen, weil sie mich nicht als Person, sondern als Vertreter meiner Minderheit gesehen hat.


Ich nutze an dieser Stelle nur Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung, weil ich mich nicht wohlfühlen würde, über Stereotypen anderer Minderheiten zu schreiben. Etwas, was eine gute Freundin von mir, die aus Südafrika ist, furchtbar findet, ist der ‚alle schwarzen Frauen haben dieselbe Art von Haarstruktur‘-Stereotyp. Sie hat mir dann die Tabelle gezeigt, die von 1 zu 4C reichte und ich verstand, was sie meinte. (Link zum Verständnis


Die Aussage „ich darf alles, was ich möchte“ kommt mit den Privilegien, die man als Autor*in, der/die keiner Minderheit angehört, hat. Man darf über Minderheiten schreiben, wie man möchte, weil man von den Folgen nicht betroffen ist. Es kann einem egal sein, wenn Falschinformationen und Stereotypen die Runde machen.

Dann lieber gar keine Minderheiten?

Wie baut man also Minderheiten ein? Denn wie oben schon angesprochen, geht es auch nicht ohne. Schreibt man aus deren Sicht oder lässt man sie als Randfiguren stehen?

Wenn man sie als Nebenfiguren schreibt, gibt es oft die Gefahr, dass man sie als ewigen Sidekick oder Lückenfüller einsetzt. Ein guter Trick um sich davor zu schützen ist: gebt ihnen Charakter. Denn oft wird sich über Minderheiten-Sidekicks beschwert, die austauschbar sind.

Wenn ihr unbedingt aus der Sicht einer Minderheit schreiben wollt, ist eine Möglichkeit, das Hauptthema nicht um ein typisches Problem der Minderheit aufzubauen. Schreibt über eine lesbische Frau, wie ihr über eine heterosexuelle Frau schreiben würdet. Recherchiert, aber fokussiert euch nicht nur auf das Outing oder den Hass.

Recherche ist alles

Sprecht mit Leuten. Sucht euch Testleser, die euch auf Fehler hinweisen. Recherchiert und baut eure Figuren realistisch auf, auch wenn ihr phantastisch schreibt. Kämpft mit ihnen in epischen Schlachten, mietet eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Frankfurt (ein Kampf für sich) oder beschreibt ihren Tag im Finanzamt. Sprecht ihre Herkunft/Sexualität/etc an, macht sie aber nicht zum Zentrum eurer Geschichte.

Einen Drachen kann man sich komplett neu erfinden, weil es keine Drachen gibt. Ein schwuler Mann ist kein Drache. Die gibt es wirklich.

So gut ihr auch recherchiert und schreibt, ihr werdet den Problemen nicht gerecht. Einfach, weil ihr es nicht lebt. Ein gutes Beispiel ist Simon vs the homosapiens agenda. Die Autorin hat sehr gut recherchiert und trotzdem Blödsinn zum Outing geschrieben.

Own-Voice-Büchern nicht die Bühne stehlen

Dazu kommt, dass man über ein Thema schreibt, über welches tatsächlich Betroffene bereits geschrieben haben.

Own-Voice-Literatur, also Bücher von Minderheiten über sich selbst, werden auf dem Buchmarkt oft ignoriert, weil viele Autor*innen Bücher über das Thema schreiben, ohne betroffen zu sein. Sie gehen unter.

Von Außenstehenden geschriebene Bücher sind außerdem angenehmer zu lesen, da man sich in seinen Stereotypen bestätigt fühlt und als Leser*in nicht in Gefahr läuft, durch Own-Voice auf eigene Fehler hingewiesen zu werden.

Zurück zu Simon vs the homosapiens agenda – Leute lesen dieses Buch über ein Outing lieber, als ein realistisches Buch, in dem tatsächlich beschrieben wird, was passiert. Indem der Protagonist trotzdem Angst hat. Obwohl seine Familie ja eigentlich liberal ist. Und sich immer und immer wieder outen muss, statt einmal. Und sich regelmäßig in den Schlaf weint, weil er genau weiß, dass die eigene Großmutter einen hassen wird und der Junge, auf den er steht, ihn niemals lieben wird, weil er eine Freundin hat. Denn so ist das. Nicht witzig, nicht ‚eigentlich egal, ob es rauskommt‘ und – leider – oft ohne das Happy End.

Own-Voice ist wichtig

Dabei ist es wichtig, dass wir solche Bücher populär machen. Damit Leute sehen, was sie Menschen mit ihren ‚harmlosen‘ Kommentaren antun und verstehen, wieso so viele Jugendliche sich umbringen. Aber wir hypen lieber das unrealistische Buch einer Außenstehenden, um der unangenehmen Wahrheit aus dem Weg zu gehen.

Ich möchte, dass Autor*innen verstehen, dass sie eine Industrie nutzen, in der eine Minderheit auf ein Cover geklatscht wird, um Geld zu machen. Man wird ausgenutzt und dann auch noch durch den Inhalt verletzt. Jemand macht Geld, weil es einen Markt für homosexuelle Literatur gibt, in der sich viele nicht wirklich um Homosexualität scheren. Sie geilen sich nur dran auf, dass da zwei Kerle auf dem Cover sind. Während reale Homosexuelle jeden Tag mit diesen Stereotypen konfrontiert werden und ihr Leben lang darunter leiden.

Die Zielgruppe spielt hier dementsprechend ebenfalls mit rein. Leute, die leichte Literatur zum Thema wollen, die gerne unrealistische Gayromance lesen, weil sie das anturnt, oder die über die Schokoladenkommentare der schwarzen Protagonistin lachen wollen. Für diese Leute ist dieser Beitrag ebenso, wie für die Autor*innen. Ihr dürft lesen, was ihr wollt. Aber hinterfragt doch bitte mal, was ihr damit fördert. Und wem ihr damit, für eure Freude, wehtut.

Fazit

Am Ende des Tages (bzw. des Artikels) kann man niemandem den Mund verbieten. Man kann jedoch eine Bitte aussprechen. Dafür, dass jeder/jede Autor*in einen Moment innehält und sich frage, wie er/sie/nb sich fühlen würde, wenn man über sie so schreiben würde. Wenn er/sie/nb etwas kritisieren würde, was einfach nicht stimmt und dafür angegriffen werden würde.

Generell ist es wichtig, dass Minderheiten in Büchern Platz finden und ihre Geschichten auch von nicht-betroffenen Menschen erzählt werden. Own-Voice ist wichtig, davon gibt es aber nicht genug, um richtige Repräsentation der Gruppierungen zu gewährleisten.

Schreibt also über Menschen, die einer Minderheit angehören. Aber schreibt informiert, für ein diverses Publikum und aus einer Sicht, die weder exotisierend noch fetischisierend ist.

Links zum Thema

Rezension auf Stürmische Seiten zu Laura Kneidls „Someone New“